Nicht weniger als „ein neues Zeitalter der profes­sio­nellen Fotografie made in Germany“ möchte Leica mit dem SL-System einläuten. Dessen Herzstück bildet die am Diens­tagabend neu vorge­stellte Leica SL (Typ 601). Die Spiegellose wartet mit einigen Leistungs­merkmalen und Ausstat­tungs­details auf, die in ihrer Kamera­klasse einzigartig sind. Hinzu kommt ein 24-Megapixel-Sensor, der für die Verwendung adaptierter Analog-Objektive optimiert ist. Ich hatte bereits Gelegenheit, der Leica SL gehörig auf den Zahn zu fühlen und auch einige Fotos mit ihr zu schießen – hier mein erster Eindruck.

photo­graphy needs reflection, but no mirror (etwa: „Fotografie braucht Reflektion, aber keinen Spiegel“) – so lautet der Claim zur neuen Leica SL. Und so lässt sich die Typbe­zeichnung durchaus als Akronym zu Spiegellos verstehen. Natürlich ist sie aber auch eine Reminiszenz an die legendäre Spiegel­reflex-Leica. Und last but not least – so hat man es mir bei Leica gesagt – darf man das SL durchaus auch als „S light“ lesen; in der neuen Leica SL (Typ 601) stecken viele Gene des Top-Modells S (Typ 007). Aber auch die vor rund eineinhalb Jahren vorge­stellte Leica T (Typ 701) stand Pate bei der Geburt der neuen SL. Sie steuert zum Beispiel das Bajonett bei; alle T-Objektive passen auch an die Leica SL (dazu gleich noch mehr).

Leica SL (Typ 601)

Design, Handling und Verar­beitung

Die SL hat ein unver­wech­selbares Design – wie anders sollte es bei einer Kamera von Leica auch sein. Ihr Äußeres folgt einer klaren, geschwungenen Formen­sprache; Bauhaus lässt grüßen. Das sieht eigen­ständig aus und zeitlos, die SL mag durchaus auch noch nach einer Dekade „modern“ wirken. Angesichts einer Preis­emp­fehlung von 6900 Euro ist das sicherlich kein Nachteil – wer sich eine Leica SL kauft, will mit ihr für lange Zeit arbeiten. Es ist sicherlich vorstellbar, dass die eine oder andere SL ohne Umschweif in der Glasvitrine eines Sammlers wandert; gedacht ist sie aber von Leica als richtiges Arbeitsgerät. Und so wirkt die SL auch; spätestens nachdem man sie in die Hand genommen hat.

Wuchtig und kühl liegt sie in der Hand, die SL ist mit einem „Leergewicht“ von rund 850 Gramm (ohne Objektiv) keineswegs ein Spielzeug. Das aus einem massiven Alumi­ni­umblock heraus­ge­fräste Gehäuse verleiht ihr eine Solidität, dass man gerne glaubt, mit der SL einen Nagel in die Wand schlagen zu können. Zudem schützen zahlreiche Dichtungen an Gehäuse, Bedien­ele­menten aber auch den SL-Objektiven das System vor Staub und Spritz­wasser.

Leica SL

Das Gehäuse der Leica SL wird aus einem massiven Alumi­ni­umblock gefräst. © Martin Vieten
 

Die Leica SL ist nicht nur schwer, sie ist auch groß. Bei ihr hat Leica jedenfalls nicht auf einen Spiegel verzichtet, um die Kamera kompakt zu halten. Das war laut Stephan Schulz, Head of Product Management Profes­sional Camera Systems, auch gar nicht das Ziel bei der Entwicklung der SL. Im Gegenteil: Das ordentliche Gewicht gepaart mit dem voluminösen Gehäuse balanciert das System ordentlich aus, wenn ein massiges Objektiv vom Schlage eines APO-Vario-Elmarit-SL 1:2,8–4/90–280 mm angesetzt wird. Zudem bietet das Gehäuse genügend Raum für einen halbwegs leistungs­fähigen Akku. Seine Kapazität reicht für ca. 400 Aufnahmen – nicht viel gemessen an der Akkureichweite einer DSLR, aber doch deutlich mehr als andere Spiegellose mit Klein­bild­sensor schaffen.

Bei identischem Sensor­format fällt die Leica SL (links) deutlich wuchtiger
und schwerer aus als eine Sony Alpha 7R II (rechts).

 

Bei der Bedienung der SL setzt Leica auf eine Reihe multi­funk­tionaler Knöpfe und Drehräder sowie das berüh­rungs­emp­findliche Display. Das Display wird an beiden Seiten von jeweils zwei großflä­chigen Tastern flankiert, die je nach Kontext oder Benut­zer­vorgaben unter­schiedliche Funktionen annehmen. Wozu sie aktuell dienen, das zeigen kleine Symbole nahe den Tasten auf dem Display. Ebenso wenig wie die Tasten ist auch das zentrale Wählrad auf der Topplatte nicht beschriftet. Es dient unter anderem zur Wahl des Aufnah­memodus, kann aber auch andere Funktionen annehmen. Nur die Belich­tungs­kor­rektur kann es (noch) nicht übernehmen, Leica hat aber angedeutet, dieses kleine Manko schon bald mit einem Firmware-Update zu beheben.
Durch die kontext­ab­hängige Belegung vieler Bedien­elemente kommt die Leica SL mit relativ wenigen Tasten, Schaltern und Einstellräder aus. Die Kehrseite ist jedoch, dass sich die aktuellen Einstel­lungen nicht direkt an der Kamera ablesen lassen. Dazu ist stets ein Blick auf den rückwärtigen Monitor oder auf das kleine Status­display oben auf der rechten Schulter der SL nötig.

Hervor­ragend gelöst hat Leica hingegen die Wahl eines der 49 AF-Felder. Dazu gibt es einmal einen kleinen Joystick oben rechts auf der Rückseite, der vom Daumen der rechten Hand leicht zu erreichen ist. Und zum zweiten bietet die Leica SL einen Touch-AF – ein Finger­tipper auf dem Monitor genügt, um den Fokus auf die entspre­chende Motiv-Partie zu legen.

In meinen eher klein geratenen Händen hat sich die Leica SL nicht auf Anhieb wohlgefühlt. Das ebenmäßige Design gibt wenig taktile Rückmeldung, die vier Funkti­ons­tasten am Display lassen sich beim Blick in den Sucher nur schwer ertasten. Insgesamt habe ich das Bedien­konzept der SL jedoch als in sich schlüssig empfunden, es setzt aber gewiss eine längere Einar­bei­tungszeit voraus. Wer jedoch bereits mit einer Leica S (Typ 007) arbeitet, wird sich auch bei der SL (Typ 601) sofort zuhause fühlen – das Bedien­konzept übernimmt die neue in vielem von ihrer großen Schwester.

Sucher und Displays

Tradi­tionelle Fotografen werden sich damit abfinden müssen, dass man bei der SL nicht durch einen Mess- oder Spiegel­re­flex­sucher blickt, sondern in einen elektro­nischen Sucher (EVF). Der ist allerdings derart gut gelungen, dass man einen optischen Sucher nur noch sehr selten vermissen wird. Der EVF erzeugt ein Sucherbild mit 0,8facher Vergrö­ßerung – ein derart großfor­matiges Sucherbild findet sich derzeit bei keiner anderen Klein­bild­kamera. Zudem löst er mit 4,4 Millionen Subpixel extrem fein auf, ungefähr doppelt so hoch wie bei anderen hochwertigen Spiegellosen. Das Sucherbild wird absolut verzö­ge­rungsfrei erzeugt, da schliert und ruckelt nichts – selbst nicht bei raschen Kamera­schwenks und schummrigen Licht.

Leica SL: Elektronischer Sucher

Die Leica SL darf mit Fug und Recht für sich in Anspruch, den derzeit
wohl besten elektro­nischen Sucher bei einer Klein­bild­kamera zu bieten.

 

So wenig wie bei Elektronik hat Leica auch bei der Optik des Suchers der SL gespart. Die Austritts­pupille liegt mit 20 Millimeter sehr weit hinten – das Sucherbild lässt sich selbst mit Brille sehr gut erfassen. Wer lieber ohne Sehhilfe in den Sucher blickt, kann dessen Schärfe per Dioptri­en­kor­rektur im Bereich von –4 bis +2 dpt. anpassen. Die aufwändige Konstruktion des Suchers lässt ihn zwar ein ganzes Stück über den Rücken der Kamera hinausragen – das aber hat laut Stephan Schulz den Vorteil, dass die Nase nicht so leicht mit dem Display in Kontakt gerät und es verschmutzen kann.

Leica sieht den Vorteil des „Eyres-Suchers“ gegenüber einem optischen Sucher darin, dass er bereits eine Vorschau auf das zu erwartende Aufnah­me­er­gebnis liefert (für Aufnahmen mit Blitzlicht lässt sich die Funktion abschalten). Bei korrekt gewählten Belich­tungs­werten ist das Sucherbild somit immer angenehm hell, unabhängig von der Umgebungs­hel­ligkeit. Schade finde ich indes, dass sich die Helligkeit des Suchers nicht anpassen lässt. So mag er dem einen etwas hell vorkommen, während sich der andere vielleicht ein leicht abgedimmtes Sucherbild wünscht.

Auflösung, Reakti­ons­ge­schwin­digkeit aber auch die Akkuratesse der Farbwie­dergabe des „Eyres-Suchers“ sind ohne Fehl und Tadel, eine kleine Schwäche leistet sich der EVF der Leica SL dennoch: Bei sehr kontrast­reichen Szenen kann er den Motiv­kontrast nicht zur Gänze darstellen, in der Folge laufen die Tiefen im Sucherbild zu. Daran muss man sich gewöhnen und vor dem Griff zur Belich­tungs­kor­rektur besser das einblendbare Histogramm konsul­tieren.

Im Vergleich zum formi­dablen Sucher bietet das rückwärtige Display nur Hausmannskost. Es löst mit 1,04 Millionen Subpixel zeitgemäß hoch auf, mehr aber auch nicht. Mit einer Bilddia­gonalen von 2,95 Zoll ist es zwar nicht gerade klein, auf dem mächtigen Rücken der Leica SL hätte aber ohne Not auch ein etwas größerer Monitor Platz gefunden. Klapp- oder schwenkbar ist das rückwärtige Display nicht, was in einigen Situa­tionen dem Fotografen einige Verren­kungen abverlangt, beispielsweise wenn die SL auf ein Stativ montiert ist.

Fokus

Mit der Entwicklung eines Autofo­kus­systems hat man sich bei Leica tradi­tionell schon immer etwas schwer getan. Das hat unter anderem 2009 der Leica R den Todesstoß versetzt. Dass sich dieses Versäumnis bei der Leica SL nicht wiederholen soll, merkt man sofort, sobald ihr Auslöser halb durch­ge­drückt wird. Die SL stellt im wahrsten Sinne des Wortes blitz­schnell scharf. Überzeugt habe ich mit davon mit dem Objektiv Vario-Elmarit-SL 1:2,8–4/24–90 mm – und zwar mehr als ein-, zweimal. Selbst um von der kürzesten Fokus­ein­stellung auf einem Punkt nahe Unendlich scharf zu stellen, vergeht nicht mehr als ein Wimpern­schlag. Bei der AF-Geschwin­digkeit lässt die Leica SL wohl alle derzeitigen spiegellosen System­kameras deutlich hinter sich und selbst viele DSLRs dürften da ins Hinter­treffen geraten.

Sony Vario-Elmarit-SL 1:2,8-4/24-90 mm

Die neuen SL-Objektive fokus­sieren automatisch, sind aber auch relativ groß und schwer –
hier das Vario-Elmarit-SL 1:2,8–4/24–90 mm im Praxis­einsatz. © Martin Vieten

 

Der Autofokus lässt einen selbst dann nicht im Stich, wenn er die Schärfe bei sehr schnellen Bildfolgen nachführen soll. Bis zu elf Bilder pro Sekunde nimmt die Leica SL auf, nach drei Sekunden bezie­hungsweise 33 JPEG-Aufnahmen ist dann aber der Puffer­speicher voll. Ich habe den Nachführ-AF bei mittlerer Serien­bildrate von 7 fps ausprobiert, an einem Spazier­gänger der mehrfach hurtig auch mich zukam. Hatte der AF ihn einmal gepackt, hielt er ihn stoisch fest – bei keiner einzigen meiner Testauf­nahmen geriet der Spazier­gänger aus dem Fokus.

Der flotte Autofokus sowie die hohe Serien­bildrate dürften vor allem das Verdienst des „Maestro II“-Prozessors sein, der weitgehend aus dem Top-Modell S (Typ 007) stammt. Er verfügt über eine derart hohe Rechenkraft, dass die Leica SL voll bedienbar bleibt, während sie die Bilddaten einer langen Aufnahmeserie auf die Speicherkarte schreibt.

Der Autofokus der Leica SL funktioniert derart flott und zuver­lässig, dass man AF-Objektive kaum manuell scharf stellen möchte. Hinzukommt, dass die neue SL-Objektive (wie bereits die T-Objektive) via „focus by wire“ scharf gestellt werden: Der Fokusring ist nicht mehr mechanisch mit der entspre­chenden Linsen­gruppe gekoppelt, sondern überträgt lediglich Stell­befehle an den Fokus­antrieb. Der reagiert ein wenig zäh auf die Bewegungen des Fokusrings, so als würde man in einem Topf mit Honig rühren.

Falls Objektive ohne Autofokus an die Leica SL adaptiert werden, unter­stützt sie das manuelle Scharf­stellen vorbildlich. Zum einen bietet sie eine Fokuslupe, die einen beliebigen Bildaus­schnitt deutlich vergrößert darstellt. Zum anderen beherrscht sie auch Fokus-Peaking. Diese Funktion markiert Kontrast­kanten farbig, die sich innerhalb der Fokusebene befinden.

Objektive

Derzeit ist genau ein Objektiv für das Leica-SL-System lieferbar: das Vario-Elmarit-SL 1:2,8–4/24–90 mm. Etwa im zweiten Quartal 2016 soll dann das APO-Vario-Elmarit-SL 1:2,8–4/90–280 mm folgen, in der zweiten Jahres­hälfte dann noch die Normalbrennweite Summilux-SL 1:1,4/50 mm ASPH. Diese äußerst schmale Objek­tiv­auswahl könnte der entscheidende Hemmschuh für die Leica SL sein – wäre die Kamera nicht eigens dafür entwickelt worden, auch mit anderen Objektiven aus dem Portfolio von Leica bestens zusam­men­zu­ar­beiten.

Leica SL: Objektive

Die Auswahl an SL-Objektiven ist derzeit sehr übersichtlich, einzig das Vario-Elmarit-SL 1:2,8–4/24–90
rechts neben der Kamera) wird zum Marktstart der Leica SL verfügbar sein.

 

Mechanisch und elektronisch voll-kompatibel zur Leica SL sind alle T-Objektive, das Bajonett der SL ist praktisch baugleich zum T-Bajonett (zukünftig wird das T-Bajonett daher in TL umbenannt werden). Natürlich funktio­nieren T-Objektive nur mit der Einschränkung des kleineren Bildkreises; werden sie angesetzt, schaltet die SL automatisch in den „Crop-Modus“ um.

Praktisch alle weiteren Objektive von Leica lassen sich an die SL adaptieren. Bereits zum Markstart der Kamera Anfang November werden Adapter für M-Objektive sowie die Cine-Objektive mit PL-Anschluss lieferbar sein. Mitte 2016 soll dann ein Adapter für Leica-S-Objektive folgen (nur für Modelle ohne Zentral­ver­schluss), Ende nächsten Jahres dann schließlich der Adapter für R-Objektive. Sie alle können aber bereits jetzt verwendet werden, wenn man sie zunächst auf den M-Anschluss adaptiert und dann mit einem weiteren M-Adapter an die SL anschließt.

Für viele Objektive aus dem Portfolio bietet Leica Adapter auf die SL an.
Zum Marktstart werden Adapter für M- und Cine-PL-Objektive (obere Reihe) verfügbar sein.
Die Adapter für S- und R-Objektive (untere Reihe) folgen später.

 

Leica verspricht, dass auch bei adaptierten Objektiven die EXIF-Daten vollständig erhalten bleiben, insbe­sondere der Blendenwert. Wird er nicht vom Objektiv an die SL übermittelt, behilft sich die Kamera mit einem cleveren Trick: Sie verfügt über einen separaten Belich­tungs­messer an der Kamerafront, der quasi einen Referenzwert ermittelt. Ihn nimmt die SL als Basis, um aus dem ISO-Wert und der Belich­tungszeit einer Aufnahme den resul­tie­renden Blendenwert zu ermitteln. Bei meinem kurzen Test mit einem M-Objektiv funktio­nierte das Verfahren einwandfrei.

Ausstattungs-Highlights und Video

Leica hat die SL sehr großzügig mit zeitgemäßen, teils sogar innovativen Sonder­funk­tionen ausge­stattet. So beherbergt die Kamera einen GPS-Empfänger, der zu jeder Aufnahme die entspre­chenden Geo-Daten aufzeichnet. Ferner bezieht sie via GPS die aktuelle Uhrzeit, beim Wechsel der Zeitzone muss man sich also um nichts kümmern. Zudem verfügt die SL über eine USB-3.0-Schnittstelle – sie dient nicht nur zur schnellen Daten­über­tragung sondern auch zum Tethered-Shooting. Bei Bedarf lässt sich die SL von einem PC oder Smartgerät aus mit der Software „Leica Image Shuttle“ komplett fernsteuern – wahlweise via USB-Verbindung oder drahtlos per WiFi.

Die Leica SL macht auch als Video­kamera eine gute Figur. Sie zeichnet echtes Cine-4K (4096 x 2160 Pixel) mit der bei Kinopro­duk­tionen üblichen Framerate von 24 fps auf. Bei der im TV-Bereich gängigen UHD-Auflösung (3840 x 2160 Pixel) sind es sogar 25 oder 30 fps. Bei Full-HD-Aufnahmen beträgt die maximale Bildrate gar 120 fps, damit ermöglicht die Leica SL Zeitlupen-Aufnahmen.

Einen externen Rekorder benötigt die Leica SL nicht, sie kann selbst 4K-Videos direkt auf eine Speicherkarte sichern; wahlweise gibt sie das unkom­pri­mierte Video­signal aber auch über ihre HDMI-Buchse auf. Wie es sich für eine Video­kamera mit profes­sio­nellem Anspruch gehört, lässt sich der Ton an der SL manuell auspegeln; einen Anschluss für ein externes Mikrofon gibt es ebenfalls.

Bildwandler und Aufnah­me­qualität

Mit einer Auflösung von 24 Megapixel gibt sich der Bildsensor der Leica SL eher konservativ. Seine Qualitäten liegen auf einem anderen Gebiet: Leica hat den Bildwandler zur Verwendung adaptierter Objektive aus der analogen Ära optimiert. Wie mir Stephan Schulz erklärte, wurde dazu vor allem der „Pixelkanal“ möglichst kurz gehalten. Das macht den Sensor der SL weniger anfällig für Probleme, die entstehen, wenn das Licht nicht lotrecht auf die licht­emp­findliche Schicht fällt. Dieses spezielle Sensor-Design gibt es übrigens nicht von der Stange, der Bildwandler der SL wird eigens nach den Vorgaben von Leica produziert. Von welchem Hersteller, das wollte mir Stephan Schulz nicht verraten – nur so viel: Der derzeit größte Lieferant von Bildsensoren (also Sony) hat nichts mit der Leica SL zu tun.

Leica traut der SL eine maximale Empfind­lichkeit von ISO 50.000 zu. Das ist recht ehrgeizig, denn ab ISO 6400 wird das Luminanz­rauschen dann doch so kräftig, dass es aller­feinste Details im Bild verschluckt. Das wesentliche lästigere Farbrauschen spielt indes kaum eine Rolle. Zugute­halten muss man der Leica SL ferner, dass das Rauschen über den gesamten Empfind­lich­keits­bereich sehr feinkörnig bleibt – nur die Hellig­keits­ab­wei­chungen nehmen zu, sodass das Korn mit steigender ISO-Zahl aggressiver wird.

Leica SL: Beispielaufnahme

In der 100%-Ansicht zeigt sich deutlich, dass die Leica SL bei ISO 50 (links) mehr Details wahrt als
bei ISO 6400 (rechts). Doch unterm Strich sind auch Aufnahmen bei ISO 6400 durchaus noch brauchbar.
(Klick ins Bild öffnet Origi­nalgröße) © Martin Vieten.

 

Leica SL: Objektivkorrektur

Meine Beispiel­auf­nahmen zu diesem Bericht sind alle mit dem Vario-Elmarit-SL 1:2,8–4/24–90 mm entstanden, vorzeigbare Fotos mit adaptierten M-Objektiven waren mir in der Kürze der Zeit nicht möglich. Das Zoom-Objektiv scheint keine Mühe zu haben, die 24 Megapixel des Sensors auch mit einer adäquaten optischen Auflösung zu bedienen. Die Aufnahmen wirken jedenfalls bis in feinste Details durch­ge­zeichnet und damit sehr scharf. Einen guten Teil dazu beitragen dürfte sicherlich auch die Tatsache, dass Leica beim Bildwandler der SL auf einen Tiefpass­filter verzichtet.

Verzeich­nungen konnte ich nicht ausmachen, ebenso wenig chroma­tische Aberra­tionen. Letztere werden allerdings bereits in der Kamera per Software „zwangs­kor­rigiert“ – auch Leica verlässt sich offenbar nicht mehr alleine auf die optischen Qualitäten seiner Objektive.

Leica zählt zu den wenigen Herstellern, deren Kameras RAW-Dateien im univer­sellen DNG-Format aufzeichnen – so auch die SL. Das hat den Vorteil, dass praktisch jeder RAW-Konverter die Daten verar­beiten kann. Die JPEG-Dateien aus der SL sind Leica-typisch sehr zurück­haltend aufbe­reitet. So geht die Rausch­un­ter­drückung äußerst zahm zu Werke, auch beim Schärfen sowie bei der Farbsät­tigung zeigt sich die Bildbe­ar­beitungs-Engine zaghaft. Mir persönlich gefallen die JEPG-Dateien aus der SL ausge­sprochen gut, weil sie eben auf jede Effekt­ha­scherei verzichten. Allerdings sollten sie für die Druck­ausgabe unbedingt aufbe­reitet werden.

Leica SL: Beispielfoto

JPEG-Foto direkt aus der Kamera, nicht nachbe­ar­beitet (nur leicht beschnitten):
Bei der Bildauf­be­reitung hält sich die Leica SL vornehm zurück.
(Klick ins Bild öffnet Origi­nalgröße) © Martin Vieten

 

Ungewöhnlich aber durchaus pfiffig ist, dass die SL JEPGs auch im ECI-RGB-Farbraum speichern kann; er eignet sich besonders gut zur Umwandlung ins CMYK-System.

Mein Fazit

Mit der SL hat Leica ein richtiges Arbeitspferd für den profes­sio­nellen Fotografen aus dem Stall geholt. Insofern trifft es für mich am besten, das Akronym „SL“ als „S light“ aufzulösen – auch wenn es sich bei der Leica SL (Typ 601) nicht um eine Spiegel­re­flex­kamera handelt. Zumal die SL typische Probleme spiegelloser Systeme (langsamer Autofokus, nerviger Video­sucher) nicht kennt, ihre Vorteile aber konsequent ausschöpft. Natürlich ist die Leica SL mit einem Preis von rund 6.900 Euro alles andere als ein Schnäppchen. Aber für einen Berufs­fo­to­grafen (den Leica mit der SL an erster Stelle anspricht), der seine Inves­tition ja abschreiben kann, dürfte sich die Ausgabe schnell amorti­sieren. Hinzu kommt: die Leica SL (Typ 601) ist derart massiv und robust konstruiert, dass sie lange halten mag.

Obwohl sich Bildqualität, Ausstattung und Leistung bei der SL auf hohem, ja aller­höchstem Niveau bewegen, hat die Kamera auch ihre Schat­ten­seiten. Da ist zunächst einmal die Ergonomie zu nennen, sie scheint mir beim Gehäuse-Design nicht immer Vordergrund gestanden zu sein. Das größte Manko dürfte sich indes aus der derzeit und in naher Zukunft äußerst bescheidene Objek­tiv­auswahl ergeben. Das kann die Leica SL nur teilweise dadurch wettmachen, dass sie bestens zur Arbeit mit adaptierten Leica-Objektiven vorbe­reitet ist. Wer die nicht bereits besitzt, wird jetzt wohl kaum ins SL-System einsteigen. Damit bleibt die Leica SL im Moment vor allem auf die Rolle als Zweit­kamera zu einem bestehenden S- oder M-System beschränkt – und dafür ist sie eigentlich viel zu schade.

Weiter­führende Infor­ma­tionen:

Vorstellung der Leica SL mit technischen Daten
Leica stellt eine Reihe von Fotos im DNG-Format sowie die Broschüre und die Anleitung zur SL zum Download bereit.

(Martin Vieten)