Foto der M9 von LeicaMit der M9 (5495 Euro) hat Leica (endlich auch) eine Kleinbild-Vollfor­mat­kamera mit 18-Megapixel-Sensor vorge­stellt. Wir nähern uns dieser außer­ge­wöhn­lichen Kamera – die je nach Stand­punkt entweder als „völlig veraltet“ oder als „absolut zeitlos“ einge­ordnet werden kann – in einem Praxistest:

Eingangs sei angemerkt, dass ich vorbe­lastet bin. Meine erste eigene Leica war eine M6; die wurde mir zunächst als Testgerät zur Verfügung gestellt – und ging nie wieder nach Solms zurück. Ich habe sie gekauft, geschätzt, und mit Begeis­terung damit fotogra­fiert. Sie war für mich ein perfektes Werkzeug, ohne Frage. Vor allem für Menschen, Reportage, für Available-Light und für Aufnahmen mit (extrem) geringer Schärf­en­tiefe habe ich sie nur zu gerne benutzt. Mit dem Noctilux 1,0/50 mm etwa habe ich mir Aufnah­me­be­reiche erschlossen, an die ich vordem nicht im Traum gedacht hätte. Sicher, das war zu Film-Zeiten, als hohe Empfind­lich­keiten nicht mal eben so am Drehrad gewählt werden konnten oder sich automa­tisch einstellten (und nebenbei, viel schlechtere Ergeb­nisse zeigten), aber auch heute ist ein extrem licht­starkes Objektiv nicht verkehrt. Nicht zuletzt auch der möglichen geringen Schärf­en­tiefe wegen. Das hat was, und dazu ein wenig weiter unten noch mehr.
 

Foto: thoMas
 
 
Foto: thoMas

 
Das Kamera-Konzept

Kommen wir zur M9 (Einordnung, PR und Technische Daten hier: Im Kleinbild-Vollformat: Messsucherkamera Leica M9). Und fangen wir damit an, was die Kamera ganz sicher nicht ist: Eine Kamera für jedermann. Live View? Autofokus? Filmen? Programm­au­to­ma­tiken? Motiv­pro­gramme? Gesichts­er­kennung? … alles Fehlan­zeige. Die M9 präsen­tiert sich als ein schwarzer Kasten, bei dem nach dem Einschalten scheinbar nichts passiert. Keine Monitor­bildchen, keine Menüan­zeigen, kein Gepiepse. Nichts. Scharf­stellen, Bildaus­schnitt wählen, auslösen, fertig. Dann erst erwacht der Monitor zum Leben und zeigt das eben gemachte Foto an.

Menü der M9

Kurzcheck, ob Sie ein poten­ti­eller M9-Fotograf sind: Ja, wenn Sie das rechts abgebildete Infomenü als „übersichtlich und ausrei­chend“ bewerten – nein, wenn Ihnen das arg sparta­nisch vorkommt.

Skizze vom Messsucher der M9 von Leica

Schon der Messsucher ist so eine Sache für sich; ist ganz anders. Er zeigt ein großes Bildfeld (knapp größer als für 28 mm) und für die Brenn­weiten 28+90, 35+135 und 50+75 mm werden jeweils paarweise passende Leucht­rahmen einge­blendet, sowie ein Objektiv angesetzt wird. Man sieht also meistens mehr als nur den Bildaus­schnitt, den das Objektiv erfasst, was mir sehr entgegen kommt: Das Motiv bleibt in seinem Umfeld und das hilft mir bei allfäl­ligen Entschei­dungen, den Bildaus­schnitt vielleicht doch anders zu fassen, da ich auch das Andere, das bislang nicht Erfasste, sehe. Auch wenn Leica jetzt aufstöhnen dürfte angesichts des Konstruk­ti­ons­auf­wandes und der Genau­igkeit dieses Messsu­chers sei dieser Vergleich versucht: Er ist ein einfaches, helles Fenster in die Foto-Welt. Klar und deutlich sehe ich, was vor mir ist. Im Gegensatz zu Monitor und elektro­ni­schem Sucher zeigt er vieles nicht. Darunter ganz viele Daten, das annähernde Belich­tungs­er­gebnis, die Auswir­kungen von Farbeffekten usw. … Er zeigt jedoch, anders auch als ein Prismen­sucher, mehr als die ansonsten (im besten Fall) 100 % des gewählten Motiv­aus­schnittes. Ich habe das Empfinden, dass solcher­maßen mein Foto-Blick nicht begrenzt wird, sondern erweitert.
 

Foto: thoMas

 
Im Sucher wird nur die Verschlusszeit einge­blendet; automa­tisch ermittelt zur vorge­wählten Blende. Bei manueller Belich­tungs­ein­stellung noch eine Licht­waage zum Belich­tungs­ab­gleich (rotes Dreieck rechts oder links, roter Punkt, wenn‘s stimmt). Das war‘s an Daten. In der Mitte der Entfer­nungs­messer als Scharf­stell­hilfe. Geht recht flott und funktio­niert sehr genau. Und auch hier: Einer­seits etwas fürs eher bedächtige Fotogra­fieren (wer‘s sehr schnell braucht, der wähle ein Weitwinkel samt kleiner Blenden­öffnung, stelle vorab scharf und lasse den Rest die Schärf­en­tiefe machen). Skizze der Leuchtrahmen im Messsucher der M9 von LeicaAnderer­seits eine sehr anschau­liche Art des Scharf­stellens. Wie sich die beiden Teilbilder decken oder schon nachge­führt werden wollen, wenn sich die Scharf­stellung im Motiv um wenige Zenti­meter oder, in weiter Ferne, Meter, ändert – das macht die Begriffe „Scharf­stellen“ und Schärf­en­tiefe immer wieder aufs Neue anschaulich und erinnert daran, dass auch das ein Gestal­tungs­mittel ist. Eines, das mit einer M9, und das nur am Rande, dank sehr licht­starker (wiewohl auch teurer) Objek­tiv­linien auch genutzt werden kann. Fast hatte ich angesichts so vieler kleiner Sensoren und elektro­ni­scher Sucher, die mir in letzter Zeit zuhauf begegnen, dieses Gestal­tungs­mittel ad acta gelegt. (Nur kurz dazu: Kleine Sensoren = kurze Brenn­weiten = große Schärf­en­tiefe – eine Digital­kom­pakte etwa erlaubt exakt null Spiel mit der Schärf­en­tiefe, aber auch da, wo 25 mm oder 35 mm die Normalbrenn­weite definieren, bleiben die Möglich­keiten einge­schränkt, zumal dann, wenn wirklich licht­starke Objektive besser als 2,8 fehlen.)

Wobei hier einge­worfen sei, dass ein Messsucher keine Schärf­en­tiefe darstellen kann (ein Prismen­sucher, bzw. genauer: eine Mattscheibe, und ein Monitor können das annähernd) – der M-Fotograf muss aus der Erfahrung lernen, das Motiv „im Voraus zu visua­li­sieren“, will heißen, sich die Schärf­en­tiefe vorzu­stellen, wobei die notwendige Erfahrung in digitalen Zeiten recht schnell kommt, da das Bild auf dem kleinen Monitor der Kamera unmit­telbar und zuhause auf dem großen anschaulich sichtbar wird. Weiterhin sind Belich­tungs- wie Entfer­nungs­messung der M9 zentral angeordnet: Beide Messfelder finden sich in Suchermitte – die Messungen und die Wahl des Bildaus­schnitts wollen also getrennt sein. Das geht dem M-affinen Fotografen überra­schend flott und ohne großes Nachdenken von der Hand, wird die anderen jedoch enervieren. (Ich schätze diese „Umstände“ sehr, weil ich die besseren Fotos mache, wenn ich derjenige bin, der die Vorgaben macht, machen muss, und deshalb immer genau um die Einstel­lungen der Kamera weiß.)

Foto der M9 von Leica

Die M9 folgt grund­sätzlich dem händi­schen Bedie­nungs­ansatz: Blende, Verschlusszeit, Entfernung, Empfind­lichkeit, Betriebs­zu­stand (Knopf „INFO“ = restliche Akku- und Karten­ka­pa­zität, verblei­bende Aufnahmen …) und Vorgaben (Knopf „SET“ = Weißab­gleich, Belich­tungs­kor­rektur usw.) – für die wichtigsten Einstel­lungen gibt es einen Knopf oder Drehring. Das Kamera-Setup-Menü ist übersichtlich und auch ohne Bedie­nungs­an­leitung auf Anhieb verständlich; eigene Einstell­gruppen können in Benut­zer­pro­filen gespei­chert und schnell wieder abgerufen werden.

Der Auslöser kann von „Standard“ auf „Weich“ oder „Diskret“ umgestellt werden; auch die Kombi­nation „Diskret & Weich“ ist möglich: Im Standard­modus liegt der Messwert­speicher auf dem ersten Druck­punkt; bei „Weich“ wird da schon ausgelöst (zu Lasten des nun fehlenden Messwert­spei­chers) und „Diskret“ spannt den Verschluss erst dann wieder, wenn der Auslöser losge­lassen wird.

Die Empfind­lich­keits­spanne reicht von ISO 80/19° – 2500/35°, wahlweise fest einge­stellt oder automa­tisch von der Kamera gewählt – auch das keine rekord­ver­däch­tigen Werte, aber ausrei­chend. Wobei ich rein gar nichts dagegen hätte, wenn Leica in einer künftigen Firmware-Version diese Werte ein wenig hochschraubt.

Das Kamera-System

Die digitale Technik der M9 wurde im Auftrag von Leica bei Jenoptik entwi­ckelt, Bildsensor ist der KAF-18500 von Kodak. Mit diesem 18-Megapixel-Sensor macht die M9 Aufnahmen mit 5270x3516 Pixeln, das entspricht einer Ausga­be­größe von rund DIN A3 bei 300 dpi (ja, ich weiß: Könner bzw. bestimmte Ausbe­lichter können auch ganz hervor­ra­gende Ergeb­nisse mit 200 dpi etc. ausgeben, aber eine Zahl soll nunmal genannt sein, auf dass ein Maß existiere). Foto der Rückseite der M9 von LeicaUnd obzwar sich die Gelehrten noch über die exakte Zahl streiten, sind sie sich doch weitgehend einig darin, dass Klein­bild­ka­meras ab ca. 10–12 Megapixeln hinsichtlich der Qualität jeden analogen Klein­bildfilm übertreffen (extrem niedrig empfind­liche und hoch auflö­sende Schwarz­weiß­filme, in Spezi­al­ent­wickler entwi­ckelt, vielleicht noch ausge­nommen). Will heißen: Wer glaubte, dass eine Film-Leica (oder auch jede andere analoge Klein­bild­kamera) gut genug sei für ein ganzes Fotogra­fen­leben, der muss sich mittler­weile auch im Digitalen keine Sorgen mehr machen. Sicher, die Sensor­auf­lösung wird weiter steigen, aber wir sind mittler­weile bei „sehr gut“ bis „hervor­ragend“ angelangt – das, was da noch kommen mag, lässt dann Fleisch für extreme Ausschnitt­ver­grö­ße­rungen, muss aber wirklich nicht partout sein.

Damit ist nun auch Leica so richtig im digitalen Zeitalter angekommen: Kleinbild-Vollfor­mat­sensor mit 18,5 Megapixeln und der Möglichkeit, so ziemlich jedes jemals seit 1954 gebaute M-Objektiv auch zu verwenden. Ausnahmen sind das Hologon 8/15 mm, das Summicron 2/50 mm mit Nahein­stellung und das Elmar 4/90 mm mit versenk­barem Tubus (Herstel­lungs­zeitraum 1954–1968); Vorsicht ist zudem bei älteren Objek­tiven mit versenk­barem Tubus geboten: sie sollten nur mit ausge­zo­genem Tubus angesetzt werden, da sonst Objektiv oder Kamera beschädigt werden können.

Die aktuell verfüg­baren Brenn­weiten reichen von 16 mm bis 135 mm. Festbrenn­weiten, wohlge­merkt; Zoomob­jektive gibt es nicht. Die Entfer­nungs­ein­stellung endet im Nahbe­reich bei um 1 m – nichts für Makro­fo­to­grafen. Leica folgt dabei folgender Nomen­klatur: „Noctilux“ = Licht­stärke um 1,0, Summilux = Licht­stärke 1,4, Summicron = Licht­stärke 2, Summarit = Licht­stärke 2,5, Elmarit = Licht­stärke 2,8 und Elmar = Licht­stärke um 4.

Foto: thoMas

Leica nutzt bei der M9 eine kamerain­terne Korrektur – codierte Objektive werden automa­tisch erkannt, nicht-codierte können entweder umgerüstet werden oder aber man stellt im Kameramenü jeweils ein, welches Objektiv gerade benutzt wird. Anhand der in der Kamera hinter­legten Daten für die verschie­denen Objek­tiv­typen weiß dann die kamerain­terne Software, was zu tun ist, und korri­giert namentlich den Randabfall der Helligkeit (Vignet­tierung), was ganz hervor­ragend funktio­niert. Die Helligkeit übers Bildfeld wird gleich­mä­ßiger gerechnet, das aber nicht auf Kosten der (Rand-)Schärfe. Die korri­gierten Daten werden in JPEG wie DNG geschrieben; also auch in die Rohdaten hinein­ge­rechnet. Wem das, aus welchen Gründen auch immer, nicht gefällt, der kann die automa­tische Korrektur ausschalten.

Immer aktiv hingegen ist die Rausch­kor­rektur: Bei hohen Empfind­lich­keiten bzw. dunklen Motiven rechnet die M9 automa­tisch das Rauschen heraus, was ca. ein, zwei Sekunden dauert. Mangels Vergleich mit unkor­ri­gierten Aufnahmen vermag ich nicht zu sagen, ob das gut oder schlecht ist, will aber mal annehmen, dass sich die Leica-Software­ent­wickler etwas dabei gedacht haben.

Was nun die Verwendung älterer M-Objektive angeht: Die sind so gut, wie sie sind. Auch bei Festbrenn­weiten hat die Objek­tiv­ent­wicklung durchaus noch Fortschritte gemacht, obwohl die schon seit etlichen Jahrzehnten gut bis hervor­ragend sind, und es darunter geniale Objek­tiv­rech­nungen gibt, die kaum mehr verbes­se­rungs­fähig scheinen. Dennoch hat gerade Leica bei den M-Objek­tiven immer wieder noch einen drauf­gelegt: Das einst wahrlich nicht schlechte Summilux 1,4/35 mm etwa wurde durch die asphä­rische Version Summilux 1,4/35 mm ASPH. (erschienen um 1995) vor allem bei Offen­blende nachgerade deklas­siert. Beste Ergeb­nisse wird man also definitiv nur mit einiger­maßen neuen Objek­tiv­rech­nungen erhalten bzw. es empfiehlt sich andern­falls, um 2–3 Stufen abzublenden – Blende 5,6 ist, als Faust­formel, meist die Blende, bei der ein Objektiv seine beste Leistung zeigt.

Der Foto-Apparat

Fotos, gemacht mit der M9, gehören unzwei­felhaft in die Gruppe „hervor­ragend“. Die Bildqua­lität ist – vom Objektiv bis zum Sensor – Spitzen­qua­lität. Wobei die JPEGs auf die Schnelle durchaus brauchbar sind (die Screen­shots vom Kerzen­leuchter weiter unten zeigen ein JPEG und schon das macht den Abstand zu Klein­for­maten deutlich), das volle Potential aber steckt in den RAW-Dateien (die Leica als DNG speichert). Wer beste Ergeb­nisse will, der muss das DNG entwi­ckeln. Zur Unter­mauerung des Gesehenen planen wir auch noch einen Testtafel-Test, der genauer Auskunft geben soll über die technische Qualität der M9, und wie sie sich schlägt gegen die Konkurrenz. Das wird in bewährter Weise Georg N. Nyman machen, Technik-Tests sind nicht so meine Sache. Wenn eine Kamera Fotos macht, bin ich schon zufrieden. Ist es ein – in meinen Augen – gutes Foto, dann bin ich glücklich. Nicht, dass mir technische Qualität gänzlich unwichtig wäre, ja ich vermag mich für hervor­ra­gende Leistungen nachgerade zu begeistern. Das Zeiss-Biogon 4,5/38 mm einer Hasselblad SWC etwa ist ein unglaublich gutes Weitwin­kel­ob­jektiv und auch das schon bei Offen­blende hervor­ra­gende Foto der Oberseite der M9 von LeicaSummilux 1,4/35 mm (in der asphä­ri­schen Ausführung) benutzte ich ausge­sprochen gerne an der M6, obwohl 35 mm sonst so gar nicht meine Brenn­weite ist. Anderer­seits habe ich mit dem Noctilux 1/50 mm (das neue 0,95er kenne ich nicht) und dem Planar 2/110 mm, deren objektive Leistung bei Offen­blende allen­falls als „befrie­digend“ beschrieben werden kann, ganz zauber­hafte Fotos gemacht – die geringe Schärf­en­tiefe und auch die „Weich­zeichnung“ bei Offen­blende trugen maßgeblich dazu bei. Für technisch perfekte Fotos musste dann halt auf 4 oder 5,6 abgeblendet werden.

Letztlich war und ist alles in eine Kette einge­bunden, an deren Ende das fertige Bild steht und die so aussieht: Aufnahme – Entwicklung und Bearbeitung – Vergrö­ßerung (bzw. Skalierung) – Ausgabe. Und so habe ich im Laufe der Zeit gelernt, die Einzel­kom­po­nenten zwar zu schätzen, deren Qualität auch einordnen zu können, aber letztlich ein Foto vorrangig danach zu beurteilen, ob das ein gutes Bild sein wird. Und da ist nun mal das gut gesehene und umgesetzte Motiv das A und O – der ganze Rest ist nur Mittel zum Zweck. Oder, um es mal so zu fassen: Wenn das Motiv stimmt, sind 12 „schlechte“ Megapixel aus der Digital­kom­pakten besser als die 24 „guten“ Megapixel bei einem öden Motiv.

Dennoch haben mich auch zwei, drei Dinge auf der techni­schen Seite inter­es­siert. Unter anderem die Frage, wie genau die Scharf­stellung mittels Messsucher in einer digitalen Leica funktio­niert. Leica weist in der Bedie­nungs­an­leitung eigens darauf hin, dass die exakte Scharf­stellung bei 135-mm-Objek­tiven aufgrund deren geringer Schärf­en­tiefe bei Offen­blende nicht garan­tiert werden könne und empfiehlt ein Abblenden um zwei Stufen. Das will erläutert und verstanden sein. Hier ein Beispiel mit dem Summarit 2,5/75 mm bei Offen­blende; einmal das gesamte Motiv, dann der Ausschnitt. Hieran wird deutlich, was ich mit Schärf­en­tiefe und mit dem „Spiel mit der Schärf­en­tiefe“ meine – und was im Kleinbild möglich ist und an exakter Scharf­stellung verlangt wird:
 

Foto: thoMas
 
 
Foto: thoMas
 
 
Foto: thoMas

Das (un)mögliche Spiel mit der Schärf­en­tiefe: Je nach Aufnah­me­format bzw. Digital­ka­me­ra­system fällt die Schärf­en­tiefe beim selben Motiv ganz unter­schiedlich aus. Oben: das komplette Motiv. Mitte: Ausschnitt, aufge­nommen mit einer leichten Telebrenn­weite (75 mm) im Klein­bild­format bei Offen­blende (2,5). Unten: Ausschnitt, leichte Telebrenn­weite (13,5 mm) einer digitalen Kompakt­kamera bei Offen­blende (4,8).
Faust­formel: Je kürzer die Brenn­weite, umso größer die Schärf­en­tiefe.
Beachten Sie: Das sind lediglich Screen­shots – im Original fallen die Unter­schiede zwischen den Systemen noch deutlicher aus.

 

Foto: thoMas

Die Schar­fein­stellung sitzt exakt „auf den Punkt“ – Aufnah­me­ent­fernung ca. 3,2 m, fokus­siert wurde auf den Leuch­terarm rechts hinten; der Leuchter ist ca. 38 cm tief. Im Vergleich dazu die Aufnahme mit einer Digital­kom­pakten (7 Megapixel), gleich­falls bei annähernder Offen­blende 4,8 (die Aufnahme wurde farblich der Leica-Aufnahme angeglichen, da deren Weißab­gleich sichtlich besser arbeitet). Damit keine Missver­ständ­nisse aufkommen: Das ist keine „schlechte“ Digital­kom­pakte – das ist Kompakt­ka­me­ra­niveau (ja, es geht ein wenig besser und auch schlechter, aber der deutliche Unter­schied bleibt. Wer meint, dass mehr Kompakt-Megapixel besser wären, der irrt: Beste Bildqualität mit 6 Megapixeln!). Worum es hier aber eigentlich geht: Die digitalen Kompakt­ka­meras mit ihren extrem kurzen Brenn­weiten (im Beispiel 6,7–20,1 mm entspr. 38–114 mm Kleinbild) mit meist moderater bis geringer Licht­stärke (Anfangs­öffnung) zeigen kaum Schärf­en­tiefe-Bereiche, sondern nur Schärf­en­tiefe von vorn bis hinten (wobei deren große Schärf­en­tiefe bei Nah- und Makro­fotos ein großer Vorteil sein kann).

Ein konstruk­ti­ons­be­dingtes Problem, das Leica sehr gut in den Griff bekommen hat, ist das der Randab­dun­kelung. Aufgrund des fehlenden Spiegel­kastens können M-Objektive weit ins Kamera­ge­häuse hinein­reichen, was Retrofokus-Konstruktionen unnötig macht und dem Konstrukteur eines Weitwin­kel­ob­jektivs weniger Beschrän­kungen auferlegt (er muss nicht das an einem virtu­ellen Brenn­wei­tenort erzeugte Bild per Optik weiter nach hinten in die Bildebene proji­zieren, sondern kann ein „echtes“ Weitwinkel rechnen, das direkt auf der Bildebene abbildet), was aber auch bedeutet, dass das Licht in den Randbe­reichen der Bildebene sehr schräg einfällt – was Sensoren gar nicht mögen bzw. woraufhin sie ein deutlich schwä­cheres Signal erfassen. Kodak hat die Mikro­linsen auf dem Sensor deshalb so angeordnet, dass sie zur Mitte hin weisen, um das einfal­lende Licht besser erfassen zu können. In einem weiteren Schritt, es klang an, korri­giert Leica mittels der kamerain­ternen Software die Randab­dun­kelung entspre­chend des angesetzten Objektivs. Auch das klappt sehr gut.

Das Resümee

Man kann der Leica AG sicherlich vorwerfen, dass sie einst­malen in Teilen die Zeit verschlafen hat, sich modernen Techniken nicht schnell genug genähert hat. Belich­tungs­au­to­matik, Autofokus, digitale Spiegel­reflex, … es gibt viele Baustellen, die brach liegen blieben.

Foto: thoMas

Ist also die M9 eine veraltete Kamera bzw. folgt sie einem Konzept, das hätte unbedingt weiter­ent­wi­ckelt werden sollen und müssen? Ich muss gestehen, dass ich mir eine M-Leica mit Autofokus oder Programm­au­to­matik gar nicht so recht vorstellen mag – der satte Lauf von Scharf­stell- und Blendenring wäre dann unwei­gerlich dahin (Motoren verlangen nach geringen Gewichten und Leicht­gän­gigkeit) und auch die Haptik ist es, die den Umgang mit einer M ausmacht. Wer aus guten Gründen die Errun­gen­schaften neuester Digital­tech­no­logien wünscht, wer hohe Serien­bild­ge­schwin­dig­keiten, Film-Fähig­keiten, Echtzeit­vor­schau usw. benötigt, der findet Alter­na­tiven bei den Spiegel­re­flex­her­stellern und nicht zuletzt auch bei Four Thirds und Micro Four Thirds. Die neuen hochauf­lö­senden elektro­ni­schen Sucher etwa verheißen aufre­gende Foto-Sichten.

Das Konzept der M9 aber – Messsucher, beste Objektive, manuelles Bedie­nungs­konzept und damit immer wissen, was man getan hat und tut – ist geblieben, wie es war. Und das ist gut so.

Ich will es mal so formu­lieren: Wer aller Welt erzählt – erzählen muss: „Meine Kamera kann …“ für den ist die M9 mit Sicherheit die völlig falsche Kamera. Dazu kann sie zu vieles nicht, was heute vielen als unver­zichtbar gilt und was auch mitunter den Vorgang des Fotogra­fierens enorm erleichtern und auch verbessern kann. Wer aller­dings seine Fotogra­fier­ab­sichten mit einem „Ich kann und will …“ beginnt, der findet hier ein einzig­ar­tiges Werkzeug, das eben Dinge kann und nahelegt, die sich so mit keiner anderen Kamera erschließen. Letztlich reduziert sich bei der M9 alles auf die Erwar­tungen des Fotografen. Wer formu­liert: „Bei der muss ich alles einstellen“, der ist kein Kandidat für diese Kamera. Wer hingegen feststellt: „Bei der kann ich alles einstellen“, der sollte einen genaueren Blick auf sie werfen.

Und nein, zu den exorbi­tanten Preisen will ich diesmal nichts sagen. Oder nur so viel: Für manche Fotografen wird die M9 – samt der hervor­ra­genden Objektive – genau das richtige Werkzeug sein. Denen wird sie jeden Cent wert sein. Für alle anderen ist sie viel zu teuer, weil sie sie nicht brauchen oder so nicht fotogra­fieren. Einlas­sungen der Art „… aber die CaNiSoOl kann …“ gehen am Kern vorbei. Ich habe versucht, zu schildern, warum die M9 so ganz anders ist; genau richtig für die einen und völlig falsch für die anderen.

(thoMas)
 
 
Anmer­kungen und Verweise:

 

Nachtrag (29.11.2009): Nachdem einige Schnell-Leser meinten, hier werde die M9 mit digitalen Kompakt­ka­meras verglichen, wurde die Bildun­ter­schrift zu den Screen­shots ergänzt, um deutlicher zu machen, was damit gezeigt werden soll.