Die Sony Alpha 7S II setzt auf einen Bildwandler mit äußerst bescheidenen zwölf Megapixel. Durch diese geringe Auflösung ergeben sich sehr große Sensorzellen, die ausgesprochen lichtempfindlich sind und entsprechend hohe ISO-Werte zulassen – bei Foto- wie bei Videoaufnahmen. Doch braucht man das wirklich? Dieser Tage hatte ich die Gelegenheit, für ein paar Stunden mit Sonys neuer Alpha 7S II zu fotografieren und zu filmen. Hier mein erster Eindruck von der Bildqualität bei Film- und Fotoaufnahmen der neuen High-ISO-Kamera sowie einige Gedanken zu deren Anwendungsgebieten.

Auf den ersten Blick hat Sony die bereits vor einem Monat angekündigte Alpha 7S II aus bekannten Komponenten zusammengesetzt: Das größere Gehäuse mit dem integrierten Bildstabilisator erbt sie von der Ende letzten Jahres vorgestellten Alpha 7 II. Nichts Neues gibt es zudem vom Bildwandler zu berichten, ihn übernimmt die Alpha 7S II unverändert von der Alpha 7S. Der Sensor ermöglicht eine maximale Empfindlichkeit von ISO 409.600, wobei Sony die letzten beiden Stufen wohlweislich als „erweiterte ISO-Einstellung“ bezeichnet. Doch das Gesamtpaket ergibt eben mehr als die Summe (der bereits bekannten) Teile.

Sony Alpha 7S II

Die Sony Alpha 7S II erhält das mit der Alpha 7 II eingeführte größere Gehäuse
und damit auch den Bildstabilisator per Sensorshift.

 

Erreicht werden die atemberaubenden ISO-Werte der Alpha 7S II in erster Linie durch die sehr moderate Auflösung des Kleinbild-Sensors. Sie beträgt gerade einmal zwölf Megapixel, daraus resultiert ein Pixelpitch von 8,4 µm. Zum Vergleich: Bei der Nikon D750 mit 24 Megapixel sind es 6,0 µm Pixelabstand, die Nikon D810 mit 36 Megapixel bringt es nur noch auf 4,9 µm.

Aufnahmen mit beschränkter Auflösung

War eine Auflösung von zwölf Megapixel vor einigen Jahren noch „state of the art“, mutet sie heute altbacken an. Rund 8,5 Megapixel sind nötig, um ein Foto bei 300 ppi in DIN-A4-Größe auszugeben, für eine doppelseitige Magazinseite (DIN A3) werden bei einer Druckauflösung von 300 ppi demnach ungefähr 17 Megapixel benötigt. Auf den ersten Blick scheint die Alpha 7S II also bestenfalls für kleinformatige Prints geeignet zu sein.

Bezieht man aber den optimalen Betrachtungsabstand mit in die Rechnung ein, also den Abstand, bei dem das Bild zur Gänze erfasst werden kann, steht die Alpha 7S II mit ihren zwölf Megapixel gar nicht mehr so schlecht da. Denn je weiter der Betrachter von Bild zurücktritt, um es komplett zu sehen, desto stärker darf die Ausgabeauflösung sinken, ohne dass ein Qualitätsverlust wahrnehmbar wird. Unter dieser Voraussetzung reichen 8,5 Megapixel übrigens immer, auch wenn Pixelpeeper und so manche Bildagenturen nie genug Megapixel bekommen können.

Über eines muss man sich allerdings im Klaren sein: Für Ausschnittvergrößerungen („Crop“) eignet sich die Alpha 7S II nicht. Bei ihr muss der Bildausschnitt bereits bei der Aufnahme so gewählt werden, wie man ihn letztendlich haben möchte.

Bildqualität bei hohen ISO-Werten

Steigende ISO-Zahlen haben eine Reihe unerwünschter Auswirkungen auf die Foto- und Filmqualität: Klar, das Bildrauschen nimmt zu; je stärker es wird, desto mehr Details verschwinden (oder werden auf dem Altar der Rauschunterdrückung geopfert). Aber auch die Dynamik leidet unter hohen ISO-Werten, am Ende der Skala ist zudem meist der Schwarzwert zu hoch.

Alpha 7S II: Beispielbild

Dieses kleine Stillleben musste für meinen ISO-Vergleich herhalten.
 

Entscheidend ist nun, ab welcher ISO-Stufe die Beeinträchtigungen der Bildqualität sichtbar beziehungsweise inakzeptabel werden. Bei der Alpha 7S II liegen diese Schwellen sehr hoch. Das wenig kritische Helligkeitsrauschen (Farbrauschen spielt bei der Alpha 7S II keine Rolle) fällt bis ISO 6400 kaum auf. Für Fine-Art-Aufnahmen ist ISO 6400 wohl nicht mehr geeignet, aber für Magazin-Prints auf alle Fälle noch.

Alpha 7S II: ISO-Vergleich

100-%-Ausschnitt bei Links bei ISO 200 (links) und ISO 6400 (rechts).
Die Unterschiede sind marginal, lediglich in den von mir leicht aufgehellten Tiefen
zeigt die Aufnahme mit der höheren Empfindlichkeit etwas mehr Rauschen.
(Klick ins Bild öffnet Originalgröße) © Martin Vieten

 

Die Detailwiedergabe der Alpha 7S II leidet bis zu sehr hohen ISO 25.600 kaum, eine Stufe höher wird es dann jedoch kritisch: Entweder gehen feinste Strukturen im jetzt deutlich grobkörnigeren Rauschen unter, oder sie fallen bei JPEG-Aufnahmen der Rauschunterdrückung zum Opfer. Die packt übrigens für meinen Geschmack standardmäßig zu kräftig zu; glücklicherweise lässt sie sich auch einen Gang herunterschalten oder gar ganz abschalten. Ein anderes, kleines Manko lässt sich indes nicht so leicht umgehen: Sony gestattet der ISO-Automatik der Alpha 7S II lediglich einen Maximalwert von ISO 12.800 – eine Stufe mehr hätte es für meinen Geschmack durchaus noch sein dürfen.

Alpha 7S II: ISO-Vergleich

Die interne Rauschunterdrückung der Alpha 7S II langt für meinen Geschmack standardmäßig zu kräftig zu.
100-%-Ausschnitt bei ISO 51.200, links die von mir entwickelte RAW-Datei, rechts das JPEG-Pendant aus der Kamera.
Insbesondere in der roten Flächen rechts unten lässt die JEPG-Engine der Alpha 7S II kaum noch Struktur zurück.
(Klick ins Bild öffnet Originalgröße) © MArtin Vieten

 

Die maximale Stufe von ISO 102.400 ist wenn überhaupt nur noch für kleinformatige Prints zu gebrauchen. Die als „erweitert“ gekennzeichneten Stufen ISO 204.800 und ISO 409.600 taugen dann bestenfalls noch für sehr kleine Ausgabeformate oder für Fotos zu dokumentarischen Zwecken.

Alpha 7S II: ISO-Vergleich

Links ISO 25.600, rechts ISO 51.200, jeweils in 100-%-Ansicht.
Bei der höheren ISO-Stufe wirken die Strukturverluste dann störend.
(Klick ins Bild öffnet Originalgröße) © Martin Vieten

 

Korrespondierend zum guten Rauschverhalten vermag die Alpha 7S II über einen extrem weiten ISO-Bereich Motive mit hohem Kontrastumfang zu reproduzieren. Erst ab ISO 52.200 wirken Farb- und Helligkeitsdynamik minimal gedämpft, noch eine ISO-Stufe höher erscheinen die Aufnahmen dann aber matt, hier bricht die Dynamik unübersehbar ein.

Wozu sind die High-ISO-Fähigkeiten der Alpha 7S II überhaupt gut?

Ein Studiofotograf, der mehrere Kilowattsekunden Licht in seinem Atelier stehen hat, wird über die High-ISO-Fähigkeiten der Alpha 7S II nur milde lächeln und alles auf die Basisempfindlichkeit ISO 100 oder ISO 64 seiner Kamera einrichten. Aber es gibt eben Situationen, in denen der ISO-Wert einfach nicht hoch genug sein kann. An erster Stelle wäre hier natürlich die Available-Light-Fotografie zu nennen, bei der man eben mit dem verfügbaren Licht auskommen muss. Und da sind die Fähigkeiten der Alpha 7S II wirklich beeindruckend. Für eine Porträtaufnahme reicht ihr das Licht eines angerissenen Streichholzes, die Bildqualität ist bei ISO 16.000 verblüffend hoch:

Alpha 7S II: Beispielbild

Bei ISO 16.000 und F/1.8 reichte hier das Licht eines Streichholzes,
um das Porträt ausreichend zu beleuchten.
(Klick ins Bild öffnet Originalgröße) © Martin Vieten

 

Aber auch Theater- und Konzertfotografen oder ganz allgemein Event-Fotografen werden die High-Fähigkeiten der Alpha 7S II schätzen. Allerdings nicht unbedingt ihren Autofokus. Zwar stellt die Alpha 7S II auch unter schwächsten Lichtbedinungen exakt scharf, benötigt aber ausgesprochen lange dafür. Da vergehen schon einmal ein, zwei Sekunden, bis das Fokus-Confirm-Signal im Sucher erscheint. Der Nachführ-AF der Alpha 7S II irrt dagegen ziellos umher, wenn lediglich eine Kerze die Szene illuminiert.
Von Vorteil sind die High-ISO-Fähigkeiten der Alpha 7S II theoretisch auch bei Sport- und Action-Fotos, wenn möglichst kurze Belichtungszeiten gefordert sind. Doch diesen Vorteil macht in der Praxis wieder der recht träge Nachführ-AF der Alpha 7S II zunichte. Falls sich das Motiv jedoch nicht aus Schärfeebene bewegt, ermöglicht die Alpha 7S II auch unter widrigsten Lichtverhältnissen noch derart kurze Verschlusszeiten, dass sich Bewegungen einfrieren lassen.

Alpha 7S II: Beispielbild

ISO 6400 ermöglichte bei dieser Aufnahme eine Belichtungszeit von 1/500 s,
sodass die Bewegung der Fackeln eingefroren wurde.
(Klick ins Bild öffnet Originalgröße) © Martin Vieten

 

Dass einen die Alpha 7S II bei schwachem Licht nicht gleich zu langen Belichtungszeiten zwingt, ist vor allem auch für Videofilmer ein unschätzbarer Vorteil. Filme werden idealerweise nach der 180 Grad-Shutter-Regel belichtet. Ihr zufolge sollte die Belichtungszeit 1/(Framerate *2) betragen, also bei 50 Einzelbilder pro Sekunde (fps) 1/100 s. Die Alpha 7S II kann sogar mit 100 fps filmen (etwa für Zeitlupen), die optimale Belichtungszeit verkürzt sich dann auf 1/200 s.

Diese Slow-Motion-Videoaufnahme (eine bei der Alpha 7S II neue Option) mit 100 fps
entstand bei ISO 6400 und 1/200s. Als Lichtquelle dienten lediglich die brennenden Fackeln.
Bei normaler Framerate von 25 fps abgespielt, ergibt sich eine vierfache Zeitlupe.
(Achtung: Full-HD-Video mit entsprechender Ladezeit!)

 

Weil die Alpha 7S II zu ihrem überragenden Rauschverhalten auch noch eine sehr gute Tiefendynamik zeigt, eröffnet sie weitreichende Nachbearbeitungsmöglichkeiten. Wer kontrastreiche Motive sauber auf die Lichter belichtet, kann anschließend im RAW-Konverter die Tiefen sehr weit aufziehen, ohne dass es zu Tonwertabrissen oder Detailverlust durch über Gebühr betontes Korn kommt.

Alpha 7S II: Beispielbild

Diese Aufnahme entstand ebenfalls bei ISO 6400, das Gesicht des Jongleurs lag fast völlig im
Dunklen. Ich habe es um ca. 1,5 EV aufgehellt, entsprechend einer Empfindlichkeit von etwa ISO 19.000.
Dank der herausragenden High-ISO-Fähigkeiten der Alpha 7S II und ihrer guten Tiefendynamik,
kommt es dabei weder zu Tonwertabrissen noch zerstört Bildrauschen feine Details.
(Klick ins Bild öffnet Originalgröße) © Martin Vieten

Mein Fazit

Bereits die Alpha 7S war ein High-ISO-Monster, bei der aktuellen Alpha 7S II hat Sony die Low-Light-Fähigkeiten abermals verbessert. Einen großen Anteil daran hat der integrierte Bildstabilisator, der sogar mit adaptierten Fremdobjektiven funktioniert und deutlich längere Belichtungszeiten erlaubt. Erkauft werden diese derzeit einzigartigen Fähigkeiten allerdings mit einer heute eher kümmerlichen Auflösung von zwölf Megapixel. Damit mag man in der Praxis oftmals auskommen, jedoch nicht immer mit dem Autofokus der Alpha 7S II. Er stellt zwar auch bei widrigsten Lichtverhältnissen noch präzise scharf, braucht indes nervenzehrend lang dafür.

Wie bei Sony inzwischen Usus, langt der Hersteller für das Gebotene auch bei der Alpha 7S II kräftig zu. 3.400 Euro kostet sie und ist damit nur einen Hunderter günstiger als die Alpha 7R II. Letztere paart ihre ebenfalls guten Low-Fähigkeiten mit einer hohen Auflösung von rund 44 Megapixel und dürfte so in den meisten Fällen die Kamera mit dem größeren Anwendungsspektrum sein – zumal sie mit einem deutlich schnelleren Hybrid-Autofokus aufwarten kann. Die Alpha 7S II ist dagegen eher eine Spezialistin, in erster Linie für Videoaufnahmen und natürlich dann, wenn es wirklich auf allerhöchste ISO-Empfindlichkeiten ankommt.

(Martin Vieten)