Grafik photoscalaDer Fotoindustrie fehlen einfach die Ideen, Fotografie zum Erlebnis werden zu lassen und deshalb ist der Kameramarkt eingebrochen – so lautet verkürzt das Statement von Heino Hilbig, der das auch begründet und mögliche Auswege aufzeichnet:

Was den rasanten Einbruch bei den Kameraverkäufen angeht, gibt es vor allem zwei Erklärungs-Lager: das eine glaubt, das Smartphone mit seinem Kameramodul kannibalisiere die Kameraabsätze. Das andere Lager (dem auch wir zuneigen) begründet die starken Absatzeinbrücke der letzten Jahre mit einer Marktsättigung.

Heino Hilbig von Mayflower Concepts, der zuvor u. a. bei Olympus als European Marketing Director tätig war, hält beide Thesen für falsch. Seiner Meinung nach war das einschneidende Ereignis – jenes „katastrophale Szenario“ – das zum Einbruch führte, die Vorstellung des iPhone Anfang 2007, dank dessen sich auch hochkomplexe Technik plötzlich ganz einfach und mit Spaß bedienen ließ. Und genau das fehle der Fotoindustrie: Fotogeräte und Verarbeitungsketten, mit denen die Fotografie einfach wird und Spaß macht.

Hier der Vortrag von Hilbig, gehalten für die PMA anlässlich der CES 2015 in Las Vegas:
 

 
Seine Analyse hat den großen Charme (für die Fotoindustrie), dass Hopfen und Malz noch nicht verloren sind (vorausgesetzt, sie stimmt): gegen die vermutete Kannibalisierung des Marktes durch das Smartphone lässt sich ebensowenig tun wie gegen eine angenommene Marktsättigung. Fehlt es aber „nur“ an neuen, guten Ideen, dann könnte der Kameramarkt bald wieder florieren, sofern nur die richtigen Ideen bald kommen.

Angesichts folgender Grafik aus der Präsentation allerdings neige ich dann doch eher einer Art Marktsättigungs-Theorie zu:
 

Grafik Mayflower Concepts

 
Obwohl die Einheit linker Hand nicht klar definiert ist (wahrscheinlich ist die Basis 1000 Einheiten, d. h., dass z. B. im Jahr 2003 annähernd 60.000.000 Kameras von japanischen Unternehmen produziert wurden), zeigt die Grafik sehr anschaulich den Aufstieg der japanischen Kameraindustrie (die CIPA ist eine Vereinigung der japanischen Kameraindustrie) – doch das nur nebenbei. Für mehrere Jahrzehnte kann die japanische Kameraindustrie dann auch stellvertretend für die weltweite Kameraindustrie gesetzt werden, denn der Marktanteil nicht-japanischer Kamerahersteller kann vernachlässigt werden. Das gilt sowohl für die analoge Ära als auch für die digitale Ära.

Und es ist noch gar nicht so lange her – es war im Jahr 2003 – dass erstmals mehr digitale als analoge Kameras verkauft wurden. Der Wechsel von analog zu digital allerdings verläuft rapide: Innerhalb eines guten Jahrzehnts wird der Film durch den Sensor ersetzt. Das erklärt meines Erachtens den plötzlichen Boom – und ebenso den plötzlichen Einbruch – der Digitalkameraverkäufe besser als eine vermutete Ideenlosigkeit der Kameraindustrie. Ich glaube nicht so recht, dass nur ein i-Erlebnis im Kamerabereich fehlt, um den Markt wieder anzukurbeln.

Im Gegensatz zum Smartphone, zum MP3-Player, zum DVD-Player, usw., ist die Kamera per se ja keine neue Technik – just haben wir 175jährigen Geburtstag der Fotografie gefeiert. Die Technik ist zu großen Teilen altbekannt, lediglich die Bilderfassung und damit teils auch die Nachbearbeitung ist neu. Die ganze Welt – bestens versorgt mit analogen Kameras, die im Laufe vieler Jahre und Jahrzehnte angeschafft worden waren – rüstete innerhalb nur eines Jahrzehnts nahezu komplett auf digitale Kameras und digitale Bearbeitungs-Techniken um. Das erklärt den Boom. Und nun, da alle eine digitale Kamera haben, kaufen immer weniger eine neue. Das erklärt den Einbruch.

Die Zahlen der letzten „analogen Jahre“ bis 1998 / 1999 zeigen m. E. auch das tatsächliche maximale Marktpotential auf, was Kameraverkäufe angeht. Und da sind ja jetzt auch die Digitalkamera-Zahlen wieder angelangt.

Aber ich will nicht ausschließen, dass Hilbigs Analyse die treffendere ist. Das hieße dann aber auch, dass es die Fotoindustrie während der analogen Jahrzehnte nicht ansatzweise geschafft hat, das vorhandene Marktpotential auszuschöpfen.

Wie dem auch sei. Heino Hilbig kommt das Verdienst zu, einmal nicht nur den gängigen Erklärungsmustern und Vermutungen zu folgen, sondern nach anderen Erklärungen und nach Lösungen zu suchen. Die Fotoindustrie wird’s freuen, wenn er recht hat – sofern sie dann endlich aber auch die bahnbrechenden Ideen hat.
 

(thoMas)