Der Swiss Photo Award für die besten fotografischen Arbeiten der Schweiz des Jahres 2008 wurde dieser Tage vergeben: „Man wird schonungslos mit dem Ist-Zustand der schweizerischen Fotografie in ihrer ganzen Breite konfrontiert, und der stimmt einen oft nachdenklich“ meint Martin Jaeggi
Das Bemerkenswerte an der ewz.selection ist, dass sie ihren Anspruch erfüllt, eine ebenso repräsentative wie für Medienprofis nutzbringende Übersicht über das professionelle Fotoschaffen in der Schweiz zu bieten. Das ist freilich auch immer das Ernüchternde an der ewz.selection, zumindest für den Fotokritiker: Man wird schonungslos mit dem Ist-Zustand der schweizerischen Fotografie in ihrer ganzen Breite konfrontiert, und der stimmt einen oft nachdenklich. Gewiss, die meisten Bilder sind technisch einwandfrei, gefällig und geschmackvoll komponiert, ausgeglichen beleuchtet und erfüllen ihren Zweck, sei der nun Informationsvermittlung oder Produktanpreisung, in anderen Worten: schweizerische Qualitätsarbeit. Doch wenn man die eingereichten Arbeiten betrachtet, befällt einen schnell einmal das seltsame Gefühl, man hätte die meisten Bilder schon einmal gesehen. Ganz realistisch wird denn auch im Briefing an die Jury festgehalten, dass die Beiträge in den Bereichen Werbefotografie, Redaktionelle Fotografie und Fine Arts «wohl mehr so etwas wie Zeitgeist ausdrücken, als dass sie neue Impulse, neue Bildsprachen, innovative Konzepte versprechen».
Maurice K. Grünig; aus der Serie «Kreaturen»
Tine Edel, Nasswäscher; aus der Serie «Schrottplatz»
Jonathan Heyer; Motiv aus der TerraSuisse-Kampagne
Werfen wir also einen Blick auf die Fotografien, die die Jury dieses Jahr ausgezeichnet hat. In der Kategorie Werbfotografie wurden drei Arbeiten hervorgehoben. Die «Kreaturen» von Maurice K. Grünig sind insektenartige Geschöpfe, zusammengebastelt aus Büromaterial, durchaus charmante Bilder, die auch außerhalb des Anzeigenkontexts amüsieren. Tine Edels «Schrottplatz»-Bilder bieten jene Art von surrealer Inszenierung, die man in der Kunstfotografie bis zum Überdruss gesehen hat, die freilich in der Werbung durchaus erfrischend wirken kann. Jonathan Heyer wiederum zeigt in seinen Fotos für die TerraSuisse-Kampagne süßlich-künstliche Bilderbuchfantasien von fläzenden Tieren in einem malerischen Mittellandarkadien, die meines Erachtens jedoch nicht über den verspielten Charme von Grünigs Kreaturen verfügen.
Andri Pol; aus der Serie «Albinos in Tansania»:
Luis Berg; aus der Serie «Sexuelle Gewalt an Kindern»
Mathias Braschler und Monika Fischer; aus der Serie «In China»
In der Kategorie Redaktionelle Fotografie wirken die Bilder von Andri Pol über die Jagd auf Albinos in Tansania verstörend unreal. Fast meint man, Standbilder aus einem Horrorfilm zu sehen. Luis Berg tastet sich mit Bildern von Körperfragmenten in einer verhaltenen Farbskala an das heikle Thema «Sexuelle Gewalt an Kindern» heran, ein gelungener Versuch, das Undarstellbare anzudeuten. «In China» von Mathias Braschler und Monika Fischer bietet stilisierte Porträts, deren gekünstelte Originalität mir nur ärgerlich scheint. Auch die anderen Arbeiten in dieser Kategorie wirken auf mich eher flau im Vergleich zu Pols und Bergs Bildern, die den Betrachter zu bewegen verstehen.
Ester Vonplon; aus der Serie «Rahovec/Orahovac, Kosovo»
Christian Lutz; aus der Serie «Outwest»
Vanessa Püntener; aus dem Projekt «Alp – Porträt einer verborgenen Welt»
Désirée Good; aus der Serie «Ich sehe was, was du nicht sagst»
Sabine Bechtel; aus der Serie «Mono»
In der Kategorie Fine Arts findet sich Ester Vonplon, die ihre genau beobachteten Schwarzweißbilder mit durchdacht eingesetzten technischen Imperfektionen atmosphärisch auflädt. Christian Lutz und Vanessa Püntener zeigen solide dokumentarische Arbeiten, denen jedoch jener Mut zur Subjektivität abgeht, die Vonplons Arbeiten auszeichnet. Désirée Good inszeniert ein hochartifizielles Spiel der Blicke in kühlen Farben, das in der Nachfolge von Jeff Wall mit der Bildsprache des klassischen Tafelbilds spielt. Kühle Farben prägen auch Sabine Bechtels verhaltene Stilleben, Landschafts- und Stadtansichten, die jedoch der Stimmungsmalerei verhaftet bleiben.
Roger Eberhard; aus der Serie «So long, Cockaigne»
Florence Iff; aus der Serie «Mimesis»
Alex Gertschen; aus der Serie «Queens»
Dominik Golob; aus der Serie «Ordnungsliebe»
Thomas Houda; aus der Serie «Vakuumverpackt»
Fehlt noch die Kategorie Free, in der unveröffentlichte Arbeiten gezeigt werden. Roger Eberhard hebt sich mit seiner Arbeit «So long, Cockaigne» deutlich ab von seinen Mitbewerbern. Seine eingemitteten, frontal aufgenommenen Porträts von Menschen in winterlicher Landschaft überzeugen durch ihre klassische Schlichtheit und Unaufgeregtheit, den Verzicht auf jene Originalität um jeden Preis, die die anderen Arbeiten in dieser Kategorie prägt. Florence Iff zeigt neblige Ansichten eines fantastischen Dschungels, die man eher in der Kategorie Werbefotografie erwarten würde. Die «Queens» von Alex Gertschen und Felix Meier sind überkandidelte Fabelwesen in einer Kitschästhetik zwischen Videoclip und Hindutempel, die mittlerweile nur allzu vertraut wirkt. Dominik Golob fotografierte ornamental überquellende Mülleimer in der nächtlichen Stadt, so sorgsam ausgeleuchtet, dass der Abfall fast schon wieder sauber wirkt. Thomas Houdas vakuumverschweißte Frau verstört für einen Moment, jedoch fehlt ihr eine letzte Radikalität, die die Bilder wirklich zwingend wirken lassen würde.
(Martin Jaeggi; mit freundlicher Genehmigung der ewz.selection)
Krampfhaft gesuchte Szenarios.
Je absurder und kaputter desto besser.
Einziges Leben zeigt das einzig echte Foto des kleinen Chinesen. Der Rest sieht mir eher aus wie Zombies oder das Resultat eines total überzogenen PhotoSuppe-Einsatzes.
Unter ‘Technischer Perfektion’ verstehe ich etwas Anderes, dies ist für mich ein hirn- und sinnloses Dahingebatsche von Pixeln ohne technischen geschweige denn handwerklichen oder konzeptionellen Hintergrund.
Niveau bitte noch weiter senken – dies liegt noch zu weit oberhalb der subversiven Schmerzgrenze.
Ist-Zustand der schweizerischen Photo-Suppe-Gemeinde wäre passender.
Das sehe ich doch anders…
Da jeder Teilnehmer auch noch einen Aufsatz zum konzeptionellen Ansatz einreichen musste, der von der Jury auch mitbewertet wurde, kann Ihr Vorwurf schon mal nicht stimmen. Und was das sogenannte “Dahingebatsche von Pixeln” anbelangt: mehr als die Hälfte der ausgewählten Arbeiten sind mit analogen fotografischen Mitteln entstanden, und in der Ausstellung sind klassische Laborvergrösserungen zu bewundern. Ihre Kritik zeigt mir eher, dass Sie in festgefahrenen Bilderwelten leben.
das einzig echte Foto..
Neid? Was verstehen sie denn unter Photo-Suppe? Mit solchem Rundumgeblöcke disqualifizieren sie sich leider gleich selber..
?
Ich finde die Arbeiten (mit Ausnahme des Gieskannenidioten) im Vergleich zu vielem anderen Zeug (Stichwort Milchkännchen) recht spannend. Eine Aburteilung der gezeigten Einzelbilder die oft teil einer Serie sind finde ich zudem schon ganz und gar unangebracht.
Rod