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Das Kamerawerk in der Dresdener Bismarckstraße ist heute ein letzter Vertreter der überaus ruhmreichen fototechnischen Tradition in Sachsen. In Dresden wurden die erste einäugige Kleinbild-Spiegelreflexkamera und die erste Spiegelreflexkamera mit Rückschwingspiegel entwickelt, von dort kam die Praktica aus DDR-Zeiten … wir umreißen mal eben die rund 170 Jahre von 1839 bis heute:

Die Geschichte der industriellen Kameraproduktion in Deutschland begann am 31. Oktober 1839 in Dresden mit der Fertigung von Kameras und fotografischen Platten durch den Optiker Friedrich Wilhelm Enzmann. Welche Entwicklung die Kameraentwicklung in Dresden in ihren ersten hundert Jahren genommen hatte, war zu sehen, als die am 13. Mai 1912 als Industrie- u. Handelsgesellschaft m.b.H. gegründete Ihagee 1936 die erste einäugige Kleinbild-Spiegelreflexkamera der Welt produzierte. Wie fruchtbar das Dresdener Umfeld für die Entwicklung der Kameratechnik war, zeigte sich dann, als die Kamera-Werkstätten Niedersedlitz 1939 die erste Spiegelreflexkamera mit Rückschwingspiegel vorstellten.

Werbung für die Pilot Reflex

Die Kamera-Werkstätten Niedersedlitz waren hervorgegangen aus der 1915 von Paul Guthe gegründeten Kamerafabrik, die 1919 auf die K.W. Kamera-Werkstätten Guthe und Thorsch übergegangen, später als Kamera-Werkstätten, vormals Guthe und Thorsch firmierten. Zu den großen Erfolgen des Unternehmens zählte damals die besonders flache Planfilmkamera Patent-Etui.

Im Jahre 1928 erfolgte der Umzug des Werks von der Zinzendorfstr. 48 in die Bärensteiner Str. 30. Zu diesem Zeitpunkt fertigten bereits 150 Mitarbeiter 100 Kameras pro Tag. Die Entwicklung neuer Kameramodelle führte 1931 mit der Pilot Reflex zur Präsentation der ersten zweiäugigen Spiegelreflexkamera für Rollfilm 127 und ein Bildformat von 3 x 4 cm. Die beiden Objektive waren auf einer Frontstandarte montiert, die über einen Balgen am Kameragehäuse befestigt war. Der Verschluss wurde von Compur zugeliefert, die Objektive kamen von unterschiedlichen Herstellern. Bekannt sind Elmar f/3.5, Xenar f/2.9, Tessar f/2.8 und Biotar f/2.0. Die Kamera wurde bis 1937 gebaut.

Schon 1935 war mit der Pilot 6 für 12 Aufnahmen im Format 6 x 6 auf Rollfilm 120 eine einäugige Spiegelreflexkamera vorgestellt worden. Die Kamera war mit einem Metallschlitzverschluss ausgestattet und wurde mit KW Anastigmat-Objektiven mit 75 mm Brennweite und Anfangs-Lichtstärken zwischen 6,3 und 3,5 ausgeliefert. Es gibt auch Versionen, die mit einem Pololyt 3,5/75 mm von Julius Laack ausgestattet sind (Die Tradition der Firma Laack ging später im VEB ROW aka Rathenower Optische Werke auf.). 1938 kamen weitere Wechselobjektive auf den Markt und 1939 wurde die Pilot 6 durch die Pilot Super ersetzt für die Formate 6 x 6 bzw. 4,5 x 6. Zur Auswahl standen 75 mm Objektive der Marken KW Anastigmat, Ennastar und Laack mit den Lichtstärken 4,5, 3,5, bzw. 2,9/75. Dieses Modell wurde bis 1941 gebaut.

Mit dem erkennbaren Trend zu kompakteren Kameras wurde bei K.W. auch die Entwicklung einer Kleinbild-Spiegelreflexkamera vorangetrieben.

Das Zeitalter der Kleinbildspiegelreflex

Die Serienfertigung dieser Kamera konnten die bisherigen Eigentümer jedoch nur noch aus der Ferne verfolgen. Aufgrund ihrer jüdischen Abstammung hatten sie 1938 Deutschland verlassen müssen. Mit dem deutschstämmigen Charles A. Noble aus Detroit hatten sie jemanden gefunden, der seine Fotokopieranstalt in den Vereinigten Staaten gegen die Kamera-Werkstätten tauschte. Der Namen des Unternehmens lautete nun: Kamera-Werkstätten, Charles A. Noble Niedersedlitz.

Foto der Praktiflex

Der neue Besitzer erkennt wohl in dem noch von Benno Thorsch und Alois Hoheisel abgeschlossenen Entwurf einer neuen Kleinbild-Spiegelreflexkamera ein attraktives Marktpotential. Der heute vielfach als Konstrukteur erwähnte Siegfried Böhm war offensichtlich für die Fertigentwicklung der Kamera zur Serienreife verantwortlich. Schon im Jahre 1939 konnte mit der Praktiflex auf der Leipziger Frühjahrsmesse die erste Spiegelreflexkamera mit Rückkehrspiegel vorgestellt werden. Als Objektivanschluss wählte man ein M40x1-Gewinde, da M39 schon von Ernst Leitz für die Leica reserviert war. Als Standardobjektiv war die Kamera mit einem Tessar 1:3,5/50 mm von Carl Zeiss Jena ausgestattet.

Interessanterweise hatte man sich zu diesem Zeitpunkt den Markennamen als Warenzeichen schützen lassen, aber keine technischen Patente beantragt. Der Erfolg dieser Kamera bedingte eine Erweiterung der Fertigungsmöglichkeiten und das Unternehmen zog noch im gleichen Jahr an seinen heutigen Standort in der Bismarckstraße 56 in Dresden-Niedersedlitz.

Mit der Kriegswirtschaft wird die Beschaffung der Rohstoffe immer schwieriger. Konnten im Jahr 1940 noch 5000 Praktiflex-Kameras gebaut werden, so reduzierte sich die durchschnittliche Jahresproduktion bis zum Kriegsende auf 1000 Stück. Als Chrom nicht mehr zu beschaffen ist, erhalten die Kameras eine schwarz lackierte Oberfläche. Die meisten Praktiflex-Kameras (20000 Stück) wurden von der russischen Besatzungsmacht nach Kriegsende als Reparation übernommen.

Die amerikanischen Staatsbürger Charles und John Noble wurden im Sommer 1945 inhaftiert und der Spionage beschuldigt. Während Charles Noble 1952 freigelassen wurde, wurde dessen Sohn John Noble zu 15 Jahren Lagerhaft verurteilt, von welchen er fast 10 Jahre u.a. im sibirischen Workuta verbüßte, bevor er durch persönliche Intervention Präsident Eisenhowers gemeinsam mit anderen amerikanischen Kriegsgefangenen freigelassen wurde.

Das Kamerawerk war nach Kriegsende von den sowjetischen Besatzungstruppen beschlagnahmt worden und wurde 1948 unter dem Namen Kamera-Werkstätten VEB Niedersedlitz verstaatlicht.

Ab 1949 wurden Kameras der Kamera-Werkstätten Niedersedlitz auch unter dem Namen Praktica verkauft. Für Export in die USA gab es auch den Namen Kawenda.

Foto der Praktina

Die 1951 vorgestellte Praktiflex FX (mit M40x1-Gewinde) wird als Praktica FX mit einem M42x1 Gewinde für den Objektivanschluss verkauft. Die Kamera hatte drei Synchronbuchsen, die anfangs auf der Bodenseite der Kamera, später dann auf der linken Frontseite angebracht waren. Die obere der drei Buchsen entsprach dem X-Kontakt, die mittlere Buchse der "Masse" und die untere dem F-Kontakt. Welches beachtliche Entwicklungspotential trotz der Kriegsfolgen noch immer in dem Werk vorhanden war, zeigte 1952 die Präsentation der ersten Praktina mit wechselbarem Sucher.

Aus den Kamera-Werkstätten wurde kurz darauf das Kamera Werk Niedersedlitz, bevor das Unternehmen dann im Jahr 1959 mit dem Zusammenschluss zu VEB Kamera- und Kinowerke und der 1964 folgenden Umbenennung in VEB PENTACON Dresden seine Eigenständigkeit ganz verlor. Exportiert werden die Kameras unter den Namen Praktica (z.B. nach West-Deutschland), Jenaflex (UK), Kawenda und als Hanimex in Australien und USA durch die Hannes Import and Export of Australia des deutschen Auswanderers Jack D. Hannes, sowie als Hausmarken für Foto Quelle (REVUEflex) und Porst reflex.

Bis zum Beginn der 1970er Jahre, solange die Kameratechnik von der Feinmechanik dominiert war, zählten die Entwickler der Kamera Werke in Dresden zu den kreativsten Köpfen der Kleinbild-Kameratechnik. In Dresden wurden Spiegelreflexkameras noch gebaut, als in Westdeutschland die Auslagerung nach Portugal (Leitz) und Singapore (Rolleiwerke Franke und Heidecke) oder die Lizenzierung nach Japan (Carl Zeiss / Contax / Yashica) schon begonnen hatte.

Nach der Produktion von über 9 Mio. Praktica-Spiegelreflexkameras wurde Pentacon pünktlich zur photokina im Jahre 1990 von der Treuhandanstalt in die Gesamtvollstreckung geschickt.

Die Veränderungen nach der Wiedervereinigung

John H. Noble hatte sich nach der Wende um eine Übernahme des Kamerawerks und der Marke Praktica bemüht, konnte jedoch nur das alte Werk in der Bismarckstraße ohne die Rechte an den Marken Praktika und Pentacon erwerben. Die beiden Marken und die Kameras wurden von Heinrich Mandermann erworben, der mit seiner in Berlin ansässigen Beroflex AG über lange Jahre der exklusive Handelspartner von Pentacon gewesen war. Mandermann gründet 1991 die Jos. Schneider Feinwerktechnik GmbH (heute Pentacon Feinwerktechnik GmbH), die von 1992 bis 2000 mit der BX20s die letzte Praktica-Spiegelreflexkamera weiter produziert.

John H. Noble und sein Bruder George gründeten 1991 die Kamera Werk Noble GmbH und konnte schon 1992 mit der Noblex 150 eine neu entwickelte Panorama-Kamera für Rollfilm vorstellen. Zwei Jahre später erfolgte mit der Präsentation der Noblex 135 Reihe wie fast ein halbes Jahrhundert zuvor bei den Spiegelreflexkameras der Schritt ins Kleinbildformat. Für die Panoramakamera NOBLEX 135 U wurde die Kamera Werk Noble GmbH im Jahre 1995 mit dem Innovationspreis des Freistaates Sachsen ausgezeichnet.

Auf der photokina wird 1996 mit der Noblex P3 eine neue Kamerakonstruktion vorgestellt, die in ihrer Komplexität als analoges Hybrid-Baukasten-System für Panorama-, Kleinbild- und Stereoaufnahmen sowohl das Unternehmen, als auch die potentielle Kundschaft überforderte. Parallel zur Entwicklung der P3 hatte man im Rahmen einer Neupositionierung des Unternehmens die Entwicklung und Fertigung von hochdynamischen CMOS Digitalkameras für die industrielle Bildverarbeitung aufgenommen. Für das Unternehmen war vor allem die Entwicklung der P3 ein Kraftakt, der die vorhandenen Ressourcen überforderte. Nur durch den Kauf des Kamera Werks durch den jetzigen geschäftsführenden Gesellschafter Peter Hoffmeister konnte im Jahre 1998 der Konkurs abgewendet werden. Aus dem Kamera Werk Noble GmbH wurde nun die Kamera Werk Dresden GmbH.

John Noble starb 84jährig im November 2007.

Foto der NOBLEX PRO 6 150 FS

Das aktuelle Produktionsspektrum des Kamera Werks Dresden

Mit dem im Unternehmen über viele Jahrzehnte aufgebauten fototechnischen Know-How verfügt das Unternehmen heute über eine Alleinstellung bei den analogen Panoramakameras für Mittelformat und Kleinbild. Das Kamera Werk Dresden ist heute eine der wenigen fototechnischen Firmen in Deutschland, die noch eigene Kameras entwickelt und im Haus fertigt.

Im KB-Sektor werden die NOBLEX 135 C und 135 UC (mit zusätzlichen Langzeiten) angeboten. Beide Kameras sind mit einem ROTAR T 4,5/29 mm Objektiv ausgestattet. Das shiftbare Objektiv dreht sich für die Belichtung um eine senkrechte Achse und erzeugt so verzerrungsfreie Bilder mit einem Aufnahmewinkel von 135°. Für den Mittelformatbereich werden mit der NOBLEX 150 (ROTAR T 4,5/50 S mit 146° Bildwinkel) und der NOBLEX 175 (ROTAR T 6,5/75 mit 138° Bildwinkel) zwei Modelle mit unterschiedlicher Brennweite angeboten.

Ergänzt werden alle Modelle durch das PANOLUX Belichtungsmess- und Steuerungsmodul. Hierbei handelt es sich um einen externen Belichtungsmesser für Objektmessung oder Lichtmessung, der mit der jeweiligen Kamera elektrisch verbunden, eine optimale Belichtung auch unter schwierigen Bedingungen ermöglicht. So kann die bei weitwinkligen Aufnahmen oftmals ungleichmäßige Ausleuchtung mit einer Optimierung der Belichtungszeit durch Anpassung der Trommelgeschwindigkeit beim Ablauf der Belichtung durch die Bildung von bis zu 50 verschiedenen Belichtungszeiten während der Belichtung korrigiert werden. Ein weiteres cleveres Zubehör für NOBLEX-Panoramakameras ist der VR-3 Head für die einfache Erstellung von 360° ‚Super-Panoramen‘ aus drei Einzelaufnahmen. Auch im Zeitalter digitaler Kameras bieten analoge Panorama-Kameras noch immer bessere Qualität als alle bislang unternommenen Versuche zur Übertragung der analogen Mechanik in die digitale Welt.
 

360-Grad-Panorama

 

Foto der LOGLUX i5 CMOS Industriekameras

Mit der 2003/2004 aufgenommenen Entwicklung und Fertigung der LOGLUX i5 CMOS Industriekameras hat sich das Kamera Werk inzwischen ein weiteres Standbein im Bereich intelligenter Industriekameras aufgebaut, das für verschiedenste Aufgaben der industriellen Bildverarbeitung über spezielle Programme anpassbar ist. So werden mit dieser Kamera im Projekt TEMPUS der DLR oszillierende Metallschmelzen in der Schwerelosigkeit untersucht, um präzise Messungen von Materialeigenschaften der flüssigen Metallschmelze in Abhängigkeit der Temperatur zu erhalten.

Eine weitere Anwendung für die Industrie ist die Möglichkeit, diese Kamera mit einer speziellen Software als temperaturkompensierte Messkamera zu verwenden. Das heißt, dass die Kamera über einen Temperaturbereich von 20°C bis 40°C durch eine spezielle Software die Lichtwerte sehr linear in 10 bit Grauwerte wandelt. Mit diesen anwenderspezifischen Softwareanpassungen verfolgt das Kamera Werk Dresden heute die Devise: Klasse statt Masse.

(CJ)
 
 
Für Teile des Bildmaterials (Pilot Reflex, Praktiflex und Praktina) geht unser Dank an Klaus-Eckard Riess, auf dessen Homepage es noch viel mehr zu entdecken gibt, und der uns schon einmal beim Artikel Zeitsprung: Die photokina 1956 vor 50 Jahren mit haufenweise Material versorgt hat.