Am Boom digitaler Kameras möchten gerne auch viele Verlage partizipieren. Keine erfolgversprechende Kamera bleibt ausgespart. Gespart wird aber In einigen Häusern an fachkundigen Autoren und Lektoren:

Zu fast jeder hochwertigen Kamera gibt es eines oder gleich mehrere Bücher, kaum hat die Technik die Ladentheke erreicht. Nicht zu allen Modellen, denn die Kameras müssen nicht nur etwas teurer sein, sondern auch noch populär, schon damit der Verkauf einer Mindestauflage wahrscheinlich ist. Vornehmlich werden Systemkameras mit Büchern begleitet.

Gerade mal wieder ist eines zur EOS 400D in der Presse bekannt gemacht worden. Darin blickt der Autor Christian Haasz in der Reihe „Kamerawissen von A bis Z!“ tief in die Geheimnisse der Bedienung und erklärt der Leserschaft auf Seite 18, wie das so ist, mit dem Piep-Ton: Ob sie den Piep-Ton ein oder ausschalten (dritter Menüpunkt), ist in den meisten Fällen Geschmackssache. Allerdings kann das Piepsen der Kamera beim Drücken von Knöpfen in einer andächtigen Situation wie zum Beispiel einer Taufe durchaus stören. (Franzis-Verlag)

Bei so viel fotografischer Weisheit möchte ich dann doch nicht weiter stören.

Aus der gleichen Reihe vom selben Autor liest man im Buch über die Sony α100 auf Seite 108 unter „Tipp“: Die mit Camera Raw zugefügte Bildschärfe dient nur dazu das Originalbild zu optimieren und Unschärfen durch die notwendige Interpolation der Bildpixel auszugleichen. Wenn sie das Bild nicht in Originalgröße drucken oder im Labor abziehen lassen, müssen sie die Schärfe nach der Skalierung des Fotos z.B. in Photoshop erneut schärfen. Ich hatte doch im ersten Satz gelesen, die Schärfe optimiere ein „Camera Raw“? Man schärft also die Schärfe. Doch weiter im Text: Auch hier ist es übrigens enorm wichtig, in der 100%-Ansicht zu arbeiten, da nur so die Schärfe kontrolliert werden kann. Und ich schärfe, wenn überhaupt, in einer Ansicht von 200 Prozent – ich Dummerchen. Ja, bei solchen „Tipps“ staunt der Laie und der Fachmann wundert sich.

Übrigens, dieser „Tipp“ steht in beiden Büchern. So erklärt sich, wie das geht mit der Schreibe in wenigen Tagen. Den aus jeder Textverarbeitung bekannten Textbausteinen sei Dank, dass sich profundes Wissen über eine Buchreihe erstrecken kann. Nichts geht verloren, alles wird recycelt. Soll das nun bedeuten, dass, abgesehen vom Firmennamen, die Kameras von Canon und Sony Klone sind? Wenn es nach Autor und Verlag geht, dann offensichtlich.

Mit seinen Büchern zu Kameras mindestens ebenso bekannt ist Michael Gradias. In seinem Buch „Nikon D40/D40X“ aus dem Verlag Markt+Technik ist auf Seite 276 unter der Überschrift „Bildfehler“ zu lesen: Die chromatische Aberration ist ein Bildfehler, für den besonders Teleobjektive verantwortlich sind. Da die Lichtstrahlen des weißen Lichtes nicht in einem Punkt zusammen treffen – was sie eigentlich müssten – entstehen Farbsäume.

Das sind aber auch böse Lichtstrahlen, die sich einfach nicht verhalten wollen, wie der Autor es wünscht.

Stellt man nun die beiden Autoren gegenüber, dann erklärt Herr Haasz in der Angelegenheit auf Seite 109 (Sony a100), unter der Überschrift „Farbsäume korrigieren“: Schlechte Objektive erzeugen fast immer Farbsäume. Was denn nun? Würfeln die Herren Autoren die Grundlagen der Optik aus, angelegentlich in ihrer Badewanne?

Als ob das noch nicht reicht, greift Autor Haasz nun ungeniert ins Volle und fährt fort: Während die Korrektur in einem Bildbearbeitungsprogramm zu einer echten Sisyphusarbeit werden kann, ist sie in Camera Raw mit ein paar Handgriffen erledigt. Schon wieder dieses ominöse Camera Raw, das mehr leistet können soll, als andere Programme. Und ich hatte bisher angenommen, dass spezialisierte Software existiere, die sich der Abbildungsfehler von Objektiven annehme, zum Beispiel acolens oder DxO. Aber auch andere Bildbearbeitungsprogramme, so habe ich – oh Wunder! – persönlich gesehen, können auf Tastendruck Farbsäume entfernen. Oder sollte ich meinen Augen nicht trauen?

Nachdem nun eine Vorstellung davon entstanden ist, welche fachliche Substanz die Herren Haasz und Gradias bieten und das auch noch freiwillig, sollte man nach anderen Autoren Ausschau halten.

Neu auf dem Markt ist „Das Profi-Handbuch zur Nikon D40/D40x“ von Bettina Löffler und Klaus Harms aus dem Verlag Markt+Technik. Und wie es sich für die Konnotation „Profi“ gehört, werden die technischen Grundlagen veranschaulicht. Man kann auf Seite 26 lesen, unter „Alternativen zum Bayer Pattern“: Doch es gibt Hersteller die andere Verfahren als das von Bayer verwenden: Die Firma Sony nutzt bei einigen Modellen ein anderes Pattern mit vier Farben, und der Foveon-Sensor … ist sogar in drei Schichten aufgebaut – ähnlich einem Film. Damit steht für jede Farbe die volle Auflösung zur Verfügung, und der Foveon-Sensor liefert damit dreikanalige RGB-Informationen als Rohdaten.

Man weiß, was gemeint ist. Doch genau genommen sollten die Hersteller aller anderen Sensoren schnellstens zurück in Forschung und Entwicklung um nach dem dreikanaligen Bild zu suchen.

Es sind solche Texte, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Dann verstehe ich, wie mir ein Forumteilnehmer empört antworten konnte, es gäbe keine A/D-Wandler. (Typisch für die Qualität der älteren, großen Foren, z.B. DigiCamFotos/Penum.) Ein Buch von dieser Art kann man, wie schon zuvor, ohne Bedauern dem Altpapier zuführen.

Wie die Verlage die Texte verschiedener Autoren sogar wieder verwenden, dafür folgendes Beispiel vom Verlag Markt+Technik, aus „Das Profi-Handbuch zur Nikon D200“ der Autoren Oliver Kürten und Jörg Walther. Dort liest man zum Thema Signal-Rauschverhalten auf Seite 22 einen längeren Text: …In der Praxis jedoch finden durchaus geringe Elektronenbewegungen statt, die signalerzeugend sein können. Man spricht von einem Dunkelstrom (Dark Current). Diese Elektronenbewegungen haben ihre Ursprung in der wärmebedingten, normalen Molekularbewegung. Bekanntlich ist die Energieverteilung durch Wärme… Bei Löffler/Harms findet sich der gleichlautende Text auf Seite 27. Hier hat man den längeren Text verteilt unter den Überschriften „Bildstörung durch Rauschen“ und „Ausschalten der Kamera ist unnötig“.

Es stellt sich schon die Frage: Für welche Textteile sind die Autoren selbst verantwortlich? Oder wird beim Layout dem alten Text lediglich das passende, neue Produktfoto beigefügt? Immerhin lässt sich so hinreichend erklären, wie man als Verlag schnell und billig zu neuen Titeln findet.

Es wird auch weiterhin Autoren geben, die sich schämen, solchen papiernen Rotationsprodukten den eigenen Namen zu verleihen. Aber vielleicht gibt es die benannten, aufgedruckten Autoren gar nicht. Vielleicht sitzt irgendwo in den Verlagen jemand im Layout und bastelt aus Textbausteinen ein neues Kamerabuch zusammen, für das man sich nur noch die Autorennamen ausdenken muss. Den Verlagen kann’s gleich sein, denn wenn das gedruckte Papier verkauft wurde, ist das Geschäft mit dem Unwissen gelaufen. – Und es funktioniert.

Allerdings stellt sich schon die Frage, ob den rezensierenden Lektoren überhaupt etwas auffällt, oder sich auch dort, wie allerorts, praktizierende Analphabeten breit machen. Schließlich braucht man nur die von allen Verlagen bereitwillig mitgelieferten Pressetexte an die Leserschaft weiter reichen, um für das Internet zählbaren Content zu produzieren. Schließlich: Wo kann man seine Leseschwäche besser verbergen, als in einer Buchredaktion?

Übrigens, die Beispiele fand ich bei „digitalkamera.de“ und deren Buchrezensionen, denen Textbausteine auch nicht fremd zu sein scheinen:

digitalkamera.de-Rezension: Christian Haasz / Canon EOS 400D
digitalkamera.de-Rezension: Christian Haasz / Sony alpha 100
digitalkamera.de-Rezension: Michael Gradias / Nikon D40/D40x
digitalkamera.de-Rezension: Bettina Löffler, Klaus Harms / Das Profi-Handbuch zur Nikon D40/D40x
digitalkamera.de-Rezension: Oliver Kürten, Jörg Walther / Das Profi-Handbuch zur Nikon D200

Weder die Verlage mit den Buchinhalten aus Textbausteinen noch die Buchrezensionen zeugen von echtem Interesse, den Ratsuchenden ernst zu nehmen; zumindest nicht in meinen Beispielen.

(Adrian Ahlhaus)

Mit freundlicher Genehmigung des Autors
(c) 2007 Adrian Ahlhaus
All rights reserved
Aus dem Blog: Die Welt der Photographie