Bénédictes Deramaux, >Vue de l'esprit. Département: confusions, pertes. 2004Im bel­gi­schen Lüt­tich öffnet heute die 9. Inter­na­tio­nale Bien­nale der Foto­gra­fie und der bil­den­den Künste. Sie steht unter dem Motto „Pixels of Para­dise“:

 
 
 
 
 

Robbie Cooper, Immersion, 2008

Robbie Cooper, Immer­sion, 2008
© Robbie Cooper. Mira­ges – Musée d’Ansembourg

 
Die 9. Inter­na­tio­nale Bien­nale der Foto­gra­fie und der bil­den­den Künste in Lüt­tich findet vom 15.3.2014 bis 25.5.2014 statt und hat sich 2014 fol­gen­des Thema gewählt: „Pixels of Para­dise. Image and Belief – The image is a source of pro­mi­ses“ (Pixel aus dem Para­dies. Bild und Glaube – Das Bild ist eine Quelle der Ver­hei­ßun­gen). Die zwei Schlüs­sel­worte der Ver­an­stal­tung sind dem­nach auch „sehen“ und „glau­ben“. 12 zen­trale Aus­stel­lun­gen im Herzen der Stadt, dazu Ver­an­stal­tun­gen und Vor­träge, bietet die Lüt­ti­cher Bien­nale.

Mehr zu Bien­nale und Pro­gramm hier:
bip2014 – Pixels of Paradise
Centre Culturel Les Chiroux bei flickr
 

Bénédictes Deramaux, >Vue de l'esprit. Département: confusions, pertes. 2004

Béné­dic­tes Dera­maux, >Vue de l’esprit. Dépar­te­ment: con­fu­si­ons, pertes. 2004
© Béné­dic­tes Dera­maux – Vues de l’esprit – Emu­la­tion & Cer­cles des Beaux-Arts

 
Die künst­le­ri­sche Lei­te­rin der bip2014, Anne-Françoise Lesu­isse, beschreibt die Inten­tio­nen und Ziel­set­zun­gen der bip2014 so:

Das Thema

Das Bild ist Quelle von Ver­spre­chen. Auch wenn es lügt, zieht es uns wie ein Licht an und hyp­no­ti­siert uns. Wenn es Wahr­heit ver­kün­det, ent­hüllt es mehr als die Rea­li­tät und führt uns zum Bewusst­sein und Ver­ständ­nis einer Kom­ple­xi­tät, die über ihren Rahmen hin­aus­geht. Ver­wir­rend ist, dass das Bild gleich­zei­tig lügt und die Wahr­heit spricht. Seine Ver­füh­rungs- und Beweis­kraft gehen im guten wie im schlech­ten Sinne mit­ein­an­der einher. Aller­dings geht es nicht um das Spiel, her­aus­zu­fin­den, was „rich­tig oder falsch“ ist, son­dern im Gegen­teil darum, dieses Schwan­ken in unse­rem Ver­hält­nis zu Bil­dern und ihrer „Wahr­heit“ voll abzu­mes­sen. Eine Unschlüs­sig­keit, die uns an alles Mög­li­che glau­ben lässt, die unsere Auf­fas­sung oder Mei­nung zu einem Ereig­nis bestimmt und uns bewegt – auch des­we­gen, weil Trug­bil­der, ob sie ange­nehm oder grau­sam sind, ihre Kraft und Wirk­sam­keit aus unse­rer Sehn­sucht nach Illu­sion schöp­fen.
 

Fabrice Fouillet, Kirche am Hohenzollernplatz, Série/Reeks «Corpus Christi» (2012/2013)

Fabrice Fouil­let, Kirche am Hohen­zol­lern­platz, Série/Reeks «Corpus Christi» (2012/2013) – Berlin – Fritz Hoger – 1933
© Fabrice Fouil­let. Icones – Musée des Beaux-Arts de Liège (BAL)

 
Sehen und glau­ben sind die zwei Schlüs­sel­wör­ter der 9. Inter­na­tio­na­len Bien­nale der Foto­gra­fie und visu­el­len Künste Lüt­tich. Zwi­schen diesen beiden Wör­tern, zwi­schen Bild und Glaube, besteht unwei­ger­lich ein Zusam­men­hang, den die BIP2014 durch eine Aus­wahl an künst­le­ri­schen Arbei­ten hin­ter­fra­gen will. Doku­men­ta­ri­sche Sicht­wei­sen, Instal­la­tio­nen und bil­dende Kunst werden in einem eklek­ti­schen Pro­gramm ver­eint, in dem sowohl Mys­ti­fi­zie­rung als auch das Hei­lige, oft in gegen­sei­ti­ger Ver­knüp­fung, ihren Platz finden.
 

Matthieu Gafsou, Ordination

Mat­t­hieu Gafsou, Ordi­na­tion
Tirage pig­men­taire cont­re­collé sur alu­mi­nium
© Mat­t­hieu Gafsou. Mira­ges – Musée d’Ansembourg

 
Sehen und glau­ben sind zutiefst in der christ­li­chen Tra­di­tion ver­an­kert, und dieser kul­tu­relle Nähr­bo­den hat bis heute, ob man gläu­big ist oder nicht, Kon­se­quen­zen auf unser Ver­hält­nis zu Bil­dern. Trotz des Ver­bots des Zwei­ten Gebots in der Bibel (und im Gegen­satz zum dar­auf­fol­gen­den Juden­tum, und ebenso wie der Islam, der jeg­li­che Dar­stel­lung ver­ur­teilt), hat das Chris­ten­tum Bilder her­vor­ge­bracht, die den Status einer Ikone hatten und als solche im Got­tes­dienst dien­ten. Nichts­des­to­we­ni­ger zeigt die Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Bil­der­stür­mern und Bil­der­ver­eh­rern (im 8. und 9. Jahr­hun­dert), wenn es um Glau­ben an das Bild geht, dass nur ein schma­ler Grad zwi­schen eikon (die Ikone; hier ist das Bild ein Mittel mit sym­bo­li­schem Status, die undar­stell­bare Gott­heit zu errei­chen) und eîdo­lon ver­läuft (das Idol; hier wird die Abbil­dung selbst ver­ehrt, als ob sie die Gott­heit in Wirk­lich­keit und in der Rea­li­tät ver­kör­pern würde).
 

Jean-Claude Moschetti, Ouri, Série «Volta Noire», 2010

Jean-Claude Moschetti, Ouri, Série «Volta Noire», 2010
© Jean-Claude Moschetti. Icones – Musée des Beaux-Arts de Liège (BAL)

 
In unse­rer west­li­chen Kultur hat diese reli­giöse und meta­phy­si­sche Ver­an­ke­rung des Bildes im Laufe der Jahr­hun­derte eine Vor­stel­lungs­welt des durch Abdruck oder Über­tra­gung ent­ste­hen­den, „unge­mal­ten Bildes“ durch­ge­setzt, dessen uner­mess­li­che Kraft von der Foto­gra­fie, vom Film und ande­ren Mit­teln mecha­ni­scher Repro­duk­tion des Sicht­ba­ren gefolgt, offen­bart wurde. Daniel Gro­j­now­ski behaup­tet in seinem Buch „Foto­gra­fie und Glaube“, dass die Foto­gra­fie, „auch wenn sie aus einer Viel­zahl an sich stän­dig erneu­ern­den Ver­fah­ren her­vor­geht, in der Öffent­lich­keit einen gleich­blei­ben­den Status bei­be­hält: den einer wahr­haf­ti­gen ?Auf­nahme der Rea­li­tät.“ Er geht noch weiter, indem er hin­zu­fügt, dass „jede Foto­gra­fie christ­lich ist“ dadurch, dass sie nach Zustim­mung ver­langt.
 

Christian Lutz, Sans titre

Chris­tian Lutz, Sans titre
© Chris­tian Lutz – Idoles – La Cité Miroir

 
Auf der Grund­lage dieser schwer zu wider­ste­hen­den Anzie­hungs­kraft, benutzt Macht, ob klar iden­ti­fi­ziert oder eher nebu­lös, in mas­si­ver Weise die visu­elle Über­zeu­gungs­kraft, um unser bewuss­tes oder unbe­wuss­tes Ein­ver­ständ­nis zu gewin­nen. Der Bild­fa­na­tis­mus und die Auf­ein­an­der­folge seiner an Glau­ben gebun­de­nen Aus­wir­kun­gen nimmt heut­zu­tage ein noch nie erreich­tes Ausmaß an – viel­leicht als Kon­tra­punkt zu einer Gesell­schaft, die nach Ratio­na­li­tät strebt. Medien- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­dus­trie, reli­giö­ser und spi­ri­tu­el­ler Pro­se­ly­tis­mus aller Art, Mar­ke­ting und Wirt­schaft zählen zu den Akti­ons­be­rei­chen des Bildes, das inten­siv ein­ge­setzt wird, damit man ihm Glau­ben schenkt.

Die Des­il­lu­sio­nie­rung kann bitter sein. Trotz unse­rer Hoff­nun­gen gibt es keine Wunder. Das Bild kann sich als Chi­märe her­aus­stel­len, die vor allem unsere Anzie­hung zu Illu­sion und Lügen auf­zeigt. Das Para­dies ist ver­pi­xelt.

(Anne-Françoise Lesu­isse)
 

Yves Gellie, Human Version

Yves Gellie, Human Ver­sion
© Yves Gellie. Pre­sci­ence – Impri­me­rie Ray­mond Ver­vinckt

 
 
Philippe Chancel, DATAZONE

Phil­ippe Chan­cel, DATAZONE
© Phil­ippe Chan­cel – Aca­dé­mie Royale des Beaux-Arts