Foto Robert Lebeck, Konrad Adenauer, 4. Januar 1966Um die Zeit des Neuan­fangs und des Wirtschafts­wunders, und um den Alltag in der jungen bundes­deut­schen Republik vor allem kreist die Aachener Ausstellung „Aufbrüche – Bilder aus Deutschland. Fotografien aus der Sammlung Fricke“:

 
 
 
 
 

Foto Jürgen Hebestreit, Siedlung Brassert, Marl 1970

Jürgen Hebestreit, Siedlung Brassert, Marl 1970
© Jürgen Hebestreit

 
Presse­mit­teilung:

Aufbrüche
Bilder aus Deutschland

Fotografien aus der Sammlung Fricke

Das Suermondt-Ludwig-Museum Aachen zeigt vom 13. Juli bis 6. Oktober 2013 die Ausstellung „Aufbrüche – Bilder aus Deutschland. Fotografien aus der Sammlung Fricke“.

Die etwa 110 präsen­tierten Fotografien stammen aus der Privat­sammlung Dr. Chris­tiane Fricke und Karsten Fricke. Sie sind allesamt dem Thema Deutschland gewidmet. Es geht um die Zeit des Neuan­fangs in den Ruinen, des Wirtschafts­wunders, das Leben im zweige­teilten Berlin und den Alltag in der jungen bundes­deut­schen Republik. Auch das aufkei­mende politische Bewusstsein der Endsech­ziger und 1980er Jahre findet seinen Widerhall in den Exponaten, die mit dem histo­ri­schen Moment der Wieder­ver­ei­nigung abschließen.

Neben berühmten fotogra­fi­schen Wegbe­gleitern dieser Zeit wie Robert Lebeck oder Barbara Klemm ist René Burri als Beobachter von außen vertreten. Sibylle Bergemann und Arno Fischer waren nicht nur Vorreiter der DDR-Fotografie, sondern zählen ebenso zu den großen deutschen Fotografen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhun­derts.

Die Ausstellung stellt zudem Vertreter der jüngeren Fotografie vor, deren Sujets einen frischen Blick auf das Thema Deutschland werfen. Als Meilen­steine des Fotojour­na­lismus sind einige der gezeigten Werke im Bildge­dächtnis vieler Menschen verankert.

Es ist eine sehr persön­liche Zusam­men­schau des Sammler­ehe­paars Fricke und der Kuratorin Sylvia Böhmer, die 32 Fotografen und ihre Werke aus dem umfang­reichen Sammlungs­kon­volut ausge­wählt haben, das sich mit dieser Auswahl nun zum ersten Mal der Öffent­lichkeit präsen­tiert. Auch wenn die Fotografien ihren dokumen­ta­ri­schen Charakter nicht verleugnen, steht immer das authen­tische Einzelfoto im Fokus: das inhaltlich wie formal überzeu­gende Bild.
 

Foto Christian Borchert, Regenschauer am Nöldnerplatz I, Berlin 1971

Christian Borchert, Regen­schauer am Nöldner­platz I, Berlin 1971
© SLUB Dresden/Deutsche Fotothek

 
DIE AUSSTELLUNG

„Samstags­wäsche!“ ist das Thema einer Aufnahme, die die sorgfältige und liebe­volle Reinigung des ersten eigenen VW-Käfers im Hinterhof einer Indus­trie­ku­lisse zeigt. Mit Recht ist man stolz auf diesen Besitz. Sind es doch gerade erst ein paar Jahre, dass die Schutt­berge wegge­räumt wurden und die am Boden liegende Wirtschaft wieder in Gang gekommen war. Ein beschei­dener materi­eller Wohlstand macht sich bemerkbar in den Fotografien der 1950er Jahre. Die Zeit des Neuan­fangs in den Ruinen, des Wirtschafts­wunders, das Leben im zweige­teilten Berlin und der Alltag in der jungen bundes­deut­schen Republik: Es ist das fotojour­na­lis­tische Bild und die im weiteren Sinne dokumen­ta­rische Fotografie, die als Schwer­punkt der privaten Sammlung im Mittel­punkt der Ausstellung stehen.

NACHKRIEGSZEIT UND NEUBEGINN

Die frühesten Aufnahmen aus der Kriegs- und Nachkriegszeit berühren vor allem durch ihre stille Kraft. Das gilt besonders für Hermann Claasens Trümmer­bilder, die aufwühlend und zugleich ästhe­tisch sind. Auf René Burris Fotografie „Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, Berlin/West 1959“ ordnen sich die Trümmer der Kirche bereits dem unermüdlich voran­ge­trie­benen Wieder­aufbau unter: Vergan­genheit und Gegenwart im Dialog. Stefan Moses markiert mit seinem außer­ge­wöhnlich insze­nierten Bilder­zyklus „Deutsche“ einen Wende­punkt der Nachkriegs­fo­to­grafie. Ebenso wie Arno Fischer und Ursula Arnold gehört Christian Borchert zu den Wegbe­reitern der ostdeut­schen Fotografie, deren Bildern mitunter eine leicht melan­cho­lische Stimmung ausstrahlen. Und die subtile Bildsprache Sibylle Berge­manns weist weit über das Genre der Modefo­to­grafie in der DDR hinaus.
 

Foto Hermann Claasen, Kohlenklau ('Fringsen'), um 1946

Hermann Claasen, Kohlenklau (‘Fringsen’), um 1946
© LVR-Landes­Museum Bonn

 
VOM RUHRGEBIET BIS NACH BERLIN

Dem Ruhrgebiet widmet die Ausstellung ein vergleichs­weise umfang­reiches Kapitel. Hier gelingen Rudolf Holtappel, Walter Vogel und Jürgen Hebestreit meister­liche Bilder des Alltags­lebens inmitten einer von Ruß und Qualm geprägten Landschaft.

Das politische Deutschland der sechziger bis frühen achtziger Jahre spiegelt sich exempla­risch in den Aufnahmen von Robert Lebeck, Engelbert Reineke und Barbara Klemm. Alle drei waren mit Leib und Seele Presse­fo­to­grafen, Reineke im Dienst des Presse- und Infor­ma­ti­ons­amtes der Bundes­re­gierung, Barbara Klemm als Fotografin der Frank­furter Allge­meinen Zeitung, Robert Lebeck für den Stern.

Rudi Meisels symbol­trächtige Aufnahme vom S-Bahnhof Alexan­der­platz in Berlin entstand in der DDR während seiner Arbeit als Fotograf des Zeit-Magazins. Mit dem Blick auf das demokra­tische, zusam­men­wach­sende Deutschland schließt sich der Kreis. Den bezeich­nenden Schluss­akkord in dieser Ausstellung setzt Arno Fischers eupho­ri­sches Sylves­terbild 1989/90 am Branden­burger Tor. Das Gespür für den entschei­denden Augen­blick oder die durch­dachte Insze­nierung, der sensible Blick auf die leisen Zwischentöne oder der Moment der großen Gesten: Sie alle sind Teile einer Erzählung über Deutschland.
 

Foto Rudolf Holtappel, „Henkelmann“-Brücke, Oberhausen 1961

Rudolf Holtappel, „Henkelmann“-Brücke, Oberhausen 1961
© Rudolf Holtappel

 
DIE SAMMLER

Dr. Chris­tiane und Karsten Fricke haben in mehr als 40 Jahren eine bemer­kens­werte Fotografie-Sammlung zusam­men­ge­tragen. In der Kollektion sind Arbeiten von rund 120 Fotogra­fen­per­sön­lich­keiten vereint. Der Bildjour­na­lismus ist ein zentraler Schwer­punkt, der Mensch und das Porträt sind weitere wichtige Säulen dieser Fotosammlung. Das Thema „die Deutschen“ – darge­stellt von Fotografen in Ost wie West von den 1920er- bis in die 1990er-Jahre – ist mit großen Namen vertreten. Zur Sammlung gehören ebenso Sach- und Landschafts­auf­nahmen, darunter exempla­rische Arbeiten der subjek­tiven Fotografie. Chris­tiane und Karsten Fricke sind dem Museum seit Jahren verbunden, allein schon durch ihr stetiges Interesse an der Ausstel­lungs­tä­tigkeit des Hauses. Für das Suermondt-Ludwig-Museum ist es ein Glück und eine große Ehre, die Sammlung Fricke mit ihren fotogra­fi­schen Preziosen nun als Dauer­leihgabe zu erhalten.

DIE KURATORIN

Die Ausstellung wird kuratiert von Sylvia Böhmer, Suermondt-Ludwig-Museum Aachen. In den vergan­genen Jahren zeichnete sie unter anderem für Fotografie-Ausstel­lungen zu Sabine Weiss (2011), Dirk Reinartz (2010), Roger Melis (2009), Arthur Leipzig (2008), Werner Bischof (2007) und Willy Ronis (2004) verant­wortlich und baute die Fotografie-Sammlung des Museums auf.
 

Foto Stefan Moses, Straßenkehrer, Berlin 1963

Stefan Moses, Straßen­kehrer, Berlin 1963
© Stefan Moses

 
DIE FOTOGRAFEN

Ursula Arnold (1929 Gera – Berlin 2012) Sibylle Bergemann (1941 Berlin – Berlin 2010) Christian Borchert (1942 Dresden – Berlin 2000) René Burri (1933 Zürich – lebt in Paris) Jewgeni Chaldej (1917 Jusowka/Ukraine – Moskau 1997) Charges­heimer (1924 Köln – Köln 1972) Hermann Claasen (1899 Köln – Köln 1987) Arno Fischer (1927 Berlin – Berlin 2011) Leonard Freed (1929 New York – Garrison N.Y. 2006) Christian Günther (1960 Leipzig – lebt in Leipzig) Jürgen Hebestreit (1946 Sechtem bei Bonn – lebt in Rösrath) Werner Hiebel (1940 Friedland/Böhmen – lebt in Garching) Rudolf Holtappel (1923 Münster – lebt in Oberhausen) Barbara Klemm (1939 Münster – lebt in Frankfurt/M.) Lutz Knauth (1960 Leipzig – lebt in Leipzig) Robert Lebeck (1929 Berlin – lebt in Berlin) Will McBride (1931 St. Louis/USA – lebt in Berlin) Rudi Meisel (1949 Wilhelms­haven – lebt in Berlin) Ibo Minssen (1936 Köln – lebt in Köln) Stefan Moses (1928 Liegnitz/Schlesien – lebt in München) Simon Müller/BPA Hilmar Pabel (1910 Rawitsch/Schlesien – Alpen bei Wesel 2000) Helga Paris (1938 Gollnow/Pommern – lebt in Berlin) Richard Peter sen. (1895 Schlesien – Dresden 1977) Engelbert Reineke (1939 Lüding­hausen – lebt in Bonn) Toni Schneiders (1920 Urbar/Koblenz – Lindau 2006) Gert Schütz/BPA (1914 – Berlin 1987) Hans Martin Sewcz (1955 Halle/Saale – lebt in Berlin) Wolf Strache (1909 Greifswald – Stuttgart 2001) Axel Thünker (1958 Erftstadt-Gymnich – lebt in Bad Münster­eifel) Walter Vogel (1932 Düsseldorf – lebt in Düsseldorf) Eusebius Wirdeier (1950 Dormagen – lebt in Köln)

 

Foto Robert Lebeck, Konrad Adenauer, 4. Januar 1966

Robert Lebeck, Konrad Adenauer, 4. Januar 1966
© Robert Lebeck

 
Ausstellung:
Aufbrüche – Bilder aus Deutschland
Fotografien aus der Sammlung Fricke
13. Juli bis 6. Oktober 2013

Suermondt-Ludwig-Museum
Wilhelm­straße 18
52070 Aachen

Katalogbuch:
Zur Ausstellung ist die Publi­kation „Aufbrüche – Bilder aus Deutschland. Fotografien aus der Sammlung Fricke“, Aachen 2013, erschienen. Preis: 22 Euro. Bestellung unter Telefon +49 (0)241–47980-30, Fax (0)241–37075 und info@suermondt-ludwig-museum.de
 

(thoMas)