Einst das Standard-Aufnah­me­format, ist das Klein­bild­format mit dem Aufkommen der elektro­nischen Bildauf­zeichnung eine Seltenheit geworden. Die einen meinen, dass die Sensorgröße heute dank moderner Techno­logien für die Bildqualität und –gestaltung keine Rolle mehr spiele. Andere verneinen dies und berufen sich dabei auf Euklid und eigene Erfah­rungen. Doch wer hat recht? Ein Beitrag zu den Hinter­gründen der Foto-Formate:

 
 
 

Foto Randolf Butzbach

Rose in der Morgensonne auf Leica-Format.

 
Das Leica-Format

Als Oskar Barnack, begeis­terter Natur­fo­tograf und Chefkon­strukteur bei Ernst Leitz in Wetzlar, seinerzeit 1911 seine 13x18-cm-Großfor­mat­kamera zu unhandlich wurde, um sie durch die Landschaft zu tragen, baute er sich eine kompakte Kamera „für immer dabei“, wie man heute sagen würde: Die Leitz-Camera, kurz: LEICA. Als Aufnah­me­medium wählte er den Kinofilm, zunächst angeblich mit dem Film-Bildformat von 18x24 mm. Dabei zeigte sich, dass die Ergebnisse nicht wirklich zufrie­den­stellend waren. Sicherlich lag das auch an der damaligen Qualität des Filmma­terials.

Eine viel gewich­tigere Einschränkung war aber das Verhältnis von Vorder- zu Hintergrund, das von Bilddia­gonale, daraus resul­tie­render Brennweite und Blenden­öffnung bestimmt wird: Je länger die Bilddia­gonale, desto länger muss die Brennweite sein, um den gleichen Bildwinkel zu ergeben. Je länger jedoch die Brennweite ist, desto kleiner wird wiederum die Schärf­entiefe bei gleicher Blende. Und je kleiner die Schärf­entiefe, desto mehr tritt der Hintergrund in den Hintergrund und das Hauptmotiv hervor.
 


Leica Ia

(Klick aufs Bild!)

 
Als Oskar Barnack dann das Kinoformat auf 24x36 mm verdoppelt hat, hat er nicht nur die Aufnah­me­qualität verbessert, sondern auch (wohl ungewollt) eine Art „Goldenen Schnitt“ getroffen: Die resul­tie­renden Brenn­weiten liefern bereits in Verbindung mit nur einigermaßen licht­starken Blenden­öffnung von 2,8–5,6 ein sehr harmo­nisches Verhältnis von Vorder- zu Hintergrund. Es sind keine extrem licht­starken Optiken nötig (die nur eine sehr einge­schränkte Abbil­dungs­leistung bringen), wie sie bei kleineren Formaten, also kürzeren Brenn­weiten, nötig wären, um den Hintergrund verschwimmen zu lassen. Noch bedarf es extrem kleiner und licht­schwacher Blenden­öff­nungen, mit den verbundenen langen Belich­tungs­zeiten, wie sie z.B. beim Großformat nötig sind, um überhaupt etwas scharf zu bekommen (Abhilfe schaffte dann die Anpassung der Bildebene an die (liegende) Objektebene nach Scheimpflug. Aber das ist eine andere Geschichte.).

Dieses harmo­nische Verhältnis aus Handlichkeit, Licht­stärke der Optiken und Freistel­lungs­mög­lich­keiten war es, was den weltweiten Siegeszug des sogenannten „Leica-Formats“ – später allgemein bekannt als „Kleinbild“, oder von Nikon im Digitalen „FX-Format“ getauft – begründet hat: Bei kleineren Bilddia­gonalen (und damit Aufnah­me­formaten) leidet die Bildqualität, bei größeren Bilddia­gonalen werden die resul­tie­renden Brenn­weiten schnell unhandlich.

Alle Versuche, andere Bildformate zu etablieren, waren bislang nur von kurzer Dauer: Der Pocketfilm (Aufnah­me­format 13x17 mm) ist ebenso verschwunden wie der Mittel­format-Rollfilm (Nennformat 4,5x6 bis 6x9 cm) im Breitenmarkt. Auch die freie Formatwahl beim „Advanced Photo System“ (APS; Aufnah­me­format ca. 17x30 mm) konnte nie richtig Fuß fassen – trotz aller Zusatz­funk­tio­nalität und trotz der Fortschritte in der Qualität des Filmma­terials 85 Jahre nach der Ur-Leica. Da das kleinere APS-Format statt einer Verbes­serung eine Verschlech­terung der Bildqualität ergab, war der damalige Tenor: „Was soll das?“

Film und Sensor

Mit dem Aufkommen der ersten Bildsensoren trat die Bildge­staltung erstmal in den den Hintergrund. Es war ähnlich wie mit dem sprechenden Hund: Was er spricht, ist nicht so wichtig. Viel wichtiger ist, dass er überhaupt spricht.

Die erste elektro­nische Kamera, die ich in der Hand gehalten hatte, hatte eine Auflösung von 320x200 Pixeln. Ein Jahr später hatte ein Kollege sich dann eine Canon PowerShot A50 gekauft – mit bereits 1280x960 Pixeln. Meine Nikon CoolPix E950 (Werbe­slogan: „Digital Maximum“) hatte ein paar Monate später dann schon 1600x1200 Pixel. Sicher, damit waren noch keine Poster druckbar. Sie war aber handlich und leistete zur spontanen Dokumen­tation und auf Partys wertvolle Dienste. Es sind Bilder entstanden, die das Leben vereinfacht haben und die mit Film nie entstanden wären: Hat man sich vorher allein auf eine Skizze zur Dokumen­tation verlassen müssen, auf der man vermeintlich unwichtige Details nicht festge­halten hat, war es jetzt dank des zusätz­lichen Fotos möglich, vergessene Details gegebe­nenfalls nachträglich zu rekon­struieren – und zwar ohne warten zu müssen, bis der Film voll und entwickelt war. Auch konnte man dank des sofort verfügbaren Fotos die Kollegen am anderen Ende der Welt direkt und bildlich fragen, was jeweils mindestens tausend Worte ersparte. Von der Bequem­lichkeit, mit der es jetzt möglich war, Partyfotos zu verteilen, ganz zu schweigen.

Erst als es technisch möglich wurde, Sensoren mit 6–8 Megapixeln zu bauen, wurde es wieder inter­essant, über Bildge­staltung und damit Aufnah­me­formate nachzu­denken. Doch damit traten zwei Probleme auf: Die Struktur des Sensors und die Abbil­dungs­leistung der Objektive. Bei Film kann die Dicke der licht­emp­find­lichen Schicht praktisch vernach­lässigt werden; Film kann als zweidi­men­sionale Fläche angesehen werden. Damit ist es quasi unerheblich, unter welchem Winkel das Licht vom Objektiv auf den Sensor fällt: Das Licht konnte auch sehr flach auf den Film fallen, was es erlaubte, sehr kompakte Kameras wie zum Beispiel die Rollei 35 oder die Minox 35 GT zu bauen.

Im Gegensatz dazu hat ein Sensor eine dreidi­men­sionale Struktur. Die licht­emp­findliche „Schicht“ besteht dabei aus „Röhrchen“, in die das Licht möglichst senkrecht einfallen muss. Fällt es schräg auf die Oberfläche, wird es abgeschattet und nur anteilig regis­triert. Je weiter nun ein Pixel vom Bildzentrum entfernt liegt, desto flacher fällt das Licht naturgemäß ein – und desto weniger kommt davon im Inneren des licht­emp­find­lichen Röhrchens an.

Um diesen Effekt abzumildern, werden vor dem Röhrchen Mikro­linsen angebracht, die das Licht vom Objektiv in das Innere des Pixels lenken sollen. Da aber das Licht aus jedem Objektiv unter einem anderen Winkel auf den Sensor trifft, ist dies in der Regel nur eine Hilfs­lösung. Nur bei Kameras mit fest verbautem Objektiv, wie z.B. Fujifilms X100, können die Mikro­linsen exakt auf das Objektiv angepasst werden, was es wiederum erlaubt, das Objektiv näher an den Sensor zu rücken. Dies funktioniert aber nur mit Festbrenn­weiten und auch nur, wenn sie nicht gewechselt werden können.

Objektive für Digital­kameras

Eine weitere Schwie­rigkeit entsteht durch die Art, wie wir uns heute Bilder ansehen: Wurden zu Filmzeiten die Bilder standardmäßig auf 10x15 cm vergrößert, und nur in seltenen Ausnahmen auch mal auf 40x60 cm, werden Bilder heute bei 400 % Vergrö­ßerung am Monitor inspiziert – was bei nur 12 Megapixeln bereits einer Vergrö­ßerung auf 3x4 Meter, also Plakatwand, entspricht. Dabei beträgt der Betrach­tungs­abstand aber nicht die für Plakatwände üblichen 4 oder mehr Meter, sondern nur 40 cm.

Pixel­peeping“ ist zum Volkssport geworden: Jedes Feld-Wald-und-Wiesen-Objektiv für den Breitenmarkt wird jetzt danach beurteilt, wie es sich in (für die Praxis meist irrele­vanten) Extrem­si­tua­tionen verhält. Dabei zählt oft, unter Ignoranz aller physi­ka­lischer Grenzen, nur das perfekte Pixel. Das Bild an sich ist für viele zweit­rangig geworden. Jüngst las ich einen „Testbericht“, in dem moniert wurde, dass eine Hochleis­tungsoptik in den letzten 1–2 % des KB-Bildkreises (also in den äußersten Ecken des Bildes) ganz leicht verzeichnet, was zur Abwertung führte. Wohlgemerkt: Diese Verzeichnung war nur sichtbar in der 100-%-Ansicht, und auch nur, wenn man gezielt danach suchte.

Nun wird es aber um so schwieriger und aufwendiger – und damit kostspieliger – eine extrem hohe Abbil­dungs­leistung über den gesamten Bildkreis zu erhalten, je größer dieser Bildkreis ist. Waren früher „normale“ Menschen glücklich mit einem scharfen Bild auf 10x15 cm, so stellen sie heute Ansprüche, die jenseits dessen sind, was physi­kalisch-technisch mit einem für sie vertretbarem finan­ziellen Aufwand erreichbar ist. Was also tun?

Eine Möglichkeit, die Kosten trotzdem für ein breiteres Publikum bezahlbar zu halten, besteht darin, den Bildkreis zu verkleinern: Je kleiner der Bildkreis, desto einfacher ist es, eine hohe Abbil­dungs­qualität zu erreichen. Natürlich muss ein Objektiv für einen kleineren Sensor bei gleicher Pixel­anzahl eine höhere Auflösung bringen – allerdings nur über einen kleinen Bereich in der Bildmitte, was, wie gesagt, sehr viel einfacher erreichbar ist, als eine etwas niedrigere Auflösung über einen größeren Bildkreis. Daher ist es zum Beispiel möglich, für 400–500 Euro Kameras mit Kleinst­sensoren zu bauen, die gestochen scharfe 2 µm Auflösung bzw. 10 Megapixel abliefern.

Eine zweite Möglichkeit besteht darin, die Licht­stärke der Objektive zu begrenzen: Zwar bedarf es eines großen Blenden­durch­messers, um die Auflö­sungs­be­grenzung durch Beugung klein zu halten. Je größer allerdings der Linsen­durch­messer im Vergleich zum Krümmungs­radius ist, desto mehr weicht die Linsenform (meist sphärisch) von der Idealform ab und desto mehr verzeichnet sie. Von daher erreichen Objektive ihre maximale Abbil­dungs­leistung norma­lerweise bei Blenden­öff­nungen im Bereich 5,6 bis 11. Bei größeren Blenden­öff­nungen verschlechtert die Abweichung der Linsenform von der perfekten Form die Abbil­dungs­leistung. Wird die Blenden­öffnung kleiner, begrenzt die Beugung die Auflösung. Deshalb haben günstige Objektive oft nur eine Licht­stärke im Bereich 3,5–5,6: Es ist ein einfaches Mittel, die Sicht­barkeit von physi­kalisch bedingten Linsen„fehlern“ „zu verbieten“ und somit die benötigte Auflösung zu einem günstigen Preis zu erreichen. Da die Licht­stärke ein Maß für den Durch­messer der Linse bzw. des Objektivs ist, freut sich der gemeine Kamera­käufer dank der geringeren Licht­stärke auch über die Kompaktheit des Objektivs.

Umgekehrt gilt die Logik natürlich auch: Je licht­stärker ein Objektiv ist, desto größer und schwerer ist es, und die Abbil­dungs­fehler der Linse (bei Offen­blende) lassen das Bild weich erscheinen. Um letztere in Grenzen zu halten, ist ein entsprechend hoher Aufwand nötig, der die Kosten in die Höhe treibt. Dafür bieten die hohen Licht­stärken eine gestal­te­rische Freiheit in der Bildaussage, die jenseits allen Pixel­pe­epings liegt, wie wir gleich sehen werden.

Inter­es­san­terweise wird aber allgemein das kompaktere Objektiv nicht als Folge der geringeren Licht­stärke, sondern des kleineren Sensors angesehen. Dabei hat der Durch­messer des Objektivs nur indirekt über die Brennweite mit der Sensorgröße zu tun, da die Licht­stärke definiert ist als Brennweite geteilt durch Linsen­durch­messer. Ein Objektiv (Festbrennweite, keine Retro­fo­kus­bauweise) mit 85 mm Brennweite und einer Licht­stärke von f/1,4 hat somit einen Front­lin­sen­durch­messer von 85/1,4=61 mm und ein 200-mm-Objektiv mit f/2,8 einen Durch­messer von 71 mm. Und so weiter. Und zwar ganz unabhängig davon, wie groß die Sensor­fläche ist.

Dagegen macht es jedoch einen Unter­schied für die Baugröße des Objektivs, ob zwischen Objektiv und Film/Sensor ein Spiegel verbaut ist oder nicht: Der Abstand von hinterer Linse zum Sensor ist u.a. durch die bildseitige Brennweite des Objektivs gegeben. Dieser Abstand bräuchte uns hier nicht weiter zu inter­es­sieren, wenn zwischen der äußersten hinteren Linsen­fläche bei Unendlich und der Bildebene („Schnittweite“) bei Spiegel­re­flex­kameras nicht noch ein Spiegel passen müsste. Bei längeren Brenn­weiten ist das sicher kein Problem, diese 40–50 mm Schnittweite zu überbrücken. Was aber bei kurzen Brenn­weiten? In diesem Fall muss die hintere Brennweite des Objektivs entsprechend der Schnittweite „unnatürlich“ verlängert werden, damit das Bild die Distanz des Spiegels überbrückt und wieder in der Filmebene entsteht.

Derlei Objektive werden als Retrofokus-Objektive bezeichnet. Vereinfacht ausge­drückt handelt es sich dabei um normale länger­brenn­weitige Objektive mit vorge­schalteter Zerstreu­ungslinse. Das vermeintliche 18-mm-Objektiv ist also in Wirklichkeit quasi ein 50-mm-Objektiv mit entsprechend starker Zerstreu­ungslinse davor. Da nun der Durch­messer einer Linse als Verhältnis von Brennweite zu Licht­stärke gegeben ist, ist aufgrund der benötigten längeren (hinteren) Brennweite auch der Durch­messer des Objektivs größer als er bei der effektiven Brennweite (also der, die auf dem Objektiv angegeben ist) „natür­li­cherweise“ sein müsste.
 

Zweimal das Summilux 1,4/35 mm: links in der R-Variante, rechts in M-Ausführung

Zweimal das Summilux 1,4/35 mm: links in der R-Variante, rechts in M-Ausführung
Abbildung im annähernd gleichen Maßstab

 
Dieser Effekt lässt sich sehr schön an Leicas Weitwin­kel­ob­jektiven für die „R“ (Spiegel­reflex) und die „M“ (Messsucher) beobachten: Bei gleicher Licht­stärke und Brennweite sind letztere wesentlich kompakter als erstere – obwohl beide für das Klein­bild­format gerechnet sind.

Hier sind also spiegellose Kameras im Prinzip im Vorteil. Da jedoch durch die kürzere Schnittweite die Strahlen flacher auf den Sensor fallen, wird sich wohl mancher Optik­de­signer überlegen, die Schnittweite lieber „künstlich“ größer zu halten, um einen steileren Einfall des Lichts auf dem Sensor zu ermög­lichen.

Äquivalente Brennweite und Blende

Bei der Vielzahl der heute verwendeten Sensor­größen wird neben der tatsäch­lichen Brennweite des Objektivs in der Regel zur Orien­tierung (auch) die Brennweite angegeben, die beim Kleinbild den selben Bildwinkel ergeben würde („äquivalente Brennweite“). Also: Welche Brennweite bräuchte man beim Kleinbild, um denselben Bildwinkel in der Bilddia­gonalen zu erhalten? Die Rechnung entspricht dabei einfach dem Verhältnis der Längen der Bilddia­gonalen. Wenn wir also z.B. ein 50-mm-Objektiv an einer Micro­FourThirds-Kamera (MFT; Bilddia­gonale 21,6 mm statt 43,3 mm bei Kleinbild) anbringen, dann erhalten wir denselben Bildwinkel (Motiv­aus­schnitt), den wir mit einem 100-mm-Objektiv auf dem Klein­bildfilm erhalten würden. Oder umgekehrt: Wenn wir ein 14-mm-Objektiv an eine MFT-Kamera anschließen, erhalten wir denselben Bildwinkel, den wir beim Kleinbild bei 28 mm Brennweite erhalten würden.

Auch wenn der Begriff „äquivalente Brennweite“ suggeriert, dass alles beim alten bleibt – nur kleiner und handlicher, ist es extrem wichtig, sich bewusst zu sein, dass es sich nicht um eine tatsächliche Änderung der Brennweite handelt, sondern lediglich um eine Ausschnitt-Änderung des Bildes!

Ein 50-mm-Objektiv bleibt ein 50-mm-Objektiv.

Der kleinere Sensor zeichnet nur einen kleineren Ausschnitt („crop“ auf Neudeutsch) aus dem Bildkreis auf. Aber die physi­ka­lischen Gesetz­mä­ßig­keiten, die mit dem 50-mm-Objektiv verbunden sind, ändern sich dadurch nicht! Das Gleiche gilt natürlich auch für das 14-mm-Objektiv: Es hat alle Eigen­schaften eines 14-mm-Objektivs, egal, ob es an einer MFT- oder KB-Kamera angeschlossen ist.

Was dagegen norma­lerweise verschwiegen wird, ist die „äquivalente Blende“. Zwar ändert sich – wie bei der Brennweite – nichts an der Blende selber, nur weil der Sensor hinten dran ein Stück kleiner geraten ist. Es ändert sich auch nichts an der Belichtung und man mag zur Tages­ordnung übergehen.

Aber: Um den Ausschnitt des kleineren Sensors zu kompen­sieren, besteht zum einen die Möglichkeit, den Abstand zum Motiv zu verändern und zum anderen die Brennweite real zu ändern. In beiden Fällen liefert der gleiche Blendenwert eine unter­schiedliche Bildwirkung. Wenn wir zum Beispiel an einer MFT-Kamera den gleichen Bildwinkel erhalten möchten wie bei einem 90-mm-Objektiv an einer KB-Kamera, müssen wir ein Objektiv mit 45 mm Brennweite nehmen. Auch wenn beide Objektive auf Blende 2,8 einge­stellt sind, entspricht die Bildwirkung von Blende 2,8 bei 45 mm einer Blende 5,6 bei dem 90-mm-Objektiv.

Wenn wir dagegen das 90-mm-Objektiv bei Blende 2,8 an die MFT-Kamera anschließen, haben wir zunächst dieselbe Bildwirkung (Perspektive, Schärf­entiefe), als ob das 90-mm-Objektiv an die KB-Kamera angeschlossen wäre. Allerdings sehen wir nur den Ausschnitt, den wir bei 180 mm auf KB sehen würden. Um den Unter­schied auszu­gleichen und wieder dasselbe Bildfeld zu erhalten, müssen wir den Abstand zum Motiv verdoppeln, also z.B. auf 4 m statt 2 m, und wieder scharf­stellen. Nun hat die Blende 2,8 bei einer Entfer­nungs­ein­stellung von 4 m aber eine ganz andere Bildwirkung als bei 2 m – nämlich grade so, wie Blende 5,6 bei 2 m.
 

Foto

Tabelle 1: Aufnah­me­formate und Ausschnitts­faktoren. Die in der Tabelle angegebenen Werte für äquivalente Brennweite und Blende beziehen sich darauf, welche Brennweite und Blende den gleichen Bildwinkel bzw. Schärf­entiefe wie auf Kleinbild ergibt. Grau hinterlegte Werte (< f/1,4) sind norma­lerweise nicht zugänglich. Beispiele für die rot hervor­ge­hobenen Werte finden sich hier im Text.

 
Sensor-Produk­ti­ons­kosten

Ein Grund für kleine Sensoren liegt in den Produk­ti­ons­kosten des Sensors begründet. Je größer der Sensor, desto weniger Sensoren passen auf einen Wafer, können also parallel produziert werden. D.h, bei doppelter Sensorgröße müssen für die gleiche Anzahl Sensoren doppelt so viele Wafer verar­beitet werden – was die Produk­ti­ons­kosten verdoppelt.

Nun ist es zudem so, dass bei der Produktion auch immer mal wieder ein Fehler auf einem Sensor auftritt. Bei einer Verdop­pelung der Sensorgröße steigt gleich­zeitig die Wahrschein­lichkeit, dass es einen bestimmten Sensor triff, auf das Doppelte: Tritt zum Beispiel bei einem großen Sensor ein Defekt auf einer Hälfte des Sensors auf, ist der gesamte Sensor Ausschuss. Wäre dieselbe Wafer-Fläche von zwei Sensoren besetzt, könnte der Sensor, der sich auf der Nicht-Defekten „Hälfte“ befindet, (noch) verwendet werden. Der statis­tische Ausschuss verdoppelt sich also bei einem doppelt so großen Sensor.

Somit steigt der Preis (mindestens) mit dem Quadrat der Größe des Sensors. Oder andersrum: Ein MFT-Sensor, der nur 1/4 der Fläche eines „Vollfor­mat­sensors“ hat, kostet grade mal ein 1/16 des Preises eines Kleinbild-Sensors.

Ein weiterer, vielleicht der wichtigste, Kostenpunkt betrifft natürlich die Stück­zahlen, durch die die Entwicklungs- und Einrich­tungs­kosten geteilt werden müssen. Da das digitale Kleinbild-Vollformat (noch) ein Nischenmarkt ist, sind die Stück­zahlen niedrig, die Kosten hoch.

Vorteile von kleinen Sensoren

Zusam­men­gefasst ergeben sich somit folgende Vorteile für kleine Sensoren:

• Geringere Sensor-Produk­ti­ons­kosten
• Einfachere optisch-technische Anbindung an (vorhandene) Objektive
• Günstigere Objektive aufgrund des kleineren Bildkreises
• Alte Objektive, die an den Bildrändern eine für digitale Verhältnisse unzurei­chende Abbil­dungs­leistung bringen, können in der Mitte noch durchaus brauchbar sein

All dies sind gewichtige technische Gründe und Kosten­ar­gumente, die für kleinere Sensoren sprechen. Das Stichwort Bildqualität ist dabei jedoch außen vor geblieben.

Sensorgröße und Kameragröße

Wie bereits oben erwähnt, gab es zu Filmzeiten sehr kompakte und handliche Klein­bild­kameras wie z.B. die Rollei 35 oder die Minox 35 GT. Auch gab es sehr handliche Spiegel­re­flex­kameras. Diese Beispiele zeigen bereits, dass die Baugröße der Kamera nicht ausschließlich vom Aufnah­me­format abhängt. Auch ist die Baugröße der Objektive nur indirekt abhängig vom Aufnah­me­medium, wie ich an Leicas R- und M-Objektiven ja bereits beispielhaft aufgezeigt habe: Obwohl beide für das Kleinbild gebaut und in identischen Brenn­weiten und Licht­stärken erhältlich sind, sind letztere aufgrund der kürzeren Schnittweite wesentlich kompakter.

Die Ursache dafür, dass digitale Spiegel­re­flex­kameras volumiger gebaut sind als „analoge“, ist vor allem darin begründet, dass der Sensor ein paar Millimeter dick ist, und zudem noch auf einer Platine sitzt. Hinter dem Sensor ist dann zusätzlich noch das Display angebracht, ebenfalls einige Millimeter dick. Am Abstand Bajonett-Sensor hat sich dagegen bei Vollformat wie bei APS-C nichts gegenüber der klassischen Spiegel­reflex geändert: Die alten („kompakten“) Objektive passen weiterhin an die neuen Kameras – unabhängig von der Sensorgröße.

Was Vollfor­mat­kameras so volumig macht, ist eher in der Praxis begründet: Kaum jemand wird auf den Gedanken kommen, an ein teures Gehäuse mit hochauf­lö­sendem Sensor ein kleines licht­schwaches Plastik-Objektiv anzuschließen. Die Objektive der Wahl sind i.d.R. lichtstark und aus Metall und Glas gebaut. Damit bringt ein Objektiv schnell mehr als ein Kilogramm auf die Waage. An einem zierlichen Gehäuse reißt das Objektiv dem Fotografen schnell die Kamera aus der Hand. Statt­dessen ist ein zusätz­licher Batte­riegriff als Handbal­len­stütze höchst willkommen. Nicht zuletzt verlagert der Griff auch den Schwerpunkt mehr in Richtung Kamera – was ebenfalls zur Entlastung der Hand beträgt: Das vermeintlich unhand­lichere Gehäuse wird so zur handli­cheren Kamera.

Morgen dann geht’s hier weiter im Text, bzw. im Bild. Dann möchte ich Ihnen anhand von Vergleichs­auf­nahmen zeigen, wie sich das soeben theoretisch Formu­lierte in der fotogra­fischen Praxis darstellt. Hier schon mal ein Vorge­schmack:
 

Fotos Randolf Butzbach

 
Was es damit auf sich hat, dazu morgen ab 12:00 Uhr mehr: Bildgestaltung: Eine Frage des Formats - Teil II.

(Randolf Butzbach)
 
 
Siehe auch:
Bildsensor und Bildgestaltung
Begrenzung der Auflösung durch Beugung