FotoDas fotografische Recherche- und Dokumentationsprojekt „Corpi di Reato“ (Beweisstücke) widmet sich der Macht der Mafia in Italien:

Die Reiss-Engelhorn-Museen informieren:

Tommaso Bonaventura, Alessandro Imbriaco, Fabio Severo

TAT / ORT
(Un)heimliche Spuren der Mafia

Vom 27. April bis zum 20. Juli 2014 präsentiert ZEPHYR – Raum für Fotografie die Ausstellung „TAT / ORT. (Un)heimliche Spuren der Mafia“ in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen. Die Schau zeigt erstmals außerhalb Italiens rund 50 Arbeiten der Fotografen Tommaso Bonaventura und Alessandro Imbriaco. Darunter zahlreiche Werke, die erst wenige Wochen vor Ausstellungsbeginn entstanden und nun zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert werden. Zusammen mit Kurator Fabio Severo verfolgen die beiden Fotografen akribisch die Spuren der Mafia in Italien und halten diese in alltäglich anmutenden, teils nüchternen, teils idyllisch wirkenden Aufnahmen fest. Die Fotografien spiegeln in aller Einfachheit das Wesen der heutigen italienischen Mafia wider: unsichtbar anwesend zu sein.

Die Ausstellung vereint meist großformatige Landschafts- und Stadtaufnahmen, aber auch Bilder von Innenräumen wie Gerichtssälen, Wohnungen und Büros sowie von Beweisgegenständen, Autowracks, Erpressungsschreiben und Gedenkstätten. So spinnen die Fotografen ein Netz aus Orten, die mit einschlägigen mafiösen Geschehnissen verbunden sind. Dabei sind die Verbrechen nicht auf den Bildern zu sehen, genauso wenig wie die Mafia in Italien in Erscheinung tritt. Präzise und analytische Texte begleiten die Aufnahmen und ermöglichen es dem Betrachter, ihre unsichtbare Sprengkraft zu erkennen.
 

Ortsteil Montagna dei Cavalli, Corleone, Provinz Palermo, 2012

Nach 43 Jahren im Untergrund wurde Bernardo Provenzano am 11. April 2006 in einem Bauernhaus im Ortsteil Montagna dei Cavalli, 3 km außerhalb von Corleone, festgenommen. Deswegen wurde die Straße, die durch den Ortsteil führt, umbenannt in Via 11 Aprile 2006.

Ortsteil Montagna dei Cavalli, Corleone, Provinz Palermo, 2012
50 x 35 cm; Inkjet-Print
© Tommaso Bonaventura, Alessandro Imbriaco
 
 
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Regi Lagni ist ein dichtes Netz von Kanälen, das sich über eine Fläche von mehr als 1000 km2, vornehmlich in den Provinzen Neapel und Caserta erstreckt. Im 17. Jahrhundert von den Bourbonen als Bewässerungssystem, das das Wasser des Einzugsgebiets sammelte, angelegt, ist es durch die Konnivenz zwischen Camorra und öffentlicher Verwaltung zu einem Sammelsystem verseuchten Wassers geworden, welches illegal in die Kanäle eingeleitet wird.

Regi-Lagni-Mündung, Castel Volturno, Provinz Caserta, 2012
50 x 35 cm; Inkjet-Print
© Tommaso Bonaventura, Alessandro Imbriaco
 
 
Drohbrief, Lazzaro, Provinz Reggio Calabria, 2012

Filippo Cogliandro ist Chef des Restaurants „L’Accademia”, das an der Küstenpromenade von Lazzaro liegt. 2008 erstattete er wegen erpresserischer Forderungen, die Mitglieder des kalabrischen Clans der Barreca gegen ihn aussprachen, Anzeige und trug so zur Verhaftung zweier Vertreter dieser Mafiafamilie bei. „Pass auf, Gehörnter! Schweine leben nicht lang“, so eine Passage aus den zahlreichen Drohbriefen, die Cogliandro in seinem Restaurant erhielt.

Drohbrief, Lazzaro, Provinz Reggio Calabria, 2012
50 x 50 cm; Inkjet-Print
© Tommaso Bonaventura, Alessandro Imbriaco
 
 
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Das 1956 gegründete Lokal galt lange als Inbegriff des römischen Dolce Vita. Es wurde konfisziert, als Ermittlungen der Finanzpolizei und der Carabinieri der ROS (Sondereinheit zum Kampf gegen die Organisierte Kriminalität) Verflechtungen mit dem Eigentum der ‚Ndrangheta-Familie Alvaro aufdeckten. Das Lokal wurde dann 2011 unter Leitung der „Nationalen Agentur zur Verwaltung und Bestimmung konfiszierter Güter“ wieder eröffnet.

Café de Paris, Via Veneto, Rom, 2013
160 x 120 cm; Inkjet-Print
© Tommaso Bonaventura, Alessandro Imbriaco
 
 
Sitzungssaal des Gemeinderats von Marcianise, Provinz Caserta, 2008

Seit 1991, als das Gesetz zur Bekämpfung der Mafia in Gemeindeverwaltungen verabschiedet wurde, gab es in Italien mehr als 200 Gemeinden, die wegen mafiöser Infiltration unter kommissarische Leitung gestellt wurden. Seit 2012 werden auch aus norditalienischen Gemeinden Fälle von Mafia-Infiltration gemeldet. Die ersten Gemeinden, die dort unter kommissarische Leitung gestellt wurden, waren Ventimiglia und Bordighera in Ligurien sowie Leinì in Piemont.

Sitzungssaal des Gemeinderats von Marcianise, Provinz Caserta, 2008
50 x 35 cm; Inkjet-Print
© Tommaso Bonaventura, Alessandro Imbriaco

 
Das hochaktuelle fotografische Recherche- und Dokumentationsprojekt (ital. Originaltitel: Corpi di Reato) der drei Italiener entstand 2011 aus dem Bedürfnis heraus, die Macht der Mafia in Italien aufzuzeigen. Den Künstlern gelingt es, ein neues und zeitgemäßes Bild der kriminellen Organisation zu zeichnen. Nach Jahren des Blutvergießens hat sich das Gesicht der Mafia in Italien verändert: Heute versteckt sie sich hinter einer Maske der Normalität. Die sichtbare Brutalität ist zurückgegangen, dafür untergräbt sie systematisch die politischen und wirtschaftlichen Strukturen des Landes. Bonaventura und Imbriaco fangen mit ihren Fotografien den scheinbar alltäglichen und arglosen Charakter der italienischen Mafia ein. Abseits jeglicher medialer Romantisierung des Mythos „Mafia“ nehmen ihre Arbeiten den Betrachter auf eine ungewöhnliche Reise durch Italien mit und entschlüsseln ein landesweites System von Gewalt. Zwei Videoprojektionen ergänzen die Schau.

ZEPHYR – Raum für Fotografie ist einer der wenigen öffentlichen Ausstellungsräume für zeitgenössische Fotografie in Deutschland. Seit 2005 realisiert ZEPHYR sein vielseitiges Programm internationaler Gegenwartskunst in zahlreichen Einzel-, Gruppen- sowie Themenschauen in den Räumen der Mannheimer Reiss- Engelhorn-Museen.
 
 
Ausstellung:
TAT / ORT. (Un)heimliche Spuren der Mafia
27.4.2014 – 20.7.2014

ZEPHYR – Raum für Fotografie
Museum Bassermannhaus C4,9
Reiss-Engelhorn-Museen
 

Esszimmer der Familie Fava, Palizzi Marina, Provinz Reggio Calabria, 2011

Der 22-jährige Student Celestino Fava wurde am 29. November 1996 gemeinsam mit seinem Freund Antonino Moio in einem bewaffneten Hinterhalt getötet. Die Täter des Doppelmordes wurden nie gefunden. Die ermittelnden Beamten konnten lediglich vermuten, dass Celestino sterben musste, weil er Augenzeuge des Hinterhalts wurde, der seinem Freund, möglicherweise als Vergeltungsaktion, gegolten hat. Nach Celestinos Ermordung verschanzten sich seine Eltern, Annamaria und Antonio, 11 Jahre lang in ihrer Wohnung in Palizzi und verließen kaum noch das Haus.

Esszimmer der Familie Fava, Palizzi Marina, Provinz Reggio Calabria, 2011
50 x 35 cm; Inkjet-Print
© Tommaso Bonaventura, Alessandro Imbriaco

 
(thoMas)