„Mir ist es essentiell zu glauben: an eine bessere Welt und Menschheit. … Ich sammle Fotografien von einer Welt, an die ich glauben kann, die mir Hoffnung gibt und Momente der Magie für mich bereithält“

„Zigeuner, hier könnt ihr nicht leben!“, das steht auf vielen Wänden in Belgrad, schreibt Dubravko Kolendic in einem Bericht für die dpa. Sinti und Roma-Familien, die aus dem Kosovo nach Serbien geflüchtet sind, werden hier keine Heimat finden: Sie werden von Zwangsräumungen verfolgt, von Skinheads verprügelt, finden keine Arbeit und müssen in Slums ein unmenschliches Leben führen.

Das Schicksal der aus dem Kosovo nach Serbien geflüchteten Roma ist nur die jüngste Tragödie einer langen, tragischen Geschichte. Einer Geschichte politischer Verfolgung und Vernichtung, einer Geschichte exotistischen Bestaunens. Zehn Millionen Sinti, Roma und Jenische leben in Europa. Ferne Nachfahren von Völkern aus dem indischen Punjab, die im 14. und 15. Jahrhundert nach Europa eingewandert sind. Ihre Geschichte kann als ein tausend Jahre langer Versuch gelesen werden, einem Volk die Identität und kulturelle Eigenständigkeit zu nehmen. Der grauenvolle Höhepunkt der Verfolgung ist die systematische Vernichtung im Nationalsozialismus, bei der 500 000 Roma und Sinti ermordet wurden.

Lanze Zeit waren es vor allem negative Zuschreibungen, die das Bild des „Zigeuners“ formten, doch nicht ausschließlich: In seiner Novelle „La Gitanilla“ etwa prägte Cervantes schon im 17. Jahrhundert das Bild der „schönen Zigeunerin“. Jene viel besungene „Zigeuner-Romantik“ war ein beliebter Topos in der Literatur. Goethe, Puschkin, Victor Hugo, Emanuel Geibel, Prosper Mérimée, Nikolaus Lenau, George Sand oder Karl May, sie alle feilten in ihren Dichtungen und Romanen an der literarischen Konstruktion des romantischen, ortsungebundenen Vagabunden-Lebens.

Foto: Joakim Eskildsen

Betrachtet man die Fotografien des jetzt erschienenen, opulenten Fotobuchs „Die Romareisen“ des 1971 in Kopenhagen geborenen, seit 1994 in Finnland lebenden Fotografen Joakim Eskildsen, dann sieht man freilich andere Bilder: Zwischen 2000 und 2006 hat Eskildsen gemeinsam mit der Schriftstellerin Cia Rinne Roma-Gemeinschaften in verschiedenen Ländern Europas und Asiens besucht. Indien, Griechenland, Rumänien, Ungarn, Frankreich, Finnland und Russland waren ihre Ziele. Hier entstanden innige Porträts, Bilder von Häusern, Wohnungen und ihren Menschen.

Günter Grass hat dem Buch ein Vorwort gestiftet, in dem er Roma und Sinti als „blinden Fleck im Bewusstsein Europas“ bezeichnet und doch die gleichen Missverständnisse tradiert, wenn er ihren „permanenten Zustand der Zerstreuung“ als Leitbild eines europäischen Denkens preist: „Als geborene Europäer sind sie aus jahrhundertealter Erfahrung in der Lage, uns zu lehren, Grenzen zu überschreiten, mehr noch, die Grenzen in uns und um uns aufzuheben“, schreibt Grass.

Foto: Joakim Eskildsen


In Wirklichkeit ist das mobile Leben bei den meisten Roma und Sinti jedoch längst Vergangenheit. Niedergelassen hat man sich, erzählen die Bilder Eskildsens, sesshaft ist man geworden, doch gezwungenermaßen und zumeist am Rande der Gesellschaft. Eskildsens Blick ist voller Sympathie, voller Hoffnung für eine bessere Zukunft seiner Protagonisten: „Mir ist es essentiell zu glauben: an eine bessere Welt und Menschheit. In der alles einem allgemeinen Sinn unterliegt. Es gibt so viele Probleme in der Welt – Armut, Krankheit, Luftverschmutzung, Umweltkatastrophen, Krieg – dass es schon einige Disziplin erfordert, Optimist zu bleiben. Ich sammle Fotografien von einer Welt, an die ich glauben kann, die mir Hoffnung gibt und Momente der Magie für mich bereithält.“

Eskildsens Porträts atmen die Magie des Alltags. Jene einzufangen, ist oft nicht einfach. Es dauert. Es fordert. Zeit vor allem. „Die Menschen die ich fotografiere, sind gewöhnliche Personen, die ich bewundere und von denen ich etwas zu lernen hoffe“, sagt Eskildsen. „Das ist der Grund, warum ich in der Regel versuche, einige Zeit mit den Menschen zu leben, um ein besseres Verständnis von allem zu bekommen und um friedlicher zu fotografieren.“

Vier Monate verbrachten Cia Rinne – die wundervolle Texte beisteuerte – und Eskildsen etwa bei Magda Karolyné im Nordosten Ungarns. Die hier entstandenen Bilder stehen am Anfang des Buchs, das die Fotografien chronologisch ordnet. Es beginnt mit Schwarzweißaufnahmen, die eine Winterlandschaft zeigen. Zwei Männer stapfen durch den Schnee. Sie arbeiten hart, holen Feuerholz aus den Wäldern. Spielende Kinder auf der Dorfstraße, im Moment eingefangen, verschwommen. Dann ein blühender Baum. Es ist Frühling geworden.

Foto: Joakim Eskildsen

Arm ist das Leben, doch voller Herzlichkeit. Überall begegnen dem Fotografen ähnliche Bilder. Einfachste Behausungen, bröckelnde Fassaden, Häuser, die dennoch Heimat geworden sind. Ein Sinnbild dafür finden wir auf Seite 33: Ein kleines Dorf ist zu sehen, in der Dämmerung. Fast keine Farbigkeit belebt das Bild. Nur ein warmes, einladendes Licht, das aus einem der Fenster in die Welt strahlt. An diese Haustür, so denken wir uns, würde man gerne klopfen.

Ein Mann mit seinem Fahrrad auf der Straße. Ein Mädchen, im Profil fotografiert. Ein Mann vor seiner Haustür. Ein Vater und sein Sohn, an einem Feuer sitzend. Eine Straßenlaterne bei Nacht: Eskildsen vermag es, seine Szenerien oft in ein geheimnisvolles Licht zu tauchen. Es gibt aber auch ganz und gar humorvolle Arbeiten: ein dicker Mann etwa, der sich in eine winzige Badewanne gepresst hat. Spaß hat er offenbar trotzdem dabei! Oder jener vermeintliche Riese, der bis knapp unter die Zimmerdecke ragt. Wahrscheinlich ist diese nicht an EU-Normen orientiert.

Foto: Joakim Eskildsen

In der Armut wohnt Schönheit. Das ist keine neue Erkenntnis, doch sehen wir hier frische Belege der These: bunte Kittelschürzen, der leuchtend-rote Turban auf dem Kopf eines in Indien fotografierten Mannes, die bunten Kleider der Frauen. In Indien hat Eskildsen besonders eindringliche Motive gefunden. Doch ist hier auch die Exotik am Größten: Manche dieser Bilder scheinen aus einem Traum entsprungen, scheinen aus alter Zeit zu erzählen, aus längst vergangenen Tagen, wie etwa jene Fotografie, die Frauen an einer Wasserstelle zeigt.

Auch in Griechenland hat Eskildsen fotografiert. Am Straßenrand, auf Müllkippen, wo die Ärmsten der Armen nach Verwertbarem suchen. Oder in Rumänien, wo die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Pferdekutschen, alte Holzhäuser: Wir sehen eine scheinbar versunkene Welt, die dennoch bis heute existiert. Nicht, dass Eskildsen die Armut vertuschen würde, dennoch: Sie tritt zurück. Macht Platz für die Würde der vielen Menschen, deren Gesichter im Gedächtnis bleiben. „Je mehr wir über die Roma erfuhren und sie kennenlernten, desto größer wurden unser Interesse und die Sympathie für sie“, schreiben Cia Rinne und Joakim Eskildsen im Vorwort ihres Buches – das zu den schönsten Neuerscheinungen der vergangenen Monate zählt. Vor allem hilft dieses Buch womöglich, jenen „blinden Fleck im Bewusstsein Europas“, die wirtschaftlich ärmste Minderheit unseres Kontinents, endlich besser zu erkennen und zu verstehen.

Wer sich noch weitergehend mit dem Thema beschäftigen möchte, dem sei ein Ausstellungskatalog empfohlen, der eine Schau begleitet, die vor kurzem in der Kunsthalle Krems zu sehen war: „Roma & Sinti. ‚Zigeuner-Darstellungen‘ der Moderne“ vereinigt unter anderem Werke von Giacomo Francesco Cipper über August von Pettenkofen, Anton Romako, Mihály Munkáscy, Károly Ferenczy und János Valentiny bis hin zu Otto Mueller. Außerdem zeigt der Katalog auch einen wichtigen Teil der Fotografie-Sammlung des Ethnografischen Museums Budapest – rund 70 historische Fotografien aus der Zeit von 1870 bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts.

(Marc Peschke)

Joakim Eskildsen und Cia Rinne
Die Romareisen (bei amazon.de)
Mit einem Vorwort von Günter Grass
416 Seiten mit vielen Farbtafeln. 23,3 x 26,6 cm
Hardcover inclusive einer CD mit Sprach- und Musikaufnahmen
Steidel Verlag. Göttingen 2007
ISBN 978-3-86521-429-4
60 Euro / SFR 95