Foto der Nikon 1V1Wie macht sich die Nikon 1 V1 in der Praxis? Und wie schlägt sie sich im Vergleich mit einer D700?

 
 
 
 
 

Foto der Nikon 1 V1

 
Ich habe mich so richtig darauf gefreut, die V1 auszuprobieren: eine kleine Kamera mit Wechseloptiken und vielen innovativen Funktionen. Nach kurzer Zeit, nach wenigen Tagen schon, begann ich mich aber zu fragen, welchen Kreis von Fotografen diese Kamera ansprechen soll.

Foto vom Bajonettadapter FT1

Vorweg ein paar generelle Bemerkungen; natürlich wie immer subjektiv: Die V1 ist zu klein, um mir so richtig in der Hand zu liegen; und zu groß, um einfach in die Tasche gesteckt zu werden. Das ist kein großes Problem, es ist mir aber aufgefallen. Und sie ist teuer, sehr teuer: die Option der wechselbaren Objektive kostet einiges (ab 869 UVP). Aber ist das wirklich eine Option, die gerne genutzt werden wird?

Es soll auch bald einen Adapter geben, der die Verwendung von „normalen“ DSLR-Objektiven mit Nikon-AF-Anschluss erlauben wird – eine im Prinzip interessante Option. Könnte die V1 doch damit mein sehr kompaktes Zweitgehäuse werden, das vor allem für langbrennweitige Objektive interessant ist, denn der Cropfaktor macht aus Teleobjektiven Superteleobjektive. Der Sensor misst gerade einmal 13,7×8,8 mm. Bezogen auf 24×36 mm ergibt das einen Faktor von etwa 2,7. Ein 200-mm-Tele wirkt daher an der V1 wie ein 540-mm-Objektiv an Kleinbild. Leider bedeutet die Kleinheit des Sensors aber auch ein stärker sichtbares Rauschen, wie noch zu zeigen sein wird.

Foto vom SB-N5 von Nikon

Weiter hatte ich die Möglichkeit, den als Zubehör lieferbaren GPS-Sensor, das „Mini-Blitzchen“ SB-N5 und das VR 4,5-5,6/10-100 mm auszuprobieren. Der Blitz ist erstaunlich gut und viel kräftiger, als es seine sehr geringe Größe vermuten lässt. Ein Rätsel allerdings ist mir die Tatsache, dass der elektronische Verschluss nur 1/60 s als Blitzsynchronzeit, der mechanische jedoch 1/250 s erlaubt – sehr merkwürdig.

Der GPS-Sensor wird in den Zubehörschuh eingeschoben und ist daher nur alternativ zum Blitz zu verwenden. Wenn man also draußen mit aufgesetztem GPS-Sensor arbeitet und drinnen mit Blitz, dann bedeutet das: rauf und runter, und wieder rauf und wieder runter. Ob das lange gut geht? Und bequem ist anders, meine ich, aber es geht.

Foto vom Nikkor VR 3,5-5,6/10-30 mm

Das mit der Kamera als Standardzoom mitgelieferte VR 3,5-5,6/10-30 mm passt hinsichtlich Größe und im Gewicht gut zur Kamera. Was mir weniger gefiel, ist die bei 10 mm gut sichtbare optische Verzeichnung (die sich übrigens auch beim 4,5-5,6/10-100 mm zeigt) und die Tatsache, dass man das Objektiv manuell entriegeln und auch wieder manuell verriegeln muss, wenn man es kompakt in Parkposition haben will – das ist immer ein zusätzlicher Handgriff.

Foto vom Nikkor VR 4,5-5,6/10-100 mm

Das „Megazoom“ VR 4,5-5,6/10-100 mm (27-270 mm entspr. Kleinbild) fährt motorgesteuert automatisch in die Parkposition, aber nur, wenn man die Kamera (vor dem Objektivwechsel) abschaltet. Wird es bei eingeschalteter Kamera abgenommen, bleibt es lang und kann wegen des Elektromotors auch nicht per Hand zusammengeschoben werden. Das 4,5-5,6/10-100 mm ist schwer und groß, die Kamera wird etwas komplex beim Halten und Bedienen. Natürlich lassen sich alle Funktionen nutzen, aber das Gewicht verlagert sich zum Objektiv (das man daher primär halten muss), was durch die verdrehte Handhaltung (der Zoomhebel ist links, nicht oben) gewöhnungsbedürftig ist.

Was mir auch aufgefallen ist: durch das relativ geringe Gewicht der Kamera im Verhältnis zu dem ziemlich schweren und großen 10:1-Zoom (10-100 mm) war es mir unter bestimmten Umständen kaum möglich, aus der Hand wirklich knackscharfe Aufnahmen zu machen: Der Himmel war komplett bedeckt und grau, die Belichtungszeiten deutlich unter 1/100 s, und keine einzige Aufnahme wurde wirklich scharf. Für Postkarten reichte es, aber sobald man stärker vergrößerte, konnte man die Verwacklung erkennen.

Das Display ist hell und sehr fein auflösend – einfach sehr gut. Eine sehr positive Überraschung war der elektronische Sucher – die Auflösung ist sehr gut, das Bild farbgetreu und sehr angenehm zu betrachten – wirklich gut gemacht!

Der Akku der Kamera speist nicht nur alle Kamerafunktionen, sondern auch die motorische Verstellung der Brennweite beim Megazoom, und gegebenenfalls auch den GPS-Sensor bzw. den Blitz. Die Kapazität ist gut, ich hatte nach über 100 Aufnahmen, teils mit Blitz und teils mit GPS, und fast alle mit dem Motorzoom gemacht, noch immer etwa 80 % der Leistung.
 

Foto der Nikon 1 V1

 
Die Bedienung – nun, die ist ganz Nikon und Gewohnheitssache. Ich habe eine ganze Reihe von Nikon-Kameras, daher war für mich das Navigieren im recht umfangreichen Menü kein Problem.

Die Aufnahmemodi erlauben auch die Zeit- oder Blendenvorwahl. Das ist fein, allein, die Bedienung der Wippe für die entsprechenden Einstellungen von Zeit oder Blende ist etwas mühsam. Alles hat soweit funktioniert, aber ich fand es etwas schwierig, zwischen den Modi erfolgreich und schnell hin- und her zu schalten.
 

Bewegter Schnappschuss

„Bewegter Schnappschuss“
Bildbeispiel von Nikon
(im Original ist das Filmchen 1920×1080 Pixel groß; soll hier aber nur der Demonstration der Funktion dienen und wurde auf 640×360 verkleinert)

(Klick aufs Bild!)

 
Was ich auch ausprobiert und dann gleich wieder abgehakt habe, das waren zwei neue Funktionen; einmal zur automatischen Auswahl des besten Bildes aus einer Reihe von Aufnahmen („Smart Photo Selector“), und dann die (komische) Aufnahme mit Musikwiedergabe („Bewegter Schnappschuss“). Für mich sind das Spielereien, die vielleicht ein- oder zweimal ganz lustig sind, aber dann nicht mehr, und ich halte auch nichts davon.

Foto der Nikon 1 V1

Die Aufnahmen selbst waren soweit in Ordnung, die Belichtung gut und ausgeglichen, und die Schärfeleistung des AF durchaus OK.

Der automatische Weißabgleich ist gut, die automatische Anpassung an verschiedene Lichtquellen klappt recht gut. Aber wirklich gut war der bis jetzt noch nie bei einer Nikon-Kamera – da ist Canon deutlich besser.

Die Filmfunktionen habe ich mir überhaupt nicht angesehen, da ich nur fotografiere und mich das Filmen nicht interessiert und ich daher auch alle diese Funktionen bei Fotokameras als durchwegs entbehrlich ansehe.

Wie ist die Bildqualität? Nun, die ist recht gut, aber eben nur recht gut. Ich hatte mir etwas weniger Rauschen bei ISO 100 erwartet, als ich gesehen habe. Wenn man die Rauschunterdrückung einschaltet (sie wirkt bei längeren Belichtungszeiten und / oder bei höheren ISO-Werten), dann werden die feinsten Details etwas unterdrückt – das ist zwar logisch, aber nicht sehr schön. Für mich ist ab ISO 800 nichts mehr wirklich gut, ISO 6400 sind gar nicht brauchbar, ISO 3200 nur eingeschränkt.

Aber nun zur optischen Leistung – Testdaten zu Kamera und 3,5-5,6/10-30 mm siehe auch hier Technik-Test: Nikon 1 V1; meine Erfahrungen im Folgenden. Da das Wetter die meiste Zeit eher miserabel war, habe ich einige Stilleben aufgenommen. Und da ich mir gedacht hatte, die Nikon 1 könnte doch eine gute mobile Ergänzung zu meiner D700 werden, habe ich die Bildqualität der beiden verglichen.
 

Foto: Georg N. Nyman

Übersichtsaufnahme der ersten Anordnung – eine Konfektschale aus Glas mit Silberunterteil
 
 
Foto: Georg N. Nyman

Detail Nikon 1 V1 (hier in ca. 100-%-Ansicht)
 
 
Foto: Georg N. Nyman

Detail Nikon D700 (hier in ca. 90-%-Ansicht)

 
Hier ist deutlich zu erkennen, dass der kleinere Sensor trotz der über 10 Megapixel eine sichtbar weichere und weniger detaillierte Darstellung der Figur ergibt als der nur geringfügig höher auflösende Sensor der D700 (12 Megapixel; D700-Test hier). Beide Ausschnitte sind gleich aufbereitet und weder in der Helligkeit noch in der Brillanz verändert worden.
 

Foto: Georg N. Nyman    Foto: Georg N. Nyman

Rauschen bei ISO 100, mit Adaptierung
Links: Nikon D700; rechts Nikon 1 V1

Screenshot: Georg N. Nyman

 
Die Adaptierung bestand darin, dass ich in der Einstellung „Levels“ beim ACD Edit Manager die „Highlights“ von 255 auf 100 gestellt habe (siehe Screenshot). Dadurch kann man Unterschiede beim Rauschen sehr gut erkennen.
 

Foto: Georg N. Nyman

Übersichtsaufnahme
 
 
Foto: Georg N. Nyman

Nikon 1 V1, Ausschnitt aus der Goldmalerei oberhalb der Mitte (hier in ca. 180-%-Ansicht)
 
 
Foto: Georg N. Nyman

D700, Ausschnitt aus der Goldmalerei oberhalb der Mitte (hier in ca. 175-%-Ansicht)

Hier noch eine Vergleichsaufnahme mit einer Hasselblad H4D-60 – der Vergleich ist unfair, zeigt aber gut, wie weit Wirklichkeit und Abbild u.U. auseinander liegen können. Dem Original sehr nahe kommt die H4D-60; hier stimmt auch die Farbe:
 

Foto: Georg N. Nyman

H4D-60, Ausschnitt aus der Goldmalerei oberhalb der Mitte (hier in ca. 90-%-Ansicht)

 
Zum Schluss dieses kurzen Erfahrungsberichts meine sehr persönliche Beurteilung: Die Nikon 1 V1 ist eine recht interessante Kamera, die aber für mein Dafürhalten zur Zeit zu teuer ist, und die einen zu kleinen Sensor hat, um als Zweitgehäuse wirklich attraktiv zu sein (APS-C wäre sinnvoll gewesen). Auch weist sie einige Ausstattungsdetails auf, die vielleicht mehr versprechen, als sie sinnvoll sind.

Aber ich bin ja auch Fotograf, kein moderner „Fotovideoconsumer“. Die Kamera kann, während sie in Full-HD filmt, nicht nur permanent fokussieren, sondern gleichzeitig auch eine Standbildaufnahme in praktisch voller Qualität machen (16:9; 3840x 2160 Pixel = 8,2 Megapixel). Die Zielgruppe für diese Kamera sind auch nicht primär Fotografen, sondern alle diejenigen, die eine Mischversion für Stand- und Bewegtbilder haben möchten. So nach dem Motto: „Ich weiß jetzt noch nicht, ob ich dann fotografieren oder filmen will, aber ich kann beides gut damit.“

(Georg N. Nyman)
 
 
Produktfotos: Nikon
Beispielfotos: Georg N. Nyman
 
Anmerkung: Wie immer wurden die Beispielaufnahmen „weboptimiert“ gespeichert. Das bedeutet kleine Dateien und schnelle Seitenladezeiten, nicht aber höchste Qualität! Wir haben darauf geachtet, dass die Dinge, die es zu zeigen galt, auch sichtbar sind; gehen Sie aber davon aus, dass die Unterschiede im Original noch deutlicher ausfallen.
 

Nachtrag (2.11.2011): Eine Anmerkung zu den Bildbeispielen. Im ersten Beispiel (Konfektschale) sollen die Möglichkeiten von V1 / D700 und die Unterschiede zwischen den beiden Kameras aufgezeigt werden. Im zweiten Bildbeispiel (Goldmalerei) sollen deren Grenzen ausgelotet werden. Hier wurden extreme Auschnitte gewählt und gezeigt (im Fall V1 / D700 ergibt sich eine ca. 175-%ige Ansicht), um einerseits deutlich herauszuarbeiten, dass V1 und D700 in der Praxis und bei ISO 100 nicht gar so weit auseinander liegen, und um zum anderen auch einmal dagegenzustellen, was vergleichsweise im High-End-Bereich möglich ist (der Ausschnitt der H4D-60-Aufnahme ist hier in ca. 90-%-Ansicht zu sehen).

Da ich die Fotos ausgewählt und die Bildunterschriften dazu gepackt habe, war es mein Versäumnis, das nicht gleich deutlich formuliert zu haben. Entschuldigung. Ich habe die Skalierungsfaktoren oben nachgetragen.

Allen Zweiflern sei noch gesagt, dass auch die untere Aufnahme der Goldmalerei bis zu einer Skalierung von 100 % mindestens im Fall der D700 „knackscharf“ ist.

(thoMas)
 

 
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