OM SYSTEM bringt die PEN zurück! Anlässlich der Produktvorstellung in Berlin sprachen wir mit Lars Huijzer, Vice President Marketing & Product Management EMEA OM SYSTEM und Sandro Rymann, Head of Business EMEA & Americas OM SYSTEM über die Zielgruppe der Kamera, die generelle Gewichtung von Video bei OM und die Zukunftspläne der noch jungen Kameramarke.
OM SYSTEM über neue Zielgruppen, den Stellenwert von Video und die Zukunft der PEN
Markus Siek:
Wen sehen Sie als Zielgruppe der OM SYSTEM PEN? Ich würde vermuten, dass es vor allem die Olympus-Fans von damals sind, die beispielsweise schon eine PEN-F hatten oder noch länger dabei sind. Ist das tatsächlich die Hauptzielgruppe, die Sie im Blick haben? Oder geht es auch um Einsteiger und Umsteiger, die kreativ fotografieren wollen?
Lars Huijzer:
Ich würde das eigentlich genau andersherum sehen. Die erste Hauptzielgruppe ist genau diese Gruppe. Wir bieten ein attraktives Paket zu einem attraktiven Preispunkt an, gerade um vielleicht auch Leute zu überzeugen, die vom Smartphone oder von anderen Kamerasystemen kommen und eher im Einsteigerbereich unterwegs sind.
Nichtsdestotrotz haben wir bei der Kamera darauf geachtet, dass sie zwar eine einfache Menüstruktur besitzt, aber nicht so weit vereinfacht wurde, dass sie für bestehende OM SYSTEM- oder Olympus-Kunden nicht mehr interessant wäre.
Wenn man bereits eine OM SYSTEM- oder Olympus-Kamera besitzt und vielleicht schon Objektive gesammelt hat, ist sie trotzdem eine attraktive Option. Es ist seit der PEN-F das erste Mal, dass wir wieder ein Rangefinder-Modell mit Sucher anbieten. Deshalb gehen wir davon aus, dass sie als zweite Zielgruppe auch unsere bestehenden Nutzer ansprechen wird. Ob man bereits eine OM-1 besitzt oder vielleicht eine OM-3 als Zweitkamera nutzt – dieses Modell ist noch einmal etwas komplett anderes. Ich glaube, dass es eine schöne Ergänzung ist.
Markus Siek:
Wen würden Sie denn als direkte Wettbewerber sehen? Wenn ich mir andere Kameras in diesem Bereich anschaue, würde ich beispielsweise an eine Fujifilm X-T30 denken.
Sandro Rymann:
Die X-T30, auch die X-T5. Teilweise vielleicht sogar die X100.
Lars Huijzer:
Oder Leute, die sich ein aktuelles Panasonic-Modell angeschaut haben und sagen: Ich möchte vielleicht doch lieber bei Wechselobjektiven bleiben statt bei einer festen Brennweite. Da gibt es schon verschiedene Möglichkeiten.
Markus Siek:
Ganz grundsätzlich zur Ausrichtung von OM SYSTEM: In den vergangenen Jahren hatte ich den Eindruck, dass der Fokus sehr klar auf Wildlife-Fotografie gelegt wurde. Das macht natürlich auch Sinn: kompaktes Equipment, im Vergleich zu Vollformat preisgünstiger und trotzdem eine sehr hohe Bildqualität. Versucht man jetzt mit solchen Modellen wieder ein bisschen aus dieser Nische herauszukommen? Ist das auch ein Hintergrund der neuen Kamera?
Lars Huijzer:
OM SYSTEM feiert jetzt ungefähr seinen fünften Geburtstag. Wir sind also noch eine sehr junge Firma. Als OM Digital Solutions gegründet wurde, haben wir uns ganz klar auf diesen Outdoor-Aspekt fokussiert.
Ich fand es sehr schön, dass vorhin gesagt wurde: Es geht um „Outside“, nicht nur um „Outdoor“. Ich glaube, das ist die Essenz unserer Firma: Die Kameras sollen wieder mit nach draußen genommen werden.
Wir mussten uns zunächst fokussieren. Die Firma war jung, viele Prozesse mussten aufgebaut werden. Deshalb war es sinnvoll, Schwerpunkte zu setzen. Wir haben uns ganz klar auf die Bereiche Nature, Wildlife und Bird spezialisiert. Dort haben wir ein Portfolio und ein entsprechendes Standing aufgebaut. Auch Makro ist ein Bereich, in dem wir uns in den vergangenen Jahren sehr stark engagiert haben.
Danach haben wir Schritt für Schritt geschaut, was wir unserem Portfolio noch hinzufügen können. Im vergangenen Jahr haben wir die OM-3 vorgestellt. Damit wollten wir wieder einen Schritt in Richtung Street-Fotografie machen – einen Bereich, den wir nicht unbedingt vernachlässigt, aber eine Zeit lang etwas ruhen gelassen hatten.
Mit der OM-3 wollten wir zeigen: Wir haben tolle Funktionen und ein Paket, das sehr gut zu dieser Art von Fotografie passt. Das haben wir inzwischen etabliert. Natürlich ist man nie vollständig zufrieden, aber wir sind dort inzwischen gut unterwegs.
Jetzt ist die Zeit gekommen, in der wir weiter expandieren können. Deshalb haben wir gesagt: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, ein solches Modell zu launchen und damit ein breiteres Publikum anzusprechen.
Gleichzeitig wollen wir unsere Philosophie als OM Digital Solutions beibehalten: Eine Kamera muss man mit nach draußen nehmen können – egal bei welchem Wetter. Sie muss entsprechend geschützt sein. Diese Philosophie soll sich auch bei Erweiterungen unseres Portfolios widerspiegeln.
Markus Siek:
Gibt es interne Statistiken, wie hoch der Anteil traditioneller Olympus-Käufer ist und in welchem Umfang es gelingt, Nutzer anderer Marken zum Wechsel zu bewegen?
Lars Huijzer:
Das sind natürlich Statistiken, die uns sehr interessieren und für uns wichtig zu analysieren sind.
Gleichzeitig gehen wir nicht unbedingt davon aus, dass die Leute ihr komplettes System wechseln müssen. Was wir beispielsweise sehr häufig sehen, ist, dass wir als Zweitmarke bei jemandem ins Haus kommen.
Jemand besitzt vielleicht ein anderes System, beispielsweise eine Vollformatkamera, und nutzt diese für Porträts, Vogelfotografie und andere Bereiche. Dann entscheidet sich die Person zusätzlich für eine OM SYSTEM- beziehungsweise Micro-Four-Thirds-Kamera, beispielsweise speziell für Makrofotografie. Vielleicht wird dieses System zunächst tatsächlich nur für Makro eingesetzt.
Manchmal hören wir dann Geschichten von Leuten, die sagen: „Ich habe die Kamera eigentlich nur dafür gekauft. Aber inzwischen stelle ich fest, dass ich dieses System immer lieber und häufiger benutze und die andere Kamera zunehmend zu Hause lasse.“
Wir sehen unsere Herausforderung deshalb nicht unbedingt darin, die Leute dazu zu bringen, ihr gesamtes bisheriges Equipment aus dem Fenster zu werfen. Zwei Systeme können durchaus parallel zueinander bestehen.
Sandro Rymann:
Man muss das auch ein bisschen in den zeitlichen Kontext setzen. Als wir damals von Olympus verkauft wurden, war die Unsicherheit extrem groß – bei Endkunden, bei Händlern und auch bei uns Mitarbeitern. Niemand wusste genau: Funktioniert das? Wie geht es weiter?
Als Endkunde fragt man sich natürlich: Will ich wirklich in ein System investieren, wenn es die Marke vielleicht in einem oder zwei Jahren nicht mehr gibt?
Diese Phase haben wir inzwischen überwunden. Jetzt haben wir Produkte auf dem Markt, mit denen wir natürlich neue Kunden gewinnen wollen – sowohl Smartphone-Nutzer als auch Kunden anderer Marken. Und das gelingt uns aktuell auch in Europa.
Der europäische Markt ist momentan nicht einfach. Er ist schwierig und insgesamt etwas rückläufig. Wir stellen aber fest, dass wir tendenziell Marktanteile gewonnen haben. Das heißt, wir müssen auch Kunden von anderen Marken gewonnen haben. Natürlich bewegen wir uns dabei nach wie vor auf einem vergleichsweise kleinen Niveau.
Aber ja: Gerade mit solchen Produkten wollen wir eine neue Käuferschaft ansprechen.
Markus Siek:
Die PEN ist eine Kamera, die ein bisschen gegen den aktuellen Trend geht. Wenn man sich anschaut, welche neuen Kameras momentan auf den Markt kommen, sind das häufig hochpreisige Modelle für Fotoenthusiasten – meistens ab mindestens 1.500 Euro, eher 2.000 Euro aufwärts.
Im Segment unter 1.000 Euro ist dagegen bei vielen Herstellern in den vergangenen Jahren sehr wenig passiert.
Lars Huijzer:
Genau. Wir haben heute bereits über verschiedene Features und die Technik gesprochen, die in der Kamera steckt. Aber ich glaube, entscheidend ist das Gesamtpaket – und das zu diesem Preis.
Gerade wenn wir sehen, dass es wirtschaftlich nicht in jedem Land besonders gut läuft, dass es Kriege gibt und vieles teurer wird, ist es schön, dass wir es geschafft haben, ein Produkt zu einem Preis auf den Markt zu bringen, bei dem wir Möglichkeiten sehen.
Vielleicht sagt der eine oder andere Wettbewerber momentan: In diesem Segment möchte ich nicht tätig sein oder bin ich derzeit nicht tätig. Für uns ist das natürlich eine Chance.
Sandro Rymann:
Das war tatsächlich auch eine starke Forderung aus dem Handel. Die Händler haben diesen Wunsch vermutlich nicht nur bei uns, sondern auch bei unseren Mitbewerbern geäußert.
Die Aussage war immer: Kein Hersteller bietet momentan eine gut ausgestattete Kamera, die toll aussieht, für unter 1.000 Euro an. Das ist für den Fachhandel ein Problem.
Jetzt haben wir es gemacht. Das Produkt kommt von uns. Und wir hoffen natürlich, dem Handel damit auch zeigen zu können: Wir haben euch zugehört. Wir bringen diese Kamera heraus und geben euch damit auch die Möglichkeit, neue Kunden zu erreichen.
Markus Siek:
Was mich ganz grundsätzlich bei OM SYSTEM interessiert: Bei anderen Herstellern hat es in den vergangenen Jahren eine deutliche Fokusverschiebung gegeben. Video ist immer wichtiger geworden – sowohl bei Hybridmodellen als auch bei Video-First-Modellen.
Bei OM SYSTEM ist Video natürlich ebenfalls vorhanden, aber mir kommt es ein bisschen so vor, als würde es eher mitlaufen und hätte nicht dieselbe Priorität. Sind Creator, Videofilmer, Vlogger oder YouTuber aktuell noch nicht so sehr die Zielgruppe? Kann sich das ändern? Oder kommt in diesem Bereich eventuell noch etwas?
Sandro Rymann:
Schwierige Frage. Die hören wir oft.
Es gibt Marken, die bei Video – wenn man sich allein die technischen Daten anschaut – definitiv fortschrittlicher sind. Die Frage ist aber immer: Wie viel braucht ein Creator tatsächlich? Und welche Creator möchte man ansprechen?
Wir haben den Videobereich bei uns kontinuierlich ausgebaut. Aber ich bin völlig Ihrer Meinung: Wir sind nicht die Videomarke. Das muss man so sagen.
Trotzdem haben wir auch bei diesem Modell Funktionen integriert, beispielsweise Slow Motion und Quick Motion. Wir haben einen Mikrofonanschluss für Leute, die Video machen wollen. Wir haben OM-Log400, mit dem man anschließend die Farbgebung entsprechend nachbearbeiten kann.
Wir machen also schon etwas in diesem Bereich. Wir sind aber der Meinung, dass die meisten Leute eigentlich beides suchen.
Vor einigen Jahren gab es einmal diesen Trend, bei dem es hieß, Video werde die Fotografie komplett ablösen. Das sehen wir aktuell eher nicht. Ich glaube, man braucht beides.
Auch Creator, die fotografieren, benötigen Video. Sie machen Fotos und posten diese, produzieren aber vielleicht zusätzlich ein Making-of darüber, wie das Foto entstanden ist. Beides geht zunehmend ineinander über.
Lars Huijzer:
Für uns ist dieser kreative Aspekt sehr wichtig. Bei der neuen OM SYSTEM PEN können beispielsweise die Farbprofile jetzt auch auf Videos angewendet werden. Das gab es bei uns vorher nicht.
Das ist vielleicht nur eine kleine Innovation im Videobereich, aber sie zeigt ziemlich genau, worum es uns geht: Wir möchten der Kreativität zusätzlichen Schwung geben, anstatt zu sagen, dass wir jetzt zu hundert Prozent in den Videobereich einsteigen.
Nichtsdestotrotz haben wir auch über das Bedienkonzept versucht, Video einfacher in die Kamera zu integrieren. Alle wichtigen Bedienelemente befinden sich beispielsweise auf der rechten Seite, und es ist jetzt viel einfacher, in den Videomodus zu wechseln.
Gleichzeitig ist es natürlich so, wie Sandro gesagt hat: Historisch gesehen sind wir keine hundertprozentige Videomarke – und wahrscheinlich werden wir das auch morgen nicht sein.
Markus Siek:
Auch das ist ja eine Aussage. Wenn man sagt: „Wir sind die Fotomarke“, ist das ebenfalls eine klare Positionierung.
Lars Huijzer:
Wir versuchen trotzdem zu ermöglichen, dass man, wenn man mit dieser Kamera unterwegs ist und sie dabeihat, auch ein gutes Video machen kann.
Im Grunde ist es beim Video ähnlich wie bei der Fotografie: Die Frage ist häufig, wie viel Technik man tatsächlich braucht, um etwas Gutes zu machen. Was brauche ich wirklich, um ein gutes Bild oder ein gutes Video aufzunehmen?
Wir haben in der Vergangenheit häufig mit Videografen zusammengearbeitet, die Filme beziehungsweise Videos mit Micro-Four-Thirds-Kameras und auch mit unseren Kameras gedreht haben, bei denen man wirklich sagen kann: Wow, da lässt sich extrem viel herausholen.
Sandro Rymann:
Es kommt eben auch darauf an, wen man ansprechen möchte. Wenn ich beispielsweise einen Kitesurfer habe, der ein Super-Slow-Motion-Video aufnehmen möchte, ist vermutlich eine Insta360, eine DJI oder etwas Vergleichbares die bessere Lösung.
Derjenige möchte beim Kitesurfen wahrscheinlich auch keine große Kamera mit Zoomobjektiv dabeihaben.
Wir sprechen eher kreative Leute an, die sagen: „Ich bin gerade in einer neuen Stadt, jetzt nehme ich auch einmal ein Video auf und lege vielleicht noch einen Artfilter darüber.“ Damit kann man etwas Cooles machen.
Lars Huijzer:
Man kann es anschließend direkt zu Instagram hochladen. Auch Vertical Video gehört zu den kleinen Dingen, die wir vorher in diesem Segment noch nicht hatten.
Das klingt vielleicht nicht spektakulär, aber genau für solche Momente ist es gedacht: Es ist möglich, und man kann die Funktionen direkt nutzen.
Die Kamera kann eigentlich sehr viel. Video ist nur vielleicht nicht ihr allererstes Hauptmerkmal.
Markus Siek:
Noch einmal ganz konkret zur PEN: Ist geplant, daraus wieder eine PEN-Familie zu machen und die Reihe fortlaufend um weitere Modelle zu ergänzen? Oder kann man das momentan noch nicht sagen?
Sandro Rymann:
Das kann man noch nicht sagen. Ich glaube, es kommt ein bisschen darauf an, wie erfolgreich das Modell jetzt sein wird.
Lars Huijzer:
Theoretisch hat die PEN eine sehr lange Historie. Insofern könnte man sagen: Eigentlich gibt es bereits eine Serie. Es gab die E-PL-Serie, früher sogar die E-Pm-Serie und natürlich die E-P-Modelle.
Es gibt also eine Vorgeschichte. Aber grundsätzlich ist das auf jeden Fall eine Ausrichtung. Im OM-Segment haben wir ganz klar eine Serie. Jetzt werden wir beobachten, wie diese Kamera ankommt, welche Bedürfnisse von den Nutzern geäußert werden und wie wir das Ganze anschließend weiterentwickeln.
Markus Siek:
Vielen Dank für das Gespräch!
Aktuelle Kommentare