Mit „Ramona Schacht: Vom Bauhaus auf die Krim. Eine Bildbefragung zu Alfred Ehrhardts Tabakserien“ zeigt die Alfred Ehrhardt Stiftung ab 12. September 2026 historische Aufnahmen zur Tabakproduktion im Dialog mit Arbeiten von Ramona Schacht. Die Künstlerin untersucht darin Arbeitswelten, Geschlechterrollen und die politischen Bedingungen, die sich hinter den Archivbildern verbergen.

Unter dem Titel „Ramona Schacht: Vom Bauhaus auf die Krim. Eine Bildbefragung zu Alfred Ehrhardts Tabakserien“ widmet sich die Alfred Ehrhardt Stiftung einem bislang wenig beachteten Teil im Werk des Fotografen und Filmemachers Alfred Ehrhardt (1901–1984). Die von Stefanie Regina Dietzel kuratierte Ausstellung ist vom 12. September bis zum 20. Dezember 2026 zu sehen.

Im Mittelpunkt stehen Aufnahmen, die Ehrhardt zwischen 1954 und 1963 im Auftrag des Tabakunternehmens Reemtsma & Co. anfertigte. Die Leipziger Künstlerin Ramona Schacht nimmt dieses Material zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit „Photography’s Claim to Property. Bilder im Auftrag Reemtsmas“.

Schacht untersucht, welche politischen, wirtschaftlichen und körperlichen Ordnungen in den historischen Aufnahmen sichtbar werden. Ein Schwerpunkt liegt auf der Darstellung weiblicher Arbeit. Dabei geht es auch um die Frage, wie körperlich belastende Arbeit durch fotografische Inszenierung ästhetisiert wird.

Vom Tabakfeld bis in die Fabrik

Einen Ausgangspunkt bildet Ehrhardts Film „Die Welt des Tabaks“ von 1956, der verschiedene Stationen der Tabakproduktion von Mazedonien über die USA bis nach Hamburg zeigt. Für ihre Arbeit recherchierte Schacht im Reemtsma-Fotoarchiv und untersucht wiederkehrende Bildmuster wie Körperhaltungen, Perspektiven und die Anordnung der Arbeiterinnen.

Auch Fotografien aus dem sogenannten „Krim-Album“ von 1943 führen in die Zeit des Nationalsozialismus und zum Thema Zwangsarbeit auf der Krim. Schacht überträgt eine der historischen Aufnahmen in ein Jacquard-Gewebe und stellt damit Fragen nach Besitz, Herrschaft und fotografischer Darstellung.

Die Ausstellung versteht die historischen Bilder entsprechend nicht als neutrale Dokumente. Sie fragt vielmehr, wer fotografiert, wer dargestellt wird und unter welchen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen die Aufnahmen entstanden sind.

Historisches Bildmaterial trifft Gegenwart

Eine weitere filmische Arbeit setzt sich in einem fiktiven Gespräch mit einem Filmemacher der Nachkriegszeit mit Fragen nach Autorschaft, männlichem Blick und Verantwortung auseinander. Zugleich schlägt Schacht eine Verbindung zu heutigen Themen wie prekärer Beschäftigung, globalen Lieferketten und der Rolle des Körpers in der Arbeitswelt.

Begleitend sind Führungen, Lesungen und Gespräche geplant. Die Eröffnung findet am 11. September 2026 von 19 bis 21 Uhr statt. Die Ausstellung ist anschließend bis zum 20. Dezember 2026 zu sehen. Für die begleitenden Veranstaltungen ist eine Anmeldung unter info@aestiftung.de erforderlich.

Pressemitteilung:

Ramona Schacht: Vom Bauhaus auf die Krim. Eine Bildbefragung zu Alfred Ehrhardts Tabakserien.

12. September bis 20. Dezember 2026
kuratiert von Stefanie Regina Dietzel
Eröffnung: Freitag, 11. September 2026, 19.00 bis 21.00 Uhr
In Anwesenheit der Künstlerin

Erstmals zeigt die Alfred Ehrhardt Stiftung die historischen Industriefotografien von Alfred Ehrhardt (1901-1984) in einem völlig neuen, zeitgenössischen Licht. Zwischen 1954 und 1963 fertigte Ehrhardt im Auftrag des Tabakkonzerns Reemtsma & Co. zahlreiche filmische und fotografische Arbeiten an. Diese Werke blieben bislang weitgehend unbeachtet und stehen in Kontrast zu seinen bekannten, freikünstlerischen Natur- und Landschaftsaufnahmen. Die bisher kaum ausgestellten Dokumente bilden das Fundament für die neueste Arbeit Photography’s Claim to Property. Bilder im Auftrag Reemtsmas der Leipziger Künstlerin Ramona Schacht (*1989). Schacht setzt sich intensiv mit den dargestellten Arbeitswelten auseinander und hinterfragt, welche politischen, ökonomischen sowie körperlichen Ordnungen in diesen Bildern sichtbar werden, und welche verdeckt bleiben. Der Rohstoff Tabak ist dabei in Form von selbst gezogenen Pflanzen in der gesamten Ausstellung präsent.

Ehrhardts Film Die Welt des Tabaks (1956) sowie die parallel dazu entstandenen Fotografien, die ebenfalls Teil der Ausstellung sind, dokumentieren verschiedene Produktionsräume des Tabaks. Die Reise führt vom ursprünglichen Tabakanbau in Mazedonien über die technologische Modernität US-amerikanischer Fabriken bis nach Hamburg, um die Produktionskraft des Reemtsma-Konzerns zu inszenieren. Ausgehend davon führte Schacht umfangreiche Recherchen im Reemtsma-Fotoarchiv sowie in weiteren Archiven zur Tabakproduktion der 1920er bis 1950er Jahre durch und verschiebt somit den Blick vom einzelnen Dokument hin zu übergreifenden Bildordnungen. Ihre künstlerische Auseinandersetzung mit diesem Archivmaterial ist dabei bewusst fragmentarisch angelegt, da kein einzelnes Bild heute die gesamte historische Realität tragen kann. Statt einer geschlossenen Erzählung sucht sie nach wiederkehrenden Strukturen wie spezifischen Haltungen, Blickachsen, Abständen, Reihungen und Körperordnungen. Aus einer gesellschaftskritischen Perspektive untersucht sie, wie weibliche Arbeit in Ehrhardts Bildern zugleich sichtbar gemacht und bewertet wird.

Im Film tritt die weibliche Arbeit vor allem in Masse und Rhythmus auf. Auf dieser Beobachtung basieren die ersten beiden Werkgruppen, für die Schacht direkte Eingriffe in Ehrhardts Aufnahmen vornimmt. Ihre Tableaus mit den sprechenden Titeln Gebeugte Körper und Vorbestimmte Besetzung aus verschiedenen Momentaufnahmen der Arbeit auf den Tabakfeldern und in den Fabrikhallen legen die Strukturen der industriellen Bildsprache sowie die Gesten und Körperhaltungen der Arbeiterinnen offen. Die Frauen sind nicht nur passiv ins Bild gesetzt, sondern bestimmen aktiv dessen Komposition. Schacht isoliert Fluchtlinien, Zentralperspektiven, Wiederholungen sowie geometrische Ordnungen, übersetzt diese in präzise Linien und Punkte und lässt so ein neues grafisches Gerüst entstehen.

Das Motiv des gebeugten, weiblichen Körpers reicht weit über die Tabakproduktion hinaus und erinnert an kunsthistorische Ikonen wie Jean-François Millets Die Ährenleserinnen von 1857. Solche Darstellungen wurden oft ästhetisiert und in einer Schönheit gezeigt, welche die Härte der realen Arbeit abmildert. Entsprechende kunsthistorische Querverweise in den Vitrinen machen Schachts Rechercheprozess direkt greifbar. Im Fall der Feldarbeiterinnen führt der Weg zu Fotografien aus dem sogenannten „Krim-Album“ von 1943 aus dem Reemtsma-Archiv. Diese Dokumente öffnen die kritische Frage nach der Geschichte der Tabakproduktion während des Nationalsozialismus, insbesondere nach der Zwangsarbeit auf der Krim. Schacht überführt eine Fotografie von Feldarbeiterinnen in ein aufwendiges Jacquard-Gewebe. Damit verweist sie auf historische Tapisserien und Wandbehänge, die lange Zeit als Medien von Macht, Besitz und herrschaftlicher Ausstattung dienten. Auch in der Auftragsfotografie werden Arbeiterinnen stets doppelt vereinnahmt, sowohl durch die Unternehmen als auch durch die Kamera des Fotografen.

In einem inszenierten Gespräch begegnet Schacht einem fiktiven Filmemacher der Nachkriegszeit aus der heutigen Perspektive und befragt seine Rolle als Autor, Regisseur und Sprecher. Diese als eigenständige filmische Arbeit präsentierte Begegnung führt die unterschiedlichen Ebenen der künstlerischen Recherche zusammen. Der historische Film, die Archivbilder, der männliche Blick, die Frage nach historischer Verantwortung und die Möglichkeit, geschichtliches Material aus einer gegenwärtigen Sichtweise neu zu lesen, werden so verknüpft.

Über alle Ebenen hinweg lädt die Ausstellung dazu ein, historische Bilder nicht als neutrale Dokumente zu behandeln. Sie ermöglicht eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit den Schichten von Geschichte, Arbeit und kultureller Wahrnehmung. Besonders bei der Darstellung weiblicher Arbeit eröffnet Schacht neue Sichtachsen auf oft übersehene Realitäten in den Produktionsprozessen, darunter prekäre Arbeitsverhältnisse, globale Lieferketten und Körper, die durch ökonomische Systeme kontrolliert und austauschbar gemacht werden. Ihre Recherche ist kein reiner Blick zurück, sondern der präzise Versuch, in den historischen Bildern Strukturen zu erkennen, die bis in die Gegenwart spürbar nachwirken.

Begleitende Veranstaltungen

  • Donnerstag, 24. September 2026, 18 Uhr: Führung durch die Ausstellung mit der Künstlerin Ramona Schacht und der Kuratorin Stefanie Regina Dietzel
  • Donnerstag, 8. Oktober 2026, 19 Uhr: „Feuer gefällig?“, Lesung und Gespräch mit Melanie Aufenvenne zur Kulturgeschichte des Rauchens. Moderation: Thomas Böhm (radioeins: Die Literaturagenten)
  • Sonntag, 11. Oktober 2026, 14 Uhr: „Das neue Rauchen: Ein künstlerischer Blick auf die Gegenwart der Tabakindustrie“, Gespräch mit dem Fotografen Oliver Heise und Prof. Dr. Steffen Siegel, Professor für Theorie und Geschichte der Fotografie an der Folkwang Universität der Künste
  • Donnerstag, 26. November 2026, 19 Uhr: „Labour as Image, Gender as Medium: Women’s Work in the Industrial Archive, from the Filmfabrik Wolfen to Ramona Schacht“, Slide-Präsentation von Dr. Katerina Korola, Assistant Professor of Film & Media, University of California, Berkeley (in Englisch)
  • Sonntag, 29. November 2026, 16 Uhr: Führung durch die Ausstellung mit Ramona Schacht und Stefanie Regina Dietzel, begleitet von einer Sound-Performance von Kyoco Taniyama

Für alle Veranstaltungen ist eine Voranmeldung unter info@aestiftung.de erforderlich.