Das Zentrum Paul Klee in Bern widmet Florence Henri eine Einzelausstellung mit rund 80 Arbeiten. Vom 29. August 2026 bis 10. Januar 2027 zeichnet die Schau ihren Weg von Musik und Malerei zur Fotografie des „Neuen Sehens“ nach.

Florence Henri zwischen Musik, Malerei und Fotografie

Florence Henri (1893–1982) arbeitete in mehreren künstlerischen Disziplinen und bewegte sich dabei zwischen wichtigen Zentren der europäischen Avantgarde. Sie war zunächst als Musikerin tätig, wandte sich später der Malerei zu und wurde schließlich vor allem mit ihren Fotografien bekannt. Das Zentrum Paul Klee in Bern stellt ihr Werk nun innerhalb der Dauerausstellung „Kosmos Klee“ vor.

Die Ausstellung „Fokus. Florence Henri (1893–1982)“ läuft vom 29. August 2026 bis zum 10. Januar 2027. Nach Angaben des Museums handelt es sich um die erste Einzelausstellung der Künstlerin in der Schweiz seit mehr als 40 Jahren. Rund 80 Werke sollen ihre unterschiedlichen Schaffensphasen dokumentieren, darunter vor allem Fotografien und Gemälde sowie Zeichnungen und Collagen.

Von der Pianistin zur Malerin

Henris künstlerische Entwicklung fiel in eine Phase tiefgreifender politischer und gesellschaftlicher Veränderungen in Europa. Vor dem Hintergrund der beiden Weltkriege entstanden neue Kunstströmungen, während sich Künstlerinnen und Künstler zwischen Städten wie London, Rom, Berlin, München und Paris austauschten.

Henri war zunächst als Pianistin erfolgreich, entschied sich jedoch gegen eine weitere musikalische Laufbahn. 1914 begann sie eine Ausbildung zur Malerin in Berlin und Düsseldorf. Über den Kunsthistoriker Carl Einstein lernte sie Akteure der damaligen Avantgarde kennen. Zu ihrem Umfeld gehörten unter anderem Hans Richter, Iwan Puni und László Moholy-Nagy.

1924 zog Henri nach Paris. Dort studierte sie zunächst bei André Lhote und später an der Académie Moderne bei Fernand Léger und Amédée Ozenfant. Während ihre frühen Bilder kubistische Einflüsse erkennen ließen, rückten später geometrische Formen stärker in den Mittelpunkt. Zu den Künstlerinnen und Künstlern, mit denen Henri in dieser Phase in Kontakt stand, gehörten Piet Mondrian, Sonia und Robert Delaunay, Hans Arp sowie Sophie Taeuber-Arp.

Kurse bei Paul Klee am Bauhaus

Eine Verbindung zu Paul Klee entstand 1927. Henri hielt sich als Hospitantin am Bauhaus in Dessau auf und besuchte dort unter anderem Kurse von Klee, Moholy-Nagy, Josef Albers und Wassily Kandinsky. Aufgrund ihrer bereits vorhandenen künstlerischen Erfahrung dürfte für sie neben dem Unterricht vor allem der Austausch mit dem Umfeld des Bauhauses eine Rolle gespielt haben.

Wie stark sie der Aufenthalt beschäftigte, zeigt ein Brief an Lou Scheper vom 29. August 1927. Darin schrieb Henri: „Paris macht einen unglaublich altmodischen Eindruck nach dem Bauhaus.“

Vor allem die Auseinandersetzung mit Moholy-Nagys Konzept des „Neuen Sehens“ und der Kontakt zu Lucia Moholy verstärkten laut Zentrum Paul Klee Henris Interesse an der Fotografie. Obwohl sie weiterhin als Malerin arbeitete und ihre Bilder ausstellte, wurde die Fotografie zum Bereich, mit dem sie größere Bekanntheit erreichte.

Spiegel verändern den Blick auf den Bildraum

Henri setzte in ihren Fotografien Licht und Schatten, ungewöhnliche Perspektiven sowie Schärfe und Unschärfe gezielt als Gestaltungsmittel ein. Wiederkehrende Elemente waren Spiegel und metallische Kugeln. Damit konnte sie mehrere Perspektiven innerhalb einer Aufnahme zusammenführen und die räumliche Wahrnehmung verändern.

Ihre Fotografien wurden bereits zu Lebzeiten in Ausstellungen gezeigt sowie in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht. Daneben arbeitete Henri als Werbefotografin.

Während des Zweiten Weltkriegs erschwerten Materialknappheit und Einschränkungen ihre fotografische Arbeit. Henri konzentrierte sich deshalb wieder stärker auf die Malerei. Die später entstandenen Werke unterscheiden sich deutlich von ihren frühen Arbeiten. Als verbindendes Element sieht das Zentrum Paul Klee ihr anhaltendes Interesse an Komposition, Wahrnehmung und unterschiedlichen Formen des Sehens.

Rund 80 Werke in Bern

Die Berner Ausstellung soll Henris Entwicklung innerhalb der europäischen Avantgarde über mehrere Jahrzehnte nachvollziehbar machen. Verantwortlich für die Kuratierung sind Roberto Lacarbonara und Giovanni Battista Martini.

Organisiert wird die Schau vom Zentrum Paul Klee in Bern und dem Palazzo Ducale in Genua in Zusammenarbeit mit dem Archiv Florence Henri. Öffentliche Führungen durch „Kosmos Klee. Die Sammlung“ finden sonntags um 12 Uhr statt. Unterstützt wird die Ausstellung vom Kanton Bern, dem Bundesamt für Kultur BAK und der Museumsstiftung der Burgergemeinde Bern.

Bild: Florence Henri – Stilllebenkomposition, 1929
Vintage-Silbersalzabzug
© Martini & Ronchetti, courtesy Archives Florence Henri