Wie verändern KI, Algorithmen und digitale Medien unseren Blick auf die Wirklichkeit? Die Berliner Künstlerin und Softwareentwicklerin Carola Lampe untersucht diese Frage in „Tell Me What To See“. Fotografiska Berlin zeigt die Arbeit vom 14. August bis 20. Oktober 2026.
Empfehlungsalgorithmen, generative KI und digitale Bildbearbeitung verändern zunehmend, welche Bilder und Informationen Menschen wahrnehmen. Mit diesen Entwicklungen beschäftigt sich die Berliner Künstlerin und Softwareentwicklerin Carola Lampe in ihrem Projekt „Tell Me What To See“, das Fotografiska Berlin im Rahmen des Nachwuchsprogramms Emerging Berlin zeigt.
Die Arbeit entstand bereits Ende 2019 beziehungsweise Anfang 2020 und setzt sich mit der Frage auseinander, wie Algorithmen, Daten und automatisierte Systeme unsere Wahrnehmung beeinflussen. Lampe untersucht dabei sowohl die Möglichkeiten als auch die Risiken neuer Technologien, darunter Filterblasen, digitale Überwachung, manipulierte Inhalte und die zunehmende Schwierigkeit, zwischen realen und künstlich erzeugten Bildern zu unterscheiden.
Für die Ausstellung verbindet die Künstlerin verschiedene fotografische und digitale Verfahren. Neben klassischen Aufnahmen aus dem öffentlichen Raum entstanden inszenierte Bilder, die bewusst den Eindruck computergenerierter Motive vermitteln. Ergänzt werden diese Arbeiten durch experimentelle Bilder, die mit KI-Bildgeneratoren, 3D-Umgebungen und digitalen Bearbeitungswerkzeugen entstanden sind. Im Mittelpunkt steht dabei weniger die Technik selbst als die Frage, wie Menschen und Maschinen Bilder wahrnehmen und interpretieren.
Fotografiska Berlin zeigt „Tell Me What To See“ vom 14. August bis zum 20. Oktober 2026. Die Eröffnung findet am 13. August um 19 Uhr statt. Kuratiert wird die Ausstellung von Marie-Luise Mayer gemeinsam mit Carola Lampe.
Pressemitteilung Fotografiska:
Carola Lampe – Tell Me What To See
- Opening: 13. Aug 2026, 19:00
- Laufzeit: 14. Aug – 20. Okt 2026
Künstliche Intelligenz, Algorithmen und andere digitale Technologien steuern längst große Teile unseres Alltags – oft ohne, dass wir es merken. Die Fotografin und Künstlerin Carola Lampe setzt sich bereits seit Jahren mit dieser Entwicklung auseinander. In ihrem Projekt Tell Me What To See schiebt sie Realität und Künstlichkeit so weit ineinander, dass alle Grenzen verschwimmen. Ab dem 14. August stellt Fotografiska Berlin die Arbeit im Rahmen des Nachwuchsprogramms Emerging Berlin aus.
Wie ist Tell Me What To See entstanden?
Carola Lampe: Das Projekt hat eine Vorgeschichte. Mein letztes Projekt hieß Humanoid. Da floss zum ersten Mal das Thema Technologie in meine Arbeit ein. Ich hatte mir vorgenommen, rauszugehen und zu gucken, an welchen Stellen in meiner Umgebung ich Science-Fiction-Bilder finde und wo sich die Zukunft in der Gegenwart zeigt. Ich wollte Welten kreieren, die ein bisschen dystopisch sind. Tell Me What To See hat in diesem Projekt seinen Ursprung. Hier geht es ebenfalls um die Suche nach der Zukunft. Ich wollte näher betrachten, wie die neuen digitalen Technologien Einfluss auf unsere Wahrnehmung, unseren Alltag und unsere Welt nehmen – speziell im Hinblick auf Algorithmen, Daten und KI.
Also erneut eine Dystopie?
Lampe: Bei Humanoid war das klarer, das war bewusst dystopisch angelegt. Bei Tell Me What To See möchte ich es ein Stück weit offenhalten, das sollen die Betrachter*innen selbst entscheiden. Aus meiner Perspektive tendiert es schon in diese Richtung. Ich sehe bestimmte Entwicklungen, die ich nicht uneingeschränkt gutheißen kann. Ich komme selbst aus der Softwareentwicklung, kenne das Feld also von innen und betrachte vieles dort kritisch.
Heute begegnen wir dem Themenkomplex KI in verschiedenen Ausprägungen fast täglich in den Nachrichten. Du hast die Arbeit an dem Projekt schon begonnen, als das noch kaum diskutiert wurde …
Lampe: Genau, das Projekt startete ich Ende 2019, Anfang 2020. Als Ende 2022 ChatGPT an den Start ging, fand das Thema schnell eine breite Öffentlichkeit. Meine These war schon vorher, dass unsere Leben zunehmend von Algorithmen gesteuert werden – auf allen möglichen Ebenen. Oft bemerken wir das überhaupt nicht.
Was waren die konkreten Fragen, die dich dabei angetrieben haben?
Lampe: Dass Technologieunternehmen und Regierungen dabei zu viel Kontrolle übernehmen. Dass die Daten, auf denen die meisten Systeme beruhen, aus der Vergangenheit stammen und deshalb Vorurteile verstärken können. Dass Filterblasen entstehen, dass Massenüberwachung möglich wird, und dass die Grenze zwischen Wahrheit und Fälschung immer schwerer zu ziehen ist. Die Kernfragen sind: Können wir noch dem vertrauen, was wir sehen? Erschaffen wir uns eine andere Wirklichkeit? Wer hat die Kontrolle, und was bleibt von Freiheit? Ich wollte Realität und Künstlichkeit gegenüberstellen und aufzeigen, wie sich diese Verschiebungen vollziehen: in der Wahrnehmung, im sozialen Gefüge, im Stadtbild, in der Arbeitswelt, vielleicht auch in kognitiven Prozessen.
Wie sah der handwerkliche Arbeitsprozess aus? Du hast ja mit drei verschiedenen Arten der Bildgenerierung gearbeitet …
Lampe: Die erste Ebene war klassische Streetphotography. Ich bin rausgegangen und habe nach Bildern gesucht, die den theoretischen Unterbau des Projekts visuell untermauern. Die zweite Ebene: Ich habe im Studio kleine Szenarien gebaut und versucht, mit der Kamera Bilder zu erzeugen, bei denen man nicht mehr sicher sein kann, ob sie real fotografiert oder computergeneriert sind. Die dritte Ebene ist experimenteller: KI-generierte Bilder, Screenshots aus 3D-Umgebungen, Manipulationen durch Photoshop und KI-Tools. Was mich dabei gereizt hat: Ich komme aus der Softwareentwicklung, arbeite aber in diesem Projekt bewusst mit der Kamera. Ich erzeuge also mit einem vergleichsweise klassischen Werkzeug Bilder, die maschinell wirken. Diese Ambiguität war gewollt.
War es eigenartig, einen rein maschinellen Sparringspartner zu haben?
Lampe: Nicht wirklich. Ich habe Kunst studiert, war lange in Performance und Tanz unterwegs, die Beschäftigung mit Technologie ist aber schon immer parallel dazu da gewesen. Von daher war die Kombination für mich eigentlich logisch. Allerdings hat sie auch einen Zwiespalt erzeugt: Weil ich die Technologie kenne und anwenden kann, hatte ich ständig das Gefühl, ich müsste sie in dem Projekt viel stärker einsetzen, als ich es letztendlich getan habe. Ich habe auch mit eigenen Trainingsdaten und eigenen Sprachmodellen experimentiert, fand das aber irgendwann weniger interessant. Die Entscheidung, es nicht so technisch zu machen, musste ich mir trotzdem immer wieder neu erkämpfen.
Glaubst du, dass man als Ausstellungsbesucher*in erkennen kann, welche Bilder von der KI generiert wurden?
Lampe: Teilweise schon, wenn man genau hinschaut. Aber es gibt auch Bilder, bei denen das nicht eindeutig erkennbar ist. Das ist durchaus gewollt. Die Irritation gehört dazu: dass man sich beim Betrachten nicht auf sicherem Boden befindet, nicht weiß, womit man es zu tun hat.
Du hast 2019/2020 angefangen, als KI noch kein öffentliches Thema war. Mittlerweile kann jeder in Sekunden etwas erzeugen, das wie ein Foto aussieht. Hat sich die Rezeption deiner Bilder dadurch verändert?
Lampe: Das ist schwer zu sagen. Die Thematik ist dieselbe geblieben, aber der Kontext hat sich dramatisch verändert. KI-generierte Bilder sind jetzt überall, in der Kunst, in der Fotografie, im Alltag. Ich könnte mir vorstellen, dass die Bilder heute einen leichteren Zugang finden, weil das Thema für viele Teil des Alltags geworden ist. Auch deshalb ist diese Ausstellung für mich interessant; danach kann ich die Frage vielleicht besser beantworten.
Wie war es für dich, dich so tief in diese dystopischen Grenzbereiche zwischen Freiheit und Kontrolle hineinzuwerfen? Betrachtet man die Wirklichkeit danach sorgenvoller?
Lampe: Das Thema ist bei mir seit dem ersten Tag permanent präsent. Ich lese ständig dazu, verfolge die Entwicklungen. Manchmal denke ich, es ist vielleicht zu viel, um gleichzeitig noch künstlerisch damit umzugehen. Aber es interessiert mich eben auch wirklich. Bestimmte Bereiche lassen mich nicht sorgenfrei, das stimmt, nicht so sehr wegen der Arbeit am Projekt selbst, sondern wegen der Beschäftigung mit dem Thema insgesamt. Aber ich will mich da auch nicht in eine Depression werfen.
Siehst du die Entwicklung eher pessimistisch oder als etwas Unaufhaltbares, dem man sich fügen muss?
Lampe: Aufzuhalten ist diese Entwicklung wohl kaum noch. Dafür sind die wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen zu groß, und sie wird inzwischen von sehr unterschiedlichen Akteuren vorangetrieben. Das bedeutet aber nicht, dass wir ihr völlig ausgeliefert sind. Ich möchte die Entwicklung deshalb nicht pauschal negativ bewerten. In manchen Bereichen, wie z.B. in der Medizin, in der Forschung und in der Produktivität kann Künstliche Intelligenz großen Nutzen haben. Gleichzeitig sehe ich erhebliche Risiken: die Konzentration von Macht bei wenigen Technologiekonzernen, neue Formen der Überwachung und Desinformation und eine wachsende Abhängigkeit von digitaler Infrastruktur. Problematisch ist auch, dass niemand genau vorhersagen kann, wohin sich KI entwickeln wird. Schon jetzt verändert sich unser Verhältnis zur Wahrheit: Bildern, Stimmen oder Videos kann man nicht mehr ohne Weiteres vertrauen. Digitale Medien verschieben unsere Wahrnehmung von Realität grundlegend.
Was hat dich bei der Arbeit an Tell Me What To See überrascht?
Lampe: Es war eigentlich eher eine Bestätigung als eine Überraschung. Beim Experimentieren mit KI-Modellen wurde mir noch einmal deutlich, wie stark KI von vorhandenen Daten und Mustern abhängt. Gerade weil ich mit sehr kleinen Datensätzen gearbeitet habe, konnte ich beobachten, wie schnell das Modell dazu neigte, das Ausgangsmaterial zu reproduzieren, statt sich davon zu lösen. Interessant fand ich dabei weniger die Frage, ob die KI kreativ ist, sondern was sie überhaupt wahrnimmt. Was sieht eine Maschine, wenn sie ein Bild betrachtet? Während wir Menschen Bedeutungen, Erinnerungen oder Stimmungen erkennen, arbeitet die KI mit Mustern, Beziehungen und Wahrscheinlichkeiten. Die Arbeit am Projekt hat deshalb weniger Antworten geliefert als neue Fragen aufgeworfen – vor allem darüber, was Wahrnehmung eigentlich ist und worin sich menschliches und maschinelles Sehen unterscheiden. Was sieht eine Maschine und wie unterscheidet es sich von unserem Sehen.
ÜBER DIE KÜNSTLERIN
Carola Lampe lebt und arbeitet als bildende Künstlerin und Software-Entwicklerin in Berlin. Sie hat einen Master of Fine Arts und absolvierte über mehrere Jahre Seminare an der Ostkreuzschule für Fotografie in Berlin. Ihre fotografischen Arbeiten wurden international ausgestellt, unter anderem in Großbritannien, den Niederlanden, Schweden, Italien, Polen, Griechenland, Indonesien und Ungarn. 2022 war sie Finalistin des PHMuseum Photography Award. 2021 gewann sie den Open Call des Belfast Photo Festival, 2020 wurde sie als Emerging Artist für das Förderprogramm PARALLEL – European Photo Platform ausgewählt. Ihre Arbeiten wurden unter anderem in Público PT, Der Greif, PARALLEL Atlas und dienacht magazine veröffentlicht. Im Zentrum ihrer künstlerischen Praxis steht die Auseinandersetzung mit den Auswirkungen technologischer Entwicklungen auf den Menschen sowie die Untersuchung des Graubereichs zwischen Realität und Fiktion.
AUSSTELLUNGSIMPRESSUM
Die Ausstellung wurde von Marie-Luise Mayer, Exhibitions Manager bei Fotografiska Berlin, in Zusammenarbeit mit der Künstlerin kuratiert, und in Partnerschaft mit IFA Berlin und Volkswagen R, mit freundlicher Kooperation mit unserem Fotografie Druck Partner WhiteWall produziert.
OPENING
Save the date: Am 13. August um 19:00 Uhr findet das Opening statt.
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