Unter dem Titel „Inner Mornings, or Forms of Counterculture“ präsentieren die Deichtorhallen Hamburg vom 6. Juni bis 13. September 2026 eine umfangreiche Gruppenausstellung. Der Titel bezieht sich auf ein Gedicht des amerikanischen Schriftstellers und Philosophen Henry David Thoreau, dessen Ideen die Gegenkulturbewegungen der 1960er- und 1970er-Jahre beeinflusst haben. Ergänzt wurde dieser Ansatz durch philosophische Überlegungen von Michel Foucault und Félix Guattari, die gesellschaftliche Machtstrukturen kritisch hinterfragen.
Die Ausstellung versteht den Begriff der Counterculture als aktive und gesellschaftsverändernde Praxis. Zu sehen sind rund 170 Werke von mehr als 80 Künstlerinnen und Künstlern, darunter Martha Rosler, Wolfgang Tillmans, Sophie Ristelhueber, John Baldessari und Halil Altındere.
Die Präsentation gliedert sich in vier Themenbereiche. Im ersten Kapitel stehen Arbeiten im Mittelpunkt, die etablierte Geschichtsbilder hinterfragen oder alternative Sichtweisen sichtbar machen. Ein weiterer Bereich beschäftigt sich mit künstlerischen Formen der Kritik. Das dritte Kapitel widmet sich dem Umgang mit Geschichte und Erinnerung. Im vierten Themenbereich geht es um Werke, die bewusst irritieren oder provozieren.
Einen besonderen Schwerpunkt bildet das Werk von Claude Cahun. Die französische Künstlerin verband nach Angaben der Kuratoren politische und künstlerische Aktivitäten bereits früh miteinander. Gemeinsam mit ihrer Partnerin Marcel Moore engagierte sie sich während der deutschen Besatzung der Kanalinsel Jersey im antifaschistischen Widerstand.
Kooperation zwischen Hamburg und Nantes
Die Ausstellung wurde von Émilie Houssa, Direktorin des Centre Claude Cahun in Nantes, initiiert und gemeinsam mit Dirk Luckow, Intendant der Deichtorhallen Hamburg, sowie Goesta Diercks entwickelt. Nach der Präsentation in Hamburg soll das Projekt Ende 2026 auch in Nantes gezeigt werden.
Bild: Jean Luc Moulène, Colère aus der Serie Honni soit, 1998; Collection Musée d’arts de Nantes; © VG Bild-Kunst Bonn und Adagp, Paris, 2026.
Pressemitteilung Deichtorhallen Hamburg:
INNER MORNINGS, OR FORMS OF COUNTERCULTURE
6. JUNI – 13. SEPTEMBER 2026
Titelgebend für die Ausstellung ist das Gedicht »The Inward Morning« des amerikanischen Schriftstellers und Philosophen Henry David Thoreau (1817–1862), eines Vordenkers des zivilen Ungehorsams, dessen Ideen die amerikanische Counterculture-Bewegung der 1960er und 1970er Jahre stark beeinflusst haben. Erweitert wird dies um eine kritische, gesellschaftliche Machtstrukturen hinterfragende französische Denklinie um Michel Foucault und Félix Guattari. Im Anschluss an diese Überlegungen wird der Begriff der Counterculture im Kontext der Ausstellung als aktiv, diskursiv und transformativ verstanden.
Zu sehen sind rund 170 überwiegend fotografische, aber auch Video- sowie installative Arbeiten von mehr als 80 Künstler*innen, angefangen von Halil Altındere, Maja Bajević und John Baldessari bis hin zu Sophie Riestelhueber, Martha Rosler und Wolfgang Tillmans. Präsentiert werden die Werke in vier thematischen Kapiteln, die künstlerische Strategien der Counterculture beschreiben.
Die Notwendigkeit vielfältiger Perspektiven und Stimmen
Hier werden Positionen präsentiert, die einseitige Geschichtsschreibungen hinterfragen – sei es durch eine pluralistische Sichtweise, die verschiedene Lesarten zulässt, wie in den Fotomontagen von Martha Rosler, oder durch die Darstellung von Gegenperspektiven, wie in den Videos von Anri Sala oder den fotografischen Bearbeitungen von Sophie Riestelhueber.
Sehen, zeigen, umdeuten, anprangern
Ein anderer Weg besteht darin, eine Sache, eine Person oder eine Situation so darzustellen, dass sich in dieser Darstellung selbst die Kritik artikuliert. Auf diese Weise arbeiten zahlreiche Künstler*innen, darunter etwa Lewis Baltz, der durch die sachliche Abbildung baulicher Gegenwarten oder Archivalien Kritik an diesen übt. Hans-Peter Feldmann nutzt das Prinzip der Anhäufung, um die Mechanisierung und Verdinglichung des Menschen sichtbar zu machen, während etwa Robin Collyer in seinen verfremdeten fotografischen Arbeiten, in denen er alle textlichen Elemente aus dem öffentlichen Raum entfernt hat, einen erstarrten, normierten Zustand darstellt.
Die Geschichte neu schreiben
Viele Künstler*innen entwerfen auch eine alternative Form von Geschichte – eine Erzählung, die sich neben die offizielle Version legt, sich politischen Festlegungen entzieht und auf verdeckte Erinnerungen konzentriert. So bedienen sich Künstler*innen wie Walid Raad oder Jeremy Deller der Fiktion, um die Lücken eines fragmentierten kollektiven Gedächtnisses zu füllen. Wieder anderen wie Dennis Hopper oder Andrea Stappert ist es gelungen, in ihren Künstler*innen-Porträts eine sonst im Schatten verbliebene Erinnerung festzuhalten.
Das Absurde als Waffe: Schockieren, aufrütteln, stören und Grenzen verschieben
Eine andere künstlerische Strategie besteht darin, Werke zu gestalten, die den Blick stören, um so das Unerträgliche, Inkohärente oder Sinnentleerte gesellschaftlicher Realitäten zu entlarven. Einige entscheiden sich für Provokation, wie Valie Export oder Paul McCarthy, während für andere das Absurde zu einer Form an sich wird, wie bei Olaf Breuning.
Einen zentralen Bezugspunkt innerhalb der Ausstellung bildet das Leben und Werk Claude Cahuns. Ihre Kunst – von Anfang an zugleich poetisch und politisch, spielerisch und subversiv – setzte sie ab 1940 ganz direkt für den antifaschistischen Widerstand ein. Mit ihrer Lebens- und künstlerischen Partnerin Marcel Moore war sie 1937 vor den Nationalsozialisten nach Jersey geflohen. Als die Kanalinsel ebenfalls von der deutschen Wehrmacht besetzt wurde, begannen die beiden, als »Soldat ohne Namen« Widerstandsaktionen zu entwickeln. 1944 wurden sie verhaftet und zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde nicht vollstreckt, Claude Cahun starb allerdings 1954 an den Folgen der Gefangenschaft.
Künstler*innen
Soufiane Ababri, Vito Acconci, Halil Altındere, Roy Arden, Maja Bajević, John Baldessari, Lewis Baltz, Jerry Berndt, John Bock, Christian Boltanski, Olaf Breuning, Thorsten Brinkmann, Chris Burden, Victor Burgin, Camille Orso Caël, Claude Cahun, Mircea Cantor, Claire Chevrier, Larry Clark, Allana Clarke, Michael Clegg & Martin Guttmann, Robin Collyer, Jordi Colomer, Sue de Beer, Jeremy Deller, Philip-Lorca diCorcia, Willie Doherty, William Eggleston, Erró, Gilbert & George, Walker Evans, Valie Export, Christelle Familiari, Hans-Peter Feldmann, Fischli & Weiss, Lee Friedlander, David Goldblatt, Nan Goldin, Hans Haacke, Joana Hadjithomas & Khalil Joreige, Clarisse Hahn, Raymond Hains, Dennis Hopper, Peter Hujar, Philippe Jacq, Mike Kelley, Jürgen Klauke, Astrid Klein, Karen Knorr, Arthur Koepcke, Jiří Kovanda, Ange Leccia, Sharon Lockhart, Urs Lüthi, Carlos Martiel, Paul McCarthy, Jean-Luc Moulène, Kristin Oppenheimer, Daniela Ortiz, Adrian Paci, Gina Pane, Pierre et Gilles, Peter Piller, Bernard Plossu, Sigmar Polke, Richard Prince, Walid Raad, Gerhard Richter, Sophie Ristelhueber, Martha Rosler, Anri Sala, Santiago Sierra, Andrea Stappert, Tomoko Takahashi, Wolfgang Tillmans, Patrick Tosani, Endre Tót, Anne-Mie Van Kerckhoven, Heidi Wood, Artur Żmijewski
Die Ausstellung wurde initiiert und kuratiert von Émilie Houssa, Direktorin des Centre Claude Cahun in Nantes, in Zusammenarbeit mit Dirk Luckow, Intendant der Deichtorhallen Hamburg, und Goesta Diercks, Ausstellungsmanager der Sammlung Falckenberg.
Das Ausstellungsprojekt wird im Rahmen der strategischen Städtepartnerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg und Nantes Métropole vom Referat für internationalen Kulturaustausch der Behörde für Kultur und Medien und der Abteilung für internationale Zusammenarbeit, Staatsamt, Senatskanzlei der Stadt Hamburg unterstützt. Gefördert durch das Büro für bildende Künste des Institut français Deutschland und des französischen Ministeriums für Kultur.
Nach der Präsentation zur 9. Triennale wird die Ausstellung Ende 2026 in Nantes eröffnet: am 29. November im Frac Pays de la Loire und am 3. Dezember im Atelier de la Ville de Nantes.
In Kooperation mit dem Centre Claude Cahun und den fotografischen Sammlungen der Stadt Nantes und dem Regionalfonds für zeitgenössische Kunst der Pays de la Loire.
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