Die Leica Galerie Wetzlar widmet dem Fotografen Fred Stein eine Ausstellung mit Arbeiten aus Paris und New York. Gezeigt werden Street-Photography-Aufnahmen sowie Porträts bekannter Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Begleitend ist eine Lesung des Historikers Daniel Siemens geplant.
Die Leica Galerie Wetzlar präsentiert vom 30. April bis zum 14. Juni 2026 eine Ausstellung zum Werk des Fotografen Fred Stein. Im Mittelpunkt stehen Aufnahmen aus Paris und New York, die zwischen den 1930er- und 1960er-Jahren entstanden sind. Ergänzt wird die Schau durch Porträts prominenter Persönlichkeiten sowie biografische Einblicke in das Leben des Fotografen.
Fred Stein wurde 1909 in Dresden geboren und studierte zunächst Jura. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten musste er Deutschland 1933 aus politischen und antisemitischen Gründen verlassen. Gemeinsam mit seiner Frau floh er über Prag nach Paris. Laut Veranstalter spielte eine Leica I dabei eine zentrale Rolle: Mit der Kamera habe Stein seine fotografische Laufbahn begonnen und später seinen Lebensunterhalt bestritten.
In Paris entwickelte sich Stein nach Angaben der Leica Galerie rasch zu einem wichtigen Vertreter der Street Photography. Seine Bilder sollen vor allem alltägliche Situationen und spontane Begegnungen zeigen. Dabei habe er sich besonders für Menschen und ihre Geschichten interessiert.
Während seiner Zeit in Paris bewegte sich Stein zudem im Umfeld deutscher Exilanten und Künstler. Zu seinen Kontakten zählten unter anderem Willy Brandt, Bertolt Brecht, Gerda Taro und Robert Capa. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Frankreich floh die Familie 1941 weiter in die USA.
Auch in New York widmete sich Stein weiterhin der Straßenfotografie. Hinzu kamen sozialdokumentarische Serien sowie Architekturaufnahmen. Laut Ausstellungskonzept arbeite Stein konsequent in Schwarzweiß und habe sowohl Leica-Kameras als auch eine Rolleiflex genutzt.
Einen weiteren Schwerpunkt bilden Porträtaufnahmen. Mehr als 1.000 Bilder sollen im Laufe seiner Karriere entstanden sein. Zu den fotografierten Persönlichkeiten gehören unter anderem Albert Einstein, Hannah Arendt, Marlene Dietrich, Salvador Dalí und Frank Lloyd Wright.
Nach Angaben der Veranstalter setzte Stein meist auf natürliches Licht und verzichtete weitgehend auf aufwendige Inszenierungen oder Retuschen. Seine Arbeiten sollen dadurch eine möglichst authentische Darstellung der Porträtierten vermitteln.
Am 15. Mai 2026 findet zusätzlich eine Lesung in der Leica Galerie Wetzlar statt. Der Historiker Daniel Siemens liest aus seiner Biografie „Der Fotograf Fred Stein – ein deutsch-jüdisches Leben 1909–1967“. Die Veranstaltung soll die Fotografien im historischen Kontext einordnen und weitere Einblicke in das Leben des Fotografen geben.
Die Ausstellung war zuvor bereits in Salzburg und Stuttgart zu sehen.
Pressemitteilung Leica:
Fred Stein: Stadt. Leben. Porträt
Die Leica Galerie Wetzlar präsentiert vom 30. April bis zum 14. Juni 2026 Einblicke in das Lebenswerk Fred Steins. Zusätzlich liest der Historiker Daniel Siemens aus seiner Fred-Stein-Biographie am 15. Mai 2026.
Wetzlar, 30. April 2026. „Die Leica brachte mir das Fotografieren bei.“ Mit diesem Satz hat Fred Stein (1909–1967) seine Erfahrungen und seinen Einstieg in die Fotografie knapp zusammengefasst. Der studierte Jurist nutzte seine Leidenschaft für das Medium nach seiner erzwungenen Emigration aus Deutschland: In Paris und später in New York wurde aus dem Amateurfotografen rasch ein hervorragender Vertreter der Street Photography, und auch als Porträtfotograf sollte er brillieren.
Nach seinem Jurastudium arbeitete Stein als Gerichtsreferendar in Dresden, war aber bereits 1933 nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten gezwungen, Deutschland aus antisemitischen und politischen Gründen zu verlassen. Unter dem Vorwand ihrer Hochzeitsreise gelang dem Ehepaar Stein die Flucht über Prag nach Paris. Im Gepäck war auch die gemeinsam erworbene Leica I, die von nun an für den Lebensunterhalt wesentlich werden und Stein eine neue Existenz und Lebensperspektive bieten sollte. Mit großer Aufmerksamkeit und Neugier blickte er auf das Leben und die Straßen von Paris.
Sein Interesse galt dabei den kleinen und scheinbar unbedeutenden, aber umso aussagekräftigeren Momenten des Alltags. „Wenn ich auf der Straße an jemandem vorübergehe, suche ich nach seiner Geschichte“, sagte Stein. Sein humanistischer Blick, die Empathie für seine Mitmenschen, seine präzisen Kompositionen, aber auch die ungeschönte Ehrlichkeit waren die Grundlage für ein rasch wachsendes Archiv zu einzelnen Themen, die er verschiedenen Magazinen anbieten konnte. Dabei ist immer auch Steins Sinn für Humor zu entdecken, der sein Interesse am Alltäglichen mit den außergewöhnlichen Momenten verbindet. Als Teil der deutschen Emigrantencommunity in Paris pflegten die Steins viele Kontakte unter anderem zu Willy Brandt, Bertolt Brecht, Gerda Taro und Robert Capa. Sie unterstützten den antifaschistischen Widerstand und boten in ihrer kleinen Wohnung im siebten Stock eines Hauses im Montmartre-Viertel vielen ihre Gastfreundschaft.
Nach der deutschen Invasion Frankreichs mussten die Steins weiterflüchten. 1941 gelang es dem Ehepaar und der 1938 geborenen Tochter, mit einem der letzten Schiffe aus Marseille in die USA zu emigrieren. In New York widmete sich Stein weiterhin der Street Photography, war von der Architektur fasziniert, entwickelte aber ebenso sozialdokumentarische Serien. Rückblickend wird deutlich, wie es ihm gelang, das Wesen und die Atmosphäre der beiden so verschiedenen Metropolen Paris und New York mit ihren unterschiedlichen Stimmungen herauszuarbeiten.
Auch in den USA fotografierte er ausschließlich in Schwarzweiß, nutzte nun neben der Leica auch eine Rolleiflex und blieb dabei, aus seinen Abzügen die für ihn wesentlichen Ausschnitte herauszupräparieren. Neben der Street Photography erhielt die Porträtfotografie in New York einen noch höheren Stellenwert. Mehr als 1000 Porträts entstanden – das Archiv, das heute von dem 1943 geborenen Sohn Peter gepflegt wird, liest sich wie ein Who’s who prominenter Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts: Darunter sind Albert Einstein, Hannah Arendt, Marlene Dietrich, Georgia O’Keeffe, Salvador Dalí, Frank Lloyd Wright und Robert Frank. Auch bei seinen Porträts war der Fotograf vor allem an natürlicher Authentizität interessiert und verzichtete daher meist auf Retuschen oder aufwendige Inszenierungen und bevorzugte natürliches Licht.
Der bereits mit 58 Jahren verstorbene Fred Stein erhielt trotz seines vielfältigen Werks und vieler Veröffentlichungen zu Lebzeiten nicht die ihm zustehende Anerkennung. Aus dem Nachlass ergibt sich heute ein umfassendes Bild seiner Fähigkeiten als exzellenter Beobachter, Dokumentarist und Zeitzeuge. Erst die Ausstellungen der letzten Jahre würdigten sein Werk und sein Leben, das durch die Stationen der Emigration geprägt wurde.
Die Ausstellung in der Leica Galerie Wetzlar, die zuvor in Salzburg und Stuttgart gezeigt wurde, ist ein weiterer wichtiger Baustein, die Leistungen Fred Steins zu würdigen.
Lesung „Einstein, Arendt, Mann – und der Fotograf dahinter“:
Am 15. Mai findet zusätzlich die Lesung „Der Fotograf Fred Stein – ein deutsch-jüdisches Leben 1909– 1967“ in der Leica Galerie Wetzlar statt. Dabei liest der Historiker Daniel Siemens aus seiner neu erschienenen Fred-Stein-Biographie. So entsteht ein vielschichtiger Zugang, der die Fotografien in ihrem historischen und persönlichen Kontext erfahrbar macht. Anmeldung zur Lesung unter: FredStein-Lesung-Leica-Welt.
Biografie:
Alfred „Fred“ Stein wurde am 3. Juli 1909 als Sohn eines Rabbiners in Dresden geboren. Sein Vater starb, als Stein sechs Jahre alt war. Seine Mutter förderte seine kulturellen Interessen. Politisch stark engagiert, wurde er mit 16 Jahren Mitglied der Sozialistischen Arbeiter-Jugend. Studium der Rechtswissenschaft in Heidelberg, München und Berlin. 1930 erste juristische Staatsprüfung an der Universität Leipzig. Am 30. Juni 1933 wurde er aus antisemitischen Gründen aus dem Justizdienst entlassen und nicht mehr zum zweiten Staatsexamen zugelassen. Im August 1933 Heirat mit Liselotte „Lilo“ Salzburg (1910–1997). Ihr gegenseitiges Hochzeitsgeschenk war eine Leica I. Anfang Oktober Flucht aus Deutschland, 1934 Eröffnung des Studio Stein in Paris. Als Porträt- und Pressefotograf arbeitete er für die deutsche Exilpresse, französische Zeitungen und Zeitschriften sowie die kommunistische und jüdische Presse. Lilo Stein unterstützte ihn in allen geschäftlichen und technischen Aufgaben.
Das Ehepaar war Teil des Pariser Netzwerks aus emigrierten Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen. Gerda Taro lebte zeitweise als Untermieterin bei ihnen, Robert Capa nutzte die Dunkelkammer der Steins. 1938 Geburt der Tochter Ruth. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs musste sich der Fotograf am 5. September 1939 als „feindlicher Ausländer“ bei den französischen Behörden melden und wurde zehn Monate in Internierungs- und Arbeitslagern inhaftiert. Nach seiner Flucht aus dem Lager traf er seine Familie 1940 in Toulouse wieder. Lilo Stein konnte einen Koffer voller Negative und Abzüge aus Paris retten. Am 6. Mai 1941 Emigration in die USA, am 13. Juni Ankunft in New York City. Stein wurde für vier Jahre Mitglied der Fotografenvereinigung Photo League. 1943 Geburt des Sohns Peter. Veröffentlichungen in verschiedenen Zeitungen und Magazinen, 1946 erste Ausstellung in der Tribüne für freie deutsche Literatur und Kunst, New York. 1947 Veröffentlichung des Bildbands „5th Avenue“ bei Pantheon Books, New York. 1952 Verleihung der amerikanischen Staatsbürgerschaft. 1957 Eintritt in die American Society of Magazine Photographers. 1958 erste Deutschlandreise und Beginn der Zusammenarbeit mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Am 27. September 1967 starb Fred Stein nach kurzer Krankheit in New York. Sein Archiv wird von seinem Sohn, Peter Stein, gepflegt.
Weiteres Zitat:
„Eine Person vollständig zu erfassen, geschieht nicht nur über die äußere Identität, sondern wird erst durch ein sichtbares Zeichen von Individualität vollkommen und überzeugend. Darum achtet der Fotograf auf Haltung, Gebärde und Ausdruck und drückt in dem kritischen Moment den Auslöser, in dem all diese Zeichen verschmelzen, um die innere Persönlichkeit zu beschreiben.“
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