Das Kunstmuseum Wolfsburg widmet sich mit der Ausstellung „On Nervous Grounds. Zwischen Wahn und Wirklichkeit“ emotionalen Zuständen in Kunst und Gesellschaft. Gezeigt werden Werke aus der eigenen Sammlung sowie neue Arbeiten zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler. Die Ausstellung läuft vom 9. Mai bis zum 27. September 2026.

Zu den gezeigten Arbeiten gehört Ariel Reichmans interaktive Lichtinstallation „I AM (NOT) SAFE“. Der sich verändernde LED-Schriftzug soll individuelle Empfindungen sichtbar machen und zugleich auf die Instabilität emotionaler Zustände verweisen.

Die Künstler Heinkuhn Oh und Sylvain Couzinet-Jacques setzen sich mit gesellschaftlicher Militarisierung und Perspektivlosigkeit auseinander. Ihre Werke thematisieren laut Museum die Isolation und Unsicherheit einer jungen Generation.

Auch inszenierte Bildwelten spielen eine zentrale Rolle. Fotografische Arbeiten von Cindy Sherman und Jeff Wall greifen filmähnliche Szenen auf und sollen gezielt Unbehagen erzeugen. Installationen von Rebecca Horn und Mithu Sen bewegen sich dagegen stärker im Bereich des Sinnlich-Theatralischen und lassen Raum für individuelle Interpretationen.

Bereits seit den 1970er-Jahren hinterfragt Jürgen Klauke in seinen Arbeiten gesellschaftliche Rollenbilder und Genderkategorien. Seine Werke werden gemeinsam mit Neuzugängen von Christian Falsnaes und Kapwani Kiwanga erstmals im Sammlungskontext präsentiert.

Die Ausstellung läuft vom 9. Mai bis zum 27. September 2026. Das Kunstmuseum Wolfsburg ist dienstags bis freitags von 10 bis 18 Uhr sowie samstags, sonntags und an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

Bild: Jürgen Klauke, Eine Ewigkeit ein Lächeln, aus dem Zyklus 70iger, 1973 – 1975, 9 C‑Prints, einzeln auf Aluminium kaschiert, unter Glas mit schwarzer Holzleiste gerahmt, Ed. 3/3, Kunstmuseum Wolfsburg, Schenkung aus Privatbesitz, © VG Bild-Kunst

Pressemitteilung Kunstmuseum Wolfsburg:

On Nervous Grounds. Zwischen Wahn und Wirklichkeit 9.5.–27.9.2026

In einer Welt am Kipppunkt, in der die Lust am Zerstörerischen und Destruktiven wieder ganz unverhohlen zelebriert wird, scheint die Wirklichkeit zunehmend durch den Filter der eigenen Emotionen wahrgenommen zu werden. Politische und soziale Spannungen versetzen die Menschen in eine kollektiv-nervöse und verletzliche Grundstimmung. An der Schwelle zwischen Wahn und Wirklichkeit, zwischen Selbst und äußerer Welt, erkundet die Ausstellung jene Momente, in denen widersprüchliche Gefühlserlebnisse entstehen.

On Nervous Grounds zeigt anhand ausgewählter Werke aus der Sammlung des Kunstmuseum Wolfsburg, wie Kunst seit den 1970er-Jahren bis in die Gegenwart hinein emotionale Resonanzräume erzeugt. Im Mittelpunkt stehen Arbeiten, die emotionale Zustände thematisieren, diese selbst hervorrufen oder aus einer bestimmten Emotionalität heraus entstanden sind. Die Ausstellung lädt dazu ein, an uns selbst zu beobachten, was uns emotional berührt oder uns in innerliche Aufruhr versetzt. Ohne die Realität zu interpretieren, nähert sich die Ausstellung auf dieser Weise unserer hoch emotionalisierten Gegenwart an.

Mit ihrem besonderen Potenzial, existenzielle Fragen aufzuwerfen und intensive sowie außergewöhnliche Momente festzuhalten oder zu erzeugen, regen die Kunstwerke auf besondere Weise zum Nachdenken über unser eigenes gefühlsmäßiges Erleben an. Sie machen unmittelbar erfahrbar, dass Gefühle nicht rein subjektiver und neutraler Natur sind, sondern eng mit gesellschaftlichen und politischen Ordnungen sowie eigenen Wertvorstellungen, Erfahrungen und Imaginationen verknüpft sind. Die unterschiedlichen künstlerischen Strategien geben zudem Auskunft darüber, wie Emotionen gezielt hervorgerufen, gelenkt, verstärkt aber auch kontrolliert, manipuliert und unterdrückt werden können.

Die meisten Gefühle sind, laut der Soziologin Eva Illouz, ein Dialog, den wir mit der Welt führen. Doch wie lässt sich ein solcher Dialog bewusst anstoßen und ein emotionaler Zustand sichtbar machen? Der Künstler Ariel Reichman beschäftigt sich intensiv mit der Verletzlichkeit des Menschen und hat mit seiner interaktiven Lichtinstallation I AM (NOT) SAFE eine Möglichkeit gefunden, dem individuellen Empfinden Ausdruck zu verleihen. Das Licht des sich verändernden LED-Schriftzugs verweist zugleich darauf, dass Emotionen stets flüchtig und instabil sind.

Die Künstler Heinkuhn Oh und Sylvain Couzinet-Jacques erinnern mit ihren ausgestellten Werken daran, dass Gefühle meist sozialer Natur sind. Sie beziehen sich in der Regel auf andere Menschen oder auf das eigene Selbst und treten besonders in Zeiten existenzieller Veränderungen in besonderer Intensität in Erscheinung. Die beiden Künstler geben Einblick in den emotionalen Zustand einer jungen Generation, die sich angesichts gesellschaftlicher Militarisierung oder erlebter Perspektivlosigkeit vereinzelt und isoliert fühlt. Ihre Arbeiten machen uns zu Mitfühlenden, indem sie Empathie hervorrufen.

Nicht nur reale, sondern auch fiktive oder imaginierte Situationen können intensive Gefühle auslösen. Die fotografisch inszenierten Wirklichkeiten von Cindy Sherman und Jeff Wall sind so komponiert, dass das Unbehagen der dargestellten Szenen auf die Betrachtenden übergeht: Die stilisierten Momente, die an bekannte Filmszenen erinnern, erzeugen eine innere Unruhe. Noch mehr Raum für eigene Imagination lassen die Installationen von Rebecca Horn und Mithu Sen. Fern unseres gewohnten Erfahrungshorizonts wirken sie besonders exzessiv, theatral und zugleich sinnlich-poetisch. Dadurch erzeugen sie eine starke emotionale Spannung und machen ambivalente Empfindungen gleichzeitig erlebbar.

Emotionen sind jedoch nicht nur Ausdruck von Verletzlichkeit, sondern auch ein Weg, mit ihr umzugehen. Mit radikalen, oft ekstatischen Handlungen schaffen Künstler wie Christian Falsnaes oder Gilbert & George nicht nur verunsichernde Situationen, sondern setzen sich innerhalb ihrer Performances selbst ungewohnten Erfahrungen aus und machen sich bewusst verletzlich. Bereits vor einem halben Jahrhundert forderte Jürgen Klauke diese Verletzlichkeit heraus, indem er in seiner Kunst Genderkategorien und tradierte Vorstellungen überschreitet.

On Nervous Grounds. Zwischen Wahn und Wirklichkeit präsentiert erstmals die neu erworbenen Werke von Christian Falsnaes, Kapwani Kiwanga und Jürgen Klauke im Sammlungskontext. In der Ausstellung treten die Arbeiten in einen inhaltlichen Dialog mit den Werken von Sylvain Couzinet-Jacques, Gilbert & George, Douglas Gordon, Rebecca Horn, Olga Koumoundouros, Maix Mayer, Heinkuhn Oh, Ariel Reichman, Mithu Sen, Cindy Sherman, Jeff Wall und Jordan Wolfson.

Begleitend zur Ausstellung entsteht für die Besucher*innen ein Booklet mit umfangreichen Texten zu den einzelnen künstlerischen Positionen.

Kuratorin: Elena Engelbrechter

Kuratorische Assistenz: Linus Jantzen

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Freitag, 10–18 Uhr

Samstag, Sonntag, 11–18 Uhr Sowie an Feiertagen, 11–18 Uhr

www.kunstmuseum.de

www.kunstmuseum.de/veranstaltungen/