Lighttrails mit Evgeni Tcherkasski

Motiv stand Evgeni Tcherkasski für seine analoge Langzeitbelichtung die Autobahn A40 in Essen, NRW.

Wenn der Film rauscht, die Mechanik klickt und das Licht tanzt: Versuchen Sie sich an analogen Langzeitbelichtungen von Verkehrslichtern.

Für seine Aufnahme der Autobahn A40 in Essen setzte Evgeni Tcherkasski bewusst auf entschleunigtes Arbeiten mit rein mechanischer Technik: einer Zenit 3M aus dem Jahr 1962, bestückt mit dem Objektiv Mir-1 37 mm f/2,8 und einem Film Kodak Gold 200. Die Einstellungen: 37 mm, f/14, ISO 200, Belichtungszeit etwa 40 Sekunden. Diese alte sowjetische Spiegelreflex, einst die Kamera seines Großvaters, ist robust gebaut wie ein kleiner Panzer – rein mechanisch, ohne Belichtungsmesser und Autofokus, ohne jede Elektronik. Selbst der Sucher deckt nur rund zwei Drittel des späteren Bilds ab, was jede Aufnahme zu einer präzisen und bewussten Entscheidung macht.

Die Belichtungswerte ermittelt der Fotograf vorab über eine Smartphone-App oder mithilfe einer Digitalkamera als Messhilfe. Da die Zenit keine Belichtungszeiten über 1/30 Sekunde besitzt, werden Langzeitaufnahmen im Bulb-Modus realisiert – klassisch mit Drahtauslöser. Der Verschluss bleibt so lange geöffnet, wie der Finger Druck ausübt, die Zeit wird per Stoppuhr kontrolliert. „Man arbeitet hier komplett analog – jede Bewegung zählt, jeder Handgriff ist Teil des Ergebnisses“, sagt er. „Das Fotografieren wird zu einer sehr physischen, fast meditativen Tätigkeit.“

Ein zentrales technisches Thema ist der Schwarzschildeffekt, der bei Langzeitbelichtungen auf Film auftritt. Dabei verliert die Filmemulsion mit zunehmender Belichtungsdauer an Empfindlichkeit. „Belichtet man 30 Sekunden, wird aus ISO 200 ungefähr ISO 80“, erklärt der Fotograf. Um das auszugleichen, verlängert er die gemessene Zeit meist um das Zwei- bis Zweieinhalbfache. Exakte Werte hängen vom verwendeten Film ab. Für die Berechnung nutzt er Onlinetools und Erfahrung gleichermaßen.

Das Ergebnis seiner Aufnahme zeigt, warum analoge Technik noch immer fasziniert: sanfte Lichtspuren über der nächtlichen Autobahn, warme Farbtöne, natürliche Übergänge. „Das analoge Bild hat etwas Unberechenbares, aber auch Echtes“, sagt er. „Digitale Technik liefert Perfektion – doch Film schenkt Charakter, Tiefe und eine gewisse Ruhe. Genau das ist es, was ich suche.“ Tipp: Korrekturwerte für analoge Langzeitbelichtungen lassen sich unter https://lucas.dev/reciprocity berechnen.

Lighttrails mit Evgeni Tcherkasski

Nikon Z5 mit Z 24–70 mm f/4 S | 37 mm (KB) f/14 | 30 Sek. | ISO 100

Funktioniert auch digital

Wer sich fotografisch an Lichtspuren ausprobieren möchte, kann das natürlich auch mit einer Digitalkamera tun. Auf dem Stativ mit ISO 100, Blende f/14 und rund 30 bis 40 Sekunden Belichtungszeit gelingen ähnliche Ergebnisse. Wichtig ist, dass vorbeifahrende Autos genügend Lichtspuren erzeugen und keine zu langen Pausen entstehen. So ist der Feierabend-Verkehr im Winter beispielsweise ein guter Zeitpunkt. Im RAW-Format aufgenommen, lassen sich Helligkeit und Farbton später präzise anpassen. Der Unterschied: Das digitale Bild ist klarer, während Film die Lichtverläufe weicher zeichnet.

Blick in Tcherkasskis Fototasche

Zenit 3M

Tcherkasskis Zenit 3M ist ein Stück Familiengeschichte, denn die alte sowjetische Spiegelreflexkamera stammt von seinem Großvater. Mit genau dieser Kamera hat Tcherkasski selbst im Alter von sieben Jahren angefangen zu fotografieren – jetzt hat er die Analogfotografie für sich wiederentdeckt.

Mir-1 37 mm f/2,8

Das Mir-1 37 mm f/2,8 ist ein lichtstarkes Weitwinkel, das man für 90 bis 150 Euro immer wieder auf dem Gebrauchtmarkt entdeckt. Tcherkasski schätzt es für seinen Vintage-Look.

Kodak Gold 200

Der Kodak Gold 200 aus Kodaks Amateur-Farbnegativfilm-Programm zeichnet sich durch eine etwas erhöhte Farbsättigung sowie höheren Kontrast aus. Der Name ist Programm: Der Gold 200 weist eine betont warme Farbwiedergabe auf, die auch perfekt zu Lichtspuren passt. Preis: um die 11 Euro.

Fernauslöser

Für das Starten und Beenden der Belichtung setzt Tcherkasski auf den kabelgebundenen Auslöser JJC TCR40S an seiner Zenit 3M. So vermeidet er Unschärfe, die durch das Berühren des Auslösers an der Kamera entstehen kann. Den Fernauslöser gibt es für rund elf Euro auf dem Markt.