Parallel zur 76. Berlinale zeigt die Galerie Philippe Bober die Einzelausstellung GONE ASTRAY von Julian Rosefeldt. Vier Arbeiten aus fast zwei Jahrzehnten werden erstmals gemeinsam präsentiert. Im Fokus steht laut Galerie die Auseinandersetzung mit filmischen Mechanismen jenseits des Mainstreams.
Die Ausstellung „GONE ASTRAY“ von Julian Rosefeldt ist vom 12. Februar bis 3. Mai 2026 in der Galerie Philippe Bober in Berlin zu sehen, die Eröffnung findet am 11. Februar statt. Zeitlich fällt die Schau mit der 76. Internationale Filmfestspiele Berlin (Berlinale) zusammen sowie mit der internationalen Auswertung von Rosefeldts Spielfilm „EUPHORIA“ (2025). Die internationalen Vertriebsrechte liegen bei Coproduction Office, das den Film vom 12. bis 22. Februar 2026 beim European Film Market präsentieren will. In der Hauptrolle ist Giancarlo Esposito zu sehen, als Sprecherin wirkt Cate Blanchett mit.
Die Ausstellung versammelt vier Arbeiten aus verschiedenen Schaffensphasen, darunter „Trilogy of Failure“ (2004–2005), „Detonation Deutschland“ (1996) sowie „Deep Gold“ (2013/2014). Rosefeldt bewegt sich an der Schnittstelle von Film und Installation und untersucht filmische Konventionen, Produktionsbedingungen und Genre-Zitate. Kino versteht er dabei nicht nur als Erzählform, sondern als System der Bild- und Mythenproduktion.
Thematisch kreisen die Werke um wiederkehrende gesellschaftliche Muster – von ritualisierten Alltagsabläufen über Erinnerungspolitik bis hin zu historischen und ideologischen Bezügen. Archivmaterial, Montage und bewusste Dekonstruktion filmischer Mittel dienen dabei als zentrale Werkzeuge. Die Galerie am Strausberger Platz, einem Ort mit eigener Nachkriegsgeschichte, verleiht der Präsentation zusätzlich eine ortsspezifische Dimension. Weitere Informationen unter: https://www.galeriephilippebober.eu/copy-of-ulrich-seidl
Pressemitteilung Galerie Philippe Bober:
Julian Rosefeldt: GONE ASTRAY
9. Februar 2026 — Parallel zur 76. Berlinale lädt die Einzelausstellung GONE ASTRAY des deutschen Künstlers und Filmemachers Julian Rosefeldt dazu ein, die Mechanismen des Filmemachens jenseits des Mainstream-Kinos zu reflektieren. Die Ausstellung fällt zudem mit dem Erwerb der internationalen Vertriebsrechte für EUPHORIA (2025) durch Coproduction Office zusammen — Rosefeldts jüngstem Spielfilm mit Giancarlo Esposito in der Hauptrolle und der Stimme von Cate Blanchett. Das Coproduction Office mit Sitz in Paris und Berlin ist ein international tätiger Verleiher und Produzent preisgekrönter Filme, darunter zwei Gewinner der Goldenen Palme: Triangle of Sadness (2022) und The Square (2017), beide von Ruben Östlund. 2024 eröffnete Gründer Philippe Bober einen Ausstellungsraum in Berlin mit dem Ziel, Kino und zeitgenössische Kunst zu verbinden — genau die Schnittstelle, an der sich auch Rosefeldts Werk bewegt. Nach der Weltpremiere von EUPHORIA beim 49. Göteborg Film Festival wird Coproduction Office den Film vom 12. bis 22. Februar 2026 im Rahmen des European Film Market (EFM) während der Berlinale internationalen Einkäufer*innen präsentieren.
Als Künstler und Filmemacher legt Julian Rosefeldt in seinen Werken auf ruhige, zugleich eindringliche Weise filmische Konventionen als Allegorien für individuelles und kollektives Verhalten offen. In GONE ASTRAY wird dieses Motiv in vier Arbeiten sichtbar, die hier erstmals zusammengeführt werden: Trilogy of Failure (2004– 2005), Detonation Deutschland (1996), Meine Kunst kriegt hier zu fressen – Hommage à Max Beckmann (2002) und Deep Gold (2013/2014). Für Rosefeldt ist Kino nicht nur ein Mittel des Erzählens, sondern ein komplexer Apparat — eine Maschine zur Erzeugung von Mythen. Indem er filmische Mechanismen — von Montage und Genres bis hin zu Backstage-Sets und Tonproduktion—offenlegt und dekonstruiert, macht er die verborgenen Strukturen sichtbar, die unser Realitätsempfinden prägen.
Werke wie Trilogy of Failure — bestehend aus The Soundmaker (2004), Stunned Man (2004) und The Perfectionist (2005) — machen unsere klaustrophobische Verstrickung in alltägliche Rituale sichtbar, indem sie den Abstieg jedes Protagonisten in eine permanente Sisyphusarbeit zeigen. Diese unaufhörlichen Zyklen aus Versuch und Scheitern lassen unsere Bindung an die unsichtbaren Regeln und Normen der Gesellschaft spürbar werden. Zugleich rahmen Verweise auf filmische Apparate — Filmset, Geräuschemacher, Stuntman — die performative Arbeit und lenken den Blick auf die Prozesse hinter den Kulissen, die sowohl das Kino als auch unser Alltagsverhalten prägen.
Detonation Deutschland (1996) befasst sich mit der fortlaufenden Entwicklung des kollektiven Gedächtnisses Deutschlands nach dem Krieg. Der Begriff „Vergangenheitsbewältigung“ nimmt in der deutschen Sprache eine besondere Stellung ein und beschreibt die anhaltende Auseinandersetzung der Nation mit ihrer Geschichte, wobei auch die gebaute Umwelt als aktiver Akteur auftritt, der dieses Gedächtnis prägt und transformiert. Detonation Deutschland, gemeinsam mit Rosefeldts ehemaligem künstlerischen Partner Piero Steinle realisiert, präsentiert anhand von Archivmaterial die architektonischen Zerstörungen der deutschen Nachkriegszeit. Als Auszug aus der ursprünglichen siebenkanaligen Filminstallation vereint das Werk verschiedene Jahrzehnte zu einer Collage filmischer Gegenwart und legt die Spannungen offen, die im Zentrum kollektiver Erinnerungsproduktion stehen—nicht linear, sondern fragmentiert und instabil.
Die Präsentation in der Galerie Philippe Bober am Strausberger Platz fügt eine weitere Dimension hinzu: Der Ort selbst vereint mehrere historische Schichten, da er nach dem Krieg umfassende Zerstörung und Wiederaufbau erfahren hat. Diese Transformationen begannen mit der Räumung des sowjetischen Sektors und setzten sich unter der sozialistischen Agenda der DDR in Ost-Berlin fort, geprägt vom Bau von Plattenbauten, die in den Archivaufnahmen zu sehen sind und teils bis heute bestehen. Die Zerstörungsszenen in Detonation Deutschland werden so zu eindringlichen Symbolen sich wandelnder und verschwindender politischer Systeme, Ideologien und Gesellschaftsordnungen — ein fortlaufender Kreislauf von Auslöschung und Verlust im Streben nach einem vermeintlich Besseren.
Die Untersuchung menschlichen Verhaltens unter dem Einfluss von Geschichte und Ideologie findet eine Parallele in Meine Kunst kriegt hier zu fressen – Hommage à Max Beckmann (2002). Erneut verweben Rosefeldt und sein ehemaliger künstlerischer Partner Steinle Archivmaterial mittels assoziativer Montag— diesmal mit Fokus auf die historischen Umstände, die Leben und Werk des deutschen Künstlers Max Beckmann geprägt haben. Symbolisch aufgeladene Szenen verbinden Beckmanns Ängste während des Krieges mit den wilden Zwanzigerjahren und dem bedrohlichen Aufstieg des Nationalsozialismus.
Schließlich interpretiert der Schwarz-Weiß-Film Deep Gold (2013/2014) eine zentrale Szene aus Luis Buñuels surrealistischem Klassiker L’Âge d’Or (1930) neu und entfaltet dabei Themen wie Begehren, Macht und soziale Zwänge. Getreu Rosefeldts Stil ist der Film hyperinszeniert und macht die Maschinerie des Kinos zugleich zu Thema und Werkzeug. Es entsteht eine absurde Übersteigerung und Dekonstruktion klassischer filmischer Tropen, die Lust und Spektakel in eine kritische Reflexion über Kontrollsysteme und die mythenbildende Kraft des Kinos überführt. Verweise auf Buñuels Vermächtnis werden dabei mit zeitgenössischen Anspielungen verschränkt: Richard Wagners Musik und ein Dalí-Doppelgänger treffen auf oben ohne FEMEN-Aktivistinnen und Occupy-Wall-Street-Slogans und ziehen Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Hundert Jahre nach Buñuel und Beckmann sehen wir uns mit vergleichbaren Szenarien konfrontiert. Sowohl inhaltlich als auch über die Mechanismen des Kinos machen Rosefeldts Werke auf subtile Weise wiederkehrende Muster sichtbar, die in der Gegenwart fortwirken: die Falle alltäglicher Routinen, Versuche, kollektives Gedächtnis auszulöschen und neu zu schreiben, eine anhaltende Finanzkrise sowie der gefährliche Wiederaufstieg faschistischer Tendenzen. Diese politischen Untertöne werden dabei oft vom absurden Ton seiner Filme überlagert. Wir begegnen unsinnigen Aspekten menschlichen Verhaltens und Situationen, die uns unheimlich vertraut erscheinen, sich aber nicht sofort benennen lassen. Rosefeldts Kompositionen spielen mit unseren Erwartungen und führen uns in einen scheinbar vertrauten Rhythmus, bis ein verschobenes Déjà-vu unsere Wahrnehmung schärft. Wie der Ausstellungstitel andeutet, werden wir möglicherweise in die Irre geführt—auf einen Umweg. Vielleicht sollten wir diesmal besonders aufmerksam sein.
Text von Ellen Lapper. Das Ausstellungsdesign wurde in Zusammenarbeit mit Peter Klare und Alexander Wolf realisiert.
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