Paige Vincent über Adrenalin, Risiko und ihre Leidenschaft für die Sturmfotografie.

Die Natur vereint Schönheit, Faszination, Dramatik und Gefahr. Als Kind in Dallas, Texas, suchte Paige Vincent bei Stürmen und Hurrikans noch Schutz – heute jagt sie ihnen hinterher, um das perfekte Foto einzufangen. Sturmjagd ist extrem gefährlich und erfordert nicht nur fotografisches Können, sondern auch meteorologisches Wissen, Erfahrung und Intuition. Wir haben mit Paige über die Rolle als Frau in diesem Bereich gesprochen – und über die Risiken und kreativen Herausforderungen, die sie auf dem Weg zu ihren beeindruckenden Aufnahmen meistern musste.

Paige Vincent im Interview

Sie fotografieren unter ganz anderen Bedingungen als die meisten Fotografen. Welche Vorbereitungen treffen Sie, um Ihre Sicherheit zu gewährleisten?

Die meisten Fotografen bewegen sich nicht direkt auf eine Gefahr zu – das stimmt. Sicherheit hat beim Storm-Chasing absolute Priorität. Ich beginne immer mit gründlicher Recherche: Dazu gehört, die Zugbahn des Sturms und Gefahrenpotenziale zu analysieren. Ich beobachte Wettervorhersagen
und Radarbilder im Vorfeld und verfolge die Entwicklung dann live vor Ort. Es ist entscheidend, einen Notfallplan zu haben – das heißt, ich habe zwei mögliche Fluchtrouten im Kopf und kenne Orte, an die ich mich zurückziehen kann, falls sich die Bedingungen verschlechtern. Außerdem habe ich ein Erste-Hilfe-Set dabei sowie Wasser und Snacks.

Arizona, Juli 2021 Vier Blitzeinschläge auf einem Berg während der Monsunzeit.

Arizona, Juli 2021 Vier Blitzeinschläge auf einem Berg während der Monsunzeit. Foto: Paige Vincent

Wie schützen Sie Ihre Ausrüstung – oder nutzen Sie spezielles Equipment?

Meine Kamera ist wetterversiegelt, das bietet schon mal eine gute Grundsicherung. Nikon entwickelt robuste Systeme, die rauen Bedingungen standhalten. Bei starkem Wind und Staub verwende ich zwischen den Aufnahmen oft Schutzcover für alle Objektive. Gute Vorbereitung schützt nicht nur das Equipment, sondern hilft mir auch, voll konzentriert zu bleiben – damit ich keinen Moment verpasse.

Haben Sie als Frau in der Sturmfotografie mit Vorurteilen zu kämpfen – gerade in einem Bereich, der traditionell männlich geprägt ist?

Auf jeden Fall. Dieses Feld wird historisch von Männern dominiert, und das führt oft zu bestimmten Klischees darüber, wer hier angeblich hingehört. Manche glauben, Frauen seien nicht belastbar genug oder nicht geeignet für extreme Bedingungen – was schlichtweg nicht stimmt. Einige der besten Storm-Chaser, die ich kenne, sind Frauen. Ich finde es wichtig, solche Vorstellungen aufzubrechen – nicht nur für mich persönlich, sondern für alle Frauen in diesem Bereich. Wenn sichtbar wird, dass jeder in der Sturmfotografie erfolgreich sein kann, kann das andere ermutigen, ihren eigenen Weg zu gehen – unabhängig vom Geschlecht. Ein großer Wandel kam mit der Gründung von Girls Who Chase – einer Initiative, die Frauen dazu ermutigt, selbst auf Sturmjagd zu gehen, und ihnen das nötige Wissen und Selbstvertrauen mitgibt. Es ist eine fantastische Community und eine tolle Möglichkeit, Gleichgesinnte kennenzulernen, die dieselbe Leidenschaft teilen wie ich.

Colorado, Juni 2023 Der fotogenste „Stovepipe“-Tornado im Südosten von Colorado.

Colorado, Juni 2023 Der fotogenste „Stovepipe“-Tornado im Südosten von Colorado. Foto: Paige Vincent

Haben Sie das Gefühl, eine gewisse Verantwortung zu tragen, anderen Frauen den Weg in dieses Feld zu ebnen?

Es ist sehr wichtig, andere zu unterstützen und zu inspirieren – gerade in Bereichen, in denen Repräsentation eine Rolle spielt. Einen offenen, einladenden Raum zu schaffen und Erfahrungen zu teilen, kann den Weg für künftige Storm-Chaser bereiten. Es geht darum, einander zu stärken und dazu zu ermutigen, der eigenen Leidenschaft zu folgen – und genau das möchte ich mit meiner Arbeit auch weiterhin tun.

Das Zeitfenster für eine Aufnahme ist oft extrem kurz. Wie schaffen Sie es trotzdem, das Geschehen festzuhalten?

Bei der Sturmfotografie bleibt oft kaum Zeit zum Aufbau. Bevor ich losfahre, stelle ich sicher, dass die Kamera einsatzbereit ist: passende Einstellungen, frischer Akku, leere Speicherkarte. Ich suche mir im Vorfeld einen Ort, an dem sich der Sturm vermutlich bilden wird, und bin dann mindestens 30 bis 60 Minuten vorher dort. So habe ich Zeit, mögliche Kompositionen zu prüfen, zu tanken und mir noch einen Snack zu holen.
Zu Beginn einer Jagd hat man meist noch etwas mehr Zeit – je nach Geschwindigkeit des Sturms zwischen fünf und 15 Minuten. Aber sobald es richtig losgeht, können das auch nur noch wenige Sekunden sein. Deshalb muss die Kamera jederzeit startklar sein – manchmal bleibt einem nicht mehr, als aus dem Auto heraus zu fotografieren.

Können Sie uns einen Blick hinter die Kulissen eines Sturmshootings geben?

Ein bestimmter Sturm ist mir besonders im Gedächtnis geblieben – vor allem, weil er mich gelehrt hat, immer auf mein Bauchgefühl zu hören. Am 22. April 2022 standen zwei Stürme zur Wahl. Die Herausforderung bestand darin, zu entscheiden, welchem ich folgen sollte. Einer befand sich weiter entfernt in Kansas, der andere nördlich von mir in South Dakota. Ich habe lange hin und her überlegt, mich dann aber für den Norden entschieden. Der erste Grund war, dass ich dabei noch einen Nationalpark zu sehen bekäme – eine Win-Win-Situation. Der zweite Grund war: Manchmal liegt das Besondere in einem kleineren, lokal begrenzten Sturm. Und genau so war es auch. Der Sturm entwickelte sich rasch am Nachmittag und brachte die schönste Mothership-Superzelle hervor, die ich je gesehen habe – mit mehreren ausgeprägten Schichten. Zusammen mit der Szenerie des Badlands-Nationalparks im Vordergrund entstand mein bislang liebstes Foto. Es wurde sogar noch im selben Jahr ausgezeichnet.

Badlands, April 2022<br />
Beobachtung des heranziehenden Sturms direkt über dem Badlands-Nationalpark. Foto: Paige Vincent

Erzählen Sie uns von dem roten Kleid …

Auf der Suche nach neuen Locations ist mir aufgefallen, dass viele Landschaftsaufnahmen sich in ihren Kompositionen stark ähneln. Ich wollte einen neuen Blickwinkel finden. Die Idee, ein rotes Kleid einzubinden, entstand als Möglichkeit, einen kräftigen Farbakzent und ein Gefühl für Maßstab in meine Bilder zu bringen – und ein wenig Fantasie in eine ansonsten statische Szenerie. Als ich beschloss, das mit der Sturmfotografie zu kombinieren, wurde mir klar, dass das bisher niemand in diesem Bereich gemacht hatte – und dass ich meinen Bildern damit eine Handschrift verleihen konnte.

In den weiten Ebenen gibt es im Vordergrund oft kaum etwas – höchstens ein paar alte Scheunen oder Tiere. Ein menschliches Element verleiht dem Bild Leben, besonders ein wehendes rotes Kleid. Diese Kombination aus etwas Schönem und Zerbrechlichem mit etwas Bedrohlichem und Gewaltigem schafft einen faszinierenden Kontrast.

Sie wurden in der Serie The Road Less Traveled der Outdoor-Marke Kühl vorgestellt. Wie war diese Erfahrung?

Das war meine erste Zusammenarbeit mit einer Marke – und es hat viel Spaß gemacht. Kühl hat mich eine Woche lang begleitet, während ich einen Monsun in Arizona fotografiert habe – dabei geht es vor allem um Blitze, Mikrobursts und Haboobs (Sandstürme). Mein Ziel war es, sie zu jedem Sturm mitzunehmen, den ich finden konnte – und das haben wir gemacht.

Mit einer Marke zusammenzuarbeiten, die meine Werte teilt und meine Leidenschaft so festhält, wie ich es selbst nur selten kann, war etwas ganz Besonderes. Ich bin dem Team und dem, was sie ein-gefangen haben, wirklich dankbar.

Arizona, Juli 2022 Flucht vor einer staubigen Haboob, während der Sturm einen Microburst auslöst. Foto: Paige Vincent

Arizona, Juli 2022 Flucht vor einer staubigen Haboob, während der Sturm einen Microburst auslöst. Foto: Paige Vincent

Haben Sie seit Ihrem Einstieg Veränderungen festgestellt, die mit dem Klimawandel zusammenhängen?

In den acht Jahren, in denen ich Stürme verfolge, habe ich eine Zunahme sowohl in der Häufigkeit als auch in der Intensität extremer Wetterereignisse beobachtet – darunter Hurrikans, Hitzewellen und Starkregen. Diese Entwicklungen scheinen mit höheren Meerestemperaturen und veränderten atmosphärischen Mustern zusammenzuhängen. Was mir bei den Stürmen besonders auffällt, ist größerer Hagel, eine höhere Blitzaktivität und generell mehr Stürme in der Saison.

Texas, Mai 2023<br />
Autos flüchten vor einem starken Hagelkern in Texas. Foto: Paige Vincent

Was ist Ihr Ziel in der Fotografie?

Mein wichtigstes Ziel ist es, andere dazu zu ermutigen, ihre eigenen Leidenschaften zu entdecken und zu verfolgen. Bevor ich angefangen habe, Stürme zu jagen, hätte ich nie gedacht, wie sehr ich diese Kunstform schätzen würde. Ich hoffe, dass meine Bilder andere dazu anregen, dem nachzugehen, was ihnen wirklich Freude bereitet.

Paige Vincent

Paige Vincent

Über den Fotografen:

Paige Vincent stammt aus Dallas, Texas, und verfolgte zunächst eine Karriere im Grafikdesign. Ihre Leidenschaft für die Fotografie entdeckte sie auf Reisen in ihren Mittzwanzigern. Was mit gelegentlichen Ausflügen als Mitfahrerin begann, ist heute zu einer Sommertradition geworden: der Jagd nach Stürmen in Arizona. 2022 wurde sie mit dem renommierten Titel „Picture of the Year“ beim „Storm Photo of the Year Contest“ aus-gezeichnet. 

Website: https://paigevincent.darkroom.com/

Instagram: @paigevincent