Die Visual1 in San Francisco zeigte eindrucksvoll, wie stark der Fotomarkt aktuell von generativer KI geprägt wird – aber auch, wie bewusst viele Kreative und Konsumenten zwischen Technologie, Intention und Vertrauen abwägen. Film erlebt eine Renaissance, Bildverifizierung wird zum Muss, und KI-Agenten rufen ebenso Neugier wie Skepsis hervor. Gleichzeitig stärkt das Museum Folkwang mit dem Vorlass von Timm Rautert seine Rolle als zentrale Institution des fotografischen Erbes in Deutschland. Und: Die Fotowelt nimmt Abschied von Jürgen Wilde – dem ersten kommerziellen Fotogaleristen Deutschlands und Pionier der Fotokunst. Die Imaging Business News der KW 46/25 – kuratiert von Wolfgang Heinen, Herausgeber von PHOTO PRESSE, DigitalPHOTO und PhotoKlassik.

 

Imaging Business News KW46/25

Visual1: Was gerade im Markt los ist

Eine der wichtigsten internationalen Veranstaltungen hinsichtlich der Zukunft der Imaging Branche ist die Visual1 in San Francisco – die gerade zu Ende gegangen ist. Das Ergebnis: Die Wiederbelebung des Films, das Spannungsfeld zwischen Qualität und Vernetzung in der Kreativwirtschaft, die Dringlichkeit der Bildverifizierung und der Aufstieg der agentenbasierten KI sind keine vier separaten Trends, sondern sie sind Signale dafür, wie sich der Fotomarkt als Reaktion auf generative KI entwickelt.

Der Film – analog als Rolle und vor allem auch als Sofortbild – erlebt ein Comeback, weil die Verbraucher sich aktiv dafür entscheiden. Sie lehnen High Tech nicht ab, sondern greifen je nach Kontext und Absicht strategisch zu unterschiedlichen Werkzeugen. Kreative nutzen KI-gesteuerte Tools, aber diejenigen, die erfolgreich sind, sind nicht diejenigen, die „überoptimieren“, sondern diejenigen, die KI vor allem zur Effizienzverbesserung nutzen. Bildverifizierung und Herkunftsverfolgung werden immer wichtiger. Der Markt braucht Vertrauensbildung, wenn KI-generierte und echte Bilder nicht mehr zu unterscheiden sind. Und die neuen KI-Agenten wecken Interesse, es ist aber Vorsicht geboten: Man fragt sich, ob die Automatisierung im Hintergrund den Fotografen tatsächlich dient oder ihre Kreativität beeinträchtigt.

Im Kern weisen alle vier Themen auf dieselbe Marktrealität hin: In einer Welt, in der KI das Schaffen schneller und billiger macht, sind es Selektivität, Intentionalität und Transparenz, die das Verhalten von Verbrauchern und Kreativen tatsächlich bestimmen. Die Branche lehnt KI nicht ab. Sie lernt, welche Anwendungen echte Bedürfnisse erfüllen und welche nur technologische Lösungen auf der Suche nach Problemen sind.

https://www.visual1st.biz/program2025

Kultur I: Tim Rautert schenkt Museum Folkwang sein Lebenswerk

Das Museum Folkwang erhält den Vorlass des international renommierten Fotografen Timm Rautert. Dieser umfasst nahezu das gesamte Werk des in Westpreußen (heute Tuchola, Polen) geborenen Künstlers und eines der facettenreichsten fotografischen Lebenswerke in Deutschland.

Timm Rautert (*1941) gilt als prägende Figur der deutschen Fotografie – als Schüler von Otto Steinert, als Fotograf, Journalist und Professor für Fotografie. Sein Werk verbindet dokumentarische Genauigkeit mit konzeptueller Tiefe und reicht von frühen experimentellen Ansätzen bis zu zeitgenössischen Reflexionen über das Medium selbst. Werke von Timm Rautert sind in internationalen öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten. Mit dem Archiv Timm Rautert setzt das Museum Folkwang nach der Übernahme des Archivs Michael Schmidt im vergangenen Jahr seine Geschichte der Aufnahme bedeutender fotografischer Vor- und Nachlässe fort und unterstreicht damit sein Engagement, fotografisches Erbe zu bewahren und sichtbar zu machen.

Bitte merken: Das Zentrum für Fotografie Essen richtet Anfang Februar 2026 ein internationales Symposium What Will Photography Be? An Invitation to Speculate aus. Das Archiv Timm Rautert wird im Rahmen des Symposiums vorgestellt (3. bis 5. Februar 2026). Anlässlich der Übergabe des Gesamtwerks von Timm Rautert an das Museum Folkwang richtet die Stadt Essen am 5. Februar 2026 im Rathaus einen feierlichen öffentlichen Empfang aus. Weitere Informationen unter diesem Link:

Februar 2026 – What Will Photography Be? | Zentrum für Fotografie Essen

Kultur II: Nachruf auf den ersten Foto-Galeristen Deutschlands

Die Fotowelt trauert um Jürgen Wilde, der am 2. November im Alter von 88 Jahren verstorben ist. Mit ihm verliert die Foto-Kunstszene einen ihrer bedeutendsten Wegbereiter – einen Galeristen, Sammler, Wissenschaftler und leidenschaftlichen Fürsprecher des Mediums als Kunstform. Gemeinsam mit seiner Frau Ann Wilde hat Jürgen Wilde das Fundament gelegt, auf dem die Fotografie in Deutschland ihren Platz in der Kunstwelt gefunden hat. Das Ehepaar Wilde war der Pionier des Foto-Kunstmarkts in Deutschland. Als sie 1972 in Köln die erste kommerzielle, ausschließlich der Fotografie gewidmete Galerie gründeten, war das eine mutige Entscheidung. Sie zeigten die Fotografie konsequent als Kunst: im Passepartout, fein gerahmt und in klassischer Hängung an weißen Wänden. Damit veränderten sie die Wahrnehmung eines Mediums, das bis dahin kaum als sammelwürdig galt. Erst vor wenigen Wochen wurden Ann und Jürgen Wilde von der DGPh mit dem Kulturpreis 2025 geehrt.

www.dgph.de