Eric Meola spricht im Interview über seine Leidenschaft für Farbe und ihre Kraft in der Fotografie – und wie sie seine fotografische Arbeit seit Jahrzehnten prägt.
Farbe ist eines der mächtigsten Werkzeuge der Fotografie – sie lenkt den Blick, verstärkt Stimmungen und bestimmt die Bildsprache. Ihre Entwicklung war spannend: Als Thomas Sutton 1861 das erste Farbfoto der Geschichte machte, begann ein Wandel, der die Fotografie nachhaltig prägte. Trotz der Einführung des ersten kommerziellen Farbfilms, Kodachrome, durch Kodak im Jahr 1930 dauerte es Jahrzehnte, bis Farbfotografi e als ernstzunehmende Ausdrucksform anerkannt wurde. Was lange als Spielerei galt, wurde ab den 1970er-Jahren dank Pionieren wie William Eggleston als künstlerisches Medium geschätzt. Kaum jemand setzt Farbe so konsequent ins Zentrum seines Schaffens wie Eric Meola. In seinem neuen Buch Bending Light: The Moods of Color schreibt er: „Farbe ist mein Motiv – genauso sehr wie das eigentliche Motiv selbst.“ Mit einer Karriere, die sich über mehr als fünf Jahrzehnte erstreckt, zählt Meola zu den erfahrensten Farbexperten der Fotografie. Und doch ist er nicht ausschließlich für Farbbilder bekannt: Zu seinen berühmtesten Arbeiten zählen das Schwarz- Weiß-Cover für Bruce Springsteens Born to Run, ein Time-Titelbild mit Opernsängerin Beverly Sills von 1971 und das Porträt Coca Kid, das 1997 in Life’s 100 Magnificent Images aufgenommen wurde. In Bending Light stehen Farbe, Licht und Komposition im Fokus. Doch der Bildband bietet weit mehr als ästhetisch kraftvolle Motive: Er erzählt auch die Geschichten hinter den Aufnahmen – mit Tiefe, Einfühlungsvermögen und dem Blick eines Fotografen, der sein Handwerk bis ins Innerste verstanden hat. Im Interview spricht Eric Meola über entscheidende Momente seiner Karriere, über seine Faszination für Geometrie, über die Wirkung von Farbe und die Freiheit, die digitale Fotografie heute mit sich bringt. Er erklärt, warum Grau seine Lieblingsfarbe ist, wie er mit Licht arbeitet – und warum man als Fotograf manchmal einfach loslaufen muss, um das Bild zu finden, das einen für immer verändert.

Wäsche, Rajasthan, Indien, 2007 „Ein Mann trat heraus, und die Tür war grün – genau die eine Primärfarbe, die noch gefehlt hatte.“ Foto: Eric Meola
Das Licht formen: Interview mit Eric Meola
Welcher Moment oder welches Projekt brachte Ihre Karriere ins Rollen?
1998 reiste ich zum ersten Mal nach Indien – und ich verliebte mich sofort: in das Land, die Menschen, die Architektur, die Farben und das Licht. Ich kehrte 2007 und 2011 zurück. Ich könnte dort leben – und habe es auch getan, fast ein ganzes Jahr lang. Daraus entstand schließlich mein Buch India: In Word and Image, das 2008 bei Welcome Books erschienen ist.
Gab es einen bestimmten Wendepunkt, der Ihre künstlerische Entwicklung entscheidend beeinflusst hat?
Ja, das Fotografieren einer Shin-Bu-Zeremonie in Myanmar – sinngemäß übersetzt: „Buddha werden“. Ich war an der Schwe-Dagon-Pagode in Rangun, als einem kleinen Jungen feierlich der Kopf rasiert wurde. In diesem Moment erlebte ich eine tiefe, spirituelle Wandlung. Das war eines der eindrücklichsten Erlebnisse in meinem Leben – ein Augenblick, der mich nicht nur innerlich verändert hat, sondern auch meinen Blick auf die Welt. Seitdem fotografiere ich bewusster, achte viel stärker auf den persönlichen Raum der Menschen, denen ich begegne, und auf den kulturellen Kontext, in dem ich mich bewege. Diese Erfahrung hat meine gesamte weitere Arbeit geprägt.

Becomming Buddha, Yangon, Myanmar, 1995 Meola sagt: „Als ich das Foto betrachtete, wusste ich, dass ich ein Bild gemacht hatte, das meine Karriere – und mein Leben – für immer verändert hat.“ Foto: Eric Meola
Hat die Arbeit mit verschiedenen Medien – etwa digitalen oder analogen Kameras – Ihre Herangehensweise an die Farbfotografie verändert?
Ja, definitiv. Ich experimentiere heute deutlich mehr, weil ich bei digitalen Kameras sofort ein Ergebnis sehe – das kann Fluch und Segen zugleich sein. Der Nachteil: Man bekommt oft genau das Bild, das man erwartet. Der Vorteil: Man wird mutiger, probiert Neues aus, weil der Kopf dem Motiv ein Stück voraus ist. Schon früh in meiner Karriere habe ich mit Bewegung und Mehrfachbelichtungen gearbeitet – Techniken, zu denen ich durch die Digitalfotografie zurückgefunden habe. Denn sie erlaubt mir, das Ergebnis bereits im Moment der Aufnahme zu beurteilen und mich im Prozess treiben zu lassen.
Können Sie Ihre fotografi sche Herangehensweise anhand eines Beispiels aus Ihrem Buch erklären?
Gern. Ich zitiere dazu direkt aus dem Buch: „An einem dunstigen Morgen in Rajasthan lief ich durch die Straßen, auf der Suche nach einem Motiv. Nach etwa einer Stunde kam ich an einem Haus vorbei, vor dem mehrere farbige Tücher zum Trocknen hingen. Für sich genommen war das schon eine interessante Farbcollage. Ich machte einige Aufnahmen und ging dann weiter auf die andere Straßenseite. Während ich lief, hörte ich hinter mir eine Tür knarren. Ich drehte mich langsam um – ein Mann war herausgetreten und sah mich durch ein rotes Tuch hindurch an. Die Innenseite der Tür war grün gestrichen – genau die eine Primärfarbe, die bisher noch gefehlt hatte! Seine Füße ragten unter dem roten Stoff hervor, und während er mich weiter anstarrte, begann ich, diese surreale Szene zu fotografieren.“ Das war einer dieser Momente, die zeigen: Als Fotograf muss man sich bewegen, um zu sehen – und sich Gelegenheiten zum Fotografieren selbst schaffen. Die Bilder sind da. Man wird viele verpassen – aber man wird auch einige finden. Und manchmal ist eines dabei, das einem zeigt, warum man das Fotografieren liebt.

Motel, Mojave-Wüste, Kalifornien, 1978 Meola entdeckte dieses Motel aus einer Meile Entfernung – ein markantes Relikt eines postindustriellen Amerikas. Foto: Eric Meola
Wie gelingt es Ihnen, Farbe, Licht und künstlerische Freiheit in Ihrer Arbeit miteinander in Einklang zu bringen?
Farbe ist für mich genauso sehr das Motiv wie das eigentliche Motiv selbst. Ich meine damit: Die dominante Farbe bestimmt für mich die Stimmung eines Bildes. Gleichzeitig bleibe ich offen – denn oft ist es auch das Licht, das letztlich die stärkste Wirkung entfaltet. Deshalb ist das erste Bild im Buch überwiegend in Grau- und Schwarztönen gehalten – nur ein goldener Lichtstreif erhellt einen Wolkenkratzer in Manhattan.
Haben Sie einen Tipp für angehende Fotografen, die Farbe als zentrales Gestaltungselement in ihre Bilder einbringen möchten?
Man sollte Farbe nicht behandeln wie ein schwarz-weißes Bild, das in Farbe aufgenommen wurde. Farbe sollte das eigentliche Thema des Bilds sein. Lernen Sie, Farbe im Bild gezielt zu isolieren – bewusst wahrzunehmen. Und schauen Sie sich die Arbeiten eines Meisters der Farbfotografie an: Ernst Haas.

Tulpen und Hyazinthen, Lisse, Niederlande,1988 Meola sagt, dass Blumen zugleich einfache und herausfordernde Motive sind. In diesem Bild hielt er zwei Farben fest, die er zuvor nie gemeinsam in der Natur fotografi ert hatte: Rot und Violett. Foto: Eric Meola
Abgesehen von der Farbe – die in diesem Buch im Mittelpunkt steht – auf welche weiteren Elemente legen Sie in Ihrer Bildsprache besonderen Wert?
Ich liebe die Strenge und Klarheit von Geometrie – vor allem, wenn sie unerwartet auftaucht. Es gibt eine geometrische Ordnung in der Natur, in der Architektur, im Licht. Und sie zeigt sich auch darin, wie wir ein Bild zuschneiden: Was wir einbeziehen und was wir weglassen ist gleichermaßen wichtig. Besonders spannend wird es, wenn sich diese Elemente zufällig zusammenfügen – und ein Bild entsteht, das Licht, Farbe und Raum auf einzigartige Weise vereint.
Vor dem Hintergrund Ihrer Spezialisierung auf Farbe und Ihrer Erfahrung mit Farbdruck: Wie gehen Sie bei der Farbgenauigkeit für Ausstellungen und Publikationen vor?
Ich kalibriere meinen Monitor und arbeite im RGB-Farbraum, wenn es um die Wiedergabe im Web oder für Ausstellungen geht. Für Drucke in Büchern verwende ich ein CMYK-Profil, das mir der Verlag zur Verfügung stellt.

Türkiser Elefant mit Sternen, Jaipur, Indien, 2011. In Indien gelten Elefanten als lebendige Verkörperung der Gottheit Ganesha. „Viele sehen in der Verbindung von Ganeshas Körper und dem Elefantenkopf ein Symbol dafür, wie der Geist im Einklang mit der Natur lebt.“ Foto: Eric Meola
Was ist Ihre Lieblingsfarbe – und wie spiegelt sich diese in Ihrer fotografischen Arbeit wider?
Meine Lieblingsfarbe ist Grau. Als neutrale Farbe hebt sie die anderen Farben eines Bilds durch Zurückhaltung hervor. In meinem neuen Buch gibt es einige Beispiele dafür, besonders das Bild mit dem Titel „Monochrome“. Wenn ich diese Farbe zum Titel machen müsste, dann wäre es: Monochrome: Die Kraft neutraler Farben.

Pinguin in Gedanken, Weddell-See, Antarktis, 1998. Meola fotografierte aus einem Boot mit einem 300-mm-Objektiv, um den Moment festzuhalten, in dem der Pinguin über den Rand blickt. Foto: Eric Meola
Warum weniger mehr ist: Eric Meolas Kameratasche
„Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich mit so wenig Ausrüstung wie möglich arbeiten möchte. Hauptsächlich nutze ich eine Nikon Z7II mit einem 24–200-mm-Objektiv – so muss ich keine Objektive wechseln und kann mich freier um mein Motiv bewegen. Ich trage weniger Gewicht und bleibe flexibel. Auch Smartphones sind ein großartiges Mittel, um spontaner und leichter zu fotografieren. Bei Weitwinkel-Landschaften oder für Makros funktionieren sie erstaunlich gut.“
Kamera: Nikon Z7-II
„Die Nikon Z7II überzeugt durch hervorragende Verarbeitung und viele Verbesserungen gegenüber der Z7 – etwa ein integriertes 5-Achsen- Bildstabilisierungssystem. Sie bietet exzellente Bildqualität, Bedienung und Verarbeitung und ist dennoch preislich erschwinglich.“
Objektiv: Nikon Z 24-200 mm f/4-6,3 VR
„Ein kompaktes und leichtes Zoomobjektiv mit effektivem optischen Bildstabilisator (4–5 Stufen). Wettergeschützt und mit Fluorvergütung eignet es sich perfekt als Reiseobjektiv – sowohl für Foto als auch Video.“
Zubehör: Smartphones
„Das Google Pixel 9 Pro und 9 Pro XL überzeugen durch beeindruckende KI-Funktionen und liefern hochwertige Fotos zu einem etwas günstigeren Preis als vergleichbare Apple-Modelle.“
Über den Fotografen Eric Meola
Er ist ein vielfach ausgezeichneter Fotograf mit über 50 Jahren Berufserfahrung. Der Absolvent der Syracuse University wurde 1971 mit dem Time-Cover von Opernsängerin Beverly Sills bekannt – ebenso wie mit seinen ikonischen Aufnahmen von Bruce Springsteen. Er veröffentlichte mehrere Bildbände und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2023 den Lifetime Achievement Award der Professional Photographers of America. Seine Arbeiten sind in privaten Sammlungen und Museen weltweit vertreten. Zudem unterrichtete er unter anderem an der Syracuse University, dem Rochester Institute of Technology und dem Art Center in Pasadena. Weitere Informationen auf seiner Webseite: https://ericmeola.com
Unser Buch-Tipp Bending Light: The Moods of Color
- von Eric Meola
- umfasst über 200 Seiten
- Preis: 65 Euro
- The Images Publishing Group https://imagespublishing.com
Weitere interessante Interviews findet ihr auf PhotoScala.
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