Foto der Nikon 1 V1Grafik: Testlabor Anders UscholdNikons neues 1er Kamerasystem mit dem kleinen 1-Zoll-Sensor – kann es Großes leisten? Wir haben uns die Nikon 1 V1, das aktuelle Spitzenmodell im Nikon-One-System, samt Nikkor 3,5-5,6/10-30 mm VR genauer angesehen:

Vorgeplänkel

Wettbewerb – das ist eine der stärksten Motivationen für ethischen wie technischen Fortschritt, und für Weiterentwicklungen. Wettbewerb gibt es in jeder Gruppe und Gesellschaft, global ebenso wie lokal. Und während wir uns auf den Wettbewerb mit unserem Nachbarland konzentrieren, übersehen wir den Wettbewerb innerhalb der Familie, oder auch den mit dem Partner.

Die Welt der digitalen Fotografie ist mit Einführung der spiegellosen Kameras gewissermaßen auf den Kopf gestellt worden – Olympus und Panasonic haben auf bemerkenswerte Weise vorgelegt und sind mittlerweile auch bemerkenswert erfolgreich. Warum waren es gerade diese Hersteller?

Es ist wohl ein Wettbewerb im weiteren Sinne. Der enorme Erfolg und Marktanteil von Spiegellos –  noch sehr viel mehr in den asiatischen Märkten als hierzulande – hat Canon und Nikon in eine sehr unangenehme Situation gebracht. Sie müssen sich einerseits der Herausforderung durch die anderen Anbieter stellen, haben andererseits aber zwei weitere, sehr unangenehme Mitbewerber: Canon und Nikon. Eine vertrackte Situation, denn wäre „Canon Spiegellos“ da und erfolgreich, dann ginge dies sehr zu Lasten der Marktanteile von „Canon Spiegelreflex“.

Meiner Ansicht nach liegt hierin auch die Antwort auf die eine Hauptfrage, die sich wohl die meisten stellten, als die Spezifikationen des neuen Nikon-One-Systems bekannt wurden: „Warum ein 1-Zoll-Sensor?“ – Ich vermute, Nikon wollte nach gründlicher Analyse alle hauseigenen Kameralinien gut aufeinander abstimmen; von der Einsteigs-Kompakten bis zur Kleinbild-Spiegelreflex. Deshalb kann ich sehr gut nachvollziehen, warum die Kamera im Vergleich mit anderen Spiegellos-Systemen, mit APS-C- und Kleinbild-Kameras, einen ziemlich kleinen Sensor hat.

Fragt sich, ob es Nikon gelingt, die Kameraleistung gut in den Griff zu bekommen.
 

Foto der Nikon 1 V1 offen

Die V1 offen; mit Blick auf den Sensor

 
Die Nikon 1 V1

Nikon reklamiert als Vorteil des neuen Systems, dass es von Grund auf neu konzipiert werden konnte: keine Einschränkungen, keine Rücksichtnahme auf vorhandene Architekturen und Spezifikationen.

Schauen wir uns zunächst die Werte fürs Rauschen an, an denen sich die Leistung der Hardware zeigt, die von vielen Kritikern angezweifelt wird. Wenig überraschend ist das Rauschen von der geringsten ISO-Einstellung an sichtbar. Es wirkt ziemlich natürlich und zeigt nicht jene Artefakte übermäßiger Kompensation, die ich erwärtet hätte. Von ISO 100 bis ISO 400 zeigt sich Farb- und Helligkeitsrauschen in gleichen Anteilen; beide wirken körnig-natürlich. Das bleibt in diesem Bereich auch ziemlich stabil, die Auto-ISO-Funktion lässt sich hier also gut nutzen. Bei den höheren Emfpindlichkeiten ändert sich der Umgang mit dem Rauschen: Bei ISO 800 und ISO 1600 sinkt das Farbrauschen sichtlich und glatte Flächen wirken sehr homogen. Bei ISO 3200 und ISO 6400 zeigen sich Pixelfehler: helle und dunkle „Salz und Pfeffer“-Pixel mindern die Bildqualität.
 

Grafik: Testlabor Anders Uschold

ISO 100 – 200 – 400 – 800 – 1600 – 3200 – 6400

 
Was die Messwerte angeht, ist das Rauschen von ISO 100 bis ISO 400 moderat, und gut bis sehr gut von ISO 800 bis ISO 6400. Die Gegenprobe mit dem Empfindlichkeits-Auflösungs-Verhältnis zeigt, dass die Auflösung zwischen ISO 100 und ISO 800 nur wenig abnimmt. Bei ISO 1600 ein deutlicher Abfall, dann aber nurmehr wenig weitere Verluste bis ISO 6400. Die Rauschverteilung, will heißen, Änderungen des Rauschverhaltens bei unterschiedlichen Helligkeiten, bleibt über den gesamten Empfindlichkeitsbereich praktisch gleich. Schon das beweist, dass Nikon wirklich heftig am Rauschen arbeitet und einen sehr hochentwickelten Bildprozessor einsetzt.

Gegenspieler des Rauschens sind Auflösung und Schärfung, deshalb sind Kantenpräzision und Homogenität wichtige Indikatoren für das Beherrschen der Signalaufbereitung. Die Schärfung ist teils aggressiv und zeigt die Furcht der Ingenieure vor Schattenrauschen: Kanten hoher und mittlerer Helligkeit zeigen viel Verstärkung mit weißer Geisterlinie auf der hellen Kantenseite. Die dunkle Kantenseite zeigt keine Geisterlinie, weil die Schärfung in den dunklen Bereichen zurückgenommen wird. Warum so ungleich? Nun, eine Schärfung in den Schatten verstärkt auch das Schattenrauschen und die Artefakte.
 

Grafik: Testlabor Anders Uschold

 
Die Schärfung bleibt auch bei unterschiedlichen Orientierungen gleichmäßig, nur diagonale Kanten zeigen kleine Farbfehler. Im Vergleich mit dem Flächenrauschen nimmt das Kantenrauschen nicht stärker zu; eine bemerkenswerte Leistung, die man bei anderen selten sieht.

Um eine erste Einschätzung der Signalaufbereitung zu geben: Mit ISO 100 erhalte ich die höchste Auflösung, mit ISO 800 die beste Bildhomogenität.

Nun zum Dynamikumfang. Je kleiner ein Pixel ist, desto weniger Photonen kann es auffangen, um es in elektrische Ladung bzw. ein verwertbares Signal umzuwandeln. Die V1 löst das Problem des kleinen Sensors, indem die Pixelzahl auf 10 Millionen beschränkt wird. Das einzelne Pixel bleibt also vergleichsweise groß. Trotzdem nutzt Nikon eine sehr starke Signalaufbereitung mit sehr hoher Reduzierung des Schattenrauschens. Im gesamten Empfindlichkeitsbereich wird das Schattenrauschen um -65 % bis hin zu -80 % reduziert, beginnend bei einem Helligkeitswert um 95. Im Mittel werden durch die partielle Rauschkorrektur 12,8 % der gesamten Motivinformationen zerstört; was doch ziemlich viel ist:
 

Grafik: Testlabor Anders Uschold

 
Am stärksten wird das Schattenrauschen bei ISO 1600 eliminiert. Hier zeigt sich auch der größte Dynamikumfang: 8,7 Stufen. Die Eingangsdynamik ist sowieso erstaunlich, zeigt sich doch die schwächste Leistung bei ISO 100 und ISO 200, wohingegen höhere Empfindlichkeiten bessere Werte aufweisen. Im Endeffekt kann der Einsteiger bei hoher Empfindlichkeitswahl gute Fotos von Motiven mit hohem Kontrast machen. Dem Anspruchsvolleren könnte die etwas flache, undifferenzierte Schattenwiedergabe missfallen, die mit diesen Werten einhergeht.
 

Grafik: Testlabor Anders Uschold

 
Die Tonwertwiedergabe ist ausgeglichen und ziemlich natürlich. Die Ingenieure liefern ein neutrale und für eine Amateurkamera ziemlich genaue Tonwert-Leistung ab, der die visuelle Gefälligkeit deutlich zurückgenommener Lichter- und Schattenbereiche abgeht. Auch der Kontrast in den Mitten ist nicht zu überbetont, was in der Summe zu einer exakten Motivwiedergabe beiträgt.

Die Bildkomprimierung ist ausgeglichen. Drei Kompressionsstufen ergeben ziemlich gute Qualität bei „fein“, gut bei „standard“ und – typisch für Nikon – sehr kleine Dateien in der höchsten Stufe.

So weit, so gut. Die Kamera erfüllte meine Erwartungen, was die Signalaufbereitung angeht, und überstieg sie, was die erwartete Leistung angeht.
 

Foto der Nikon 1 V1

 
Das Nikkor 3,5-5,6/10-30 mm VR

Wie sieht es nun mit der optischen Konstruktion und Leistung des Nikkor 3,5-5,6/10-30 mm VR aus? Dazu will ich zunächst auf ein paar physikalische Gesetzmäßigkeiten eingehen. Die Sensorgröße, das ist ein Geben in Nehmen, was die optische Leistung angeht. Grundsätzlich ist es umso leichter, Auflösung, Randlichtabfall und Verzeichnung digital zu korrigieren, je kleiner der Sensor ist. Andererseits muss die Fertigung wegen der kleineren Pixelgröße und der damit einhergehenden höheren Frequenz der L/mm exakter sein. Und letztlich schlägt die Physik auch beim Abblenden zu, wirkt sich die Beugung (Diffraktion) doch umso stärker aus, je kleiner die effektive Blendenöffnung ist.

Das hat Nikon offensichtlich ins Kalkül gezogen. Die kleinste Blende des Nikon-One-Objektivs ist 16. Auch die mit 10 Millionen relativ geringe Pixelzahl hilft gegen die genannten Einschränkungen. Und schließlich wurde das Zoomobjektiv gut konstruiert, es zeigt bei Offenblende gute Leistung.
 

Grafik: Testlabor Anders Uschold

 
Bei allen drei untersuchten Zoompositionen ist ab Offenblende maximale Auflösung gegeben. Nennenswerte Diffraktion zeigt sich ab Blende 1:8 bis 1:11. Nikon hat offensichtlich eine pfiffige Demosaik-Strategie oder Sensor-Architektur implementiert, die allzu frühe Beugung zu einem gewissen Teil kompensiert. So kann das Objektiv über einen praktikablen Blendenbereich genutzt werden, und kann, was das angeht, mit einigen anderen Modellen mit größerem Sensor mithalten.

Auch die Mitte-Rand-Auflösung ist gut ausgewogen. In Zoomstellung 10 mm und 30 mm zeigen nur die äußersten Randbereiche bei den ersten zwei Blendenstufen etwas Verlust. Bei 18 mm bleibt die Auflösung von der Mitte zum Rand sehr gleichmäßig. Ein technischer Grund für diese guten Auflösungswerte ist im schwachen Tiefpassfilter zu finden: Damit zeigen feine Details aber auch viele Artefakte. Etwa Farb- und Helligkeitsmoiré bei orthogonalen und diagonalen Strukturen, Helligkeitsmoiré bei schrägen Strukturen und Aliasing bei diagonalen Strukturen.

Sollten solche Artefakte bei der Wiedergabe feiner Strukturen oder Texturen stören, könnten Sie auf Blende 11 abblenden. Die feinen Details werden dann zwar leicht abgeschwächt, gleichzeitig aber werden die Artefakte durch die Diffraktion geglättet.
 

Grafik: Testlabor Anders Uschold

 

Foto vom Nikkor 3,5-5,6/10-30 mm VR von Nikon

Die gleichmäßige Mitte-Rand-Auflösung deutet auf eine solide Optikkonstruktion hin, was die Verzeichnung angeht. Will heißen, der Hersteller korrigiert die optische Verzeichnung nicht einfach per Software auf Kosten der Randauflösung, sondern belässt es bei den Werten, die das Objektiv tatsächlich abbildet. Die hier deutlich sichtbare tonnenförmige Verzeichnung bei 10 mm ist nichts Ungewöhnliches für ein Kitobjektiv in Weitwinkelstellung. Anspruchsvolle Landschafts- und Architekturfotografen werden das natürlich nicht mögen; aber es ist ehrlich. Bei 18 mm und 30 mm ist die Verzeichnung fast perfekt und für ein preisgünstiges Kitobjektiv herausragend.

Auch die Randabschattung ist sehr ausgeglichen. Nur in Weitwinkelposition ist bei Offenblende eine plötzlich einsetzende Vignettierung zu beobachten. Mit Abblenden wird das sehr viel besser. Im Normal- und Telebereich ist die Randabschattung gleichmäßig und sehr gering, die Helligkeitsverteilung übers Bildfeld ist exzellent. Anders als die optische Verzeichnung wird der Randlichtabfall wie bei fast allen Digitalkameras bzw. Digitalkamera-Objektiv-Kombinationen intern per Software korrigiert. So bewirkt das Zoomobjektiv vor allem bei Offenblende eine Zunahme des Rauschens von der Mitte zum Rand. Dieses verstärkte Rauschen ist bei 10 mm sichtbar und gering bei 18 mm und 30 mm.

Interessant ist immer auch der Test von Autofokusgeschwindigkeit und Auslöseverzögerung. Hier besonders, nutzt Nikons One-System doch eine interessante AF-Technologie, bei der phasenbasierte AF-Pixel auf dem Sensor platziert wurden (was bedeutet, dass der AF die Schärfe nicht mittels eines Kontrastvergleichs (Iteration) bestimmt, sondern mittels eines Phasenvergleichs (Triangulation). Laut Nikon sollen diese AF-Pixel den Autofokus deutlich beschleunigen.

Nun, die Autofokusgeschwindigkeit des Zooms hängt von der Brennweiteneinstellung ab. Im Weitwinkelbereich ist das Objektiv ziemlich flott; die Scharfstellung dauert 0,29 s im Hellen und 0,34 s im Schatten (von Unendlich bis Brustbild-Größe). Im Telebereich wird der Autofokus langsamer: 0,5 s braucht es im Hellen für die Scharfstellung, und 0,56 s im Schatten. Das sind insgesamt ganz gute Werte, wobei die Helligkeit für die Autofokusgeschwindigkeit kaum eine Rolle spielt, sehr wohl aber die Brennweite.
 

Grafik: Testlabor Anders Uschold

 
Bei Vorfokussierung bzw. AF-Lock ergibt sich eine Auslöseverzögerung von 0,11 s bei Weitwinkel und 0,12 s in Telestellung. Die Motivhelligkeit spielt hier keine Rolle mehr; die Werte sind im Vergleich mit der Konkurrenz gut bis befriedigend.

Abschließende Bewertung

Eine gute Kamera definiert sich nicht über vereinzelte Spitzenleistungen, sondern über das Fehlen von Schwachstellen. Ganz offensichtlich arbeitet Nikon viel an den Bilddaten, was das Rauschen und die Dynamik angeht. Das Rauschverhalten kann nicht mit aktuellen APS-C-Modellen von Nikon und Anderen konkurrieren; aber das war zu erwarten. Andererseits bleiben Auflösung, Rauschen, Randlichtabfall und Verzeichnung ziemlich konstant und stabil. So ist die V1 eine gut abgestimmte Kamera, besonders angesichts des kleinen Sensors. Die Werte sind nicht herausragend, aber doch überraschend gut, und der kleine Sensor leistet sich kaum Schwächen, ihm muss aber mit deutlichen Bildoptimierungen bei Rauschen und Dynamik auf die Sprünge geholfen werden.

In der Summe ist die V1 besser als erwartet. Der Anwender erhält eine verlässliche Kamera, die ihm keine unerwarteten und unangenehmen Überraschungen beschert.

(Anders Uschold / thoMas)
 
 
Anmerkung: Der Test-Teil basiert auf den Erfahrungen, Daten, Messungen und Ausführungen des Testlabors Anders Uschold. Dazu wurden ganz viele Messwerte erfasst, ausgewertet und bewertet. Auf die Abbildung aller Werte-Tabellen, Auswertungs-Fotos und -Grafiken haben wir hier bewusst verzichtet und erläutern Ihnen lieber, was diese Werte für die fotografische Praxis bedeuten.

Produktfotos: Nikon
Grafiken: Testlabor Anders Uschold
 
 
Siehe auch:
Nikon 1 – Systemkamera im CX-Format
Nikon 1 – eine Einordnung
Nikon 1 – ein Ersteindruck
Beispielaufnahmen mit der V1 bei Nikon Japan
Beispielaufnahmen mit der J1 bei Nikon Japan

 

 
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