Foto Courtesy Jablonka Galerie, Köln/Berlin (c) Nobuyoshi Araki„Heutzutage von wirklichen Tabus sprechen heißt: vom Tod sprechen“, sagt Araki und kennzeichnet damit ein Leitmotiv seiner Arbeit: das Miteinander von Eros und Tod, das in Arakis Werk immer präsent ist

Kaum ein fotografisches Werk hat in den vergangenen Jahren in Europa größere Kontroversen nach sich gezogen als das des 1940 als Sohn eines Sandalen-Händlers in Tokyo geborenen Nobuyoshi Araki. In Japan wird Araki von Millionen wie ein Popstar verehrt und ist mit seinen gefesselten Frauenakten – die ihn bekannt gemacht haben – immerwährendes Thema der Boulevardpresse. In Europa gilt er als – freilich umstrittener – Künstlerfotograf, dessen Arbeiten in den wichtigsten Museen zu sehen waren und sich am Kunstmarkt schon lange etabliert haben.
 

Foto Courtesy Jablonka Galerie, Köln/Berlin (c) Nobuyoshi Araki

Courtesy Jablonka Galerie, Köln/Berlin (c) Nobuyoshi Araki

 
Arakis Werk hat mehrere Gesichter: Zum einen ist er der unersättliche Bilderproduzent, der bisweilen achtzig Filme an zwei Tagen „verschießt“, der seine ohne Auflage produzierten Bilder nicht signiert und datiert (bis auf die automatischen Datumseinblendungen seiner Kompaktkameras, die er gleichwertig neben Plattenkameras benutzt), Foto Courtesy Jablonka Galerie, Köln/Berlin (c) Nobuyoshi Arakider in immer kürzeren Abständen Fotobücher, Videofilme, CD-Roms, DVDs und unzählige erotische Kalender auf den Markt wirft – ohne allzu große Ansprüche an ihre Bildqualität und Ausstattung zu stellen. Araki ist der Produzent einer gigantischen Bildersammlung, die in ständiger Wiederholung immer gleiche Produkte gebiert und keine Auflagen kennt, der seit Jahren in der Nacht durch Tokios flirrende Vergnügungsviertel Shinjuku und Roppongi streift, in seinen Stammkneipen – wie Araki sagt „Nachtbüros“ – fotografiert und seine Ergebnisse am nächsten Tag von Helfern entwickeln und abziehen lässt.

Zum anderen ist Araki spätestens seit Anfang der Neunziger Jahre ein international arbeitender Fotokünstler von besonderem Rang: Einzel- und Gruppenausstellungen in den wichtigsten europäischen Museen Moderner Kunst oder auch die – abgelehnte – Einladung zur Kunstbiennale in Venedig im Jahr 1994 geben darüber Auskunft.

Seine erotischen Fotos existieren nicht als abgeschlossener Teil, sondern stehen mit anderen Werkgruppen in ständigem Austausch. Als Teil einer Serie korrespondieren die Körperbilder Arakis mit Stillleben, Architekturfotografien und fotografischen Himmels- oder Wasserlandschaften. Das Gesamtwerk Nobuyoshi Arakis lässt sich in Bilder des Öffentlichen und Privaten, Alltäglichen und Bedeutsamen gliedern, die aber niemals getrennt für sich stehen, sondern gerade erst im Zusammenklang Sinn machen.

In den frühen siebziger Jahren entstanden Arakis erste Körperbilder: skandalöse Großaufnahmen von Vaginen, austerngleiche, abstrakte Fleischformen, welche die Makrolinse dem Körper abringt, in effektvollem Schwarzweiß fotografiert und zu Sinnbildern einer geheimnisvollen Schönheit des weiblichen Körpers vergrößert. Die Kritik an Nobuyoshi Arakis richtete sich in der Vergangenheit vor allem gegen die Fotografien gefesselter, sparsam bekleideter oder nackter Frauen, die der Fotograf in oft klassisch-japanischen Interieurs und in traditioneller Kleidung inszeniert. Den gezeigten Innenräumen gemein ist ihre Ausgestaltung durch Matten, Holz und den bekannten papierbesetzten hölzernen Fenstertüren.
 

Foto Courtesy Jablonka Galerie, Köln/Berlin (c) Nobuyoshi Araki

Courtesy Jablonka Galerie, Köln/Berlin (c) Nobuyoshi Araki

 
Die Inszenierung gefesselter Frauenakte hat vor allem in Europa zu erheblichen Irritationen bei Besuchern und Kunstkritik geführt, die den Fotografen abwechselnd als „Schmuddel-Fotograf“ oder „sensiblen Visionär“ vorstellt. Die Vorwürfe der Gegner: Araki zeige Pornografie im edlen Gewand zeitgenössischer Fotokunst. Im europäischen Denken betont Fesselung die Inbesitznahme des Anderen, die Kontrolle über einen anderen Menschen. Aus der Perspektive des freiwillig Gefesselten: Unterwerfung mit einer eindeutig sadomasochistischen Note.

Das Thema der Fesselung des Frauenkörpers hat in Japan eine besondere Tradition, genauso wie erotische Sujets überhaupt – so sind etwa aus der Meiji-Zeit (1868-1914) Stiche bekannt, die im Zuge eines erotischen Spiels gefesselte Frauen zeigen – auch in der von Araki bekannten Variante der Fesselung durch an der Decke befestigte Seile. Die Fesselung mit Reisstrohseilen selbst ist übrigens nicht die Aufgabe des Fotografen, sie wird von einem professionellen Fesselungsmeister ausgeführt, dessen Aufgabe es ist, ein ausgeklügeltes Gleichgewicht zu schaffen um den Körper der Gefesselten möglichst wenigen Belastungen auszusetzen.
 

Foto Courtesy Jablonka Galerie, Köln/Berlin (c) Nobuyoshi Araki

Courtesy Jablonka Galerie, Köln/Berlin (c) Nobuyoshi Araki

 
Die Fesselung des Frauenkörpers gilt in Japan als eine Metapher für eheliche Treue, männliche Besitzname – aber auch für ein stark reglementiertes Sozialwesen. So sind japanische Fesselungsrituale deshalb paradoxerweise auch als ein von Frauen selbstbestimmtes, symbolisches Gefesselt-Sein zu verstehen, das – wie immer wieder in Selbstzeugnissen zu lesen ist – als Befreiung aus genau jenen Banden empfunden wird. So gewinnt der Betrachter dieser Bilder oft den Eindruck, einer autoerotischen Handlung beizuwohnen, bei denen sich die dargestellten Frauen gerade durch ihr Gefesseltsein der sozialen Kontrolle zu entziehen vermögen. Deshalb wirken die Frauen auf den Bildern Arakis auch auf sonderbare Weise unberührbar.

Foto Courtesy Jablonka Galerie, Köln/Berlin (c) Nobuyoshi Araki

Eine Gesellschaft, deren sechstägige Arbeitswoche sich durch eine außergewöhnliche Disziplinierung und Konformität ihrer Mitglieder auszeichnet, sucht im Privaten nach Möglichkeiten des Selbstausdrucks. So können die Fotografien Arakis als Zeichen weiblicher Identitätsfindung und unmittelbarsten Ausdrucks der japanischen Gesellschaft gelesen werden.

Die meisten Körperfotografien Arakis entstehen deshalb auch auf Wunsch seiner Modelle, die den Künstler etwa in einer Bar oder auf der Straße darum bitten, fotografiert zu werden: „Heutzutage klopfen die Mädchen unaufgefordert an meine Ateliertür“, sagt Araki. „Nicht nur, dass sie fotografiert werden wollen, nein, sie kommen auch mit ausgeklügelten Konzepten daher, wie die Fotosession ablaufen soll …“ Es sind die unterschiedlichsten Frauen, die diesen Wunsch äußern, sie stammen aus den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten, allein: sie sind unverheiratet.

Araki, der bis heute auch als Werbefotograf arbeitet, versteht die Fotografie als eine Volkskunst, die sich Momenten des Obszönen oder Pornographischen mit großer Unbekümmertheit zu eigen macht. Araki scheut sich nicht, von seinem Interesse für „billige Pornos“ zu berichten – „vorausgesetzt sie erzählen etwas von der Einsamkeit der abgebildeten Menschen und von der Traurigkeit des Lebens.“ Diese Offenheit des fotografischen Blicks zwischen Obszönität und Empfindsamkeit ist der Kunst Arakis immer eingeschrieben.

Nobuyoshi Arakis Werk hat authentisch-obsessiven Charakter – ist lebensbegleitende Praxis. So vergleicht Araki die Fotografie mit einem „Ich-Roman“, einen Begriff, den der Fotograf zum ersten Mal 1971 verwendet, als er „Sentimental Journey“, einen schnappschussartigen fotografischen Bericht seiner Hochzeitsreise veröffentlicht. Foto Courtesy Jablonka Galerie, Köln/Berlin (c) Nobuyoshi Araki
Auch hat Araki seine Fotoarbeiten öfter in Form von Tagebüchern präsentiert, wie etwa das „Tokyo Diary: 1981-1995“ oder das „Journal Intime“. „Manchmal fühle ich mich dem Leben gegenüber wie ein Parasit, der es mit seiner Kamera aussaugt“, sagt Araki.

Wie bereits beschrieben worden ist, hat Arakis fieberhaftes Arbeitstempo etwas Manisches. Es ist, als wolle der Fotograf mit seiner Kamera gegen den Tod anfotografieren – als diene die gigantische Summe seines Schaffens einem Beweis des gelebten Lebens. Andererseits ist sein Werk von Symbolen der Endlichkeit überhäuft: Verwelkte Blumen wechseln ab mit Hinterlassenschaften eines Abendessens, wiederum unterbrochen durch einen Frauenakt im verrutschten Kimono. „Heutzutage von wirklichen Tabus sprechen heißt: vom Tod sprechen“, sagt Araki und kennzeichnet damit ein Leitmotiv seiner Arbeit: das Miteinander von Eros und Tod, das in Arakis Werk immer präsent ist – sei es im Blick auf den Frauenkörper, auf die Stadt, auf eine im Absterben begriffene Blume, auf seine Katze, die einen Frosch verspeist, auf tote Eidechsen.

Die Bilder Arakis können verschiedenste Funktionen erfüllen, als stereotype Weiblichkeitsbilder funktionieren sie im Bereich der Werbung oder in der Boulevardpresse genauso wie im Kontext des Museums als aufklärerische Sinnbilder eines neues weiblichen Selbstbewusstseins. Und noch ein anderer Gedankengang ist bedenkenswert, der bereits 1986 von dem Sexualwissenschaftler Ernest Bornemann formuliert worden ist: Bornemann schreibt über den emanzipatorischen Charakter pornografischer Fotografie: „Ich würde soweit gehen, dass bestimmte Formen der von Männern gemachten Pornofotos selbst dann emanzipatorisch wirken können, wenn sie die Frau zur Ware degradieren. Nämlich dann, wenn der Fotograf, ohne sich dessen bewusst zu sein, seine sexuelle Hörigkeit von der dargestellten Frau dokumentiert. Denn wenn die Frau den Mann sexuell beherrscht, dann wird dieser Akt der Herrschaft auch nicht dadurch negiert, dass der Fotograf das Foto verkauft, also vom Leib der Frau lebt, als wäre er ihr Zuhälter.”

Künstlerische Visionen, so abseitig und extrem sie auch erscheinen mögen, illustrieren zumindest das Unvermögen unserer Gesellschaft, Ventile zu schaffen für die, wie es Susan Sontag ausdrückt, „ewige Neigung des Menschen zu visionären Zwangsvorstellungen“. Sie führen uns zurück zu existenziellen Fragen des Mensch-Seins.

(Marc Peschke)

 
Literatur:

Foto
Frank-Thorsten Moll, Veit Görner
Araki meets Hokusai (bei amazon.de)
Zwei Bücher im Schuber; 17,5 x 25,5 cm
288 Seiten; 201 Farbabbildungen
Deutsch/Englisch
ISBN 978-3-939583-78-3
38 Euro
 


Foto

Nobuyoshi Araki
Kinbaku (direkt bei der Jablonka Galerie zu beziehen)
Softcover mit Schutzumschlag
108 Seiten mit 101 Schwarzweißabbildungen; 22,5 x 22,5 cm
ISBN 978-3-931354-42-3
30 Euro

 
Ausstellungen:

Foto Courtesy Jablonka Galerie, Köln/Berlin (c) Nobuyoshi Araki

Nobuyoshi Araki – Flowers and more
29. Mai – 26. Juli 2008
Di-Fr 15:30-19:30 Uhr, Sa 13-17 Uhr
aplanat Galerie für Fotografie
Lippmannstr. 69-71 (Hinterhof)
22769 Hamburg
Tel: +49 (0)40 43184800
Fax: +49 (0)40 40186830


Foto Courtesy Jablonka Galerie, Köln/Berlin (c) Nobuyoshi Araki
 
Nobuyoshi Araki – Kinbaku
3. Mai – 30. Juli 2008
Di-Sa 11:00 – 18:00 Uhr
Jablonka Galerie Berlin
Kochstraße 60
10969 Berlin
Tel: 49-30-212 368 90
Fax: 49-30-212 368 91