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Am 26.5.
- 1895: * Dorothea Lange (+ 1965); amerikanische Dokumentarfotografin
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Beeindruckend - aber wirklich die "ganze" Geschichte?
Nachdem ich zitiert werde, melde ich mich dann doch gerne noch selbst zu Wort.
Vorweg: Sowohl das Foto, als auch der gezeigte Sachverhalt sind von geradezu erschreckender Nichtigkeit, betrachtet man die Gesamtspanne des Buches, das hier eigentlich diskutiert wird. Fakt ist: Es gibt die Treidler, und Sie sind fast nackt, aber nicht wie in einem Kommentar quasi gefordert, "schwielenübersäht". Dass sie nackt sind, hängt zwar auch mit der wenigen Kleidung zusammen, die sie haben, primär aber damit, dass die Treidler an verschiedenen Furten mit hoher Regelmäßigkeit nass werden, und dann Kleidung unangenehm wäre. Die Treidler sind ein Zeugnis der Tatsache, dass China nach wie vor eine Breite an Lebenswelten abdeckt, die aus mitteleuropäischer Sicht kaum zu begreifen ist.
Das Buch selbst ist meiner Meinung nach kein Portrait im umfassenden Sinne, sondern eine Aspekteschau.
Das entstehende Bild ist für mein Empfinden, zu düster, zu aggressiv, zu kalt. Höchst eindrucksvoll werden dabei die Folgen, um nicht zu sagen Auswüchse der politischen Wandlungen eingefangen. Ein verständlicher Fokus, nimmt man die Lebensgeschichte des Herausgebers.
So gut wie garnicht spiegelt das Buch in diesem Sinne die Lebensenergie und vor allen Dingen schier unbezwingbare Lebensfreude der chinesischen Bevölkerung wieder. Welches Volk sonst wäre durch diese Geschichte so gegangen, welches Volk sonst hätte ohne erneuten Krieg und Zerfall die Wende in die Öffnung zu Stande gebracht?
Wer selbst in China war, dem bietet das Buch Zeugnisse geschichtlicher Epochen, die für uns außer in Gesprächen mit Zeitzeugen bisher kaum greifbar waren - in diesem Sinne empfinde ich es als echten Schatz, ein großes Werk, ein Stück Vergangenheitsbewältigung.
Für den, der sich China von Außen nähert entsteht für meine Begriffe ein gefährlich abstoßendes Zerrbild. Man bekommt zwar eine Ahnung, was die aufmerksamen Augen in den wettergegerbten Gesichtern alter Chinesen alles gesehen haben - Dinge, die viele heute noch verzweifelt in Kammern des Schweigens schließen, weil sie nichtmals vor dem geistigen Auge noch einmal sehen wollen, was sie dereinst erlebt haben.
Aber man spürt für mich in diesem Buch zu wenig von der ungeheueren positiven Energie, die die Chinesen immer wieder aufstehen lässt, die es höchsten Würdenträgern erlaubt, in Bade- oder gar Unterhose aufzutreten, die Chinesen beim Karaoke so viel unverkrampfter singen lässt, die für sie aus jedem flachen Stein ein Bett werden lässt.
Meine Befürchtung: Wer viel Kontakt mit Chinesen hat, bei dem wird dieses Buch den Respekt steigern, bei solchen, bei denen der Kontakt fehlt, wird es eher Ängste schüren, vor diesem doch dann immer wieder so unbekannten Riesen.
Frieder Demmer