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DingDongDilli schrieb: Der
Ich habe die Erstausgabe gelesen.
Wenn Ihnen das Buch wirklich bekannt ist, dann kann ich Ihre Kritik erst recht nicht nachvollziehen. Denn Sarrazin kann nicht geschrieben haben, dass früher alles besser war – ganz einfach weil er fast keine Vergleiche mit Früher zieht. Das überlässt er der Interpretation des Lesers. Ausserdem sind seine Analysen (er wertet im Buch eigentlich nur statistische Daten aus) seltenst wertend; von menschenverachtenden/fremdenfeindlichen Äusserungen kann erst recht nicht die Rede sein...
Schön doof, wer das glaubt.
Kurzes Zitat aus der Einleitung:
Dass Sarrazins Vorgehen nicht wissenschaftlichen Standards entspricht, zeigt sich
auch an der mangelhaften Differenzierung zwischen verschiedenen Gruppen, den
damit einhergehenden Aussagen und den daraus resultierenden Schlussfolgerungen.
Ein Beispiel für die verwirrende Begriffspraxis ist das Hin- und Herspringen zwischen
‚muslimischen Migranten‘, ‚Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund‘,
‚Türken‘, ‚türkischen Migranten‘, ‚Menschen mit türkischem Migrationshintergrund‘:
Mal müssen ‚Türken und Araber‘ stellvertretend für alle ‚muslimischen Migranten‘
herhalten, mal wird „Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund“ pauschal
eine arabische oder türkische Herkunft zugewiesen. Dass Thilo Sarrazin es mit der
Wissenschaft nicht allzu ernst meint, zeigt er, wenn er in seinem Buch auf Seite 297
wissenschaftliche Ergebnisse zum Thema Kriminalität aus dem „Integrationsbericht
2009“ zitiert6 und sie folgendermaßen kommentiert: „Bei diesem Geschwurbel wird
offenbar empirische Wissenschaft mit politischer Theologie verwechselt. […] Die
Autoren sollten einmal den Polizeikommissar Florian Södding auf einem Streifengang
durch den Stadtteil Wedding im Bezirk Mitte begleiten.“7 Oder wenn er eine Quelle
aus der Berliner Morgenpost sehr subjektiv wiedergibt: „82 000 Menschen leben
dort, die Hälfte mit türkischem und arabischem Migrationshintergrund. Die Gewalt,
darunter 104 Übergriffe auf Polizisten in einem Jahr, kommt fast ausschließlich aus
der Gruppe der Migranten“ - Die Quelle sieht im Original folgendermaßen aus: „Von
den 82.114 Menschen in dem Bezirk hat mindestens jeder Zweite einen
Migrationshintergrund. Im vorigen Jahr gab es 104 Übergriffe gegen Polizisten, allein
in Söhrings Revier.“
Kann man aber auch alles anders sehen:
Sichtbare Dynamik der Bildungsverläufe
Die konsequent vertretene These Thilo Sarrazins, dass speziell bei der Gruppe der
Muslime in Deutschland keine positive Entwicklung der Bildungssituation zu
konstatieren sei, was er auf kulturelle Grundmuster der Sozialisation zurückführt,
findet keine Entsprechung im statistischen Datenmaterial und ist damit empirisch
nicht haltbar. Die Dynamik des Bildungserfolges ist über die Generationenfolge
klar erkennbar und müsste in eine Zukunftsprognose als solche mit einfließen.
Bildungsanstieg bei zweiter Generation
Empirisch ist nachweisbar, dass bei sämtlichen Zuwanderungsgruppen mit
muslimischem Migrationshintergrund, die Angehörigen der zweiten Generation
deutlich häufiger als ihre Elterngeneration das deutsche Schulsystem mit einem
Schulabschluss verlassen. Dies widerspricht der These Sarrazins, dass es
hinsichtlich der Bildungsabschlüsse von Personen mit muslimischem
Migrationshintergrund auch über die Generationenfolge hinweg keine positive
Entwicklung gäbe.
Personen mit türkischem Migrationshintergrund liegen zurück, aber Dynamik
des Bildungsaufstiegs am höchsten
Laut Mikrozensus 2008 haben in der Gruppe der Personen mit türkischem
Migrationshintergrund 22,4% der Bildungsinländer einen höheren
Bildungsabschluss, das heißt, Abitur oder Fachabitur. Die erste Generation der
Gastarbeiter hatte hingegen nur zu 3% einen höheren Bildungsabschluss. Dies ist
ein Bildungsanstieg von ca. 650%; bei Zugrundelegung der MLD-Daten des
Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ist es sogar ein Anstieg von
ca. 800%, obwohl gerade Personen mit türkischem Migrationshintergrund von
Sarrazin als besonders lernunfähig dargestellt wurden.
Höhere Bildungsaspiration bei Familien mit türkischem Migrationshintergrund
Sarrazin unterstellt dieser Gruppe auch Lernunwilligkeit. Dennoch wird gerade
Familien mit türkischem Migrationshintergrund eine höhere Bildungsaspiration
im Vergleich zu Familien ohne Migrationshintergrund beim gewünschten
Schulabschluss Abitur attestiert.
Angleichung der Bildungssituation im Zeitverlauf
Die PISA-Studie 2009 stellt infolge eines stetigen Bildungsanstieges bei
Jugendlichen mit Migrationshintergrund einen Rückgang der Disparitäten
zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergund fest. Zugleich wird
herausgestellt, dass im Erhebungszeitraum bei Jugendlichen ohne
Migrationshintergrund kaum Kompetenzsteigerungen zu verzeichnen sind.
Deutlicher Anstieg bei der beruflichen Qualifikation im Generationenverlauf
Während bei der ersten Generation der Menschen mit türkischem
Migrationshintergrund der Anteil der unqualifizierten Berufsabschlüsse bei 68%
lag, sank er bereits bei der nachfolgenden Generation auf 27%.
Zahl von Hartz IV-Bezügen bei Personen mit türkischem Migrationshintergrund
höher, aber niedriger als dargestellt
Hier sind Schwächen innerhalb der Gruppe der Personen mit türkischem
Migrationshintergrund zu beobachten, die laut Mikrozensus 2008 zu 9,5% ihren
Lebensunterhalt überwiegend aus Hartz-IV bestreiten, während dies bei der
Bevölkerung ohne Migr.hintergrund nur zu 3,5% zutrifft. Dennoch steht diese Zahl
der durch Sarrazin suggerierten Hartz-IV-Quote von 40% stark abweichend
gegenüber.
Sprachkenntnisse bei großer Mehrheit gut
Der Vorwurf Sarrazins, gerade die Personen mit türkischem
Migrationshintergrund würden sich nicht bemühen, Deutsch zu lernen, ist
empirisch nicht haltbar. Allensbach hat im Jahr 2009 für 70% der Personen mit
türkischem Migrationshintergrund gute bis sehr gute Kenntnisse der deutschen
Sprache ermittelt.
Kopftuchtragen hat abgenommen
Entgegen der geäußerten Annahmen von Thilo Sarrazin, dass das Kopftuch über
die Generationenfolge in Deutschland zunehme, nimmt die Häufigkeit des
Kopftuchtragens in der zweiten Generation signifikant ab. 70% der Frauen mit
muslimischem Migrations-hintergrund tragen kein Kopftuch. Fast 23% geben an,
immer ein Kopftuch zu tragen.
Über 90% der Schüler nehmen am Schwimmunterricht teil
Gerade der Schwimm- und Sportunterricht wird von Sarrazin als ein Kriterium für
die Verweigerung der kulturellen Integration markiert. Dabei liegt die Zahl der
Kinder, die an diesen Angeboten nicht teilnehmen bei 7-10%. Auch hier wird eine
Phantomdebatte geführt, die den empirischen Erkenntnissen nicht gerecht wird.
Nachbarschafts- und Freundschaftskontakte
Obwohl Sarrazin verschärfende Parallelgesellschaften und Abschottung
prognostiziert, werden die Kontakte von „Muslimen“ zu Personen deutsch-deutscher
Herkunft in der Nachbarschaft empirisch als zahlreich dargestellt: In
fast allen Gruppen der Muslime haben mehr als drei Viertel der Befragten häufig
Freundschafts- oder Nachbarschaftskontakte. Kontakte zu deutsch-Deutschen
sind auch am Arbeitsplatz hoch. Das Kriminologische Forschungsinstitut
Niedersachsen (KFN) hat gemessen, dass die Personen mit türkischem
Migrationshintergrund sich am liebsten deutsche Nachbarn wünschen, während
bei der Gruppe der deutsch-Deutschen der Wunsch nach türkischen Nachbarn an
letzter Stelle rangiert.
Aktive Selbstkritik statt „Opfer-Mentalität“
Die Verantwortlichkeit für gelingende Integration wird selbst von jenen Personen
türkischer Herkunft, die unter dem Generalverdacht der
‚Integrationsverweigerung‘ oder gar der ‚Integrationsunfähigkeit‘ stehen, in
deutlich höherem Maße der Zuwandererbevölkerung und damit sich selbst
zugeschrieben und nicht der Mehrheitsbevölkerung. In der zweiten
Zuwanderergeneration verstärkt sich diese Einschätzung.
Interethnische Partnerschaften
Thilo Sarrazin unterstellt speziell der Gruppe der Personen mit türkischem
Migrationshintergrund eine Verweigerungshaltung gegenüber interethnischen
Partnerschaften. Auch hier widersprechen die empirischen Trends seinen
Aussagen. Unter Berücksichtigung der Unterschiede zwischen der ersten und der
folgenden Einwanderergeneration wird für Personen mit türkischem
Migrationshintergrund eine Tendenz zu mehr interethnischen Partnerschaften in
späteren Generationen erkennbar. Besonders ab der 2. Generation steigt die Zahl
der binationalen Partnerschaften.
Zahl interreligiöser Ehen bei muslimischen Männern am höchsten
Trotz eines rückläufigen Trends haben muslimische Männer im Vergleich von
Christen und Muslimen die stärkste absolute Tendenz, Frauen außerhalb ihrer
eigenen Religionsgemeinschaft zu ehelichen. 33,5% der muslimischen Männer
heirateten im Jahr 2008 eine nicht-muslimische Frau. Dagegen heiraten die
deutsch-Deutschen zu 92% Deutsche OHNE Migrationshintergrund.
Kriminalitätsrate nicht in Abhängigkeit zur Religiosität
Der von Sarrazin suggerierte Zusammenhang zwischen Islam und Kriminalität in
Deutschland wird von seriösen Forschungs-einrichtungen und der Polizei
zurückgewiesen. Vielmehr gelten sozio-strukturelle Bedingungen und
Gewalterfahrung in der Familie als zentrale Motive für Jugendkriminalität.
Deutschland droht zum Auswanderungsland zu werden
Während Thilo Sarrazin befürchtet, Deutschland würde durch die stetige
Zuwanderung bald in seinen Strukturen nicht mehr erkennbar sein und zukünftig
mehrheitlich aus arabisch- und türkisch-sprechenden muslimischen Menschen
bestehen, konstatiert die Statistik, dass gerade bei der Gruppe der Personen mit
türkischem Migrationshintergrund seit neun Jahren ein negativer
Wanderungssaldo zu verzeichnen und die Nettozuwanderung von türkischen
Staatsangehörigen seit 2002 rückläufig ist.
Zuwanderungselite wendet sich ab
Bei Studierenden mit türkischem Migrationshintergrund äußern 36% Prozent den
Wunsch, in die fremde Heimat der Eltern abzuwandern.
Alles in allem: Sarrazins Buch ist rethorisch aufgehübschtes Stammtischgeschwurbel eines selbstverliebten Schlechtmenschen.
Der Spaniel. Wau!