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Fluch des Pioniers
Jetzt muss ich mal eine Lanze für Kodak brechen...
Rückblende, anfang der 1990er Jahre: Auf meinem Schreibtisch stand ein PC-AT kompatibler Rechner mit 512 Kilobyte Arbeitsspeicher, ein 720 Kilobyte 3,5" Diskettenlaufwerk, einer 20 Megabyte Festplatte auf dem DR-DOS 6.0 lief. Dazu den Luxus eines Bernsteinmonitors und eines 9-Nadeldruckers.
Damals habe ich in einem Fotogroßlabor gejobbt, und der Begriff Digital beherrschte die Gesprächsthemen. Uns war bewusst, dass die Digitaltechnik großartige Möglichkeiten bot und Kodak war der Pionier. Allein, wir wussten damals noch nicht in welche Richtung die Reise ging. Die PhotoCD war ja schön und gut. Aber sie allein konnte die Zukunft nicht sein. Man musste sich extra ein Lesegerät anschaffen, nur um sich die Bilder auf dem Fernseher ansehen zu können, die man sich zuvor für viel Geld auf eine CD brennen lassen musste. Zur Erinnerung: Farbmonitore gab es damals nur sehr selten, und CD-Laufwerke in Computern waren noch seltener. CDs waren damals irrsinnig größen Datenbanken (z.B. Deutsche Bibliothek) vorbehalten; der gemeine Computerfreak brauchte sowas nicht. Und Otto Normalverbraucher hatte erst gar keinen Computer. Und: Die ins Album eingeklebten Abzüge waren schärfer und billiger.
Irgendwann hatten wir dann die Agfa DigiPrint Maschinen da: Erstmals waren die Prints meiner mit der Leica gemachten Dias ansehnlich: Die Lichter nicht weiss ausgefressen, die Schatten nicht schwarz zugelaufen. Das Digitalzeugs war schon ein Wundermittel. Aber Kameras waren noch ausser Sichtweite. Es gab zwar Basteleien aus dem Hobbykeller, aber nix ernsthaftes.
Dann 1998 kam die Revolution quasi über Nacht. Es waren Elektronik-Firmen wie Sony und Casio, und viele, die der Wind heute weggeweht hat, die ein Objektiv vor einen Sensor schraubten und tatsächlich ein Bild hingekriegt haben. Erst in Anbindung an den Computer ("Webcam" würde man heute sagen), dann vollkommen mobil. Und auch CD Laufwerke mit Standarddateisystem gehörten nun so irgendwie zur Ausstattung eines besseren Computers. Und der Farbmonitor war nun Standard. Jetzt erst war die Infrastruktur da, um Digitalbilder zu managen: Aufzunehmen und auf einem hochauflösenden Monitor auch scharf anzuschauen.
Kodak brachte dann sein Easyshare-Konzept auf den Markt: Für Leute, die keinen Computer hatten und trotzdem in den Segen der Digitaltechnik kommen zu wollen. Klemm die Knipse einfach auf die Station, drück Print und die Abzüge purzeln wie aus dem Labor aus dem Drucker.
Doch auch hier hat die Entwicklung Kodak überrollt. Mittlerweile hat jede Oma ihren Laptop oder zumindest ihren digitalen Bilderrahmen. Und für die Abzüge bringt Oma die Speicherkarte einfach ins Labor, so wie immer, wo die dann auf Kodak-Printern ausbelichtet wurden. Das EasyShare-Konzept war wieder obsolet.
Die anderen Kinder, die später kamen, konnten für ihre Entwicklungen auf eine bestehende Infrastruktur zurückgreifen. Kodak als Pionier hatte diese Infrastruktur nicht zur Verfügung und musste sich eine Infrastruktur erst aufbauen. Doch die Infrastruktur aus der Computerbranche hat Kodaks eigene Wege wieder weggespült.
Und wieder andere kamen so spät, dass sie den Anschluss an die technologische Entwicklung verpasst haben. Es gab also nur ein kleines Zeitfenster, in dem man erfolgreich die Entwicklung der Digitaltechnologie einsteigen konnte...
Kodak war zu früh dran.