Meiner Ansicht nach kann man nicht behaupten, etwas gesehen zu haben, bevor man es nicht fotografiert hat.

— Emile Zola

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Positionen der Gegenwartsfotografie: „The Lucid Evidence“

Foto homas Ruff, Porträt (Petra Lappat),1987Das MMK in Frankfurt verfügt über eine der größten Sammlungen internationaler Gegenwartsfotografie. Die aktuelle Ausstellung „The Lucid Evidence“ stellt die hochkarätige Fotografie-Sammlung des Hauses vor, zeigt die Hauptströmungen der Fotokunst unserer Zeit:

Seit seiner Gründung im Jahr 1991 hat das Frankfurter MMK – Museum für Moderne Kunst – Fotokunst erworben; früher als andere Institutionen und mit großer Konsequenz. Daran erinnert auch der überaus opulente Begleitband „The Lucid Evidence“, der die Sammlung erschöpfend vorstellt. Eine Sammlung, in der vertreten ist, was in der Kunstfotografie Rang und Namen hat: Nobuyoshi Araki etwa oder die Großbilddias des kanadischen Fotokünstlers Jeff Wall, den das MMK sehr früh kaufte. „The Storyteller“ ist so eine vom MMK in den neunziger Jahren erworbene Arbeit Walls – heute ein Klassiker.
 

Thomas Ruff, Foto: Axel Schneider MMK

Thomas Ruff, Foto: Axel Schneider MMK

 
Überhaupt lesen sich die Namen der Fotosammlung des MMK wie ein Who's Who der Fotografie: Peter Fischli und David Weiss, Günther Förg, Thomas Ruff, Beat Streuli – man kennt ihre Bilder. Was für einen Sinn macht es also, diese Ausstellung zu besuchen, den Bestandskatalog zu erwerben? Vielleicht diesen: Der Querschnitt der MMK-Sammlung ist ein Querschnitt durch die moderne und zeitgenössische Fotokunst selbst. Inszenierte Fotografie, Konzept-Kunst, journalistische Arbeiten von Barbara Klemm, Abisag Tüllmann und Anja Niedringhaus – hier kommt alles auf hohem Niveau zusammen.
 

Foto Jock Sturges, Alysha and Misty Dawn; Nothern California,1992

Jock Sturges, Alysha and Misty Dawn; Nothern California,1992
 
 
Foto Bettina Rheims, Elisabeth Berkley stuck in bamboo bushes, 1995

Bettina Rheims, Elisabeth Berkley stuck in bamboo bushes, 1995
 
 
Foto Nobuyoshi Araki, Ohne Titel (aus der Serie „Tokyo Comedy“), 1997

Nobuyoshi Araki, Ohne Titel (aus der Serie „Tokyo Comedy“), 1997

 
Mit Jock Sturges, Bettina Rheims oder Larry Clark finden sich Bildautoren, die auf sehr obsessive Weise den Körper ins Bild setzen. Der frühere MMK-Direktor Jean-Christophe Ammann hat sie intensiv gesammelt. Gerade Clark ist mit seinem Frühwerk nahezu komplett vertreten. Doch auch jüngere Fotokünstler sammelt das MMK: Tobias Zielony etwa, der Jugendliche in aller Welt fotografiert – vorwiegend jene, die an den Rändern urbaner Zentren leben: in den Vororten, den Banlieues, in Suburbia. Oft sind es ganze Gruppen von Jugendlichen, die er ablichtet: auf der Straße, auf Parkplätzen, vor ihren Wohnblocks in Newport, Halle-Neustadt, Chemnitz, Winnipeg, Bristol oder in den Quartiers Nord von Marseille.

Sie machen nicht viel, die Porträtierten, wie etwa jene Mitglieder von Straßengangs aus dem kanadischen Winnipeg: Sie stehen oder sitzen herum, treffen sich an Tankstellen oder einfach unter einer Straßenlaterne. Oft blicken sie gedankenverloren in die Leere, dann posieren sie für den Fotografen, präsentieren ihre Gruppenzugehörigkeit. Zumeist in der Nacht fotografiert Zielony – ein Stilmittel, das der ehemalige Schüler von Timm Rautert in Leipzig sehr effektvoll einsetzt.

Faszinierend ist in diesem Werk vor allem die ungesehene Mischung aus Beiläufigkeit und Intimität, wie wir sie etwa auch in den Arbeiten Miroslav Tichys entdecken. Wer sich intensiver mit den einzelnen Künstlern befassen will, der sollte zu den vielen bereits erschienenen Monografien greifen. Der Band „The Lucid Evidence“ gibt einen Einblick in die Sammlung des Hauses, spiegelt die Hauptströmungen der Fotokunst unserer Zeit: ein Buch für jene, die sich einen Überblick verschaffen wollen.

Foto Jeff Wall: Odradek, Táboritská 8, Prague,<br />
18 July 1994

Jeff Wall: Odradek, Táboritská 8, Prague,
18 July 1994 (1994), Großbilddia in Leuchtkasten

Manche der Arbeiten – etwa jene von Bettina Rheims oder auch Araki – wirken heute beinahe ein wenig abgegriffen, so oft wurden sie diskutiert, abgebildet, beschrieben: Sie beginnen, zu langweilen. Anders dagegen Jeff Walls in Prag entstandene Arbeit „Odradek“, die Arbeiten von Tobias Zielony oder auch die eigentlich sattsam bekannten Porträts von Thomas Ruff: Diese Bilder wirken nicht altbewährt, sondern – immer noch – aufregend neu.

(Marc Peschke)
 
 

Larry Clark, Foto: Axel Schneider MMK

Larry Clark, Foto: Axel Schneider MMK

 
Ausstellung:
The Lucid Evidence
Fotografie aus der Sammlung des MMK
bis 25. April 2011

Titel The Lucid Evidence

MMK Museum für Moderne Kunst
Domstraße 10
60311 Frankfurt/Main

Künstler der Ausstellung:
Nobuyoshi Araki, Heiner Blum, Larry Clark, Stefan Exler, Peter Fischli/David Weiss, Günther Förg, Noritoshi Hirakawa, Barbara Klemm, Mike Mandel/Larry Sultan, Ryuji Miyamoto, Anja Niedringhaus, Dino Pedriali, Taryn Simon, Jock Sturges, Oliviero Toscani, Abisag Tüllmann, Bettina Rheims, Thomas Ruff, Beat Streuli, Miroslav Tichy, Jeff Wall, Tobias Zielony

Bestandskatalog:
Dr. Susanne Gaensheimer und Dr. Mario Kramer (Hrsg.)
The Lucid Evidence – Fotografie aus der Sammlung des MMK (bei amazon.de)
Gebunden. 500 Seiten. Deutsch und englisch
Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2010
ISBN 978-3869841472
EUR 58 / SFR 90
 

Ja,

Bild von Plaubel
Eingetragen von
Plaubel
(Ehrengast)
am Sonntag, 14. November 2010 - 15:26

das >Manche der Arbeiten – etwa jene von Bettina Rheims oder auch Araki – wirken heute beinahe ein wenig abgegriffen, so oft wurden sie diskutiert, abgebildet, beschrieben: Sie beginnen, zu langweilen. Anders dagegen Jeff Walls in Prag entstandene Arbeit „Odradek“, die Arbeiten von Tobias Zielony oder auch die eigentlich sattsam bekannten Porträts von Thomas Ruff: Diese Bilder wirken nicht altbewährt, sondern – immer noch – aufregend neu.<

empfinde ich auch so. Plakative behaupteter Tabubruch und bloß behauptete Autenthizität nutzen sich deshalb ab, weil das fehlt, was ein Bild am Leben hält: Andeutung, Versprechen, Ungewissheit. Man braucht nicht länger zu verweilen, rätseln, suchen mag der Blick auf diesen Bildern nichts. Voyeure kommen auf ihre Kosten, Sucher stoßen die Bilder ab (oder, wie es eine Frau im Fernsehen über ihren Eindruck zu einer Newton-Ausstellung befragt, zusammenfasste: "Man sieht es und fragt sich, wozu?").

Oberflächlich

Eingetragen von
Gast
am Dienstag, 16. November 2010 - 13:35

Sorry - aber genau was sie hier kritisieren - nämlich die Flachheit das "Oberflächliche" an sich - greifen Sie hier selbst auf. In der Art und Weise wie sie sark verkürzt und viel zu punktuell betrachtet in einigen Zeilen alles und jeden über den Kamm scheren. Newton ist überhaupt ein schlechtes Beispiel. Dieser rief beinahe 30Jahre lang bei fast allen feministisch geprägten Betrachterinnen genau diese hier beschriebene Reaktion hervor. Seltsamer Weise war Ende der 90er als der Feminismus als Merkmal der intellektuell geprägten Frau nicht mehr taugte keine Aufruhr mehr bei Newtons Ausstellungen zu spüren. (lediglich bei einigen Damen die den Blick ihrer evtl. nicht ans Nackte gewöhnten Männer ertrugen - da findet sich das Problem aber eher wo anders ...) Das Newton das Terrain für viele folgenden Künstler ebnete - viele Arbeiten sogar erst zeigbar u. ausstellbar machte da er einen ganz neuen Stil der Modefotografie und somit über diese Breitenwirksamkeit das Sehverhalten der Masse prägte - wird allzugerne vergessen - (bis dahin hatte Modefotografie lediglich den Anspruch der Produktfotografie zu erfüllen). Zu behaupten, dass ein Jeff Wall hier mehr transportiert finde ich mehr als gewagt - fand sich sein Arbeitsstil Genereationen vorher schon in Arbeiten zahlreicher Fotografen. J. Wall verstand es bisher lediglich durch seine großen Formate und besseres Marketing mehr Aufmerksamkeit in der Breite des Publikums zu erreichen - Tranportiert aber nicht mehr und nicht weniger Inhalt und Ideenreichtum als Newton dies tat. Neue Sichtweisen schuf Wall bisher nicht, genau so wenig revolutionierte er irgend ein Genre.

Verwandschaft

Eingetragen von
Gast
am Sonntag, 14. November 2010 - 16:52

Jeder Mensch sei ein Künstler, thematisierte Beuys. Wie wahr. Der einzige Unterschied ist, dass manche einen guten Namen haben und andere Beziehungen.

Über Bilder muss man da nicht mehr reden...

?

Eingetragen von
Gast
am Sonntag, 14. November 2010 - 23:06
no_photo_please schrieb:

Jeder Mensch sei ein Künstler, thematisierte Beuys. Wie wahr. Der einzige Unterschied ist, dass manche einen guten Namen haben und andere Beziehungen.

Über Bilder muss man da nicht mehr reden...

Was wollen Sie hiermit der Öffentlichkeit mitteilen?

Gast schrieb:

Eingetragen von
Gast
am Montag, 15. November 2010 - 10:04
Gast schrieb:
no_photo_please schrieb:

Jeder Mensch sei ein Künstler, thematisierte Beuys. Wie wahr. Der einzige Unterschied ist, dass manche einen guten Namen haben und andere Beziehungen.

Über Bilder muss man da nicht mehr reden...

Was wollen Sie hiermit der Öffentlichkeit mitteilen?

Denken Sie mal scharf nach.

MfG

Kunst als Investition

Eingetragen von
Gast
am Montag, 15. November 2010 - 03:17

Hab mal an einer grossen Kunstausstellung dem Leiter einer Kunstinvestitionsfirma während dessen Rundganges mit einer Gruppe zufälligerweise gelauscht. Als er an banalen Landschafts/Ortschafts-Aufnahmen vorbeischritt(NB: Bilder eines bekannten Künstlers, ich lass mal das Land weg, auch das der Gallerie-beide waren identisch)sagte er: " Das sei vorbei...zuwenig innovativ!" Da hat mein Herz gehüpft, denn meine Kusntaufnahmen sind nur innovativ. Der Künstler wird in dieserm Beitrag nicht erwähnt.- Interessant sind jene Reportagen, wo der Händler den Kunstinteressierten überzeugen will wie wichtig und wertvoll die gezeigte Banalität sei. Jene Aspekte-Reportage war einfach niedlich.
Jene Investitionsfirma gibt es mittlerweile nicht mehr.

Investitionsblasen

Eingetragen von
Gast
am Montag, 15. November 2010 - 10:36

allüberall ... 8-)