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Koloniale Ruinen: „Avenue Patrice Lumumba“ von Guy Tillim
Er ist einer der bedeutendsten Fotografen des afrikanischen Kontinents. Engagiert, ernsthaft, sensibel, kritisch, aber auch bisweilen geprägt von einer gewissen Distanz zu seinen Sujets, zeigt der 1962 in Johannesburg geborene Fotograf Guy Tillim prekäre Lebensumstände seiner südafrikanischen Heimat:
Er fotografierte Kindersoldaten im Kongo, ganz ohne Hoffnung und ungeschönt, dann zeigte er die Stadt Johannesburg, „Jo'burg“ - diesmal mit einem positiveren Blick auf die Veränderungen, auf die Transformation der vergangenen Jahre. Seine Serie „Congo Democratic“ über die ersten freien Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Kongo wurde im Jahr 2007 auf der documenta präsentiert.
Stets sind es auch die stillen, intimen Momente, die ihn faszinieren, wie auch sein neues Buch „Avenue Patrice Lumumba“ vor Augen führt. „Eines kann man jedoch immer“, sagt Tillim, „ ... etwas Hässliches, Brutales in etwas Erhabenes und Erlösendes verwandeln ...“ Der in Kapstadt lebende Tillim tut dies, indem er tief blickt: diesmal auf die Architektur der kolonialen und postkolonialen Gesellschaft Afrikas.
Guy Tillim: Grande Hotel, Beira, Mozambique, 2008
Seine neueste Bildserie „Avenue Patrice Lumumba“ benannt nach Patrice Emery Lumumba, dem 1961 ermordeten ersten Ministerpräsidenten des von Belgien unabhängigen Kongo , jetzt zu einem wundervollen, bei Prestel erschienenen Buch verdichtet, beschäftigt sich mit den Veränderungen afrikanischer Bauwerke in den vergangenen 50 Jahren. Mit Veränderungen, die in reine Schönheit münden.
Die hier gezeigten, vor 40 oder 50 Jahren noch modernen, auf dem gesamten Kontinent fotografierten Kolonialarchitekturen sind ruinös. Zwar leben und arbeiten hier noch Menschen, doch oft hat sich die Natur dieser Architektur bemächtigt. Jene Wohnhäuser und Regierungsbauten sind die letzten Zeugnisse europäischer Herrschaft: Sie zerbröckeln, vergehen, setzen Moos an. Farbe blättert ab, Pflanzen nisten sich ein: Bald wird es sie wohl nicht mehr geben.
Guy Tillim: Apartment building, Avenue Bagamoyo, Beira, Mozambique, 2008
Doch in dem traumhaft-surrealen Jetzt-Zustand, in dem sie das Vergehen von Zeit zur Schau stellen, so ahnen wir, sind sie so schön wie noch nie, sind noch schöner, als sie neu waren und glänzten: Ihre elegische Nostalgie lässt uns erschauern.
Das Ergebnis seiner fotografischen Recherche, so schreibt Tillim im Vorwort des Buchs, sind nicht Reflektionen über das Wesen spätmoderner Kolonialarchitektur, sondern: a walk through avenues of dreams.
(Marc Peschke)

Guy Tillim
Avenue Patrice Lumumba (bei amazon.de)
Texte von Robert Gardner und Guy Tillim
Englisch, Französisch und Portugiesisch
128 Seiten. Gebunden. 57 Abbildungen
Prestel Verlag 2008
ISBN 9783791340661
49,95 Euro
Siehe auch:
Guy Tillim – Avenue Patrice Lumumba (bei Galerie Michael Stevenson)
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