In Amerika ist der Fotograf nicht einfach die Person, die die Vergangenheit aufzeichnet, sondern jene, die sie erfindet.

— Susan Sontag

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Eine Kamera mit Geschichte

FotoWenn einer eine alte Kodak Brownie in einem Trödelladen ersteht, und darin einen vergessenen Film entdeckt, dann weckt das seine Neugier und er geht auf Spurensuche – rund ein halbes Jahrhundert, nachdem die Aufnahmen entstanden sind. Beginnend mit der bangen Frage: Kann da noch was entwickelt werden?

Aktuell beschäftige ich mit mit allen Arten der nicht so exakten Fotografie: Einfachstkameras und -objektive, Foto-Verfremdungen ... Da konnte ich im Urlaub dem Angebot eines schwedischen Trödelladens nicht widerstehen und habe eine Kodak Brownie aus den 1930ern erstanden. Bei umgerechnet 5 Euro gab es auch nicht viel zu überlegen. Dass die Kamera ein kleines Geheimnis barg, sollte sich erst hinterher herausstellen.
 

Foto

 
Aus reiner Neugier wurde die Kamera geöffnet (Picture Taking with the Brownie Camera; PDF-Datei) – sie barg einen an die 50 Jahre alten, belichteten Rollfilm. Damit war der Detektiv geweckt und der Film wurde kurzerhand zum Entwickeln gegeben. Bei einer ersten, flüchtigen Durchsicht der Negative war ich zunächst enttäuscht: alles schwarz, nichts drauf. Doch beim Durch-Blick unter einer stärkeren Lampe zeigten sich extrem dichte Negative, die aber doch Motive erkennen ließen.

Also ab in den Scanner damit. Dass es sich bei dem Film aus der Kodak Brownie gar nicht um gewöhnlichen Mittelformatfilm handelte, sondern um 70 mm breites Material, wurde mir erst beim Scannen klar, als die Filme nicht in den Halter des CanoScan 9950 passten. Immerhin gelang es, mit der Durchlichteinheit des Flachbettscanners die Motive sicht- und verwertbar zu digitalisieren. Nach kurzer Rückfrage im Verwandten- und Bekanntenkreis, besonders zu Haarschnitt und Kleidung der Jungs, war klar: die Aufnahmen entstanden wohl in der ersten Hälfte der 1950er Jahre.

Nun wollte ich aber auch gerne wissen, wer da fotografiert worden war. Kurzerhand wurde die Lokalredaktion der schwedischen BLT (Blekinge Läns Tidning) angeschrieben, ob sie bei der Suche nach den abgebildeten Personen helfen wolle. Und sie wollte! Gedruckt, und auch online: „Ägarna till halvt sekel gamla bilder sökes” (Besitzer der ein halbes Jahrhundert alten Bilder gesucht).
 

Screenshot BLT

Auf der Suche nach den Abgebildeten ...
 
 
Foto

... kurz darauf hat sich der (damals) kleine Lars-Erik auf den Schwarzweißfotos wiedererkannt.

 
Nach kurzer Zeit meldete sich einer der Jungs – „Lars-Erik erkannte sich wieder“ – und damit schloss sich der Kreis. Im Oktober steht eine Kurzreise in den Norden an, wo dann die Bilder an die Fotografierten verschenkt werden können.

Das war 2011 für mich mehr Herausforderung und Spannung als jede neue Kamera, jedes neue Objektiv, jede ISO 102.400: Eine primitive Rollfilmkamera mit einem 50 Jahre alten, belichteten Film, der die ultralange Lagerung überlebt hat.

(Ralf Jannke)
 

Schöne Geschichte und um sp

Eingetragen von
Gast
am Freitag, 07. Oktober 2011 - 12:28

Schöne Geschichte und um sp schöner, dass Lars-Erik sich weidererkannt hat. Fotografie ist doch immer mehr als Technikgeballer. Solche Geschichten wird es in 50 Jahren wohl nicht mehr geben.

in Zukunft wird das häufiger

Eingetragen von
Gast
am Freitag, 07. Oktober 2011 - 14:19
Gast schrieb:

Schöne Geschichte und um sp schöner, dass Lars-Erik sich weidererkannt hat. Fotografie ist doch immer mehr als Technikgeballer. Solche Geschichten wird es in 50 Jahren wohl nicht mehr geben.

Ganz im Gegenteil ... solche Geschichten wird es in 50 und 100 Jahren noch viel mehr geben, weil es heute so viel mehr Kameras und Aufnahmen gibt ...

"60 Jahre alte digiknipse gefunden, MIT Speicherkarte drin" ... oder "Dachbodenfund: sensationelle Fotos auf 80 Jahre alter Festplatte!"
und die Geschichte des Entdeckers dazu:
>> lange, mühevolle Suche nach geeigneten Abspielgeräten ... zuletzt wurde ich im technischen Museum der Hauptstadt fündig ... ein uralter, verstaubter "Personal Computer" von Anfang dieses Jahrhunderts ... mit viel Geduld konnte ich eine geeignete, primitive Software schreiben, mit der die alten Bilder wieder lesbar wurden ... trotz der lächerlich geringen Auflösung eindrucksvolle Bilder ... ästhetisch und inhaltlich wertvolle Zeugnisse aus einer glücklicheren Zeit ... als das private Fotografieren von Mitmenschen noch nicht durch "Recht am Bild-Plärrer" und "Anti-Terrorgesetze" verboten war. <<

Detektivarbeit/Restauration

Eingetragen von
Gast
am Freitag, 07. Oktober 2011 - 17:36
Gast schrieb:
Gast schrieb:

Schöne Geschichte und um sp schöner, dass Lars-Erik sich weidererkannt hat. Fotografie ist doch immer mehr als Technikgeballer. Solche Geschichten wird es in 50 Jahren wohl nicht mehr geben.

Ganz im Gegenteil ... solche Geschichten wird es in 50 und 100 Jahren noch viel mehr geben, weil es heute so viel mehr Kameras und Aufnahmen gibt ...

"60 Jahre alte digiknipse gefunden, MIT Speicherkarte drin" ... oder "Dachbodenfund: sensationelle Fotos auf 80 Jahre alter Festplatte!"
und die Geschichte des Entdeckers dazu:
>> lange, mühevolle Suche nach geeigneten Abspielgeräten ... zuletzt wurde ich im technischen Museum der Hauptstadt fündig ... ein uralter, verstaubter "Personal Computer" von Anfang dieses Jahrhunderts ... mit viel Geduld konnte ich eine geeignete, primitive Software schreiben, mit der die alten Bilder wieder lesbar wurden ... trotz der lächerlich geringen Auflösung eindrucksvolle Bilder ... ästhetisch und inhaltlich wertvolle Zeugnisse aus einer glücklicheren Zeit ... als das private Fotografieren von Mitmenschen noch nicht durch "Recht am Bild-Plärrer" und "Anti-Terrorgesetze" verboten war. <<

Ich will jetzt absolut nicht werten, ob Familienknipsfotos einen hohen Wert haben. Die „Detektivarbeit“ hat dennoch großen Spaß gemacht - ABER: Was für mich noch allein mit „Bordmitteln“ (SW-Filmentwicklung im externen Labor, sehr guter Flachbettscanner mit Durchlichteinheit) zu stemmen war, dürfte für den Privatanwender in Zukunft tatsächlich unmöglich werden. Ich hatte vor einiger Zeit eine primitive 640x480 Pixel HP Digitalkamera geschenkt bekommen. Mit einem von HP selbst entwickelten Speicherkartenformat, das schon tot war, als es verkauft wurde. OK, man hätte mit der Karte in der Kamera und mit einem USB/COM-Schnittstellenadapter experimentieren können. Was dann aber auch die HP-Software vorausgesetzt hätte - keinen Bock drauf!

In welche Extreme es geht, zeigt aktuell der Tod von Apple-Gründer Steve Jobs. Um die mit Betamax aufgezeichneten Videos seiner Macintosh Präsentation von 1984 lesbar zu machen, war Riesenaufwand nötig. Wen es interessiert, hier sind zwei Quellen dazu:

http://www.industrial-technology-and-witchcraft.de/1984/MACup_0505_LostV...

http://www.mac-history.de/allgemein/2008-03-20/die-retter-des-verlorenen...

Was mich auch fasziniert hat, das war die Wiederentdeckung und anschließende Restauration des Films „Metropolis“ von Fritz Lang.

http://de.wikipedia.org/wiki/Metropolis_(Film)

Hier die Story zur Restauration:

http://www.zeit.de/kultur/film/2010-02/restauratoren-metropolis

Derartige Sachen - selbst profane Digitalbildchen werden in Zukunft wohl nur noch von absoluten Spezialisten/Profis wiederherstellbar sein. Von den Kosten ganz zu schweigen.

Ralf Jannke

ich sehe das positiv(er) ....

Eingetragen von
Gast
am Samstag, 08. Oktober 2011 - 00:02

Gerade auch "Familien-Knipsbilder" ohne expliziten hohen Gestaltungsanspruch oder "von Experten anerkanntem, hohem künstlerischen Wert" sind immer zumindest potentiell wertvolle Zeitzeugnisse ... und vermitteln oft - so wie in diesem Fall - Zugang zu persönlichen Geschichten und Schicksalen, Erinnerungen an Menschen, Familien, Abbild gesellschaftlicher Zustände, Moden und des jeweils herschenden "Zeitgeists" (lange Haare/kurze Haare, lange Röcke/kurze Röcke, freizügig vs. hochgeschlossen, Anzug vs. Freizeitlook, etc. - es kommt und geht ja alles in Wellen und Zyklen) und damit Fundgrube für Generationen zukünftiger Historiker! Ich selbst habe mittlerweile auch (Familien-) Fotos von etlichen zwischenzeitlich verstorbenen Personen in meinem Archiv oder Gebäude und Orte, die schon längst abgerissen oder massiv verändert wurden ... wenn ich diese Bilder ab und zu sehe - auf meiner Festplatte oder ausgearbeitet in Bilderrahmen an der Wand ... dann sind das "materialisierte Erinnerungsträger" ... an interessante, schöne, angenehme oder schmerzliche Ereignisse, Menschen, Orte von denen man sich heute "kein Bild mehr machen kann".

Zum Thema künftige "Lesbarkeit/Dechiffrierung des Inhalts" ... es wird (zum Glück!) immer Menschen geben, die "Entdecker" sind und Spass am "Rätsel lösen" und "Detektivarbeit" haben. :-)

Technisch ist es auch nicht so dramatisch - 99% aller Fotos liegen 8auch) als jpg vor, das Format wird noch viele Jahrzehnte problemlos "entschlüsselbar" sein und USB- ist eine extrem verbreitete Schnittstelle mit Milliarden an Geräten im Umlauf ... da überleben genug davon auf Dachböden und in Museen, sodass noch lange Zeit funktionstüchtige Exemplare verfügbar sein werden. Ich denke, die nächsten 100 Jahre sind gesichert - auch wenn natürlich nur eine kleiner Prozentsatz der Datenträger so lange überleben wird - es werden aber mehr durch gezieltes "wegwerfen" zerstört, als durch "technische Alterung", nehme ich an.

Warum?

Bild von Plaubel
Eingetragen von
Plaubel
(Ehrengast)
am Freitag, 07. Oktober 2011 - 15:08
Gast schrieb:

Solche Geschichten wird es in 50 Jahren wohl nicht mehr geben.

Sie lauten dann: habe alte Kamera aus der Zeit vor der Klimakatastrophe mit unbekannter Speicherkarte gefunden/gekauft, wer kennt das Dateiformat und kann beim Auslesen helfen?
in schā' Allāh

Mal eine Frage an die Experten!

Eingetragen von
Gast
am Freitag, 07. Oktober 2011 - 12:41

Habe noch ORWO SW-Fime (NP 20/22). Die wurden vor ca. 20 Jahren belichtet. Kann man die heute noch entwicklen. Gibt es da was Spezielles zu beachten? Würde mich über einige hilfreiche Hinweise freuen!

Frag mal bei ORWO nach.

Eingetragen von
Gast
am Freitag, 07. Oktober 2011 - 16:22

Frag mal bei ORWO nach, die müssten noch Unterlagen über den Film haben. Ansonsten mit einem ganz normalen Entwickler baden, fixieren, wässern, Netzmittel rein und dann aufhängen - nur nicht abstreifen: das konnten manch alte Filme überhaupt nicht gut vertragen.

Gast schrieb: Habe noch

Eingetragen von
Gast
am Freitag, 07. Oktober 2011 - 17:55
Gast schrieb:

Habe noch ORWO SW-Fime (NP 20/22). Die wurden vor ca. 20 Jahren belichtet. Kann man die heute noch entwicklen. Gibt es da was Spezielles zu beachten? Würde mich über einige hilfreiche Hinweise freuen!

Sollte möglich sein, aber ich würde mit 50 v.H. längerer Entwicklungszeit arbeiten und den ersten Film so entwickeln.

Wenns geht, ein Stückchen

Eingetragen von
Gast
am Freitag, 07. Oktober 2011 - 18:38

Wenns geht, ein Stückchen Film test-entwickeln.

Nimm Zweibadentwickler oder Rodinal, die sind beide relativ unkritisch und ergeben in weiten Bereichen noch verwertbare Negative. Emofin zum Beispiel eignet sich gut: www.photoscala.de/Artikel/75-Jahre-Emofin (lies den Abschnitt zum Wirkungsprinzip)

Sehr schöne Geschichte!

Eingetragen von
Gast
am Montag, 10. Oktober 2011 - 08:16

Un mal wieder ein Beweis dafür, dass Fotografie doch auch begeistern kann.