Passfotos heißen so, obwohl sie keinem passen.

— Klaus Klages

Am 29.6.

  • 1844: William Henry Fox Talbot veröffentlicht „The Pencil of Nature“, das erste Buch mit Fotografien

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50 Jahre „The Cal“: Kult-Kalender Pirelli 2014, fotografiert von Helmut Newton

Foto: Helmut NewtonSeit 50 Jahren wird (fast) jedes Jahr im November der neueste Pirelli-Kalender – „The Cal“ – vorgestellt. Die Ausgabe fürs Jahr 2014 dieses berühmten Kalenders, der an Auserwählte verschenkt, aber nicht an jeden verkauft wird, hält eine veritable Überraschung bereit: bislang unveröffentlichte Kalenderfotos von Helmut Newton schmücken den Jubiläumskalender:

Die Fotos der 41. Ausgabe, die gleichzeitig das 50jährige Jubiläum des 1964 erstmals erschienen Kult-Kalenders markiert, wurden bereits 1985 von Helmut Newton für den 1986er Kalender fotografiert – damals allerdings gab es firmeninterne Rivalitäten zwischen England und Italien: die Engländer hatten Bert Stern engagiert, die Italiener Helmut Newton. Während der Kalender mit den Fotos von Bert Stern erschien (siehe Abbildungen unten), landeten die von Helmut Newton im Archiv. Offensichtlich war auch Newtons Kalender damals schon fertig, denn Pirelli weist darauf hin, dass es eine glückliche Fügung sei, dass sich ausgerechnet für den Jubiläumskalender die Tagesdaten von 1986 und 2014 gleichen.

Newtons Schwarz-Weiß-Aufnahmen entstanden in der Toskana und in Monte Carlo, Models waren die Italienerin Antonia Dell'Atte, die Brasilienerin Betty Prado und die Britin Susie Bick.
 

Foto: Helmut Newton

Foto: © Pirelli-Kalender 2014, Helmut Newton
 
 
Foto: Helmut Newton

Foto: © Pirelli-Kalender 2014, Helmut Newton
 
 
Foto: Helmut Newton

Foto: © Pirelli-Kalender 2014, Helmut Newton
 
 
Foto: Helmut Newton

Foto: © Pirelli-Kalender 2014, Helmut Newton
 
 
Foto: Helmut Newton

Foto: © Pirelli-Kalender 2014, Helmut Newton

 
Seit dem Jahr 1964 gibt es jedes Jahr einen Pirelli-Kalender (mit Unterbrechungen 1967, sowie 1975 bis 1983 einschließlich) und seit Anbeginn ist Tradition, dass die Kalender nicht gekauft werden können, sondern ausschließlich an Freunde und Kunden des Hauses verschenkt werden. Die Auflage liegt wohl bei 35.000 Stück, wobei ihn laut Pirelli ca. 20.000 ausgewählte Kunden und Freunde des Hauses zugesandt bekommen. Alle, die nicht zu den Auserwählten gehören, können die Kalenderblätter (auch vergangener Jahre) unter Pirelli Calender Club – nach einer Registrierung bzw. Code-Eingabe (auf dem Kalender zu finden) – einsehen oder sich überlegen, eins der Exemplare käuflich zu ergattern. Billig wird das nicht: für einen Kalender werden bis zu 6000 Euro geboten.
 

Foto: Bert Stern

Foto: © Pirelli-Kalender 1986, Bert Stern
 
 
Foto: Bert Stern

Machte damals das Rennen: der Pirelli-Kalender 1986, fotografiert von Bert Stern
Foto: © Pirelli-Kalender 1986, Bert Stern

 
Apropos Kult-Kalender: „The Cal“ ist wirklich Kult, und das zu Recht, denn im Gegensatz zu beispielsweise dem Lavazza-Kalender oder auch dem Campari-Kalender, die weniger und mehr gelungen gleichfalls mit hohem Geld- und Star-Aufwand produziert werden, bei denen aber immer auch das Produkt eine Rolle im Bild spielen muss, verschreibt sich der Pirelli-Kalender einzig den berühmten Fotografen und Models, stellt die Fotografie in den Mittelpunkt; das Produkt spielt, wenigstens sichtlich, keine Rolle. Es geht um Fotografie, nicht um Produktwerbe-Fotos. Eine Ausnahme ist der Newton-Kalender: Newton hatte völlig freie Hand bis auf die Forderung, dass die Reifen der Firma mit im Bild sein müssten.

(thoMas)
 
 
Anhang #1:

Der Pirelli Kalender 1986 von Helmut Newton: die Geschichte (Beschreibung von Pirelli)

Als Pirelli Italia im Frühling 1985 Helmut Newton fragt, wie er sich den Kalender vorstellt, verzichtet das Unternehmen auf künstlerische Vorgaben. Lediglich das Produkt von Pirelli soll deutlich auf seinen Aufnahmen zu sehen sein. Dies bedeutete eine Wende. Nicht nur für den Künstler, sondern auch für den Kalender selbst. Denn bis dahin wird das ausdrucksstarke Bild weitab von einer direkten Bezugnahme auf das "core business" von Pirelli bevorzugt. Fortan gehören auch Reifen mit dem Markennamen Pirelli zum Set des italienischen Projektes.

Bis zu diesem Zeitpunkt standen Werbezwecke im Hintergrund. Sie beschränkten sich auf die Spur eines Reifenprofils im Sand (Uwe Ommer, The Cal 1984) oder auf die Umrisse eines Gürtelreifens auf den Kleidungsstücken der Models (Norman Parkinson, The Cal 1985). Newton, der das Potential des Kalenders kennt, nimmt die Herausforderung an.

Die ersten Aufnahmen entstehen im Mai anlässlich des Großen Preises von Monte Carlo, dem Wohnort des Künstlers. Später wird der Set in die Toskana in das Weinbaugebiet Chianti, nach Podere Terreno verlegt. Unter den Reben auf dem Land um Siena findet Newton das richtige Licht für seinen italienischen "The Cal"™. Anhöhen, Zypressen, Bauernhäuser, Betsäulen, Landwirtschaftsmaschinen, eine kleine Tankstelle und mittelalterliche Ansiedlungen bilden die Kulisse für Aufnahmen, die eine spezielle Atmosphäre widerspiegeln, die für den Neoverismus typisch ist, eine Stilrichtung des modernen italienischen Films.

Die Straße wird zur perspektivischen Fluchtlinie für stattliche Frauen, wie wir sie aus neoveristischen Filmen kennen und die durch Schauspielerinnen wie Silvana Mangano, Lucia Bosé und Sophia Loren berühmt wurden. Die sie beobachtenden Männer haben eine reine Zuschauerrolle.

An Newtons Seite ist stets Manuela Pavesi. Sie ist weit mehr als eine Modedesignerin, die den Geist einer höhnischen und unruhigen Weiblichkeit zum Ausdruck bringt. Ihre Rolle scheint vielmehr zu sein, eine Moralvorstellung in Szene zu setzen. Der Künstler wühlt in seiner Vorstellungswelt, in seinem Verlangen nach Vitalität, die Eros wird. Er ist auf der Suche nach einem sinnlichen Stil, der seine Vorstellung von der italienischen Natur vermittelt. Manuela Pavesi begleitet ihn auf seinem schöpferischen und gestaltenden Weg. Sie teilt mit ihm seinen gewagten und instinktiven Gesichtspunkt, der sich mit seiner außergewöhnlichen Fähigkeit vereint, herausfordernde Inhalte in ein Hochglanzbild zu verwandeln.

Als Helmut Newton die Location verlassen muss, um wegen einer nicht aufschiebbaren Familienangelegenheit nach Monte Carlo zurückzukehren, übergibt er Manuela Pavesi seinen Fotoapparat, damit sie ihn genau nach seinen Anweisungen in Stellung bringt. Die Aufnahmen macht ihr Assistent Xavier Alloncle, aber die Arbeit, die schon fast beendet war, wird unter der künstlerischen Urheberschaft von Newton abgeschlossen.

Der heute veröffentlichte Kalender berücksichtigt das ursprüngliche Projekt auch hinsichtlich der grafischen Gestaltung. Er präsentiert zwölf Fotos des Meisters in Schwarz und Weiß. Hinzu kommen 29 Backstage-Fotos. Sie bringen den Liebhabern das historische Werk in Schwarz-Weiß zurück, das 1985 in Chianti und Monte Carlo geschaffen wurde.

Die vorliegende, bis heute nie vollständig veröffentlichte Ausgabe, wird dem gestalterischen Ansatz von Newton vollkommen gerecht. Die Fotos erfüllen sein schöpferisches Konzept. Und das Endprodukt wurde gemäß der künstlerischen Anschauung des Meisters herausgegeben.
 
 
Anhang #2:

Übersicht der bislang erschienenen Pirelli-Kalender:

1964 Robert Freeman auf Mallorca
1965 Brian Duffy im Süden Frankreichs
1966 Peter Knapp in Al Hoceima, Marokko
1967 nicht veröffentlicht
1968 Harry Peccinotti in Tunesien
1969 Harry Peccinotti in Big Sur, Kalifornien
1970 Francis Giacobetti auf der Paradise Island, Bahamas
1971 Francis Giacobetti in Jamaica
1972 Sarah Moon in der Villa Les Tilleuls, Paris
1973 Allen Jones in London
1974 Hans Feurer auf den Seychellen
1975 bis 1983 nicht veröffentlicht
1984 Uwe Ommer auf den Bahamas
1985 Norman Parkinson in Edinburgh, Schottland
1986 Bert Stern in den Cotswolds, England
1987 Terence Donovan in Bath, England
1988 Barry Lategan in London
1989 Boyce Tennyson in den Polaroid Studios, New York
1990 Arthur Elgort in Sevilla, Spanien
1991 Clive Arrowsmith in Frankreich
1992 Clive Arrowsmith in Almeria, Spanien
1993 John Claridge auf den Seychellen
1994 Herb Ritts auf der Paradise Island, Bahamas
1995 Richard Avedon in New York
1996 Peter Lindberg in El Mirage, Kalifornien
1997 Richard Avedon in New York
1998 Bruce Weber in Miami
1999 Herb Ritts in Los Angeles
2000 Annie Leibovitz in Rhinebeck, New York
2001 Mario Testino in Neapel
2002 Peter Lindbergh in Los Angeles
2003 Bruce Weber in Süditalien
2004 Nick Knight in Londra
2005 Patrick Demarchelier in Rio de Janeiro
2006 Mert and Marcus am Cap d’Antibes, Frankreich
2007 Inez and Vinoodh in Kalifornien
2008 Patrick Demarchelier in Shanghai, China
2009 Peter Beard in Abu Camp / Jack’s Camp, Botswana
2010 Terry Richardson in Brasilien
2011 Karl Lagerfeld in Paris
2012 Mario Sorrenti in Murtoli, Korsika
2013 Steve McCurry in Rio de Janeiro
 

Immer etwas schräger....

Eingetragen von
Gast
am Freitag, 22. November 2013 - 02:56

...das war Newtons Erfolgskonzept!

Die wahrscheinlich

Eingetragen von
Gast
am Freitag, 22. November 2013 - 08:44

sparsamste Edition in der Geschichte dieses quietschvergnügten Herrenfahrer-Feuchttraums ... 8-)