Ende der 60er Jahre des vorigen Jahrhun­derts begann in Deutschland das große Sterben einstmals großer Kamera­her­steller. Aufstre­bende japanische Unter­nehmen produ­zierten nicht nur günstiger sondern zunehmend auch bessere Kameras. In dieser schwie­rigen Situation ging die Ernst Leitz Wetzlar GmbH (heute: Leica Camera AG) 1971 eine auf Jahre fruchtbare Koope­ration mit dem japani­schen Hersteller Minolta ein. Eine unter­neh­me­rische Entscheidung, die sich bald als sehr glücklich erwies. So wie schon 1924, als Ernst Leitz II beschloss, die von Oskar Barnack entwi­ckelte Leica auf den Markt zu bringen.

Wie es zu der Koope­ration zwischen Leitz und Minolta kam und wie diese sich entwi­ckelte, erinnert sich der damalige Geschäfts­führer der Ernst Leitz GmbH, Dr. Knut Kühn-Leitz, im Interview. Zuerst erschienen ist der folgende Text auf prophoto-online, photoscala gibt ihn mit freund­licher Geneh­migung wieder.

Verant­wor­tungs­volle unter­neh­me­rische Risiko­be­reit­schaft zählte zu den Erfolgs­fak­toren der Indus­tri­el­len­fa­milie Leitz in Wetzlar. Das bekann­teste Beispiel dafür ist die Entscheidung von Ernst Leitz II aus dem Jahr 1924, die von Oskar Barnack entwi­ckelte Leica, ausge­stattet mit einem von Max Berek gerech­neten Hochleis­tungs­ob­jektiv, in das Ferti­gungs­pro­gramm aufzu­nehmen und damit ein neues fotogra­fi­sches System auf den Markt zu bringen. Denn die Risiken für den Mikro­sko­pher­steller waren groß. Leitz fehlte die Vertriebs­strecke für Amateur­ka­meras. Der für die Klein­bild­fo­to­grafie mit der Leica vorge­sehene Kinofilm mit seiner geringen Filmemp­find­lichkeit und seiner Grobkör­nigkeit war nur begrenzt einsetzbar. Außerdem hatte die Hyper­in­flation die Geldver­mögen in Deutschland vernichtet. Damit fehlte die Kaufkraft für die Anschaffung einer teuren Kamera wie der Leica. Schließlich war der Fotohandel nicht geneigt, das florie­rende Geschäft der Herstellung von Kontakt­kopien von großen Negativen durch eine neue, aufwändige Vergrö­ße­rungs­technik mit Negativen in der Größe einer Brief­marke zu ersetzen. Ernst Leitz ging dennoch das Risiko ein, weil er an die Zukunft der Klein­bild­fo­to­grafie glaubte, vor allem aber, weil er die Arbeits­plätze seiner Mitar­beiter in seinem Unter­nehmen absichern wollte. Die Entscheidung war richtig. Die Leica revolu­tio­nierte die Fotografie.

Kazuo Tashima und Knut Kühn-Leitz

Kazuo Tashima, Präsident von Minolta, und Knut Kühn-Leitz, Geschäfts­führer von Leitz, im April 1971 nach Unter­zeichnung des Vertrages zur Koope­ration zwischen beiden Unter­nehmen.

Dr. Knut Kühn-Leitz, Anfang der 1970er Jahre einer der Geschäfts­führer der damaligen Ernst Leitz GmbH, Wetzlar, (heute Leica Camera AG) war etwa 50 Jahre später maßgeblich am Zustan­de­kommen einer ungewöhn­lichen Koope­ration beteiligt: Zwischen Leitz, dem durch die Leica weltbe­kannten deutschen Unter­nehmen, und der japani­schen Firma Minolta Camera Co. In dem nachste­henden Interview äußert er sich sowohl zu den Gründen als auch zu den Ergeb­nissen einer 25-jährigen Zusam­men­arbeit.

Herr Dr. Kühn-Leitz, Ihr Großvater hat vor über 90 Jahren mit seiner risiko­vollen Entscheidung, ein neues fotogra­fi­sches System einzu­führen, den Grund­stein für den Weltruhm der Leica gelegt. Das Tradi­ti­ons­un­ter­nehmen Leitz und heute die Leica Camera AG mussten immer wieder große unter­neh­me­rische Risiken eingehen, um überleben zu können und seine Mitar­beiter vor drohender Arbeits­lo­sigkeit zu bewahren. Sie als damaliger, junger Geschäfts­führer von Leitz haben ebenfalls eine solche Risiko­be­reit­schaft gezeigt, als Sie es vor 45 Jahren übernahmen, eine auf Dauer angelegte technische Zusam­men­arbeit mit einem der größten japani­schen Wettbe­werber anzubahnen und aufzu­bauen. Was waren damals die Gründe für Leitz, eine Koope­ration mit Minolta einzu­gehen?

1971 war ein Schick­salsjahr für die deutsche fototech­nische Industrie. Angesichts exorbi­tanter Lohner­hö­hungen in Deutschland und der um die Hälfte niedri­geren Produk­ti­ons­kosten der japani­schen Mitbe­werber konnte Leitz in Wetzlar die Leica nicht mehr zu kosten­de­ckenden Preisen herstellen. Daher fällte die Geschäfts­führung von Leitz zwei weitrei­chende Entschei­dungen:

  • Eine Zusam­men­arbeit in Entwicklung und Fertigung auf Augenhöhe mit einem bedeu­tenden japani­schen Unter­nehmen der fototech­ni­schen Industrie sollte angebahnt werden.
  • Insbe­sondere zur Montage von Kamera­ge­häusen sollte gleich­zeitig ein Standort in einem Niedrig­lohnland gesucht und dort ein eigenes Zweigwerk aufgebaut werden.
    In einer Sitzung der Geschäfts­führung im Januar 1971 erklärte ich mich dazu bereit, die Möglich­keiten einer Koope­ration mit Minolta auszu­loten, während mein Onkel Ernst Leitz es übernahm, eine eigene Ferti­gungs­stätte in einem Niedrig­lohnland aufzu­bauen.

Man munkelte damals in der Fotobranche, dass sich Minolta auch am Stamm­ka­pital von Leitz betei­ligen wolle, verbunden mit dem Ziel, letztlich die Firma Leitz zu übernehmen. War dies wirklich nur ein Gerücht?

Es bestand zu keinem Zeitpunkt von Minolta die Absicht, die Kapital­ver­hält­nisse zu verändern, um auf die Geschäfts­po­litik von Leitz Einfluss nehmen zu können.

Was waren die Folgen der damaligen Wirtschafts­krise für die deutsche fototech­nische Industrie ganz allgemein?

Die Folgen für die deutsche Fotoin­dustrie waren gravierend:

  • Die Rollei­werke verla­gerten ab 1970 schritt­weise ihre gesamte Fertigung nach Singapur. Deren Geschäfts­führung hatte mit der Regierung des Stadt­staates vereinbart, bis 1980 etwa 10.000 Arbeits­plätze zu schaffen. Dafür erhielt Rollei das Recht, dort allei­niger Hersteller fotogra­fi­scher Geräte zu werden. Rollei hatte aber weder in Singapur noch in Braun­schweig das Potential, für eine derart große Ferti­gungs­ka­pa­zität genügend neue Produkte entwi­ckeln zu können. Das gesamte Projekt schei­terte und Rollei musste 1980 Konkurs anmelden.
  • Zeiss Ikon stellte 1972 die Fertigung hochwer­tiger Kameras ein. Auch Voigt­länder mußte aufgeben. Der größte deutsche Hersteller von Kamera­ver­schlüssen, die Firma Friedrich Deckel, schloss 1973 ebenfalls die Tore ihrer Fabrik für Kamera­ver­schlüsse und konzen­trierte sich ganz auf die Herstellung von Werkzeug­ma­schinen.
  • Auch Leitz musste einige Jahre mit hohen Verlusten hinnehmen, bis das Unter­nehmen die Früchte einer umfang­reichen strate­gi­schen Neuaus­richtung auf dem Kamera­sektor ernten konnte, die 1971 einge­leitet wurde.

Bitte geben Sie uns einige Infor­ma­tionen zu Minolta. Wann wurde das Unter­nehmen von wem gegründet und wie hatte sich das Werk bis Anfang der 1970er Jahre entwi­ckelt?

Der Gründer von Minolta, Kazuo Tashima, war eine beein­dru­ckende Unter­neh­mer­per­sön­lichkeit. Nach seinem Studium arbeitete er im väter­lichen Handels­un­ter­nehmen und lernte dabei England, Frank­reich und Deutschland kennen. Gegen den Wider­stand seiner Eltern gründete er mit zwei deutschen Freunden 1928 das erste Kameraun­ter­nehmen Japans. Zunächst wurden nur einfache Sucherka­meras gebaut, später folgten hochwertige Spiegel­reflex- und Filmka­meras. Von 1928 bis 1970 hat Minolta Millionen von Kameras herge­stellt und sich eine Spitzen­po­sition auf dem Gebiet der Spiegel­re­flex­ka­meras erobert.

Wie nahmen die Führungs­kräfte von Leitz damals die Entscheidung der Geschäfts­führung auf, eine Zusam­men­arbeit mit einem bedeu­tenden japani­schen Wettbe­werber anzubahnen und, wenn möglich, langfristig auszu­bauen?

Es gab – wie nicht anders zu erwarten – viele Vorbe­halte. Dabei wurden insbe­sondere die Sprach­pro­bleme, die unter­schied­liche Kultur und die große Entfernung angeführt. Sorgen bereitete auch das Problem einer schnellen Kommu­ni­kation zwischen den beiden Firmen. Es gab damals weder Fax noch E-Mails, sondern nur einen langsamen Fernschreiber mit Lochstreifen. Der Postweg nahm viele Tage in Anspruch. Man hatte auch keine Erfah­rungen, wie gemeinsame Entwick­lungen patent­rechtlich zu behandeln waren.

Aber wie war es dann möglich, dass die Kommu­ni­kation über 25 Jahre gut funktio­nierte?

Ein großer Vorteil war, dass Minolta in ihrer deutschen Vertriebs­or­ga­ni­sation, aber auch in Osaka eine Reihe von Mitar­beitern hatte, die ausge­zeichnet deutsch sprechen und schreiben konnten. So wurden alle Koope­ra­ti­ons­ver­ein­ba­rungen zwischen Leitz und Minolta in deutscher Sprache abgefasst. Außerdem erledigte eine Mitar­bei­terin von Minolta von Wetzlar aus die tägliche Korre­spondenz per Fernschreiber. Ein halbes Dutzend Führungs­kräfte aus Entwicklung und Fertigung von Leitz gingen für Monate nach Japan, um eine enge Zusam­men­arbeit aufzu­bauen. Wichtig ist hier auch zu erwähnen, dass Deutsche und Japaner eine Reihe von Gemein­sam­keiten haben, wie beispiels­weise der ausge­prägte Sinn für Ordnung und Disziplin. Nicht zu Unrecht werden die Japaner als „Preußen Asiens“ bezeichnet. Die Mitar­beiter von Leitz stellten bei ihren Besuchen in Osaka immer wieder fest, wie gut die japani­schen Kollegen über Deutschland infor­miert waren. Deutsche Lieder und deutsche Literatur waren bei den älteren Führungs­kräften hochge­schätzt.

Leica CL (Compact Leica)

Die Fertigung der von Leitz entwi­ckelten Leica CL (Compact Leica) in Japan war das erste Koope­ra­ti­ons­projekt mit Minolta. Die CL war die leich­teste und handlichste Leica, die je gebaut wurde. Das Objek­tiv­system bestand aus einem kompakten 40-mm-Standard- und einem handlichen 90-mm-Teleob­jektiv.

Warum startete die Koope­ration mit der Fertigung der Leica CL, einer für Minolta eher ungewöhn­lichen kleinen Messsu­cher­kamera, und wie wurden die Probleme gelöst?

Die kleine und kompakte Messsu­cher­kamera Leica CL (Abkürzung für Compact Leica) war in Wetzlar unter der Leitung des Leitz-Chefkon­struk­teurs Willi Stein entwi­ckelt worden. Die Kamera war die leich­teste Leica, die je entstand, besaß das Leica M-Bajonett und bot eine CdS-Belich­tungs­messung durch das Objektiv. Das Objek­tiv­system bestand aus dem kompakten Standar­d­ob­jektiv Summicron-C 1:2/40 mm und dem handlichen Teleob­jektiv Elmar-C 1:4/90 mm. Als die Entwicklung der kleinen Leica 1970 abgeschlossen war, sah Leitz auf Grund der exorbitant gestie­genen Löhne keine Möglichkeit mehr, diese kosten­günstig in Deutschland fertigen zu können. Der Aufbau eines eigenen Zweig­werks in einem Niedrig­lohnland würde Jahre dauern. Daher sollte ich es übernehmen, die Fertigung des Kamera­ge­häuses der Leica CL durch Minolta in die Wege zu leiten. Minolta war dazu bereit und es wurde vereinbart, dass Leitz die Leica CL mit Objek­tiven aus Wetzlar weltweit vertreiben sollte. Nur in Japan sollte der Vertrieb dieser Kamera mit in Japan herge­stellten Objek­tiven dem künftigen Partner unter der Produkt­be­zeichnung „Leitz Minolta CL“ vorbe­halten bleiben.

Wie entwi­ckelte sich in der Zwischenzeit der Aufbau des Leitz-eigenen Zweig­werks in Portugal?

Bereits 1974 waren dort in gemie­teten Räumen 100 Mitar­beiter beschäftigt. Ende 1975 war der erste Bauab­schnitt des neuen Werks fertig. Die Beleg­schaft stieg auf 175 Personen, die in Vorfer­tigung, Rund- und Planoptik sowie in der Montage tätig waren. Ging es anfangs nur um die Herstellung von kompakten Ferngläsern sowie von Studenten- und Labor­mi­kro­skopen, so begann 1976 die Montage der Leica R3 mit der Zulie­ferung von Baugruppen aus Osaka und Wetzlar. Bis 1994 stieg die Zahl der in Vila Nova de Famalicão Beschäf­tigten auf über 500. Das Zweigwerk von Leitz war ein großer Gewinn für den Ort und die umlie­genden Gemeinden, die unter Arbeits­lo­sigkeit litten.

Leitz Portugal

Im Neubau des Zweig­werks von Leitz in der Nähe von Porto (Portugal) waren 1975 zunächst 175 Mitar­beiter beschäftigt – bis 1994 stieg die Zahl sukzessive auf ein halbes Tausend. Hier wurde die Leica R3 mit der Zulie­ferung von Baugruppen aus Osaka und Wetzlar montiert.

Wie nahmen die maßge­benden Mitar­beiter in Marketing und Vertrieb, wie nahmen die Märkte im In- und Ausland die Entscheidung auf, eine Leica Spiegel­re­flex­kamera in Koope­ration mit einem japani­schen Mitbe­werber fertigen zu wollen?

Obwohl bekannt war, dass die neue Spiegel­re­flex­kamera aus der Zusam­men­arbeit von Leitz und Minolta wesentlich auf dem in Wetzlar entwi­ckelten neuen Metall­la­mellen-Schlitz­ver­schluss basierte, musste der Bereichs­leiter Marketing Foto, Wolfgang Müller, – viele Jahre auch Mitglied des Marke­ting­aus­schusses des Photo­in­dustrie-Verbandes – zunächst erheb­liche psycho­lo­gische Barrieren bei Vertretern und Fotohändlern im In- und Ausland überwinden, bis die Leica R3 auf der photokina 1976 vorge­stellt werden konnte.

Wesent­liche Kompo­nenten der neuen Kamera wurden kosten­günstig in Osaka in Großserie gefertigt und zusammen mit Kompo­nenten aus Wetzlar im Zweigwerk von Leitz in Portugal montiert. Das erlaubte die Kalku­lation eines deutlich niedri­geren Verkaufs­preises im Vergleich zum Vorgän­ger­modell Leicaflex SL2. Dennoch wurde kriti­siert, dass sich die „Schwes­ter­ka­meras“ XE-1 von Minolta und Leica R 3 von Leitz im Design ähnelten. Heute würde dies bei unter­schied­lichen Leistungs­merk­malen niemanden mehr aufregen, wenn wir nur an die Gemein­sam­keiten des VW-Touareg mit dem Porsche-Cayenne denken.

Die Leica R3 bot zudem ein wesent­liches Allein­stel­lungs­merkmal: Sie war die erste SLR–Kamera mit Zeitau­to­matik und umschalt­baren Belich­tungs-Messme­thoden integral und selektiv sowie der Möglichkeit der Messwert­spei­cherung bei selek­tiver Belich­tungs­messung. Weitere Unter­stützung erhielt der Vertrieb durch die wachsende Palette neuer Leica R-Objektive von Leitz „Made in Germany“. Schließlich spielte auch die Zuver­läs­sigkeit dieser Kamera im Dauer­be­trieb eine bedeu­tende Rolle. Leitz konnte daher insgesamt mehr Leica R3 absetzen als ursprünglich geplant.

Leica R3

Die Leica R3 war das erste Ergebnis der gemein­samen Entwicklung einer neuen Generation von Spiegel­re­flex­ka­meras von Leitz und Minolta. Das wichtigste Allein­stel­lungs­merkmal für Leitz waren die umschalt­baren Belich­tungs­me­thoden selektiv und integral.

Fast alle damaligen Klein­bild­ka­meras nutzten den von Oskar Barnack, dem Erfinder der Leica, konstru­ierten verstell­baren Schlitz­ver­schluss mit zwei Vorhängen, der für Spiegel­re­flex­ka­meras wegen des zusätz­lichen Einbaus des Spiegel­ge­triebes in den Spiegel­kasten sehr aufwändig war. Welche Überle­gungen hatte man bezüglich neuer Kamera­ver­schlüsse bei Leitz für zukünftige Genera­tionen von SLR–Kameras angestellt?

Der seit 1963 bei Leitz in der Fotokon­struktion arbei­tende Ingenieur Peter Loseries hatte frühzeitig die Aufgabe bekommen, für eine neue Generation von Spiegel­re­flex­ka­meras einen Metall­la­mellen-Schlitz­ver­schluss zu entwi­ckeln, der als separates, getes­tetes und vorjus­tiertes Modul schnell und einfach an das Spiegel­ge­häuse anmon­tiert werden konnte. Zudem sollte das Verschluss­modul klein sein, um den Bau einer kompakten Spiegel­re­flex­kamera zu ermög­lichen. Diese Entwicklung musste außerdem die Fertigung in einer Großserie zu niedrigen Stück­kosten erlauben und damit die Monta­ge­kosten für das Kamera­ge­häuse deutlich senken.

Dem 35 Jahre alten Leitz-Konstrukteur gelang mit seinem Kreis­schieber-Verschluss, der auch Leitz-Sektoren-Verschluss, kurz LSV genannt wurde, eine Meister­leistung. Durch eine genial konzi­pierte Geometrie ziehen die führenden Metall­la­mellen in einer kombi­nierten Dreh- und Schie­be­be­wegung über das ganze Bildfenster, während die abdeckenden Lamellen diesen in einer Drehbe­wegung folgen. Weiterhin gelang es Loseries, den Drehpunkt der den Schlitz für die Belichtung bildenden Lamellen mit einer ausge­klü­gelten Antriebs­geo­metrie virtuell weit nach außerhalb des Verschluss­körpers zu verlagern, womit diese wiederum nur über einen relativ kleinen Winkel schwenkten. Diese Anordnung war der Schlüssel zu einem besonders kleinen und leichten Kamera­ver­schluss und wird daher auch als Haupt­an­spruch in dem Leitz-Patent Nr. 1904751 vom 14. September 1972 genannt.

Leitz hat daher mit seinem neuen Metall-Lamellen-Schlitz­ver­schluss für SLR–Kameras einen wesent­lichen Beitrag zum Zustan­de­kommen der Koope­ration mit Minolta geleistet?

So ist es. Denn auch Minolta wollte sich von einem in das Spiegel­ge­häuse einge­bauten Tuchver­schluss trennen und einen kosten­güns­tigen, leicht montier­baren Metall­la­mellen-Schlitz­ver­schluss von einem Hersteller wie Copal oder Seiko beziehen. Der seit Jahren angebotene „Copal Square“ kam dafür aber nicht mehr in Frage, denn dieser hatte eine Bauhöhe von 62 mm und war damit für die Konstruktion einer kompakten Spiegel­re­flex­kamera, die seinerzeit im Trend lag, nicht geeignet. Auch war dieser „Oldtimer“ sperrig und laut. Da kam Leitz mit seinem Vorschlag gerade recht­zeitig, mit seinem neuen Verschluss gemeinsam eine neue Generation von SLR–Kameras zu entwi­ckeln.

Kreisschieber-Verschluss von Leitz

Der von dem Leitz Konstrukteur Peter Loseries entwi­ckelte und paten­tierte Kreis­schieber-Verschluss war eine Meister­leistung. Der Prototyp wurde von Copal, Tokio, in Lizenz zur Ferti­gungs­reife für die Serien­pro­duktion gebracht und exklusiv an Minolta und Leitz geliefert. Er trug die Bezeichnung Copal Leitz Shutter (CLS). Das Bild zeigt die dem Objektiv zugewandte Seite mit dem elektro­nisch gesteu­erten Verschluss­an­trieb.

Der Prototyp des Verschlusses, den Minolta begut­achtet hatte, sollte dazu von Copal, dem bekannten japani­schen Hersteller von Kamera­ver­schlüssen, für die Großse­ri­en­fer­tigung optimiert werden. Er erhielt den Namen „Copal Leitz Shutter“ (CLS) und sollte exklusiv für Leitz und Minolta gefertigt werden.

Minolta hatte für seine XM, die 1972 auf den Markt kam, bereits eine elektro­nische Verschluss­steuerung entwi­ckelt. So entstanden in relativ kurzer Zeit die Schwes­ter­ka­meras Minolta XE-1 und Leica R3. Diese Art der Zusam­men­arbeit zwischen einem japani­schen und einem deutschen Großun­ter­nehmen der Fototechnik war neu und sorgte in der inter­na­tio­nalen Presse für eine umfang­reiche Bericht­erstattung.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Thema Autofocus: Seit wann hat sich Leitz mit diesem Thema beschäftigt?

Es ist heute wenig bekannt, dass sich Leitz schon Ende der 1950er Jahre mit der Frage beschäf­tigte, ob es nicht möglich sei, die Schar­fein­stellung unabhängig vom jewei­ligen Sehver­mögen des Fotogra­fie­renden mit elektro­ni­schen Mitteln zu reali­sieren. Bereits am 21. Oktober 1960 wurde unter der Nummer 1423655 ein deutsches Patent für einen „automa­ti­schen Entfer­nungs­messer“ sowie 1964 unter Nummer 1263325 ein weiteres Patent zum Thema „Pupil­len­teilung bei SLR–Kameras“ angemeldet. Das Ergebnis weiterer Entwick­lungen war die Correfot genannte Einrichtung, die, eingebaut in eine Versuchs­ein­richtung auf Basis einer Leicaflex SL, auf der photokina 1976 erstmals der Öffent­lichkeit vorge­stellt wurde. Dieses war das erste voll funkti­ons­fähige automa­tische optoelek­tro­nische Fokus­sier­system der Welt. Dieses von Leitz entwi­ckelte System bildete die Grundlage späterer Autofocus-Techno­logien – auch für Minolta.

Was war das Herzstück der von Leitz entwi­ckelten Autofocus-Einrichtung Correfot?

Die Einrichtung arbeitete nach dem Prinzip der sogenannten „Pupil­len­teilung“: Über einen teildurch­läs­sigen Haupt­spiegel und einen kleinen Hilfs­spiegel der SLR–Kamera wurde eine zur Mattscheiben- und zur Filmebene konju­gierte zusätz­liche Bildebene erzeugt, in der das Bild durch eine schwin­gende Raster­scheibe analy­siert wurde. Die Fotoemp­fänger waren paarweise angeordnet und erhielten ihr Licht jeweils aus der linken und der rechten Pupil­len­hälfte. Dabei waren die modulierten Licht­ströme nur dann phasen­gleich, wenn die Bildebene exakt in die Raster­ebene fiel, was durch die Auswerte-Elektronik sehr präzise erkannt wurde.

Leitz Correfot

Leitz Correfot: Schema­tische Darstellung der optoelek­tro­ni­schen Schar­fein­stellung der Leicaflex SL.

Was ist für Sie als direkt Betei­ligtem das Fazit der langjäh­rigen Zusam­men­arbeit zwischen Leitz und Minolta?

Der Erfolg von mehreren Genera­tionen von Spiegel­re­flex­ka­meras von Leitz und Minolta, die in vielen Varianten auf den Markt kamen, war groß, insbe­sondere, wenn man die verkaufte Stückzahl einer breiten Palette von Wechsel­ob­jek­tiven einbe­zieht. Hinzu kamen die kompakten Messsu­cher­ka­meras Leica CL von Leitz und CLE von Minolta.

Nicht vergessen werden darf die erfolg­reiche Zusam­men­arbeit bei der Entwicklung neuer Wechsel­ob­jektive. Hier setzten Leitz und Minolta Computer der jeweils neuesten Generation ein, tauschten Forschungs­er­geb­nisse zur Entwicklung neuer optischer Gläser aus und halfen sich gegen­seitig mit neu erwor­benem Know-how in der Fertigung. Im Ergebnis war die Koope­ration auf beiden Seiten ein ständiges Geben und Nehmen.

Beide Partner verfolgten in der Spätphase der Koope­ration jedoch zunehmend unter­schied­liche Verkaufs­stra­tegien. Und so lief die langjährige, erfolg­reiche Zusam­men­arbeit nach und nach aus. Nichts­des­to­we­niger waren die Geschäfts­partner aber in der langen Zeit der Koope­ration zu Freunden geworden, so dass die guten zwischen­mensch­lichen Kontakte auf Dauer erhalten blieben.