Nicht nur wenn es regnet oder die Hitze bleiern über dem Land liegt: Im Sommer zeigen wieder viele Ausstel­lungen aktuelle und histo­rische Fotografien. Diesmal geht es nach Berlin, Hamburg und in die Schweiz nach Winterthur.

Berlin I

Der in Düsseldorf und Berlin lebende Fotokünstler Thomas Struth hat alles erreicht: Er gehört seit vielen Jahren zu den bedeu­tendsten Vertretern der zeitge­nös­si­schen deutschen Fotokunst, doch setzt er nie auf den drama­ti­schen Effekt. „Nature & Politics“ heißt eine Schau von Struth, die derzeit im Berliner Martin-Gropius-Bau seine neuesten Arbeiten präsen­tiert: Es sind Forschungs­ein­rich­tungen, ein Erleb­nispark oder auch sakrale Räume, höchst unter­schied­liche Orte, die er in den letzten Jahren ins fotogra­fische Licht gesetzt hat. Wir sehen Technik, hochkom­plexe Appara­turen, Kabel­stränge und Leitungen, doch wissen wir nicht, wozu das alles.

Tokamak Asdex Upgrade Interior 2

Tokamak Asdex Upgrade Interior 2, Max Planck IPP, Garching, 2009.
Chromo­genic print. 141,6 x 176,0 cm. © Thomas Struth

 

Von den frühen, stets menschen­leeren Straßen­bildern bis heute, ist die Analyse der Welt ein wichtiges Ziel der Fotografie von Thomas Struth geblieben, wie auch bei den neuesten Bildern. „Ich wollte den Prozess der Imagi­nation und Fantasie unter­suchen …“, so Struth. „Es geht mir darum, wie etwas, das zuvor nur ein Gedanke war, sich materia­li­siert und Teil der Wirklichkeit wird. ‚Sich etwas ausmalen‘, dieser Ausdruck beschreibt ja schon die Möglichkeit des Gehirns, in Bildern zu denken“, so äußert sich Struth über seine neuen Werke.

Die Natur ist ein Thema – gerade im Zustand ihrer Erfor­schung. Er zeigt uns etwa Forschungs­la­bo­ra­torien, in denen an der Zukunft der Menschen gearbeitet wird, zeigt uns ein Meeres­aquarium in Atlanta als verfüh­re­rische Zukunfts­vision, doch stets bleibt der Fotograf distan­ziert: „Mein Vorteil ist die Distanz“, so hat Struth einmal sein Werk resümiert.

Thomas Struth: Natur & Politics. Martin-Gropius-Bau Berlin. 11. Juni bis 18. September. www.berlinerfestspiele.de

Berlin II

Wir bleiben in Berlin, wo in der Galerie Camera Work neue Arbeiten des in England aufge­wach­senen und in Los Angeles lebenden Fotografen Nick Brandt präsen­tiert werden. Wollte der Fotograf früher Tiere so zeigen, als stammten sie aus einem früheren Zeitalter, so lässt er nun die Gegenwart in seine Bilder hinein. In seiner neuen Serie „Inherit the Dust“ verbindet der 1966 geborenen Fotokünstler, der Malerei und Film studiert hat, seine Leiden­schaft für episch anmutenden Tier-Porträts noch stärker mit seinem Engagement für seine Sujets, dem er unter anderem in der Organi­sation „Big Life Foundation“ nachgeht.

Denn jetzt zeigt er in seinen Bildern, wie sich die Ökosysteme verändern, wie die Rückzugsorte der Tiere immer stärker schwinden. Seine Bildidee, die vor einigen Jahren entstan­denen Tierbilder lebensgroß auszu­drucken, auf Leinwand zu spannen, am Ort der damaligen Aufnahme aufzu­stellen und diese Plätze schließlich neu zu insze­nieren, ist von bestür­zender Bildwirkung.

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© Nick Brandt, road with elephant, 2014
 

Denn wie sehr haben sich die Dinge jetzt schon verändert. Wo früher Zebras standen, rosten heute Autowracks. Wo früher eine Savanne war, wird heute Tagebau betrieben. Aus einem Dschungel wurde ein Fabrik­ge­lände – oder eine wuchernde Müllkippe. Da, wo früher Wildnis war, ist nun die mensch­liche Zivili­sation auf dem Vormarsch.

Es ist ein ungewöhn­licher ästhe­ti­scher Kunst­griff, mit dem Brandt das Vergehen von Zeit im Bild sichtbar macht und damit auch einen intel­li­genten Kommentar auf das Wesen der Fotografie selbst abgibt. Oft sind nur wenige Jahre zwischen der ursprüng­lichen Aufnahme und der Neu-Insze­nierung. So entsteht eine Bild-im-Bild-Neuschöpfung, die eindrücklich deutlich macht, was in den vergan­genen Jahren bereits verloren gegangen ist.

Die Zerstö­rungen sind unwider­ruflich, denken wir uns beim Betrachten der Fotografien. Ein mächtiger Elefant steht inmitten einer rauchenden, giftigen Müllkippen-Ödnis – ein apoka­lyp­ti­sches Werk. Eine Giraffe blickt sonderbar verloren auf einen riesigen Stein­bruch. Ein Schim­panse ruht neben dem Rinnsal einer Kloake: drama­tische Bildwerke, aus denen kein Optimismus, keine Hoffnung spricht.

Nick Brandt: Inherit the Dust. Galerie Camera Work. Bis 9. Juli. www.camerawork.de

Winterthur

Von Berlin aus führt die sommer­liche Fotoreise in die Schweiz. Im Fotomuseum Winterthur stellt die Ausstellung „Provoke: Fotografie in Japan 1960–1975“ die Entste­hungs­ge­schichte der gleich­na­migen japani­schen Zeitschrift und ihre Ästhetik vor. Nur drei Ausgaben sind von „Provoke“ erschienen, doch gelten diese als Stern­stunde der japani­schen Fotografie. Zu sehen sind etwa Arbeiten von Nobuyoshi Araki, Eikō Hosoe, Kazuo Kitai, Daidō Moriyama, Takuma Nakahira, Shōmei Tōmatsu, die auch die innere Nähe der Fotografie zur japani­schen Perfor­mance­kunst der Zeit belegen.

Protest, Provo­kation, Perfor­mance – das ist das Thema dieser Bilder, die, so kann man im Katalog ganz richtig lesen, kaum mehr die Realität abbilden. Der ganze Look der Zeitschriften ist aufregend: Rau, grobkörnig, auch unscharf sind diese Bilder. Provoke: Fotografie zwischen  Protest und Perfor­mance.

Provoke: Fotografie in Japan 1960–1975. Fotomuseum Winterthur. Bis 28. August. www.fotomuseum.ch

Hamburg

In den Hamburger Deich­tor­hallen sind mit Ken Schles, Jeffrey Silverthorne und Miron Zownir gleich drei Fotografen zu entdecken, die sich dem Thema der Subkul­turen in Großstädten annehmen. Alle drei stürzen sich in die subkul­tu­rellen Milieus, wie etwa Jeffrey Silverthorne, der existen­zielle Bilder von Trans­se­xu­ellen macht – ein hochspan­nendes Werk zwischen Intimität und Insze­nierung.
Der ameri­ka­nische Fotograf Ken Schles hat im New York der späten 1980er Jahre Bilder gefunden, die erst jüngst wieder­ent­deckt wurden und im Steidl-Verlag als Buch neu aufgelegt worden sind. Seine Serien „Invisible City“ und „Night Walk“ dokumen­tieren das Bohème-Leben in der Lower East Side als große nächt­liche Erzählung in der Tradition von Brassaï oder van der Elsken.

Ken  Schles, Limelight

Ken Schles, Limelight, 1983. © Ken Schles
 

Miron Zownir schließlich zeigt Fotografien aus westlichen Metro­polen wie Berlin, London und New York. Auch hier sind es die Außen­seiter, die er in düsterer Bildsprache präsen­tiert: „Es sind die Nacht­seiten des mensch­lichen Daseins, die finstere Einsamkeit im sozialen Unter, die existen­zi­ellen Ausnah­me­zu­stände und Grenz­si­tua­tionen der mensch­lichen Psyche, die Zownir ohne Sicher­heits­ab­stand aufspürt und sichtbar macht.“

Ken Schles – Jeffrey Silverthorne – Miron Zownir. Haus der Photo­graphie Deich­tor­hallen Hamburg. Bis 7. August. www.deichtorhallen.de

(Marc Peschke)