Mit der Alpha 6300 hat Sony im Februar keinen Nachfolger aber ein lang erwartetes Upgrade der nach wie vor erfolgreichen Systemkamera Alpha 6000 präsentiert. Die Liste der Verbesserungen beim jüngsten APS-C-Spross von Sony ist nicht zu knapp geraten. Das gilt leider auch für ihren Preis, der mit rund 1250 Euro alles andere als ein Sonderangebot zu sein scheint. In den letzten Wochen war ich oft mit der Alpha 6300 unterwegs. Dabei habe ich mein Augenmerk vor allem auf die Neuerungen gerichtet – und auf das, was Sony noch hätte verbessern können.

 

Sony Alpha 6300

Die Alpha 6300 ist auch im Set mit dem Objektiv E PZ 16 – 50 mm F3.5 – 5.6 OSS erhältlich.
Für das Kit ruft Sony eine unverbindliche Preisempfehlung von knapp 1400 Euro auf.

 

Ziemlich genau zwei Jahre Zeit hat sich Sony gelassen, um mit der Alpha 6300 der hauseigenen APS-C-Mittelklasse ein Upgrade zu spendieren. Die Nachfolgerin der Alpha 6000 ist die Neue nicht, die Alte bleibt nämlich weiterhin im Programm. Das ist mittlerweile Usus bei Sony, und es ist auch gut so. Denn während die Alpha 6000 zunächst für rund 650 Euro erhältlich war (und inzwischen nur noch etwas über 500 Euro kostet), ruft Sony für die Alpha 6300 einen Preis von stolzen 1250 Euro auf. Dafür darf der Käufer zu Recht wesentliche Verbesserungen und Neuerungen erwarten. Geändert und hinzugefügt hat Sony bei der Alpha 6300 einiges:

  • Das Gehäuse besteht nun aus einer robusten und dennoch leichten Aluminium-Magnesium-Legierung. Dabei nimmt das Gewicht (inklusive Akku) nur moderat um 60 Gramm auf jetzt 404 Gramm zu.
  • Der Bildsensor löst zwar wie gehabt 24 Megapixel auf, die Leiterbahnen sind allerdings wie beim Top-Model Alpha 7R II jetzt in Kupfer ausgeführt.
  • Der Autofokus wird von 425 Phasen-AF-Sensoren auf dem Bildwandler unterstützt.
  • Videos nimmt die Alpha 6300 in 4K-Auflösung (3840 x 2160 / 30p) auf. Für den guten Ton sorgt dabei optional ein externes Mikrophon, das sich über die neu hinzugekommene Buchse anschließen lässt.
  • Der elektronische Sucher löst mit 2,36 Millionen Subpixeln fast doppelt so hoch auf wie bei der Alpha 6000. Ganz neu ist die Möglichkeit, die Bildwiederholrate der Anzeige von 60 Hertz auf 120 Hertz zu verdoppeln.
  • Die bei der Alpha 6000 eingesparte elektronische Wasserwaage ist wieder an Bord.
  • Gleichgeblieben ist die maximale Serienbildrate von 11 Bildern/Sekunde. Aber die Alpha 6300 zeigt bei bis zu 8 Bildern/Sekunde nun ein Live-Bild (und nicht mehr die letzte Aufnahme). Ein Feature, das ich mir besonders intensiv angesehen habe – dazu gleich noch mehr.

Gehäuse und Handling

Wer bereits mit einer Alpha 6000 fotografiert hat, wird sich bei der Alpha 6300 sofort zuhause fühlen. Das Gehäusedesgin und das Layout der Bedienelemente hat Sony bei der Neuen nahezu unverändert übernommen. Allerdings wirkt das Leichtmetallgehäuse der Alpha 6300 deutlich robuster als die Kunststoffhülle der Alpha 6000 – durchaus so wie man es sich bei einer Kamera für 1250 Euro vorstellt.

Trotz ihrer kompakten Maße liegt die Alpha 6300 mit dem Objektiv 16-50/F2.5-5.6 gut in der Hand. Dazu trägt vor allem auch der kräftig ausgeprägte Handgriff bei, der um rund 3,5 Millimeter in die Tiefe gewachsen ist. Bestückt man die Kamera aber mit einem schwergewichtigen Telezoom, zum Beispiel dem kürzlich vorgestellten E 70-300mm F/4.5 – 5.6 G OSS, hat es mir an Griffmöglichkeiten gefehlt, das Ganze wird arg kopflastig. Insbesondere bei Actionfotos habe ich mir doch ein deutlich größeres Gehäuse gewünscht,. Ooder zumindest einen zusätzlichen Batteriegriff, der die Auflagefläche für die rechte Hand vergrößert – doch das gibt’s von Sony nicht.

Sony Alpha 6300: Beispielaufnahme mit Zoom E 70-300mm F4.5 – 5.6 G OSS

Diese Aufnahme entstand mit dem neuen Zoom E 70-300mm F4.5 – 5.6 G OSS an der Alpha 6300 –
eine Kombination die aufgrund des zierlichen Kameragehäuses nicht bequem zu handhaben ist.

 

Etwas erweitert hat Sony bei der Alpha 6300 die Bedienelemente. Neu hinzugekommen ist etwa ein Schalter, mit dem sich für die Daumentaste zwischen Belichtungsspeicher und AF-/MF-Umschalter wechseln lässt. Das grundsätzliche Konzept ist dagegen gleich geblieben: Wie bei allen Spiegellosen von Sony lassen sich auch bei der Alpha 6300 die Schalter, Knöpfchen und Drehregler sehr weitgehend mit den Funktionen belegen, die Ihnen wichtig sind; beziehungsweise nehmen je nach Grundeinstellung der Kamera unterschiedliche Funktionen an. Vorteil dieses Konzepts: Man ist nicht auf eine vorgegeben Konfiguration festgelegt. Allerdings dauert es so seine Zeit, bis man seine Wunschkonfiguration zusammengestellt hat. Auch ist mit einem schnellen Blick auf die Kamera nicht ersichtlich, wie sie eingestellt ist und welche Einstellung sich nun mit welchen Bedienelement ändern lässt. Wer darauf Wert legt, ist sicherlich mit einer Kamera von Fujifilm besser aufgehoben.

Ich bin mit dem Bedienkonzept der Alpha 6300 jedenfalls gut klar gekommen. Nicht aber damit, dass sich beide Multifunktionsräder (das auf der rechten Schulter sowie das auf dem Rücken) zu leicht verstellen. Da reicht es bereits, die Kamera aus der Fototasche zu ziehen, und schon ist statt F8 Blende F22 eingestellt. Und weil das Rad auf dem Rücken bei mir bisweilen unter dem Handballen verschwand, habe ich es sogar beim Blick durch den Sucher unbeabsichtigt verstellt!

Über zu leichtgängige Drehregler habe ich mich ja schon häufiger mokiert, zuletzt bei der Olympus PEN-F. Doch im Beitrieb, wie bei der Alpha 6300, habe ich bisher selten etwas verstellt – da sollte Sony beim nächsten Upgrade unbedingt nachbessern. Dann könnten sich die Ingenieure auch gleich noch überlegen, ob sich das Fokusmessfeld nicht einfacher verschieben ließe. Denn das geht bei der Alpha 6300 nur über die Vierwege-Wippe und auch erst, nachdem die Funktion mit einem weiteren Tastendruck aktiviert wurde. Ein Touchscreen wie bei einigen Kameras von Olympus und Panasonic oder ein kleiner Joystick à la Fujifilm X-Pro2 könnte die Fokusfeldwahl jedenfalls deutlich vereinfachen.

Und weil wir gerade dabei sind: Optimierungspotential sehe ich auch bei der Menüführung der Alpha 6300 sowie generell bei Kameras von Sony. Sicher, der heute eigentlich bei jeder Kamera überbordende Funktionsumfang und bis ins Kleinste gehende Einstellmöglichkeiten machen ein wirklich übersichtliches Hauptmenü nahezu unmöglich. Aber wenigstens innerhalb einer Familie sollten doch die Befehle bitteschön dort sein, wo man sie gewohnt ist. Nicht nur bei der Alpha 6300 hat man dagegen den Eindruck, die Sony-Entwickler hätten neue Befehle wahllos in die Untermenüs gestreut.

All diese kleinen Ärgernisse sind allerdings sofort vergessen, sobald man die Alpha 6300 vors Auge hebt und in ihren wirklich hervorragenden elektronischen Sucher blickt. Sein OLED-Display löst mit 2,36 Millionen Subpixel nicht nur ungemein fein auf – auch die Kontrastdarstellung und Farbwiedergabe ist vom Feinsten.

Dass das rückwärtige Display der Alpha 6300 dagegen nur Hausmannskost bietet, darüber lässt sich leicht hinwegsehen. Mit einer Auflösung von knapp einer Million Subpixel ist die Darstellung auf alle Fälle ausreichend detailliert. Wie bei allen aktuellen Spiegellosen von Sony, lässt sich das Display nach oben und unten klappen, aber nicht zur Seite schwenken.

Ausstattung und neue Funktionen

Als Sony Ende 2014 die Alpha 7 II vorstellte, gab es eine Neuerung, die viele nicht für möglich gehalten hatten: einen stabilisierten Bildsensor (IBIS, in body image stabilization) zur Verminderung der Verwacklungsgefahr. Wer jetzt gehofft hat, dass Sony diesen Schritt auch beim Upgrade von der Alpha 6000 zur Alpha 6300 gegangen ist, wird enttäuscht: IBIS gibt es auch bei der Neuen nicht. Dazu hätte offenbar das Gehäusedesign überarbeitet werden müssen, einen Schritt den Sony wohl gescheut hat. Dafür bietet die Alpha 6300 im Gegensatz zu ihren Vollformat-Cousinen der Alpha-7-Familie einen kleinen Bordblitz.

Eine bei der Alpha 6000 ärgerliche Sparmaßnahme hat Sony glücklicherweise bei der Alpha 6300 revidiert: Die Neue ist wieder mit einer elektronischen Wasserwaage ausgestattet, mit deren Hilfe man die Kamera recht genau in zwei Ebenen lotrecht aufs Motiv richten kann. Weiterhin gespart hat Sony allerdings beim Ladegerät – das liegt schlichtweg nicht im Karton der Alpha 6300. Geladen wird der Akku in der Kamera via USB-Charger. Angesichts des Preises Alpha 6300 sowie einer Akkureichweite von mageren 400 Aufnahmen sollte Sony unbedingt darüber nachdenken, eine ordentliche Ladeschale und vielleicht sogar einen zweiten Akku mit in die Schachtel zu legen. Denn wer möchte schon stundenlang auf seine Kamera warten, bis endlich ein erschöpfter Akku wieder aufgefrischt ist?

Gestandene Fotografen hadern oftmals mit dem gewaltigen Funktionsumfang, den heutige Kameras bieten. Da macht auch die Alpha 6300 keine Ausnahme. Was den ambitionierten Fotografen vielleicht stört, kommt jedoch all denen zugute, die für ihre Aufnahmen einfach nur den Auslöser drücken möchten – und dafür ist die auch die Neue mit den von Sony bekannten Automatiken ausgestattet. Zur Vorgabe der Grundeinstellungen rückt aber nun der anspruchsvollere Fotograf in den Vordergrund. Er findet auf dem Moduswählrad zwei Einstellungen, mit denen sich blitzschnell benutzerdefinierte Kamerakonfigurationen abrufen lassen.

Unterm Strich ist die Alpha 6300 dermaßen mit Funktionen ausgestattet, dass ich kaum etwas vermisst habe. Vielleicht eine echte Spotmessung – bei der von Sony so bezeichneten Belichtungsmessart ist das Messfeld doch arg groß. Wünschenswert wäre es auch, wenn sich das Spotmessfeld auf eine beliebige Bildpartie legen ließe, am besten gleich ans AF-Messfeld gekoppelt.

Autofokus und Serienbilder

Als Nikon im Januar mit der D5 und der D500 zwei ausgesprochene „Action“-Kameras vorstellte, wurde ausdrücklich ein Vorteil des DSLR-Konzepts gegenüber Spiegellosen Systemkameras betont: Dass zwischen den eigentlichen Aufnahmen ein klassisches Sucherbild zu sehen ist. Spiegellose können dagegen bereits bei moderaten Serienbildraten den Bildsensor nicht mehr schnell genug vom Aufnahme- in den Anzeigemodus umschalten. Sie behelfen sich damit, dass sie anstelle eines Live-Bilds die letzte Aufnahme aus dem Pufferspeicher auf dem Display oder im Sucher zeigen.

Wer damit zum Beispiel Mitzieher fotografiert, bekommt allerdings ein gewaltiges Problem: Durch den zeitlichen Versatz zwischen der Bildwiedergabe und dem, was tatsächlich geschieht, wandert das Motiv aus dem Sucherausschnitt aus. Und zwar umso mehr, je länger die Serienbildreihe dauert.

Sony Alpha 6300: Mitzieher bei hoher Serienbildrate

Dank des reaktionsschnellen elektronischen Suchers gelingen Mitzieher auch bei hoher Serienbildrate.
 

Die Alpha 6300 will nun diesen Vorteil des DSLR-Konzepts zunichtemachen: Sie zeigt nämlich bis zu einer hohen Serienbildgeschwindigkeit von 8 Bildern/Sekunde ein Live-Bild zwischen den Aufnahmen. Wobei das wörtlich zu verstehen ist: EIN Live-BILD – einen Live-Stream gibt es nicht zu sehen. Obwohl die Alpha 6300 also nur eine Momentaufnahme im Sucher liefert, habe ich das als deutliche Verbesserung gegenüber dem bisherigen Verfahren, also der Wiedergabe der letzten Aufnahme, empfunden.

Während schneller Reihenaufnahmen zeigt die Alpha 6300 zwar ein Live-Bild, das jedoch nicht
aktualisiert wird. Trotz dieser kleinen Einschränkung ist die Sucheranzeige deutlich besser
als bei bisherigen Spiegellosen von Sony.

 

Eine gute Sportkamera muss aber noch mehr können, als eine hohe Serienbildrate gepaart mit einer möglichst kurzen Dunkelphase im Sucher. Gefordert ist auch ein Autofokus, der die Schärfe schnell genug nachführen kann. Genau in diesem Punkt sind spiegellose Systeme mit ihrem Kontrast-AF aber dem Phasen-AF einer Spiegelreflexkamera grundsätzlich unterlegen. Bei der Alpha 6000 hat Sony den Bildsensor daher mit 179 speziellen Phasenvergleichssensoren ausgestattet, die den Nachführ-AF bereits spürbar beschleunigt haben. Bei der Alpha 6300 sind es nun 425 Phasen-AF-Sensoren, die zudem nahezu das gesamte Bildfeld abdecken.

Ob es nun an der deutlichen höheren Anzahl an Phasen-AF-Sensoren liegt, oder Sony noch tiefer in die Trickkiste gegriffen hat: Der Nachführ-AF der Alpha 6300 funktioniert verblüffend zuverlässig, selbst bei 8 Bilder/Sekunde! Und zwar auch in dem weitaus schwierigeren Fall, dass sich ein Motiv auf die Kamera zubewegt (und nicht nur weitgehend parallel zur Fokusebene durchs Bild). Bei meinen Versuchen mit meiner Hündin Janna hat das zwar nicht immer geklappt, aber eben doch sehr häufig. Entscheidend ist es dabei, dass das AF-System möglichst kurz nach dem Start der Bildreihe das bewegte Motiv identifiziert hat. Fehlen Farb- oder Helligkeitsunterschiede zwischen dem Actionmotiv und seinem Umfeld, tut sich der Nachführ-AF ungleich schwerer. Etwas unglücklich finde ich es daher, dass die Alpha 6300 keine zuverlässige Rückmeldung darüber gibt, ob das Motiv noch im Fokus ist oder nicht – das sieht man so richtig erst nachträglich bei der Sichtung der Aufnahmen.

Davon einmal abgesehen: Der Nachführ-AF der Alpha 6300 dürfte jeden Schnappschussfotografen zufriedenstellen und wird auch Sportfotografen Respekt abnötigen. Dennoch ist die Kamera trotz ihrer hohen Serienbildrate von bis zu 11 Bilder/Sekunde für die ernsthafte Sportfotografie weniger geeignet. Nicht nur, dass der Pufferspeicher auf rund 50 JPEG-Aufnahmen beschränkt ist und somit bereits nach fünf Sekunden „Dauerfeuer“ voll sein kann. Auch dauert es mit fast einer halben Minute quälend lange, bis die Alpha 6300 den Puffer geleert hat und alle Daten auf die Speicherkarte geschrieben sind. Quälend lange ist das deshalb, weil die Kamera in dieser Zeit praktisch blockiert ist und keinerlei Befehle entgegennimmt.

Sony Alpha 6300: Beispielbild Autofokus

Der Autofokus der Alpha 6300 arbeitet auch bei adaptierten A-Mount-Objektiven
(hier: 70-200/F2.8 G SSM) sehr zuverlässig und hinreichend schnell.

 

Aber nicht nur für Sport- und Actionfotografen gibt es deutliche Verbesserungen beim Autofokus: So ist nun etwa möglich, den Augen-AF (stellt bei Porträtaufnahmen auf die Pupille scharf) ebenfalls im Serienbildmodus zu nutzen. Auch bei aktivierter Fokuslupe funktioniert der Autofokus nun. Und Besitzer von A-Mount-Objektiven (jedoch nicht mit Stangenantrieb) wird freuen, dass die Alpha 6300 diese in Verbindung mit dem Adapter LA-EA3 praktisch ebenso rasch fokussiert, wie native E-Mount-Optiken. Alles in allem hat Sony für meinen Geschmack mit dem AF-System der Alpha 6300 einen gehörigen Sprung nach vorn getan.

Videoaufnahmen

Mag der Preis der Alpha 6300 hoch liegen, so ist sie doch die derzeit günstigste Systemkamera von Sony, die Videos in UHD-Auflösung (3840 x 2160 Pixel) aufnimmt. Die Bildwiederholrate bleibt dabei jedoch auf 25 fps im hierzulande voreinstellten PAL-Modus beschränkt, nach Reboot im NTSC-Modus sind auch 30 fps möglich. Bei 25 fps liest die Kamera die gesamte Sensorbreite mit 6000 Pixel aus und reduziert die Auflösung auf 3840 Pixel Breite. Die Alpha 6300 verzichtet auf qualitätsminderndes Pixelbinning, ihre UHD-Aufnahmen entstehen vielmehr mit einem mehr als 1,5fachen Oversampling.

Nach Augenschein liefert die Alpha 6300 damit eine hervorragende Videoqualität ab. Professionelle Videofilmer, wie etwa Dan Chung von Newsshooter, finden dennoch gleich mehrere Haare in der Suppe: So bemängeln die Tester, dass die Alpha 6300 beim Downsampling offenbar Alaising-Artefakte erzeugt. Zudem zeichnet die Alpha 6300 Videos grundsätzlich nur mit einer Farbtiefe von 8 Bit/Kanal auf, sodass der nutzbare Dynamikbereich auch mit der S-Log-3-Kurve kaum über 13 EV hinauskommt.

Immerhin bietet die Alpha 6300 überhaupt die im professionellen Videobereich verwendeten S-Log-Kurven. Ambitionierte Videofilmer werden zudem goutieren, dass die Alpha 6300 die Videodaten unkomprimiert an einen externen Rekorder weiterreichen kann. Die Möglichkeit zum Anschluss eines externen Mikros (inklusive Phantomspeisung), sowie die manuelle Kontrolle des Tonpegels hat Sony bei der Alpha 6300 ebenfalls vorgesehen.

Hobbyfilmer und Videoamateure sollten sich dagegen überlegen, ob es denn tatsächlich Aufnahmen UHD sein müssen. Heute dürfte die Full-HD-Auflösung in den meisten Fällen völlig ausreichen, auch die Mehrzahl der Kinofilme wird noch in 2K gedreht. Belässt man es bei der Alpha 6300 auf diese „kleine“ Auflösung, sind wesentlich höhere Bildraten möglich: bis zu 120 fps, was bei Wiedergabe in 25p ungefähr einer 5fach-Zeitlupe entspricht.

Bei Filmaufnahmen mit der Alpha 6300 stehen praktisch alle Funktionen bereit, die es auch für Fotografen gibt. Ganz vorne dabei die Möglichkeit, zur manuellen Vorwahl von Blende und Belichtungszeit, gepaart mit der ISO-Automatik, die dann die Belichtungssteuerung übernimmt. Auch beim Autofokus gibt es praktisch keine Beschränkungen, mit einer Ausnahme allerdings: Für Filmaufnahmen schaltet die Alpha 6300 prinzipiell den Nachführ-AF ein, den statische AF bleibt außen vor. Dennoch ist mit einem kleinen Trick möglich, die Schärfe halbautomatisch zu ziehen – indem Sie den AF ganz abschalten und ihn dann über die neue AF/MF-Taste bei Bedarf anfordern. Eines kann die Alpha 6300 indes nicht: Während einer Videoaufnahme auch noch ein Foto schießen.

Nachbearbeitungsmöglichkeiten und Konnektivität

Wenn man bei Sony nachfragt, warum bei einer Kamera bestimmte Funktionen fehlen, bekommt man oftmals zwei Standardantworten: „Machen wir, sobald es der Kunde verlangt“. Oder: „Machen wir erst, wenn es deutlich besser wird als beim Wettbewerb“. Beide Standardfloskeln sind für mich jedoch keine plausible Erklärung dafür, warum Sony dem Fotografen Bildbearbeitungsmöglichkeiten im Wiedergabemodus weitestgehend vorenthält. Nicht, dass ich jetzt gleich jede RAW-Aufnahme in der Kamera entwickeln und bearbeiten möchte. Aber für alle, die ihre Aufnahmen unverzüglich weitergeben müssen, etwa ein Lokaljournalist, ein Fotoreporter oder ein Blogger, wäre es sehr hilfreich, wenn sich ein kleiner Belichtungsfehler direkt in der Kamera ausbügeln oder ein optimaler Bildausschnitt wählen ließe – nur um einmal zwei Beispiele zu nennen.

Dass Sony einem derartige Manipulationsmöglichkeiten vorenthält (die bei vielen anderen Herstellern längst gang und gäbe sind), finde ich vor allem auch deshalb unverständlich, weil sich die Alpha 6300 via Smartphone gut ins Netz einbinden lässt. Auf diese Weise können aktuelle Aufnahmen unverzüglich in soziale Netzwerke und die eigene Cloud hochgeladen werden oder eben auch per E-Mail in die Zeitungsredaktion verschickt werden. Hergestellt wird die Verbindung zwischen Smartgerät und WLAN, die dazugehörige App „Play Memories Mobile“ erlaubt auch die Fernsteuerung der Kamera. Besonders einfach lässt sich die Verbindung einrichten, wenn das Smartgerät NFC beherrscht, da bleiben Besitzer eines iOS-Geräts von Apple leider außen vor.

Auf den ersten Blick recht clever ist es, dass sich bei der Alpha 6300 vermisste Funktionen über sogenannte „Camera Apps“ nachrüsten – etwa für Fokus-Bracketing, Intervallaufnahmen aber auch einige der schmerzlich vermissten Bildbearbeitungsfunktionen. Diese Apps übernehmen allerdings weitgehend die Kontrolle über die Kamera und stellen oftmals auch nur noch die Funktionen bereit, die in direktem Zusammenhang mit der Funktionalität der jeweiligen App stehen. Hier sollte Sony einmal darüber nachdenken, ob etwa die Möglichkeit für Intervallaufnahmen nicht direkt in die Firmware einer Kamera gehört.

Bildqualität und Objektive

Sony belässt es bei der Alpha 6300 bei einem Sensor im APS-C-Format mit einer effektiven Auflösung von 24 Megapixel – wie schon bei der Alpha 6000. Doch den Bildwandler der 6300er hat Sony neu entwickelt: Wie zuerst beim Top-Modell Alpha 7R II auch auf dem neuen APS-C-Sensor die Leiterbahnen in Kupfer ausgeführt – und nicht wie sonst üblich aus Aluminium. Das kostspielige Verfahren bietet gleich mehrere Vorteile: Kupfer leitet etwa 1,5mal stärker als Aluminium, die Leitungsverluste sind daher geringer, was dem Rauchverhalten des Bildsensors zugutekommt. Darüber hinaus können die Leiterbahnen flacher und schlanker ausfallen, es bleibt mehr Platz für die eigentliche lichtempfindliche Schicht, was Probleme mit schräg einfallendem Licht gar nicht erst aufkommen lässt.

Sony Alpha 6300: Leiterbahnen aus Kupfer

Leiterbahnen aus Kupfer sorgen beim Bildsensor der Alpha 6300 für eine erhöhte Lichtempfindlichkeit.
 

Obwohl ich die Alpha 6300 nicht simultan zu ihrer Vorgängerin testen konnte, traue ich mich nach dem Vergleich verschiedener Aufnahmen mit beiden Modellen zu sagen: Die Neue ist der Alten um ca. eine ISO-Stufe überlegen. Nicht unbedingt, wenn es nur ums Rauschen geht. Das ungefilterte Helligkeitsrauschen ist auch bei der Alpha 6300 ab ISO 3200 lästig, ab ISO 6400 stört es massiv. Aber es lässt sich eben in den RAW-Dateien relativ gut eliminieren – und zwar, ohne dass es gleich zu massiven Detailverlusten kommt. Das gilt ebenso für die interne Rauschunterdrückung bei JPEG-Dateien: Sie arbeitet kontextbezogen, entrauscht flächige Bildbereiche deutlich stärker als Kontrastkanten und schafft es so, selbst bei ISO 6400 noch verblüffend viele Details zu wahren.

Sony Alpha 6300: Push-Entwicklung

Push-Entwicklung entsprechend ISO 6400: Selbst bei einem derart hohen ISO-Wert
wahrt die Alpha 6300 eine gute Dynamik und differenzierte Farbwiedergabe.

 

Dass die Alpha 6300 für eine APS-C-Kamera ungewöhnlich hohe ISO-Werte erlaubt, ist aber nicht nur ihrem vorzüglichen Rauschverhalten zuzuschreiben. Hinzu kommt nämlich, dass die Helligkeits- und Farbdynamik erst jenseits der ISO 12.800 sichtbar einbricht. Da ist selbst eine zum Vergleich herangezogene Alpha 7 II mit ihrem Kleinbildsensor kaum noch im Vorteil. Bis etwa ISO 1600 ist fast kein Unterschied zwischen der Alpha 6300 und ihrer Vollformat-Cousine auszumachen, erst ab etwa ISO 6400 kann die Alpha 7 II den Vorteil ihres größeren Sensors ausspielen. Beide Kameras sind indes selbst bei reduziertem Ausgabemaßen (ca. DIN A4) bestenfalls bis ISO 12.800 zu gebrauchen – immerhin ein Wert, der in der analogen Fotografie utopisch ist.    

Sony Alpha 7 II: Rauschunterdrückung
Sony Alpha 6300: Rauschunterdrückung

Etwa ab ISO 6400 lässt die Rauschunterdrückung der Alpha 7 II (oben)
doch ein paar Details mehr übrig als die Alpha 6300 (unten).

 

Und wie sieht es mit der Farbwiedergabe, dem Dynamikumfang, der Rauschunterdrückung etc. pp. aus? Das kommt ganz darauf an, wie der Fotografe die Kamera konfiguriert. Und natürlich ob Sie die Bilddaten im RAW-Format oder als fertig entwickelte JPEG-Aufnahmen speichern. Eine generelle Aussage über die Qualität der Bildaufbereitung durch den „Bionz X“-Prozessor lässt sich angesichts der zahlreichen Konfigurationsmöglichkeiten kaum treffen. Nur so viel: Die Alpha 6300 liefert in den Werkseinstellungen knackig aufbereitete JPEG-Dateien mit eher leuchtenden Farben, die sich ohne Umschweif drucken oder ausbelichten lassen. Anderseits kann die Kamera aber auch so eingestellt werden, dass selbst JPEG-Dateien noch ein gewisses Nachbearbeitungspotenzial liefern – gar nicht erst zu reden von den Möglichkeiten, die das RAW-Format eröffnet.

In Sachen Bildqualität kann die Alpha 6300 zwar ihren Cousinen der Alpha-7-Familie nicht ganz den Schneid abkaufen, rückt ihnen (die Alpha 7R II einmal ausgenommen) aber bis etwa ISO 6400 ganz schön dicht auf den Pelz. Das gilt leider nicht für das Angebot an hochwertigen Objektiven für APS-C – das hat Sony in letzter vernachlässigt. Natürlich lassen sich an der Alpha 6300 auch die kleinbildtauglichen FE-Objektive prima verwenden, die fallen dann aber größer und schwerer aus, als es für APS-C sein müsste.

Sony Alpha 7 II: Beispielaufnahme bei ISO 1600
Sony Alpha 6300: Beispielaufnahme bei ISO 1600

Bis ca. ISO 1600 lassen sich Aufnahmen mit der Alpha 7 II (oben)
und der Alpha 6300 (unten) praktisch nicht voneinander unterscheiden.

 

Besonders im Weitwinkelbereich macht sich dieses Manko bemerkbar. Von Sony gibt es da gar nichts, Zeiss hat immerhin das Touit 2.8/12 zu bieten. Dafür erhält man am langen Ende (scheinbar) mehr Brennweite mit der Alpha 6300, etwa mit dem kürzlich vorgestellten FE 70-300mm F4.5 – 5.6 G OSS. Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, dieses Objektiv für ein paar Stunden an der Alpha 6300 auszuprobieren und war recht angetan von der Kombination. Zwar nicht über die Ergonomie, das Zoom wiegt doppelt so viel wie die kleine Kamera. Aber doch über die Ergebnisse. Das Telezoom ist bis in die Ecken knackscharf (für ein Kleinbildobjektiv an APS-C kein Wunder), weitgehend resistent gegen extremes Gegenlicht und verwöhnt schon fast mit den früher gelobten, warmen „Minolta-Farben“.

Mein Fazit

Die Alpha 6300 hat mich etwas zwiespältig zurückgelassen. Begeistert bin ich von der Bildqualität – sie wird derzeit wohl von keiner anderen APS-C-Kamera übertroffen, von der Fujifilm X-Pro 2 vielleicht einmal abgesehen. Keine Zweifel gibt es hingegen, dass der Autofokus der Alpha 6300 der beste ist, der derzeit bei einer Spiegellosen Systemkamera zu haben ist. Sehen lassen kann sich auch der Funktionsumfang der Alpha 6300, wünschen würde ich mir allerdings wenigstens rudimentäre Bildbearbeitungsmöglichkeiten im Wiedergabemenü. Auf der Haben-Seite verbucht die Alpha 6300 zudem einen sehr guten elektronischen Sucher, der auch dank seiner Live-Bild-Anzeige bei schnellen Serienbildaufnahmen einen der letzten Vorteile eines klassischen DSLR-Sucher egalisiert. Und dann sind da noch die hervorragenden Videofähigkeiten der Kamera, die ein Fotograf, der sie nicht braucht, indes teuer mitbezahlt.

Weniger begeistert bin ich allerdings, dass Sony die tolle Technik der Alpha 6300 in ein Gehäuse gepackt hat, das gegenüber der Vorgängerin kaum verbessert wurde. Gut, der Body ist nun aus einer hochwertigen Leichtmetalllegierung gefertigt und es sind ein, zwei wichtige Bedienelemente hinzugekommen. Aber die weiterhin viel zu leichtgängigen Einstellräder haben mich in der Praxis doch gehörig genervt, mit der Movie-Taste habe ich so manche ungewollte Filmaufnahme gestartet. Vermisst habe ich auch einen internen Bildstabilisator, er fand in dem schlanken Gehäuse der Alpha 6300 offenbar keinen Platz mehr. Gar nicht davon zu reden, dass Sony keinen Hochformatgriff für die Alpha 6300 im Angebot hat.

Der Evangelist Markus wusste bereits: „Neuer Wein gehört in neue Schläuche“ (Mk2,21-22). Das sollte Sony bei der nächsten Reinkarnation der Alpha 6300 beherzigen und die Ergonomie seiner spiegellosen APS-C-Kamera runderneuern.

Positiv Negativ
exzellente Bildqualität, bis ISO 1600 auf Kleinbildniveau kein Bildstabilisator
hervorragender elektronischer Sucher inkl. Live-Bild bei schnellen Reihenaufnahmen teilweise viel zu leichtgängige Bedienelemente
hochaufgelöstes 4K-Video kaum Nachbearbeitungsmöglichkeiten in der Kamera
robustes Leichtmetallgehäuse speziell für APS-C dünnes Angebot an hochwertigen Objektiven

 

(Martin Vieten)