Foto Iren Stehli, Aus der Serie «Bälle», Prag, 2013Iren Stehli hat sich mit ihren foto­gra­fi­schen Essays aus Tsche­chien einen Namen gemacht. Eine Aus­stel­lung der Foto­stif­tung Schweiz bietet nun zum ersten Mal einen Über­blick über das Schaf­fen der in Prag leben­den Schwei­zer Foto­gra­fin:

Pres­se­text der Foto­stif­tung Schweiz:

Iren Stehli – So nah, so fern

Iren Stehli (geb. 1953) hat sich mit ihren foto­gra­fi­schen Essays aus Tsche­chien einen Namen gemacht. Wäh­rend Jahr­zehn­ten beglei­tete sie die in Prag lebende Roma-Frau Libuna durch die Wech­sel­fälle ihres Lebens – eine ein­zig­ar­tige Lang­zeit­stu­die, bei der die Foto­gra­fin nicht nur außen­ste­hende Beob­ach­te­rin blieb, son­dern auch zur Freun­din und engen Ver­trau­ten wurde. Neben diesem «Lebens­werk» hat Iren Stehli aber seit 1974 auch viele wei­tere Pro­jekte rea­li­siert, die sich durch eine beson­dere Mischung aus Fas­zi­na­tion und Anteil­nahme aus­zeich­nen. Mit sen­si­blen Bil­dern hält sie fest, wie Men­schen ihren Alltag und den poli­ti­schen Umbruch bewäl­ti­gen, wie sie wohnen und aus­ge­hen, wie sie Freude und Trauer teilen oder ihre Ein­sam­keit über­win­den. Die Aus­stel­lung der Foto­stif­tung Schweiz bietet zum ersten Mal einen Über­blick über das Schaf­fen der in Prag leben­den Schwei­zer Foto­gra­fin.
 

Foto Iren Stehli, Aus der Serie «Libuna», Prag, 1977

Iren Stehli, Aus der Serie «Libuna», Prag, 1977
© Iren Stehli / Pro­Lit­te­ris

 
In der Arbeit «Libuna», im Jahr 2004 auch als Buch im Scalo Verlag (Zürich) publi­ziert, kommen die unter­schied­li­chen Facet­ten von Iren Stehlis foto­gra­fi­scher Spra­che am deut­lichs­ten zum Aus­druck – sie ist nahe bei der Repor­tage, aber doch mehr der inne­ren Stim­mung und dem ein­fühl­sa­men Por­trät als der sach­li­chen Infor­ma­tion oder einer äuße­ren Hand­lung ver­pflich­tet. Das dichte, dyna­mi­sche Nar­ra­tiv und die geschickt auf­ge­baute Dra­ma­tur­gie lassen bei­nahe ver­ges­sen, dass diese Lebens­ge­schichte wesent­lich von den stil­len, in sich ruhen­den Foto­gra­fien getra­gen wird: von Bil­dern, in denen die Räume selbst oder ein­zelne Objekte – ein Wand­schmuck, am Boden lie­gende Wäsche, ein Tisch­tuch oder eine Zim­mer­pflanze –, zum Haupt­thema werden. Iren Stehlis Sen­si­bi­li­tät für die Poesie des All­tags sowie ihr star­kes Inter­esse an mini­ma­lis­ti­schen Kom­po­si­tio­nen bilden gewis­ser­ma­ßen das ästhe­ti­sche Gerüst, auf dem sie ihre visu­el­len Zustands­be­richte auf­baut.
 

Foto Iren Stehli, Aus der Serie «Bälle», Prag, 2013

Iren Stehli, Aus der Serie «Bälle», Prag, 2013
© Iren Stehli / Pro­Lit­te­ris
 
 
Foto Iren Stehli, Aus der Serie «Bälle», Prag, 2013

Iren Stehli, Aus der Serie «Bälle», Prag, 2013
© Iren Stehli / Pro­Lit­te­ris

 
Auch in ande­ren Arbei­ten der Foto­gra­fin spie­len sta­ti­sche Auf­nah­men und eigent­li­che Still­le­ben eine zen­trale Rolle. Gerade in sol­chen Bil­dern kommt zum Aus­druck, wie sehr ihr Schaf­fen der Tra­di­tion der tsche­chi­schen Foto­gra­fie, allen voran Josef Sudek, ver­bun­den ist. Stehlis Foto­gra­fien for­dern dazu heraus, sich auf ihre beson­dere Zei­chen­haf­tig­keit, die schein­bare Leere, die gestal­te­ri­sche Strenge und ihren sprö­den Rea­lis­mus ein­zu­las­sen. Bei nähe­rer Betrach­tung tun sich hinter der sicht­ba­ren Ober­flä­che Abgründe auf, wird das Spu­ren­le­sen zu einer aben­teu­er­li­chen Ent­de­ckungs­reise, die eng mit den an- oder abwe­sen­den Men­schen ver­bun­den ist. In Iren Stehlis Arbei­ten über­la­gern sich ästhe­ti­sches Inter­esse und sozio­lo­gi­sche Recher­che, die Freude an einer redu­zier­ten For­men­spra­che und die psy­cho­lo­gi­sch gefärbte Milieu­stu­die. Aber immer stehen die Men­schen im Mit­tel­punkt, immer bleibt die Foto­gra­fin einer huma­nis­ti­schen Tra­di­tion ver­bun­den, die vom Respekt für das Gegen­über gelei­tet ist. Selbst in der scho­nungs­lo­sen, nüch­ter­nen Beob­ach­tung der Wirk­lich­keit schwingt auf­rich­ti­ges Inter­esse am Andern mit – sub­jek­tive Anteil­nahme, unter­legt mit einem feinen Humor und einem Sinn fürs Absurde.
 

Foto Iren Stehli, Aus der Serie «Tanzstunden», Prag, 1975

Iren Stehli, Aus der Serie «Tanz­stun­den», Prag, 1975
© Iren Stehli / Pro­Lit­te­ris

 
Die Aus­stel­lung «So nah, so fern» macht deut­lich, wie gerad­li­nig und kon­se­quent Iren Stehli seit den 1970er Jahren ihren Weg gegan­gen ist. Erst im Über­blick wird sicht­bar, dass die ver­schie­de­nen Werk­grup­pen eng mit­ein­an­der ver­knüpft sind – ob es sich nun um erzäh­le­ri­sche Pro­jekte wie «Sláma, der Schnei­der», um kon­zep­tu­elle Serien über Stra­ßen und Fas­sa­den, um den «Czech Look» in Prager Schau­fens­tern oder um die lyri­sche Ver­dich­tung all­täg­li­cher Situa­tio­nen han­delt. Die Prä­sen­ta­tion der Foto­stif­tung Schweiz lädt dazu ein, neben der exem­pla­ri­schen Lang­zeit­stu­die «Libuna» noch andere, unbe­kannte Arbei­ten von Iren Stehli zu ent­de­cken. Zusam­men genom­men geben sie einen tiefen Ein­blick in die Gesell­schaft und das Klima der Tsche­cho­slo­wa­kei im Real­so­zia­lis­mus und in den Jahren der sam­te­nen Revo­lu­tion nach 1989. Sie rufen ein Kapi­tel der jün­ge­ren Geschichte in Erin­ne­rung, das noch sehr nah und zugleich schon unend­lich fern scheint.

Die Aus­stel­lung wird von Peter Pfrun­der in Zusam­men­ar­beit mit Iren Stehli kura­tiert.

Publi­ka­tion:
Iren Stehli – So nah, so fern, her­aus­ge­ge­ben von Peter Pfrun­der / Foto­stif­tung Schweiz.

Begleit­ver­an­stal­tun­gen:
Sonn­tag, 13. April, 11.30 Uhr: Iren Stehli im Gespräch mit Karin Salm – Rund­gang durch die Aus­stel­lung.
Diens­tag, 22. April, 10 bis 14 Uhr: Gene­ra­tio­nen im Museum – Work­shop in der Aus­stel­lung «So nah, so fern». Men­schen ver­schie­de­ner Gene­ra­tio­nen lernen die Foto­gra­fien auf spie­le­ri­sche und unter­halt­same Art kennen.
Anmel­dung: vermittlung@fotostiftung.ch.
 
 
Aus­stel­lung:
Iren Stehli – So nah, so fern
8. März bis 25. Mai 2014

Fotostiftung Schweiz
Grü­zen­str. 45
CH-8400 Win­ter­thur
 

(thoMas)