Foto: Helmut NewtonSeit 50 Jahren wird (fast) jedes Jahr im Novem­ber der neu­este Pirelli-Kalen­der – „The Cal“ – vor­ge­stellt. Die Aus­gabe fürs Jahr 2014 dieses berühm­ten Kalen­ders, der an Aus­er­wählte ver­schenkt, aber nicht an jeden ver­kauft wird, hält eine veri­ta­ble Über­ra­schung bereit: bis­lang unver­öf­fent­lichte Kalen­der­fo­tos von Helmut Newton schmü­cken den Jubi­lä­ums­ka­len­der:

Die Fotos der 41. Aus­gabe, die gleich­zei­tig das 50jäh­rige Jubi­läum des 1964 erst­mals erschie­nen Kult-Kalen­ders mar­kiert, wurden bereits 1985 von Helmut Newton für den 1986er Kalen­der foto­gra­fiert – damals aller­dings gab es fir­men­in­terne Riva­li­tä­ten zwi­schen Eng­land und Ita­lien: die Eng­län­der hatten Bert Stern enga­giert, die Ita­lie­ner Helmut Newton. Wäh­rend der Kalen­der mit den Fotos von Bert Stern erschien (siehe Abbil­dun­gen unten), lan­de­ten die von Helmut Newton im Archiv. Offen­sicht­lich war auch New­tons Kalen­der damals schon fertig, denn Pirelli weist darauf hin, dass es eine glück­li­che Fügung sei, dass sich aus­ge­rech­net für den Jubi­lä­ums­ka­len­der die Tages­da­ten von 1986 und 2014 glei­chen.

New­tons Schwarz-Weiß-Auf­nah­men ent­stan­den in der Tos­kana und in Monte Carlo, Models waren die Ita­lie­ne­rin Anto­nia Dell’Atte, die Bra­si­li­ene­rin Betty Prado und die Britin Susie Bick.
 

Foto: Helmut Newton

Foto: © Pirelli-Kalen­der 2014, Helmut Newton
 
 
Foto: Helmut Newton

Foto: © Pirelli-Kalen­der 2014, Helmut Newton
 
 
Foto: Helmut Newton

Foto: © Pirelli-Kalen­der 2014, Helmut Newton
 
 
Foto: Helmut Newton

Foto: © Pirelli-Kalen­der 2014, Helmut Newton
 
 
Foto: Helmut Newton

Foto: © Pirelli-Kalen­der 2014, Helmut Newton

 
Seit dem Jahr 1964 gibt es jedes Jahr einen Pirelli-Kalen­der (mit Unter­bre­chun­gen 1967, sowie 1975 bis 1983 ein­schließ­lich) und seit Anbe­ginn ist Tra­di­tion, dass die Kalen­der nicht gekauft werden können, son­dern aus­schließ­lich an Freunde und Kunden des Hauses ver­schenkt werden. Die Auf­lage liegt wohl bei 35.000 Stück, wobei ihn laut Pirelli ca. 20.000 aus­ge­wählte Kunden und Freunde des Hauses zuge­sandt bekom­men. Alle, die nicht zu den Aus­er­wähl­ten gehö­ren, können die Kalen­der­blät­ter (auch ver­gan­ge­ner Jahre) unter Pirelli Calender Club – nach einer Regis­trie­rung bzw. Code-Ein­gabe (auf dem Kalen­der zu finden) – ein­se­hen oder sich über­le­gen, eins der Exem­plare käuf­lich zu ergat­tern. Billig wird das nicht: für einen Kalen­der werden bis zu 6000 Euro gebo­ten.
 

Foto: Bert Stern

Foto: © Pirelli-Kalen­der 1986, Bert Stern
 
 
Foto: Bert Stern

Machte damals das Rennen: der Pirelli-Kalen­der 1986, foto­gra­fiert von Bert Stern
Foto: © Pirelli-Kalen­der 1986, Bert Stern

 
Apro­pos Kult-Kalen­der: „The Cal“ ist wirk­lich Kult, und das zu Recht, denn im Gegen­satz zu bei­spiels­weise dem Lavazza-Kalender oder auch dem Campari-Kalender, die weni­ger und mehr gelun­gen gleich­falls mit hohem Geld- und Star-Auf­wand pro­du­ziert werden, bei denen aber immer auch das Pro­dukt eine Rolle im Bild spie­len muss, ver­schreibt sich der Pirelli-Kalen­der einzig den berühm­ten Foto­gra­fen und Models, stellt die Foto­gra­fie in den Mit­tel­punkt; das Pro­dukt spielt, wenigs­tens sicht­lich, keine Rolle. Es geht um Foto­gra­fie, nicht um Pro­dukt­werbe-Fotos. Eine Aus­nahme ist der Newton-Kalen­der: Newton hatte völlig freie Hand bis auf die For­de­rung, dass die Reifen der Firma mit im Bild sein müss­ten.

(thoMas)
 
 
Anhang #1:

Der Pirelli Kalen­der 1986 von Helmut Newton: die Geschichte (Beschrei­bung von Pirelli)

Als Pirelli Italia im Früh­ling 1985 Helmut Newton fragt, wie er sich den Kalen­der vor­stellt, ver­zich­tet das Unter­neh­men auf künst­le­ri­sche Vor­ga­ben. Ledig­lich das Pro­dukt von Pirelli soll deut­lich auf seinen Auf­nah­men zu sehen sein. Dies bedeu­tete eine Wende. Nicht nur für den Künst­ler, son­dern auch für den Kalen­der selbst. Denn bis dahin wird das aus­drucks­starke Bild weitab von einer direk­ten Bezug­nahme auf das “core busi­ness” von Pirelli bevor­zugt. Fortan gehö­ren auch Reifen mit dem Mar­ken­na­men Pirelli zum Set des ita­lie­ni­schen Pro­jek­tes.

Bis zu diesem Zeit­punkt stan­den Wer­be­zwe­cke im Hin­ter­grund. Sie beschränk­ten sich auf die Spur eines Rei­fen­pro­fils im Sand (Uwe Ommer, The Cal 1984) oder auf die Umrisse eines Gür­tel­rei­fens auf den Klei­dungs­stü­cken der Models (Norman Par­kin­son, The Cal 1985). Newton, der das Poten­tial des Kalen­ders kennt, nimmt die Her­aus­for­de­rung an.

Die ersten Auf­nah­men ent­ste­hen im Mai anläss­lich des Großen Prei­ses von Monte Carlo, dem Wohn­ort des Künst­lers. Später wird der Set in die Tos­kana in das Wein­bau­ge­biet Chi­anti, nach Podere Ter­reno ver­legt. Unter den Reben auf dem Land um Siena findet Newton das rich­tige Licht für seinen ita­lie­ni­schen “The Cal”™. Anhö­hen, Zypres­sen, Bau­ern­häu­ser, Bet­säu­len, Land­wirt­schafts­ma­schi­nen, eine kleine Tank­stelle und mit­tel­al­ter­li­che Ansied­lun­gen bilden die Kulisse für Auf­nah­men, die eine spe­zi­elle Atmo­sphäre wider­spie­geln, die für den Neo­ve­ris­mus typi­sch ist, eine Stil­rich­tung des moder­nen ita­lie­ni­schen Films.

Die Straße wird zur per­spek­ti­vi­schen Flucht­li­nie für statt­li­che Frauen, wie wir sie aus neo­ve­ris­ti­schen Filmen kennen und die durch Schau­spie­le­rin­nen wie Sil­vana Man­gano, Lucia Bosé und Sophia Loren berühmt wurden. Die sie beob­ach­ten­den Männer haben eine reine Zuschau­er­rolle.

An New­tons Seite ist stets Manuela Pavesi. Sie ist weit mehr als eine Mode­de­si­gne­rin, die den Geist einer höh­ni­schen und unru­hi­gen Weib­lich­keit zum Aus­druck bringt. Ihre Rolle scheint viel­mehr zu sein, eine Moral­vor­stel­lung in Szene zu setzen. Der Künst­ler wühlt in seiner Vor­stel­lungs­welt, in seinem Ver­lan­gen nach Vita­li­tät, die Eros wird. Er ist auf der Suche nach einem sinn­li­chen Stil, der seine Vor­stel­lung von der ita­lie­ni­schen Natur ver­mit­telt. Manuela Pavesi beglei­tet ihn auf seinem schöp­fe­ri­schen und gestal­ten­den Weg. Sie teilt mit ihm seinen gewag­ten und instink­ti­ven Gesichts­punkt, der sich mit seiner außer­ge­wöhn­li­chen Fähig­keit ver­eint, her­aus­for­dernde Inhalte in ein Hoch­glanz­bild zu ver­wan­deln.

Als Helmut Newton die Loca­tion ver­las­sen muss, um wegen einer nicht auf­schieb­ba­ren Fami­li­en­an­ge­le­gen­heit nach Monte Carlo zurück­zu­keh­ren, über­gibt er Manuela Pavesi seinen Foto­ap­pa­rat, damit sie ihn genau nach seinen Anwei­sun­gen in Stel­lung bringt. Die Auf­nah­men macht ihr Assis­tent Xavier Allon­cle, aber die Arbeit, die schon fast been­det war, wird unter der künst­le­ri­schen Urhe­ber­schaft von Newton abge­schlos­sen.

Der heute ver­öf­fent­lichte Kalen­der berück­sich­tigt das ursprüng­li­che Pro­jekt auch hin­sicht­lich der gra­fi­schen Gestal­tung. Er prä­sen­tiert zwölf Fotos des Meis­ters in Schwarz und Weiß. Hinzu kommen 29 Back­stage-Fotos. Sie brin­gen den Lieb­ha­bern das his­to­ri­sche Werk in Schwarz-Weiß zurück, das 1985 in Chi­anti und Monte Carlo geschaf­fen wurde.

Die vor­lie­gende, bis heute nie voll­stän­dig ver­öf­fent­lichte Aus­gabe, wird dem gestal­te­ri­schen Ansatz von Newton voll­kom­men gerecht. Die Fotos erfül­len sein schöp­fe­ri­sches Kon­zept. Und das End­pro­dukt wurde gemäß der künst­le­ri­schen Anschau­ung des Meis­ters her­aus­ge­ge­ben.
 
 
Anhang #2:

Über­sicht der bis­lang erschie­ne­nen Pirelli-Kalen­der:

1964 Robert Free­man auf Mal­lorca
1965 Brian Duffy im Süden Frank­reichs
1966 Peter Knapp in Al Hoce­ima, Marokko
1967 nicht ver­öf­fent­licht
1968 Harry Pecci­notti in Tune­sien
1969 Harry Pecci­notti in Big Sur, Kali­for­nien
1970 Fran­cis Gia­co­betti auf der Para­dise Island, Baha­mas
1971 Fran­cis Gia­co­betti in Jamaica
1972 Sarah Moon in der Villa Les Til­leuls, Paris
1973 Allen Jones in London
1974 Hans Feurer auf den Sey­chel­len
1975 bis 1983 nicht ver­öf­fent­licht
1984 Uwe Ommer auf den Baha­mas
1985 Norman Par­kin­son in Edin­burgh, Schott­land
1986 Bert Stern in den Cots­wolds, Eng­land
1987 Terence Dono­van in Bath, Eng­land
1988 Barry Late­gan in London
1989 Boyce Ten­ny­son in den Pola­roid Stu­dios, New York
1990 Arthur Elgort in Sevilla, Spa­nien
1991 Clive Arrows­mith in Frank­reich
1992 Clive Arrows­mith in Alme­ria, Spa­nien
1993 John Cla­ridge auf den Sey­chel­len
1994 Herb Ritts auf der Para­dise Island, Baha­mas
1995 Richard Avedon in New York
1996 Peter Lind­berg in El Mirage, Kali­for­nien
1997 Richard Avedon in New York
1998 Bruce Weber in Miami
1999 Herb Ritts in Los Ange­les
2000 Annie Lei­bo­vitz in Rhin­ebeck, New York
2001 Mario Tes­tino in Neapel
2002 Peter Lind­bergh in Los Ange­les
2003 Bruce Weber in Süd­ita­lien
2004 Nick Knight in Londra
2005 Patrick Demar­che­lier in Rio de Janeiro
2006 Mert and Marcus am Cap d’Antibes, Frank­reich
2007 Inez and Vinoodh in Kali­for­nien
2008 Patrick Demar­che­lier in Shang­hai, China
2009 Peter Beard in Abu Camp / Jack’s Camp, Bots­wana
2010 Terry Richard­son in Bra­si­lien
2011 Karl Lager­feld in Paris
2012 Mario Sor­renti in Mur­toli, Kor­sika
2013 Steve McCurry in Rio de Janeiro