Foto Mathias SchwenkeFoto OM-D EM-1„Königin der kompakten Systemkameras“ will sie sein, die OM-D E-M1. Klein und leicht, und dennoch auch auf die Ansprüche professioneller Fotografen ausgelegt: Das war Olympus‘ Anspruch bei der Konstruktion. Die spiegellose E-M1 soll zudem den Nutzern von Four-Thirds den schmerzlosen Umstieg auf Micro-Four-Thirds ermöglichen. Wir haben sie in der Praxis ausprobiert:

 
 
 

Foto Mathias Schwenke
 
 
Foto Mathias Schwenke

Die E-M1 in den Händen von Toshi Terada, der bei Olympus für die Produktplanung der Systemkameras zuständig ist

 
Obwohl mit dem Schwestermodell E-M5 eng verwandt, sieht Olympus die E-M1 (1500 Euro) als Nachfolgerin der drei Jahre alten Spiegelreflexkamera E-5. Deutlich kompaktere Abmessungen, höhere Geschwindigkeit und die bessere Suchervergrößerung hätten den Hersteller bewogen, nun auch beim Topmodell auf Spiegelreflextechnik samt optischem Sucher zu verzichten und eine „Spiegellose“ mit elektronischem Sucher zu bauen. Mit im Bildsensor integrierten AF-Pixeln soll mit Four-Thirds-Objektiven mindestens die Autofokusgeschwindigkeit der E-5 erreicht werden – die automatische Scharfstellung mit SLR-Objektiven und Adapter war bisher eine der Schwächen der spiegellosen PEN-Modelle und der E-M5.

Der Hersteller ermöglichte uns, im irischen Leslie Castle mit der Kamera eine Akkuladung leerzufotografieren und die Erfahrungen aus dem Ersteindruck zu bestätigen und zu vertiefen.
 

Foto OM-D E-M1

 
In der Hand: Gehäuse und Bedienkonzept

Mit 130 x 94 x 63 Millimetern Abmessung und nur 500 Gramm Gewicht orientiert sich Olympus an hauseigenen Spiegelreflexen aus den 1970er und 1980er Jahren und baut damit eine Systemkamera, die deutlich kleiner ausfällt als heutige Spiegelreflexkameras dieser Preisklasse. Auch Panasonics Lumix GH3 wird von der Olympus etwas unterboten. Das erleichtert das unbeschwerte und unauffällige Fotografieren, insbesondere mit einem der kompakten Micro-Four-Thirds-Objektive. Im Gegensatz zur E-M5 – da gab es die Griffvergrößerung im Zubehörsortiment – verfügt die E-M1 über einen deutlich ausgeprägten Handgriff, was das Handling deutlich erleichtert und etwas mehr Platz für die zahlreichen Bedienelemente schafft. Der Griff füllt die rechte Hand nicht komplett aus, dennoch, und auch dank des geringen Gewichts, ist ein ermüdungsarmes Arbeiten möglich. Wir haben die E-M1 fast ausschließlich mit dem Hochformathandgriff HLD-7 ausprobiert und möchten auf dieses rund 200 Euro teure Zubehör nicht verzichten. Nebenbei schafft der HLD-7 Platz für einen weiteren Akku, während der erste in der Kamera bleiben kann.
 

Foto Mathias Schwenke

Größenvergleich: links alpha 77, rechts E-M1

 
Keine leichte Aufgabe hatten die Konstrukteure bei der Entwicklung der Benutzerschnittstelle dieser kompakten Kamera: Olympus hat sich alle Mühe gegeben, die wichtigsten Funktionen im schnellen Zugriff zu haben – dementsprechend zahlreich sind die Rädchen, Schieber und Taster. Unter dem Platzmangel leidet die Position des Ein-/Ausschalters. Der ist auf die linke Oberseite gewandert.
 

Foto der Rückseite der OM-D E-M1
 
 
Foto der Oberseite der OM-D E-M1

 
Für Olympus-Neulinge ist beim Bedienkonzept etwas Umstellung erforderlich, etliche Knöpfe sind doppelt belegt: Daumen und Zeigefingerrädchen übernehmen je nach Stellung des Schalters an der Belichtungsspeichertaste mal Belichtungszeit und Blende, Belichtungskorrektur oder ISO-Wert, die HDR- und Serienbildtaste auf der „Rückspulkurbel“ auf der linken Kameraschulter lässt sich auf Wunsch nach dem Umschalten zur Einstellung der Belichtungsreihen nutzen, die AF- und Belichtungsmessmethodentaste zur Einstellung der Blitzbelichtung. Dazu kommen eine Reihe frei belegbarer Funktionstasten und unzählige Möglichkeiten, sie über die Menüs neu zu belegen. Das Ergebnis ist eine Kamera, die sich nach einer gewissen Einarbeitung schnell und auch mit dem Sucher am Auge gut bedienen lässt. Womit wir beim nächsten Thema wären:

Am Auge: Sucher

Die Entscheidung gegen das Spiegelreflexkamerakonzept und für einen elektronischen Sucher ermöglicht dem Hersteller nicht nur eine deutliche Gewichts- und Platzersparnis, sondern vor allem ein – im Verhältnis zum kleinen Four-Thirds-Format – deutlich größeres Sucherbild als bei einer Spiegelreflexkonstruktion. Das Sucherbild der E-M1 ist wunderbar groß – in etwa so groß wie das der Kleinbild-SLR EOS-1DX – aber auch mit Brille noch gut zu überblicken. Nachteil der Vergrößerung: Die einzelnen der 2,36 Millionen Bildpunkte (787.000 RGB-Pixel) des Suchers sind deutlich sichtbar, aber aus meiner Sicht selten störend. Die Farbwiedergabe stimmt, glücklicherweise rauscht es bei Dämmerung erheblich weniger als beispielsweise im elektronischen Sucher der Sony alpha 77.

Ich weiß, dass etliche Leser protestieren werden: Doch mich lässt der Sucher – technisch vergleichbar mit dem aufsteckbaren VF-4 von Olympus – einen SLR-Sucher kaum vermissen (vielleicht mal abgesehen von dem der Leica S). Bei der Auflösung besteht nach wie vor Luft nach oben – doch das ist Meckern auf hohem Niveau.

„Phace Detection“ und „Face Detection“: Der Autofokus

Der Autofokusantrieb von SLR-Objektiven, für den Einsatz des Phasenvergleichs-AF im SLR-Spiegelkasten ausgelegt, ist für den bildsensor-basierten Kontrast-AF der spiegellosen Systemkameras und den der Spiegelreflexkameras im Live-View-Modus oft nur ein schlechter Kompromiss: Während der traditionelle Phasenvergleichs-AF die korrekte Scharfstellung vorausberechnen kann und Objektive erfordert, deren Fokussiereinheit sich möglichst schnell ans Ziel fahren lässt, tastet sich der Kontrast-AF in kleinen Schritten an die korrekte Scharfstellung heran (und kurzzeitig darüber hinaus), indem er mit hoher Frequenz das Live-Bild des Bildsensors auswertet. Die Hersteller satteln deshalb in den letzten Jahren auf neue Antriebe wie etwa Schrittmotoren um.
 

Grafik Olympus

 
Wie schon einige Hersteller zuvor implementiert Olympus in der OM-D E-M1 einen Phasenvergleichs-AF auf Bildsensor-Ebene. Das heißt, kein Strahlenteiler hinter einem (nicht mehr vorhandenen) Hilfsspiegel leitet das Bild auf pro Messfeld zwei AF-CCD-Sensoren um, sondern einzelne Pixel des Bildsensors werden zu AF-Sensoren umgewidmet und maskiert, so dass sie nur noch gerichtetes Licht aufnehmen. Olympus zeigt Skizzen, in denen in jeder vierten Bildzeile jedes zweite Grün-Pixel durch ein AF-Pixel ersetzt wird. Damit stünde im Bereich der 37 linienförmigen Phasenvergleichs-AF-Sensoren jedes 16. Pixel nicht zur Bildaufzeichnung zur Verfügung und würde interpoliert.
 

Grafik: Olympus

 
Je nach Objektiv und AF-Einstellung schaltet die OM-D E-M1 zwischen Kontrast-AF und Phasenvergleichs-AF um: Sitzt ein Micro-Four-Thirds-Objektiv vor der Kamera, kombiniert die neue Olympus bei der Einstellung Schärfenachführung (C-AF) den Phasenvergleichs-AF mit dem Kontrast-AF, im Modus „Single AF“ (S-AF) verlässt sie sich wie bisher auf den Kontrast-AF. Mit Four-Thirds-SLR-Objektiven kommt ausschließlich der Phasenvergleichs-AF zum Einsatz. Und der arbeitet, soweit wir das bisher testen konnten, schnell und zielsicher.

Mit Four-Thirds-Objektiven will Olympus die Scharfstellgeschwindigkeit der E-5 übertroffen haben – nach unserem Test erscheint die Aussage plausibel. Der Kontrast-AF der E-M5 gehörte, mit den passenden Micro-Four-Thirds-Objektiven, ja bisher schon zu den schnellsten am Markt.

Zum Test hatten wir neben dem neuen M.Zuiko ED 2,8/12-40 mm (700 Euro) und dem M.Zuiko ED 1,8/75 mm (1000 Euro) die beiden Four-Thirds-Objektive Zuiko ED 2,0/14-35 mm und Zuiko ED 2,8/90-250 mm zur Verfügung. Ohne die Fokussiergeschwindigkeit systematisch untersuchen zu können, mein Eindruck: Die Micro-Four-Thirds-Objektive stellen etwas „sanfter“ scharf, das 14-35 geringfügig langsamer als das 12-40, das 90-250 ähnlich flott wie vergleichbare Supertele-Objektive. Deutlich spürbar erscheint mir der Geschwindigkeitsgewinn gegenüber der zum Vergleich herangezogenen Sony NEX-5R (mit 18-55), immer noch bemerkbar gegenüber der alpha 77 (mit 16-105).

Einen erheblichen Fortschritt stelle ich bei der Schärfenachführung fest: Mit bis zu sechs Bildern pro Sekunde führt die OM-D die Schärfe nach (wobei die Dunkelpausen zwischen den Aufnahmen etwas stören, aber bei Spiegelreflexkameras und Sonys SLTs in dieser Preisklasse ähnlich ausfallen). Problematisch war bei den Testaufnahmen weniger die AF-Geschwindigkeit als vielmehr die automatische Messfeldwahl: hierbei entschied sich die Kamera gelegentlich nicht für das am nächsten gelegene Motivdetail und lag daneben. Für Abhilfe sorgte ein Unterbrechen der Bildserie und ein Neuansetzen.

Das Fokus-Tracking, das ein einmal erfasstes Motiv verfolgen und im Fokus halten soll, funktionierte bei langsamen Bewegungen gut, soll aber zu Lasten der Bildrate gehen. Leider fehlte die Zeit, das Tracking auch bei Action-Bildern zu testen.

Wenn das Motiv nicht wegrennen kann, hilft der (kippbare) Touch-Bildschirm, die Schärfe an die gewünschte Stelle zu legen. Hier zeigt sich die Stärke der Spiegellosen, die nicht auf die AF-CCD-Hilfssensoren angewiesen ist, so dass man sich bei der Ausschnittswahl nicht an der Verteilung der AF-Felder zu orientieren braucht. Die Kamera erlaubt die Wahl zwischen 81 Feldern für den Kontrast- und 37 Feldern für den Phase-Detection-AF, deren Größe sich recht bequem reduzieren und die sich ebenfalls recht einfach zu Sensorgruppen zusammenfassen lassen.

Bei Portraits ist die Gesichts- oder vielmehr die Augenerkennung hilfreich: Anstatt sich durch Nase oder Wimpern ablenken zu lassen, stellte die Testkamera auf das Auge des Models nach – je nach Wunsch auf das linke, das rechte oder das am nächsten gelegene. Es funktioniert.
 

Foto Mathias Schwenke

(Klick aufs Bild!)
Aufnahme mit 2,0/14-35 mm bei 35 mm, 1/125 s, Blende 5,6, ISO 200
Die hier hinterlegte Originalaufnahme in voller Auflösung (9,4 MB groß) wurde mit dem aktuellen Adobe-Converter von ORF nach DNG konvertiert, in Photoshop CS3 geöffnet (Standardeinstellung) und als JPEG (höchste Qualität) gesichert. Nicht geschärft, auch keine sonstigen Anpassungen oder Bildkorrekturen.

 
Unter der Haube

Mit seinem 16-Megapixel-Live-MOS-Sensor zeigt sich der Hersteller auf der Höhe der Zeit. Beim Pixel-Peeping werden natürlich Unterschiede zu den Kleinbildmodellen der Mitbewerber sichtbar, aber kaum Nachteile zur APS-C-Konkurrenz. (Einen netten Vergleich unter Laborbedingungen finden Sie zum Beispiel bei dpreview unter E-M1 Studio Comparison). Wie Nikon bei der D800E und Pentax bei der K-5 IIs, und wie im Mittelformat grundsätzlich üblich, verzichtet Olympus auf das Tiefpassfilter vor dem Sensor und überlässt das Entfernen etwaiger Moirés der Software bzw. dem Anwenderwillen.
 

ISO 100

ISO 100    ISO 400    ISO 800    ISO 1600    ISO 3200    ISO 6400    ISO 12800    ISO 25600

Gesamtmotiv (oben) und Empfindlichkeitsreihe ISO 100 – 400 – 800 – 1600 – 3200 – 6400 – 12.800 – 25.600 (jeweils 100-%-Ausschnitt)

 
Auflösung geht schon bei ISO 800 deutlich verloren, doch sind Aufnahmen bis ISO 3200 nutzbar, ohne dass das Bildrauschen zu arg stört. Zur dokumentarischen Fotografie lässt sich noch deutlich höher gehen, wobei die Farbwiedergabe sich gegenüber den Schwestermodellen deutlich verbessert hat.

Fazit

Olympus gelingt das Kunststück, die Größenvorteile des kleineren Sensorformats mit einer Kamera umzusetzen, die auch professionelle Ansprüche erfüllen kann: Foto Olympus Spritzwasserdichtes und üppig gummiertes Gehäuse aus Magnesiumlegierung, großes Sucherbild, schneller AF auch mit den über 40 zum Teil exzellenten, ursprünglich für Spiegelreflexkameras konzipierten Four-Thirds-Objektiven, Schärfenachführung auf SLR-Kamera-Niveau, schneller Verschluss (1/8000 s, Synchronzeit 1/250 s), schnelle Bildrate (6,5 B/s mit AF-Nachführung auch im Raw-Modus, 10 B/s ohne AF-Nachführung), WLAN, beweglicher Touchscreen, Verzicht auf den Tiefpassfilter – der Hersteller ging bei der Konstruktion der E-M1 nur wenige Kompromisse ein. Die meisten dürften den kompakten Abmessungen geschuldet sein – der Verzicht auf ein eingebautes Blitzgerät oder den zweiten Speicherkartensteckplatz zum Beispiel; ein eingebautes GPS-Modul fehlt ebenfalls.

Foto

Auch wenn wir uns etwas Zeit genommen haben, so ist es kaum möglich, alles aufzuzählen, was uns gefallen hat. Einer der effektivsten Bildstabilisatoren am Markt etwa. Die wirksame Sensorreinigung sowieso. Die einfache Möglichkeit, die Kamera übers Smartphone oder Tablet zu steuern – inklusive der Anzeige des Sucherbildes natürlich. Manches ist nett – die Dauerbelichtung zum Beispiel, die das Zwischenergebnis auf dem Display bis zu 24 Mal aktualisiert. Manches erledige zumindest ich lieber später mit dem RAW-Konverter: die Effekte der unzähligen Art-Filter etwa, auf die Olympus stolz ist, auch die Aufgaben des Art-Creators oder der Tonwertkorrektur.

Nebenbei: Service Plus und OM-D-Events

Für Nutzer einer E-M1 intensiviert Olympus europaweit die Kundenbetreuung. Nach Registrierung der Kamera gibt es eine Garantieverlängerung von einem auf eineinhalb Jahre und eine Service-Hotline ausschließlich für E-M1-Nutzer. Am wichtigsten dürften den Anwendern jedoch die garantierten Reparaturzeiten von drei Tagen zuzüglich Transportzeiten sein. Den Versand im Servicefall organisiert ebenfalls Olympus.

Interessierte Käufer können die OM-D noch vor dem Verkaufsstart bei einem Fachhändler in Augenschein nehmen. Darüber hinaus lädt der Hersteller in Zusammenarbeit mit dem Fachhandel zu verschiedenen Kreativ- und Profi-Workshops ein. Termine unter www.olympus.de/omd. Jeder Teilnehmer erhält ein kleines Geschenk und einen 100-Euro-Gutschein für den Kauf von Systemzubehör.

(mts)
 
 
Beispielfotos: Mathias Schwenke
Produktfotos: Olympus
 

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