Foto Edith Tudor-Hart, Selbstporträt, London, um 1936Kom­mu­nis­tin, sowje­ti­sche Spio­nin, enga­gierte Arbei­ter­fo­to­gra­fin – Edith Tudor-Hart (1908–1973) begriff die Foto­gra­fie auch als poli­ti­sche Waffe, als „ein Mittel, um Ereig­nisse her­bei­zu­füh­ren und zu beein­flus­sen“:

Pres­se­infor­ma­tion vom Wien Museum Karls­platz:

EDITH TUDOR-HART

IM SCHATTEN DER DIKTATUREN

Eine Aus­stel­lung in Koope­ra­tion mit den Natio­nal Gal­le­ries of Scot­land

Nach Bar­bara Pflaum, Elfriede Mejchar und Trude Fleisch­mann widmet das Wien Museum aber­mals einer großen öster­rei­chi­schen Foto­gra­fin eine Per­so­nale: Edith Tudor-Hart (1908–1973), die in der Foto­ge­schichte auch unter ihrem Mäd­chen­na­men Edith Sus­chitzky bekannt ist. Sie zählt zur Riege jener poli­ti­sch enga­gier­ten Foto­gra­fin­nen und Foto­gra­fen, die ab den 1920er-Jahren mit sozi­al­kri­ti­schem Impe­tus den poli­ti­schen Ent­wick­lun­gen begeg­ne­ten – sowohl in Öster­reich als auch im eng­li­schen Exil, wo sie zu einer bedeu­ten­den Ver­tre­te­rin der Arbei­ter­fo­to­grafe-Bewe­gung wurde. Die Aus­stel­lung, die zuvor in Edin­burgh zu sehen war, gibt erst­mals einen Über­blick über das Werk dieser ebenso fas­zi­nie­ren­den wie bedeu­ten­den Künst­ler­per­sön­lich­keit. Sie ent­stand als Koope­ra­tion zwi­schen den Natio­nal Gal­le­ries of Scot­land und dem Wien Museum und wurde von Duncan Forbes, dem lang­jäh­ri­gen Haupt­kus­tos für Foto­gra­fie an den Natio­nal Gal­le­ries of Scot­land und neuem Leiter des Foto­mu­se­ums Win­ter­thur, kura­tiert.
 

Foto Edith Tudor-Hart, Selbstporträt, London, um 1936

Edith Tudor-Hart, Selbst­por­trät, London, um 1936
Digi­ta­ler Inkjet-Print, 30,4 x 30 cm
© Scot­tish Natio­nal Por­trait Gal­lery / Archive pre­sen­ted by Wolf­gang Sus­chitzky 2004

 
Edith Tudor-Hart wurde 1908 als Edith Sus­chitzky in Wien gebo­ren und wuchs in einem sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Eltern­haus auf, ihr Vater betrieb eine Arbei­ter­buch­hand­lung in Favo­ri­ten und einen revo­lu­tio­nä­ren Verlag. Schon in jungen Jahren knüpfte sie Kon­takte zur KPÖ und zur Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­nale, von beiden wurde sie beauf­tragt – mit lega­ler Par­tei­ar­beit ebenso wie mit Geheim­dienst­ak­ti­vi­tä­ten. Früh enga­gierte sich Tudor-Hart im Bereich der Kin­der­päd­ago­gik, absol­vierte eine Montes­s­o­ri­aus­bil­dung und ver­kehrte in jenen Krei­sen, die eine radi­kale, anti­au­to­ri­täre Reform von Schule und Erzie­hung vor­an­trie­ben. Erst ein Stu­di­en­auf­ent­halt am Bau­haus in Dessau (1928–1930) dürfte sie zur Foto­gra­fie gebracht haben, auch wenn Tudor-Hart in den Archi­ven bloß als Teil­neh­me­rin des berühm­ten Vor­kur­ses – und nicht als Stu­den­tin der Foto­gra­fie­ab­tei­lung – auf­scheint. Ihre ersten Auf­nah­men ent­stan­den um 1930 und „zeugen von einer tech­ni­sch ver­sier­ten Foto­gra­fin, die Themen wie die Ent­beh­run­gen der Arbei­ter­klasse und die reform­ori­en­tierte Kultur der öster­rei­chi­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie ebenso erkun­dete wie die Bedro­hung durch mili­ta­ris­ti­sche und faschis­ti­sche Kräfte“ (so der Foto­his­to­ri­ker Anton Holzer). Zugleich begann sie eine Kar­riere als Foto­re­por­te­rin für Illus­trierte.
 

Foto Edith Tudor-Hart, Demonstration von Arbeitslosen, Trealaw, South Wales, 1935

Edith Tudor-Hart, Demons­tra­tion von Arbeits­lo­sen, Tre­alaw, South Wales, 1935
Neuer Sil­ber­ge­la­tine-Abzug, 30,3 x 30 cm
© Scot­tish Natio­nal Por­trait Gal­lery / Archive pre­sen­ted by Wolf­gang Sus­chitzky 2004
 
 
Foto Edith Tudor-Hart, Obstverkäufer, Wien, um 1930

Edith Tudor-Hart, Obst­ver­käu­fer, Wien, um 1930
Neuer Sil­ber­ge­la­tine-Abzug, 30,3 x 30 cm
© Scot­tish Natio­nal Por­trait Gal­lery / Archive pre­sen­ted by Wolf­gang Sus­chitzky 2004
 
 
Foto Edith Tudor-Hart, Familie, Stepney, London, um 1932

Edith Tudor-Hart, Fami­lie, Step­ney, London, um 1932
Neuer Sil­ber­ge­la­tine-Abzug, 30,2 x 30,1 cm
© Scot­tish Natio­nal Por­trait Gal­lery / Archive pre­sen­ted by Wolf­gang Sus­chitzky 2004

 
Es war die Zeit, in der die Foto­gra­fie in den Mas­sen­me­dien dank ver­bes­ser­ter Tech­no­lo­gien enorm an Bedeu­tung gewon­nen hatte. Von Anfang an begriff Tudor-Hart die Kamera als poli­ti­sche Waffe, mit deren Hilfe man Miss­stände doku­men­tie­ren konnte, an den for­ma­len Expe­ri­men­ten der Avant­garde war sie nur wenig inter­es­siert. Die Foto­gra­fie hatte auf­ge­hört, „ein Instru­ment für das Auf­zeich­nen von Ereig­nis­sen zu sein und wurde statt­des­sen ein Mittel, um Ereig­nisse her­bei­zu­füh­ren und zu beein­flus­sen. Sie wurde eine leben­dige Kunst, die die Men­schen ein­be­zog.“ (Edith Tudor-Hart) Sie ver­öf­fent­lichte erste Foto­se­rien in den Zeit­schrif­ten Der Kuckuck, Arbei­ter-Illus­trierte-Zei­tung und Die Bühne, unter ande­rem eine Repor­tage aus dem depri­mie­ren­den Lon­do­ner East-End oder eine Serie über den Alltag im Wiener Prater. Dass sie als Kom­mu­nis­tin für ein sozi­al­de­mo­kra­ti­sches Medium wie den Kuckuck arbei­tete, hatte damit zu tun, dass die KPÖ medial (wie poli­ti­sch) in Öster­reich kaum eine Rolle spielte – hier musste sich die junge Foto­gra­fin der kom­mer­zi­el­len Rea­li­tät ihres Beru­fes anpas­sen. Aller­dings war sie auch für die sowje­ti­sche Nach­rich­ten­agen­tur TASS tätig, zudem setzte sie ihre Geheim­dienst­ak­ti­vi­tä­ten fort. Von einem Agen­ten­kol­le­gen wurde sie als „beschei­den, tüch­tig und mutig“ beschrie­ben, sie sei bereit, „alles für die Sache der Sowjets zu tun“. Dies wurde Edith Tudor-Hart schließ­lich zum Ver­häng­nis: Als die öster­rei­chi­sche Regie­rung 1933 gegen Nazis und Kom­mu­nis­ten vor­ging, wurde sie kur­zer­hand ver­haf­tet. Noch im glei­chen Jahr hei­ra­tete sie den eng­li­schen Arzt Alex­an­der Tudor-Hart, wodurch ihr 1934 die Flucht nach Groß­bri­tan­nien gelang. „Wenn wir die foto­gra­fi­sche Arbeit Sus­chitz­kys wäh­rend ihrer Wiener Jahre über­bli­cken, wird deut­lich, dass sie bereits in ihrer frühen Phase ein umfang­rei­ches und eigen­stän­di­ges Werk geschaf­fen hat“, so Anton Holzer.

Bei den Berg­ar­bei­tern in Wales

Im Exil gewan­nen Edith Tudor-Harts Foto­gra­fien weiter an sozi­al­kri­ti­scher Schärfe. So beglei­tete sie ihren Mann nach Süd­wales, wo er im Koh­le­re­vier als Arzt prak­ti­zierte. Die Wirt­schafts­krise hatte die Schwer­in­dus­trie und den Berg­bau im Norden Eng­lands beson­ders stark in Mit­lei­den­schaft gezo­gen, in vielen Klein­städ­ten und Dör­fern waren neun von zehn Män­nern arbeits­los. Auch die Fotos aus der Berg­bau- und Schiffs­bau­re­gion Tyne­side erzäh­len von erdrü­cken­den wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen und sozia­lem Nie­der­gang. Mit ihren Bil­dern hob sich Tudor-Hart deut­lich vom Main­stream der bri­ti­schen Foto­gra­fie ab, die zu dieser Zeit von einer bür­ger­li­chen, süß­lich-gefühls­se­li­gen Ästhe­tik geprägt war. Ihre Auf­nah­men bestechen durch die Qua­li­tät des Dia­logs mit den Por­trä­tier­ten, der gesell­schaft­li­che Kon­text ist stets sicht- und spür­bar. „Die von ihr foto­gra­fier­ten Frauen, Kinder und Arbei­ter wirken weni­ger ver­ding­licht und zumin­dest teil­weise stär­ker in die Lage ver­setzt, sich selbst zu reprä­sen­tie­ren“, so Duncan Forbes, der Kura­tor der Aus­stel­lung.

Wäh­rend der leich­ten wirt­schaft­li­chen Erho­lungs­phase Mitte der 1930er Jahre gelang es Tudor-Hart, sich ein Foto­stu­dio in London auf­zu­bauen: „Edith Tudor-Hart – Moderne Foto­gra­fie“ stand auf ihrem Brief­kopf. Sie spe­zia­li­sierte sich auf Por­trät­fo­to­gra­fie und konnte auch Wer­be­auf­träge an Land ziehen, u. a. für den Spiel­zeug­her­stel­ler Abbatt Toys. Außer­dem belie­ferte sie neue bri­ti­sche Illus­trierte, dar­un­ter das Maga­zin Lil­li­put und das Mas­sen­blatt Pic­ture Post sowie Regie­rungs­stel­len wie das bri­ti­sche Bil­dungs­mi­nis­te­rium. Für die tra­di­tio­nel­len Medien der Fleet Street zu arbei­ten, kam für sie aller­dings nicht infrage. Neben der ebenso kon­se­quen­ten wie nuan­cier­ten Arbei­ter­fo­to­gra­fie kon­zen­trierte sich Tudor-Hart vor allem nach dem Zwei­ten Welt­krieg auf die Arbeit mit Kin­dern, wobei sie auf ein großes Netz­werk an Kon­tak­ten zurück­grei­fen konnte. Dazu zähl­ten unter ande­rem der öster­rei­chi­sche Kin­der­arzt und Heil­päd­agoge Karl König sowie Anna Freud und Donald Win­ni­cott, zwei füh­rende Prot­ago­nis­ten der Kinder-Psy­cho­ana­lyse. Kin­der­für­sorge, Gesund­heit und Bil­dung beschäf­tig­ten sie, Agen­tu­ren wie die Bri­tish Medi­cal Asso­cia­tion, Mencap und der Natio­nal Baby Wel­fare Coun­cil wurden Auf­trag­ge­ber. Im Gegen­satz zur damals übli­chen sta­ti­schen Por­trät­fo­to­gra­fie im Studio zeigte Tudor-Hart Fami­lien und im Spe­zi­el­len Kinder natür­lich und leben­dig.
 

Foto Edith Tudor-Hart, Gee Street, Finsbury, London, um 1936

Edith Tudor-Hart, Gee Street, Fins­bury, London, um 1936
Neuer Sil­ber­ge­la­tine-Abzug, 34,1 x 29 cm
© Scot­tish Natio­nal Por­trait Gal­lery / Archive pre­sen­ted by Wolf­gang Sus­chitzky 2004
 
 
Foto Edith Tudor-Hart, Arbeitslose Familie, Wien, 1930

Edith Tudor-Hart, Arbeits­lose Fami­lie, Wien, 1930
© Wien Museum

 
Nach dem Zwei­ten Welt­krieg und mit dem Beginn des Kalten Krie­ges ver­schärfte sich die per­sön­li­che Situa­tion Tudor-Harts, die nach wie vor als sowje­ti­sche Agen­tin nie­deren Ranges tätig war. 1951, kurz nach­dem der sowje­ti­sche Spion Kim Philby erst­ma­lig ver­hört worden war, zer­störte sie aus Angst vor Ver­fol­gung die meis­ten ihrer Fotos sowie viele Nega­tive. „Ihr Leben als Par­ti­sa­nin der sowje­ti­schen Sache endete für sie als besiegte und zer­mürbte Frau“, so Duncan Forbes. Ab Ende der 50er Jahre ver­öf­fent­lichte sie keine Fotos mehr, ver­mut­lich auf Ver­lan­gen der bri­ti­schen Geheim­dienste. Trotz zahl­rei­cher Ver­höre wurde sie jedoch nie ver­haf­tet. Ihre letz­ten Lebens­jahre bis zu ihrem Tod 1973 ver­brachte Edith Tudor-Hart als Anti­qui­tä­ten­händ­le­rin in Brigh­ton.

Dass ihr foto­gra­fi­sches Werk wieder ent­deckt wurde, ist dem Bruder der Foto­gra­fin, dem Foto­gra­fen und Kame­ra­mann Wolf­gang Sus­chitzky, zu ver­dan­ken. Er bewahrte etli­che Nega­tive vor der Ver­nich­tung und über­gab 2004 den Scot­tish Natio­nal Gal­le­ries den foto­gra­fi­schen Nach­lass seiner Schwes­ter. Aus­stel­lung und Kata­log machen nun erst­mals einer brei­ten Öffent­lich­keit das außer­or­dent­li­che Werk Edith Tudor-Harts bekannt. Die Schau wurde im Früh­ling 2013 in den Natio­nal Gal­le­ries of Scot­land in Edin­burgh gezeigt und macht nach dem Wien Museum auch in Berlin Sta­tion. Sie ver­mit­telt erst­mals einen Wer­k­über­blick über die Wiener wie auch die eng­li­schen Jahre Tudor- Harts, viele Foto­gra­fien sind zum ersten Mal zu sehen. Zudem erscheint anläss­lich der Aus­stel­lung die erste umfas­sende Publi­ka­tion zu dieser großen öster­rei­chi­schen Künst­le­rin.
 
 
Aus­stel­lung:
Edith Tudor-Hart
Im Schat­ten der Dik­ta­tu­ren
26. Sep­tem­ber 2013 bis 12. Jänner 2014

Wien Museum Karlsplatz
Karls­platz
1040 Wien
 

Foto Edith Tudor-Hart, aus der Serie „Moving and Growing“ (»Sich bewegen und wachsen«), 1951

Edith Tudor-Hart, aus der Serie „Moving and Gro­wing“ (»Sich bewe­gen und wach­sen«), 1951
© Wien Museum

 
(thoMas)