Foto Wilhelm Schürmann, Kohlscheid, Aachen 1977Wil­helm Schür­mann foto­gra­fiert in den Städ­ten und an ihren Rän­dern was ist; zeigt Deutsch­land als eine kühle Gegend:

 
 
 
 
 

Foto Wilhelm Schürmann, Kohlscheid, Aachen 1977

Wil­helm Schür­mann, Kohl­scheid, Aachen 1977
Sil­ber­ge­la­tine, vin­tage print 30,3 x 38,4 cm (Blatt­maß), 22,5 x 30 cm (Bild­maß)
Samm­lung Nie­der­säch­si­sche Spar­kas­sen­stif­tung
© Wil­helm Schür­mann

 
Pres­se­mit­tei­lung des Spren­gel Muse­ums:

Wil­helm Schür­mann
BILDER AUS DEUTSCHLAND
14. August – 24. Novem­ber 2013

Viel­leicht kann man sich die BRD in der zwei­ten Hälfte der 1970er-Jahre so vor­stel­len: Am west­li­chen Rand, in etwa dort, wo Wil­helm Schür­mann foto­gra­fiert, erlebt die Idee von Europa (der zoll­freie Ver­kehr war im Bereich der Stahl- und Berg­bau­in­dus­trie hier bereits 1951/52 mit der Grün­dung der Mon­tan­union ein­ge­führt worden) nach dem Ende des Wirt­schafts­wun­ders eine ihrer frühen Krisen. Am öst­li­chen Rand der Repu­blik suchen Bruno Winter und Robert Lander – die Prot­ago­nis­ten des Wim-Wen­ders-Films Im Lauf der Zeit (1976/77) – ent­lang der inner­deut­schen Grenze von Kino zu Kino vaga­bun­die­rend nach einem Weg in die Gegen­wart und reka­pi­tu­lie­ren die ame­ri­ka­ni­sche Kolo­nia­li­sie­rung ihres Unter­be­wusst­seins. In der Mitte pul­siert blei­schwer der deut­sche Herbst.

Die Foto­gra­fie liegt nun in den Händen einer Gene­ra­tion, die wie Winter und Lander um eine Befrei­ung von der jün­ge­ren deut­schen Geschichte, um einen Neu­an­fang ringt. Sie ist durch das Kino der Nou­velle Vague ebenso gegan­gen wie durch die Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den medien- und kul­tur­kri­ti­schen Aspek­ten der Kon­zept­kunst. Ihre foto­gra­fi­schen Helden heißen Eugène Atget, Diane Arbus, Doro­thea Lange, Walker Evans, August Sander oder Albert Renger-Patz­sch. Sei es in der Spec­trum Pho­to­ga­le­rie (1972–1991), in der Gale­rie Licht­trop­fen (Schür­mann & Kicken, Aachen, 1974–1979), in der Gale­rie Wilde (1972–1985) oder auf der docu­menta 6 (1977) – die Foto­gra­fie defi­niert sich vor allem in Refe­renz auf die über die USA ver­mit­tel­ten poe­ti­schen All­tags­sys­te­ma­ti­ker der ersten Jahr­zehnte des 20. Jahr­hun­derts. Am kon­se­quen­tes­ten unter­rich­tet dies – noch sind die Folgen nicht abseh­bar – Bernd Becher, unter­stützt von Hilla Becher, ab 1976 an der Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf. Im glei­chen Jahr eröff­net Michael Schmidt an der VHS Kreuz­berg eine Werk­statt für Foto­gra­fie mit Brü­cken­funk­tion in die USA. Er ver­öf­fent­licht zwei Jahre später die Publi­ka­tion Berlin-Wed­ding (Berlin 1978). Kurz darauf publi­ziert Hein­rich Rie­be­sehl Agrar­land­schaf­ten (Bremen 1979), auch Wil­helm Schür­mann legt eine foto­gra­fi­sche Mono­gra­fie vor (Wil­helm Schür­mann, Foto­gra­fien, Köln 1979). Es sind die ersten ‚Autoren’-Publikationen der deut­schen Nach­kriegs­fo­to­gra­fie.
 

Foto Wilhelm Schürmann, Schanz, Aachen, 1978

Wil­helm Schür­mann, Schanz, Aachen 1978
Sil­ber­ge­la­tine, vin­tage print 30,4 x 40,3 cm (Blatt­maß), 20,6 x 28,2 cm (Bild­maß)
Samm­lung Nie­der­säch­si­sche Spar­kas­sen­stif­tung
© Wil­helm Schür­mann
 
 
Foto Wilhelm Schürmann, Stadthaus, Bonn, 1979

Wil­helm Schür­mann, Stadt­haus, Bonn 1979
Sil­ber­ge­la­tine, vin­tage print 30,5 x 39,7 cm (Blatt­maß), 22,2 x 28,1 cm (Bild­maß)
Samm­lung Nie­der­säch­si­sche Spar­kas­sen­stif­tung
© Wil­helm Schür­mann
 
 
Foto Wilhelm Schürmann, Hochstadenring, Bonn 1979

Wil­helm Schür­mann, Hoch­sta­den­ring, Bonn 1979
Sil­ber­ge­la­tine, vin­tage print 30,4 x 39,5 cm (Blatt­maß), 22,5 x 28,2 cm (Bild­maß)
Samm­lung Nie­der­säch­si­sche Spar­kas­sen­stif­tung
© Wil­helm Schür­mann

 
Schür­mann ist in diesen Jahren, nicht zuletzt als Mit­ku­ra­tor der Aus­stel­lung In Deutsch­land. Aspekte zeit­ge­nös­si­scher Doku­men­tar­fo­to­gra­fie im Rhei­ni­schen Lan­des­mu­seum Bonn (1979, gemein­sam mit Klaus Honnef) eine der zen­tra­len Per­sön­lich­kei­ten dieser Ent­wick­lun­gen. Doch ist er, in gewis­ser Weise, auch ein Abweich­ler: In stets streng gebau­ten büh­nen­ar­ti­gen Bil­dern foto­gra­fiert Schür­mann in seiner nahen Umge­bung, in den Städ­ten und an ihren Rän­dern, was ist. Zwar ordnet sich das Werk nach the­ma­ti­schen Bezü­gen und sind diese, wie der kürz­lich erschie­nene Band Weg­wei­ser zum Glück, Bilder einer Straße 1979–1981 (Köln 2012) erneut zeigt, häufig äußerst kom­plex durch­ge­ar­bei­tet. Doch ist jedes Bild eher ein Ein­zel­bild als ein Teil einer seri­el­len Ord­nung: Jede Situa­tion ver­langt nach einer nur ihr gemä­ßen, prä­zise erar­bei­te­ten Kom­po­si­tion. Die sinn­lich-intel­lek­tu­elle Lust an den sub­ti­len Codes und Bot­schaf­ten der Objekt­kon­stel­la­tio­nen setzt den seri­el­len und sys­te­ma­ti­sie­ren­den Metho­di­ken Gren­zen.

In der in dieser Aus­stel­lung vor­ge­stell­ten Bild­aus­wahl zeigt sich Deutsch­land als eine kühle Gegend zwi­schen Krise und Krise, als ein stän­di­ges Pro­vi­so­rium gewebt aus Rei­hen­haus­sied­lun­gen, Gewer­be­bau­ten, moder­nis­ti­schen Ein­spreng­seln, Hin­ter­hö­fen, Gara­gen, Kirch­tür­men, Strom­lei­tun­gen, Auto­tras­sen und Bahn­hofs­si­tua­tio­nen. Doch beinhal­ten diese Pro­vi­so­rien hier eben immer auch einen sub­ti­len Rest anar­chi­schen Poten­ti­als: Sie sind poten­ti­elle Andock­stel­len und Optio­nen auf Zukünf­ti­ges.

Wil­helm Schür­mann, 1946 in Dort­mund gebo­ren, foto­gra­fiert seit er 16 ist. Er stu­diert Chemie, grün­det mit Rudolf Kicken die Gale­rie Licht­trop­fen, ver­lässt diese 1977, unter­rich­tet von 1981 bis 2010 Freie Foto­gra­fie an der Fach­hoch­schule Aachen. 1982 legt eine erste Begeg­nung mit Martin Kip­pen­ber­ger den Grund­stein für die Sam­mel­tä­tig­keit von Gaby und Wil­helm Schür­mann: Objekt­kon­stel­la­tio­nen blei­ben seine Lei­den­schaft. Als Foto­graf ist Wil­helm Schür­mann immer wieder neu zu ent­de­cken.
 

Foto Wilhelm Schürmann, Kohlscheid, Aachen, 1978

Wil­helm Schür­mann, Kohl­scheid, Aachen, 1978
Sil­ber­ge­la­tine, vin­tage print 30,4 x 39,2 cm (Blatt­maß), 22,6 x 27,7 cm (Bild­maß)
Samm­lung Nie­der­säch­si­sche Spar­kas­sen­stif­tung
© Wil­helm Schür­mann

 
Aus­stel­lung:
Wil­helm Schür­mann
Bilder aus Deutsch­land
14. August – 24. Novem­ber 2013

Sprengel Museum Hannover
Kurt-Schwit­ters-Platz
30169 Han­no­ver
 

(thoMas)