Robert Mapplethorpe, Flower, 1988Die Salz­bur­ger Aus­stel­lung „Flowers & Mushrooms“ beleuch­tet die Bedeu­tungs­ebe­nen, und auch die Kli­schees, die den Sujets respek­tive Sym­bo­len „Blume“ und „Pilz“ in der Kunst zuge­ord­net werden:

 
Medi­en­info vom MdM Mönchs­berg:

Flowers & Mushrooms

Aus­stel­lung im MdM MÖNCHSBERG
27.7. – 27.10.2013

Seit geraumer Zeit erlebt die Dar­stel­lung von Blume und Pilz eine Renais­sance in der Bil­den­den Kunst. Die üppige Schau Flowers & Mushrooms beleuch­tet die Kli­schees und die Viel­zahl an Bedeu­tungs­ebe­nen von Blumen und auch Pilzen als Sym­bol­trä­ger in der Kunst. Anhand einer Aus­wahl von Werken aus den Berei­chen Foto­gra­fie, auf Foto­gra­fie basie­ren­der Male­rei, Video und Plastik/Installation werden aktu­elle gesell­schaft­li­che und ästhe­ti­sche Fra­ge­stel­lun­gen ver­han­delt.
 

Foto Imogen Cunningham, 
Two Callas, um 1925

Imogen Cun­ningham, Two Callas, um 1925
Gela­ti­nesil­ber­ab­zug, Estate Prints, 2013 21,5 x 17 cm
Öster­rei­chi­sche Foto­ga­le­rie, Museum der Moderne Salz­burg
© The Imogen Cun­ningham Trust, 2013

 
Blumen werden heute vor­ran­gig mit ihrer deko­ra­ti­ven Funk­tion in Ver­bin­dung gebracht. Bei Hoch­zei­ten aber auch bei Beer­di­gun­gen kommt ihnen über­dies eine sym­bo­li­sche Funk­tion zu, stehen sie doch für Fri­sche und Frucht­bar­keit ebenso wie für Ver­gäng­lich­keit und Tod. Eine nähere Betrach­tung der viel­fäl­ti­gen sym­bo­li­schen Ver­wen­dung in der Kul­tur­ge­schichte bringt wei­tere Bedeu­tungs­ebe­nen, die sich nicht selten auch auf das Ambi­va­lente und Abgrün­dige der mensch­li­chen Exis­tenz bezie­hen, zum Vor­schein. Die zeit­ge­nös­si­sche Kunst greift diese lange und kom­plexe Bild­tra­di­tion von Blume und Pilz auf und schreibt sie in einer Erwei­te­rung um neue Per­spek­ti­ven fort.
 

Peter Fischli / David Weiss, Pilze / Funghi 18,1997/98

Peter Fischli / David Weiss, Pilze / Funghi 18,1997/98
Inkjet-Print auf Poly­est­er­fo­lie 73,8 x 106,7 cm
Baye­ri­sche Staats­ge­mäl­de­samm­lun­gen Mün­chen – Pina­ko­thek der Moderne
Erwor­ben von PIN, Freunde der Pina­ko­thek der Moderne für die Samm­lung Moderne Kunst
© the artists, Gale­rie Sprüth Magers Berlin London, Gale­rie Eva Pre­sen­hu­ber Zürich und Mat­t­hew Marks Gal­lery New York
Foto: Walter Bayer

 
Namens­pate der Aus­stel­lung ist das Künst­ler­duo Peter Fischli/David Weiss mit ihrer mehr­tei­li­gen Werk­se­rie Ohne Titel (Flowers, Mushrooms). Mit der Rolle von Kli­schees und geläu­fi­gen Themen setzen sich die Schwei­zer seit vielen Jahren aus­ein­an­der. Hier beinhal­te­ten ver­schie­dene Dia­pro­jek­tio­nen samt einer umfang­rei­chen Serie von Inkjet- Prints und Cibachro­mes Über­blen­dun­gen von Blumen- und Pilz­mo­ti­ven.

Als Entrée zur Aus­stel­lung zeigt ein his­to­ri­scher Teil Auf­nah­men aus dem 19. und frühen 20. Jahr­hun­dert. Vor allem die Foto­gra­fie als neues Medium ist eine beson­dere Bezie­hung mit dem Flo­ra­len ein­ge­gan­gen: Die mit­tels Foto­gra­fie fest­ge­hal­te­nen viel­fäl­ti­gen Pflan­zen- und Blu­men­for­men dien­ten gleich­sam als Ersatz für das tra­di­tio­nelle Her­ba­rium oder aber als natür­li­che Vor­bil­der, als „Urfor­men der Kunst“ (Karl Bloss­feldt, 1928) für orna­men­tale Gestal­tun­gen im Unter­richt. Bereits zu Beginn der Geschichte der Foto­gra­fie moti­vierte wis­sen­schaft­li­ches Inter­esse Pio­niere wie Wil­liam Henry Fox Talbot oder Anna Atkins zu bemer­kens­wer­ten Pflan­zen- dar­stel­lun­gen.
 

David LaChapelle, Late Summer, 2008-2011

David LaCha­pelle, Late Summer, 2008–2011
C-Print 152 x 110 cm
Cour­tesy of the Artist ROBILANT + VOENA, London – Milan

 
Die affir­ma­tive Über­stei­ge­rung des deko­ra­ti­ven Cha­rak­ters der Blume reizte später keinen Gerin­ge­ren als Andy Warhol, ein simp­les foto­gra­fi­sch repro­du­zier­tes Blu­men­mo­tiv in seinen Flowers (ab 1964) wieder auf­zu­grei­fen, in einer seri­el­len Wie­der­ho­lung iro­ni­sie­rend zu über­hö­hen und damit einem bana­len All­tags­ge­gen­stand iko­ni­schen Status zu ver­lei­hen. Künst­ler wie David LaCha­pelle und Marc Quinn führen mit der aggres­si­ven Far­big­keit ihren beein­dru­ckend herr­schaft­li­chen Blumen- Arran­ge­ments das baro­cke Sinn­bild für Üppig­keit fort, beto­nen aber auch jenen glei­cher­ma­ßen ent­hal­te­nen dro­hen­den Moment, in dem das Über­maß einen alles ver­schlin­gen­den Cha­rak­ter anneh­men kann.

Blüte und Knospe stehen nach wie vor für Erotik im All­ge­mei­nen, erzeu­gen durch ihr Erschei­nungs­bild Asso­zia­tio­nen mit dem weib­li­chen und männ­li­chen Geschlecht im spe­zi­el­len und wirken damit per se sinn­lich. Als frühe Vor­läu­fe­rin dieser sexua­li­sier­ten und den­noch ana­ly­ti­schen Wahr­neh­mung von Blumen gilt Imogen Cun­ningham, gefolgt von Robert Mapp­le­t­horpe, die beide diese spe­zi­elle Wahr­neh­mung – ero­ti­sch auf­ge­la­den und gleich­zei­tig kühl – in ihren Foto­gra­fien umsetz­ten, indem sie in ihrer teils skulp­tu­ra­len Behand­lung der Blume Ana­lo­gien zum mensch­li­chen Körper zogen.
 

Michael Wesely, Stilleben (29.12. - 4.1.2012), 2012

Michael Wesely, Stil­le­ben (29.12. – 4.1.2012), 2012
C-Print, Ult­ra­SecG, Metall­rah­men 100 x 130 cm
Cour­tesy Gale­rie Fah­ne­mann, Berlin
© VBK, Wien, 2013

 
Künst­le­rin­nen wie Vera Lutter, Paloma Nava­res und Chen Lin­gyang rich­ten einen spe­zi­fi­sch weib­li­chen Blick auf die Blume als Symbol für die eigene iden­ti­täts­stif­tende Geschlecht­lich­keit, aber auch für deren Ver­letz­lich­keit und Aus­ge­setzt­heit und erhe­ben die Blume damit auf eine sozi­al­kri­ti­sche und poli­ti­sche Ebene. Eng ver­bun­den mit dem Eros ist Tha­na­tos, der Tod. Die wel­kende Blume als Symbol der Vani­tas greift Michael Wesely in seinen Lang­zeit­be­lich­tun­gen auf, die die Blumen durch den Pro­zess von der kraft­vol­len Blüte zum hän­gen­den Kopf beglei­ten und den­noch bis zum Schluss ihre Schön­heit unter­strei­chen. Ent­klei­det von jeder Lieb­lich­keit und sogar bedroh­lich hin­ge­gen wirken die Mons­tro­si­tä­ten aus Blumen in den „wüsten“ Video-Instal­la­tio­nen von Natha­lie Djur­berg, die Gewalt und Miss­brauch the­ma­ti­sie­ren.

Pilze bewe­gen sich sowohl in ihrem natür­li­chen Raum als auch in der Kul­tur­ge­schichte eher auf der Schat­ten­seite. Haupt­säch­lich in Ver­bin­dung gebracht mit zwie­lich­ti­ger Alche­mie und Hexen­kunst, begehrt und gefürch­tet als Hal­lu­zi­no­gen, fand der Pilz zahl­reich Ein­gang in die phan­tas­ti­schen Berei­che von Kunst und Lite­ra­tur. Ähn­lich wie die Blume kann der Pilz eine lange kul­tur­ge­schicht­li­che Tra­di­tion auf­wei­sen und taucht seit geraumer Zeit im Kon­text künst­le­ri­scher Pro­duk­tio­nen immer wieder auf. Sylvie Fleury kon­trol­liert bei­spiels­weise den Raum mit einem „Wald“ über­di­men­sio­nier­ter „mushrooms“, deren mit Auto­lack über­zo­gene Ober­flä­che den ihnen inne­woh­nen­den Cha­rak­ter eines Fremd­kör­pers ver­stärkt. Ihre Über­di­men­sio­na­li­tät und glit­zernde Erschei­nung lässt an Szenen aus „Alice im Wun­der­land“ denken, in denen die Prot­ago­nis­tin von einem Pilz isst, um schrump­fen und wieder wach­sen zu können. Mit gera­dezu wis­sen­schaft­li­chem Inter­esse ist Cars­ten Höller den Pilzen auf der Spur, deren Ein­zig­ar­tig­keit und Indi­vi­dua­li­tät er in detail­rei­chen Farb­fo­to­gra­fien doku­men­tiert, oder in über­le­bens­gro­ßen raum­grei­fen­den Skulp­tu­ren und Schau­käs­ten umsetzt.
 

Robert Mapplethorpe, Flower, 1988

Robert Mapp­le­t­horpe, Flower, 1988
Gela­ti­nesil­ber­ab­zug 71,1 x 68,6 cm
© The Robert Mapp­le­t­horpe Foun­da­tion, New York

 
Zu sehen sind Werke von Nobuyo­shi Araki, Anna Atkins, Eliska Bartek, Chris­to­pher Beane, Karl Bloss­feldt, Lou Bonin-Tchi­mou­koff, Bal­tha­sar Burk­hard, Gio­vanni Cas­tell, Geor­gia Crei­mer, Imogen Cun­ningham, Natha­lie Djur­berg, Hans-Peter Feld­mann, Peter Fischli/David Weiss, Sylvie Fleury, Seiichi Furuya, Ernst Haas, Cars­ten Höller, Judith Huemer, Dieter Huber, Rolf Koppel, August Kotz­sch, David LaCha­pelle, Edwin Hale Lin­coln, Chen Lin­gyang, Vera Lutter, Katha­rina Malli, Robert Mapp­le­t­horpe, Elfriede Mejchar, Moritz Meurer, Paloma Nava­res, Nam June Paik, Marc Quinn, Albert Renger- Patz­sch, Zeger Reyers, Pipi­lotti Rist, August Sander, Gitte Schä­fer, Shirana Shah­bazi, Luzia Simons, Thomas Stimm, Robert von Sto­ckert, Wil­liam Henry Fox Talbot, Diana Thater, Stefan Waibel, Xiao Hui Wang, Andy Warhol, Alois Auer von Wels­bach, Michael Wesely, Man­fred Will­mann, Andrew Zucker­man.

Kura­to­ren: Toni Stooss, Tina Teufel und Veit Zie­gel­maier Kura­to­ri­sche Assis­tenz: Katja Mit­ten­dor­fer-Oppol­zer, Chris­tina Penets­dor­fer

Zur Aus­stel­lung erscheint die Publi­ka­tion „Flowers & Mushrooms“ im Hirmer Verlag, hrsg. von Toni Stooss, mit Texten von Mat­thias Harder, Mila Moschik, Tina Teufel, Peter Wei­er­mair und Veit Zie­gel­maier, sowie mit einem Vor­ab­druck eines Aus­zugs aus Peter Hand­kes „Ver­such über den Pilz­nar­ren“ (Suhr­kamp, Herbst 2013). Mit ca. 240 Seiten, 180 Abbil­dun­gen, gebun­den, um € 39,90 in den MdM-Muse­ums­shops erhält­lich.
 
 
Aus­stel­lung:
Flowers & Mushrooms
27.7.2013 – 27.10.2013

MdM Mönchsberg
Mönchs­berg 32
5020 Salz­burg
 

Marc Quinn, Landslide in the South Tyrol, 2009

Marc Quinn, Lands­lide in the South Tyrol, 2009
Öl auf Lein­wand 168,5 x 254 x 3 cm
Gale­rie Thad­da­eus Ropac, Paris – Salz­burg
Foto: Ulrich Ghezzi

 
(thoMas)