lian Wearing, video still from Sixty Minute Silence, 1996Gil­lian Wea­rings Inter­esse gilt den Sicht- und Ver­hal­tens­wei­sen unter­schied­lichs­ter Men­schen, deren Eigen­wahr­neh­mung und Außen­wir­kung:

 
 
 
 
 

Gillian Wearing, Self Portrait at 17 Years Old, 2003

Gil­lian Wea­ring, Self Por­trait at 17 Years Old, 2003
C-Print, gerahmt, 115,5 x 92 cm
© Gil­lian Wea­ring, Cour­tesy Mau­reen Paley, London, Regen Pro­jects, Los Ange­les und Tanya Bonak­dar Gal­lery, New York

 
Pres­se­mit­tei­lung der Pina­ko­thek der Moderne:

GILLIAN WEARING

Eine Aus­stel­lung der Pina­ko­thek der Moderne im Museum Brand­horst, Mün­chen, in Koope­ra­tion mit der Whi­te­cha­pel Gal­lery, London, und der Kunst­samm­lung Nord­rhein-West­fa­len, Düs­sel­dorf

Die erste große Retro­spek­tive zum Werk von Gil­lian Wea­ring in Deutsch­land zeigt foto­gra­fi­sche Arbei­ten und Film­in­stal­la­tio­nen. Neun Aus­stel­lungs­räume bieten einen Über­blick über das bis­he­rige Schaf­fen, ver­mit­teln dessen spe­zi­fi­sche Ästhe­tik und cha­rak­te­ris­ti­sche künst­le­ri­sche Stra­te­gien. Für Gil­lian Wea­ring, so zeigt sich, bedeu­tet das Kunst-Machen soziale Bezie­hun­gen sicht­bar zu machen. Gil­lian Wea­ring zählt zu den wich­tigs­ten Künst­le­rin­nen ihrer Gene­ra­tion in Groß­bri­tan­nien. Gebo­ren 1963 in Bir­ming­ham, stu­dierte sie am renom­mier­ten Lon­do­ner Golds­miths Col­lege und erlangte seit den 1990er Jahren inter­na­tio­nale Bekannt­heit. 1997 wurde die Künst­le­rin mit dem Turner Prize aus­ge­zeich­net.

Gil­lian Wea­ring geht es in ihren Arbei­ten immer wieder um den Selbst­aus­druck von Men­schen in insze­nier­ten Situa­tio­nen. Ihr Inter­esse gilt Sicht- und Ver­hal­tens­wei­sen unter­schied­lichs­ter Men­schen – Durch­schnitts­bür­gern sowie Obdach­lo­sen, Rent­nern wie auch Schul­kin­dern. In scho­nungs­lo­ser, aber immer auch behut­sa­mer Aus­ein­an­der­set­zung ent­ste­hen Por­träts, in denen sich eine fra­gile Balance ein­stellt zwi­schen Eigen­wahr­neh­mung und Außen­wir­kung, Pri­vat­heit und Öffent­lich­keit, Wahr­haf­tig­keit und Pro­jek­tion.
 

Foto Gillian Wearing, I’M DESPERATE, 1992-93    Foto Gillian Wearing, HELP, 1992-93

Gil­lian Wea­ring, Signs that say what you want them to say and not Signs that say what someone else wants you to say
I’M DESPERATE, 1992–93 / HELP, 1992–93
C-Prints, auf Alu­mi­nium mon­tiert, 44,5 x 29,7 cm
© Baye­ri­sche Staats­ge­mäl­de­samm­lun­gen
© Gil­lian Wea­ring, Cour­tesy Mau­reen Paley, London, Regen Pro­jects, Los Ange­les und Tanya Bonak­dar Gal­lery, New York

 
Die frü­hes­ten Arbei­ten sind Aktio­nen im öffent­li­chen Stra­ßen­raum. 1992/93 bat Gil­lian Wea­ring wild­fremde Pas­san­ten, einen ihnen wich­ti­gen Gedan­ken spon­tan zu Papier zu brin­gen, um danach die jewei­lige Person mit ihrer Bot­schaft foto­gra­fi­sch fest­zu­hal­ten. Die ins­ge­samt rund 600 Por­träts umfas­sende Serie mit dem Titel »Signs that Say What You Want Them to Say and Not Signs that Say What Someone Else Wants You to Say« (»Schil­der, die sagen, was du mit ihnen sagen willst, und nicht Schil­der, die sagen, was jemand ande­res will, das du es mit ihnen sagst«) spie­gelt Kon­trolle und Kon­troll­ver­lust, die mit Bild­pro­duk­tion und Bild­wir­kung zwangs­läu­fig ein­her­ge­hen.
 

lian Wearing, video still from Sixty Minute Silence, 1996

Gil­lian Wea­ring, video still from Sixty Minute Silence, 1996, Video (Pro­jek­tion), Farbe, Ton, 60’
© Gil­lian Wea­ring, Cour­tesy Mau­reen Paley, London, Regen Pro­jects, Los Ange­les und Tanya Bonak­dar Gal­lery, New York

 
Auf einem Grup­pen­bild­nis, das an his­to­ri­sche Gemälde erin­nert, schauen 26 Männer und Frauen in Poli­zei­uni­for­men stumm, aber ein­dring­lich die Betrach­ter an. Das Por­trät ist keine Foto­gra­fie, son­dern ein Film. In der Video­in­stal­la­tion »Sixty Minute Silence« (1996) werden aus »nur« Dar­ge­stell­ten unbe­re­chen­bare Akteure – eine ganze Stunde lang.

Wohl die meis­ten Men­schen haben sich schon gefragt, wie viel von ihrer Mutter oder ihrem Vater in ihnen steckt. Für die Selbst­in­sze­nie­run­gen als Mit­glie­der der eige­nen Fami­lie (2003–06) schlüpfte Gil­lian Wea­ring, inspi­riert von alten Fotos, in nach­ge­bil­dete Hüllen ihrer nächs­ten Ver­wand­ten. Aus den Sili­kon­mas­ken heraus blickt stets Wea­ring selbst in die Kamera – bis­wei­len älter als es die Ver­kör­per­ten zum Zeit­punkt des foto­gra­fi­schen Vor­bilds waren. Zeiten und Gene­ra­tio­nen ver­schmel­zen mit­ein­an­der, die gegen­sätz­li­che Vor­stel­lung von Nähe und Dis­tanz löst sich auf.

Auch die frühe Video­ar­beit »10–16« (1997), bei der Erwach­sene sich zu den Stim­men von Kin­dern und Jugend­li­chen im Alter von zehn bis sech­zehn Jahren bewe­gen, irri­tiert durch Wider­sprü­che. »I’m inte­rested in people«, sagt Gil­lian Wea­ring und weiß, dass die Her­stel­lung eines Bildes immer mit Macht ver­bun­den ist und dass Ver­ein­nah­mung oder Mani­pu­la­tion nie völlig zu ver­mei­den sind. In diesem Bewusst­sein unter­sucht Wea­ring die Struk­tu­ren sozia­ler Kon­ven­tio­nen und ver­schränkt indi­vi­du­elle mit stan­dar­di­sier­ter Kom­mu­ni­ka­tion.

Kura­tor in Mün­chen: Bern­hart Schwenk
 
 
Aus­stel­lung:
Gil­lian Wea­ring
21.3. bis 7.7.2013

Museum Brandhorst
The­re­si­en­straße 35
80333 Mün­chen

Das Buch zur Aus­stel­lung (Verlag der Buch­hand­lung Walt­her König) ist die bis­lang umfas­sendste Mono­gra­fie zum Schaf­fen von Gil­lian Wea­ring. Mit Texten von Daniel F. Herr­mann, Doris Kry­s­tof, Bern­hart Schwenk und David Deamer.
100 Farb­ab­bil­dun­gen, 232 Seiten
ISBN: 978 3 86335 156 4
29,80 Euro
 

(thoMas)