Lucinda Devlin, Lake Huron, 10-18-11, 10-45 pm, 2011Die Kunst ist stets weit abs­trak­ter, als wir glau­ben. Form und Farbe erzäh­len von Form und Farbe – sonst nichts.“ (Oscar Wilde)

Pres­se­infor­ma­tion der DZ BANK Kunst­samm­lung:

FARBE FORM FOTOGRAFIE FLÄCHE“

Die DZ BANK Kunst­samm­lung zeigt abs­trakte Ten­den­zen in der künst­le­ri­schen Foto­gra­fie

„Die Kunst ist stets weit abs­trak­ter, als wir glau­ben. Form und Farbe erzäh­len von Form und Farbe – sonst nichts. Oft scheint mir, dass die Kunst den Künst­ler weit mehr ver­birgt als offen­bart.“ Diese pro­gram­ma­ti­sche Aus­sage von Oscar Wilde belegt die aktu­elle Aus­stel­lung „FARBE FORM FOTOGRAFIE FLÄCHE“ der DZ BANK Kunst­samm­lung. Sie nimmt abs­trakte Ten­den­zen in der künst­le­ri­schen Foto­gra­fie in den Blick und beleuch­tet dabei eine Viel­falt der abs­trak­ten For­men­spra­che in der zeit­ge­nös­si­schen Foto­kunst. Im Zusam­men­spiel mit his­to­ri­schen Posi­tio­nen stellt sich die Frage, ob Foto­gra­fie in der Abs­trak­tion eigene Wege geht oder ob sich Par­al­le­len zur Male­rei auf­zei­gen lassen.
 

Gottfried Jäger, Multipleoptik (Detail), 1980

Gott­fried Jäger, Mul­ti­ple­optik (Detail), 1980

 
Die Aus­stel­lung ver­sam­melt etwa 100 foto­gra­fi­sche Arbei­ten aus der DZ BANK Kunst­samm­lung von 27 renom­mier­ten inter­na­tio­na­len Künst­le­rin­nen und Künst­lern aus 10 Län­dern. Gezeigt werden Arbei­ten von Robert Barry, John Cham­ber­lain, Silvie & Cherif Defraoui, Lucinda Devlin, Chris­tiane Feser, Franco Fon­tana, Gün­ther Förg, Lutz Frit­sch, Andreas Gefel­ler, Mario Gia­comelli, Gott­fried Jäger, Naoya Hata­keyama, Raphael Hefti, Peter Keet­man, Annette Kelm, Marc Lüders, Detlef Orlopp, Jorma Pura­nen, Arnulf Rainer, Geor­ges Rousse, Thomas Ruff, Kats­u­hiro Saiki, Jörg Sasse, Hans-Chris­tian Schink, Shirana Shah­bazi, Hiro­shi Sugi­moto, James Tur­rell u.a.

Zu sehen ist die Schau vom 8. Februar bis 20. April 2013 im ART FOYER der DZ BANK Kunst­samm­lung in Frank­furt am Main.

Geschichte der Abs­trak­tion in der Foto­gra­fie

Seit dem Auf­kom­men der Foto­gra­fie, in der Mitte des 19. Jahr­hun­derts, kam der Male­rei die Auf­gabe abhan­den, die Rea­li­tät abzu­bil­den. Die Foto­gra­fie sollte diese Auf­gabe über­neh­men. Das war der Start­schuss für die Male­rei, sich abs­tra­hie­ren­den und abs­trak­ten Strö­mun­gen zuzu­wen­den.

Zeit­gleich wurde jedoch auch in der Foto­gra­fie erst­mals die For­de­rung nach Abs­trak­tion laut, denn die künst­le­ri­schen Foto­gra­fen ori­en­tier­ten sich an den ästhe­ti­schen Ent­wick­lun­gen der Male­rei. Schon 1916 prägte der ame­ri­ka­ni­sche Foto­graf Alvin Lang­don Coburn den Begriff der „abs­trak­ten Foto­gra­fie“ und bezeich­nete damit Bilder, in denen ein Gefühl für „Form und Struk­tur“ das Inter­esse am Bild­ge­gen­stand über­stei­gen sollte, da er die Funk­tion der Foto­gra­fie nicht länger in der doku­men­ta­ri­schen Abbil­dung der Dinge sah. Er wollte die Mög­lich­kei­ten der Kamera rea­li­sie­ren, um der Foto­gra­fie den Status einer äqui­va­len­ten Kunst­form neben der Male­rei zuzu­spre­chen.

Es ist also auf­fäl­lig, dass die Bewe­gung hin zur Abs­trak­tion in der Male­rei und der Foto­gra­fie zeit­gleich aufkam. Zu über­prü­fen gilt es, ob sie bei der Umset­zung glei­che Wege gegan­gen sind.
 

Thomas Ruff, Substrat 10 I, 2002

Thomas Ruff, Sub­strat 10 I, 2002

 
Ana­lo­gien zwi­schen Foto­gra­fie und Male­rei

Vor diesem Hin­ter­grund beleuch­tet die Aus­stel­lung „Farbe Form Foto­gra­fie Fläche“ die Abs­trak­tion in der Foto­gra­fie aus beiden Per­spek­ti­ven. Zum einen zeigen die Bilder Ana­lo­gien zwi­schen Foto­gra­fie und Male­rei auf wie bei­spiels­weise in den Arbei­ten von Hans-Chris­tian Schink. Er foto­gra­fiert Gebäu­de­fas­sa­den, die als mono­chrome Flä­chen erschei­nen und in den Pri­mär­far­ben Rot, Gelb und Blau prä­sen­tiert werden. Seine nahezu mono­chro­men Auf­nah­men erin­nern an Mon­dri­ans Bild­in­halte ebenso wie an die Farb­feld­ma­le­rei der 1960er Jahre und finden sich auch in den Land­schafts­auf­nah­men von Franco Fon­tana oder Lucinda Devlin wieder.

John Cham­ber­lain erzeugt Unschär­fen mit langer Ver­schluss­zeit und beweg­ter Kamera, Hiro­shi Sugi­moto beob­ach­tet in seiner Serie Seascapes das immer glei­che Aus­se­hen dif­fe­ren­ter Was­ser­flä­chen und ver­folgt damit die mini­ma­len Unter­schiede des ver­meint­lich Iden­ti­schen.
 

Arnulf Rainer, Bartband, 1993

Arnulf Rainer, Bart­band, 1993

 
In den Arbei­ten von Silvie und Chérif Defraoui oder Arnulf Rainer hin­ge­gen besteht die Ver­bin­dung von Male­rei und Foto­gra­fie darin, dass durch das Medium Male­rei die Sicht­bar­keit des Medi­ums Foto­gra­fie aus­ge­löscht oder ver­deckt wird, um damit die Abbild­funk­tion der Foto­gra­fie in Frage zu stel­len.

Auto­nome Ent­wick­lung der Foto­gra­fie

Zum ande­ren macht die Aus­stel­lung auch eine auto­nome Ent­wick­lung der Foto­gra­fie sicht­bar. Jörg Sasse und Thomas Ruff sind mit den Werken Lost Memo­ries und Sub­strat ver­tre­ten, die auf Found Foo­tage Mate­rial basie­ren – aus vor­ge­fun­de­nen Auf­nah­men, die die Künst­ler nicht mehr selbst her­stel­len. Sasse sam­melt ana­loge Ama­teur­auf­nah­men, die durch einen Ver­falls­pro­zess zer­setzt worden sind. Anstelle des Refe­renz­ob­jekts werden die che­mi­schen Bedin­gun­gen der Foto­gra­fie sicht­bar: bunte For­ma­tio­nen, die die Foto­che­mie durch bak­te­ri­elle Ein­wir­kung selbst­tä­tig her­vor­bringt. Dage­gen ver­wen­det Ruff japa­ni­sche Manga-Comics, die er im Inter­net auf­spürt und so weit ver­frem­det, dass nur noch ein Kalei­do­skop aus knal­li­gen Farben zurück­bleibt.

Zeigt sich bei Jörg Sasse oder Raphael Hefti ein Inter­esse an der Selbst­tä­tig­keit der Foto­che­mie, ver­deut­licht die sub­jek­tive foto­gra­fie von Peter Keet­man das Inter­esse an Expe­ri­ment und Gestal­tung mit foto­che­mi­schen Mate­ria­lien. Detlef Orlopp, der gleich­falls dem Umkreis der sub­jek­ti­ven foto­gra­fie ent­stammt, nutzt dage­gen die Kad­rie­rung, um Land­schafts­mo­tive in abs­trakte Bilder zu ver­wan­deln, die sich auf glei­che Weise auch bei Mario Gia­co­metti oder James Turell wie­der­fin­den.
 

Christiane Feser, Modell Konstrukt #59, 2012

Chris­tiane Feser, Modell Kon­strukt #59, 2012. Aus der Serie: Latente Kon­strukte

 
Dage­gen wird in den Werken von Chris­tiane Feser nicht nur die Tra­di­tion des Kon­struk­ti­vis­mus, son­dern durch Fal­tun­gen und Knicke auch die Erwei­te­rung des zwei­di­men­sio­na­len Foto­pa­piers in den drei­di­men­sio­na­len Raum auf­ge­grif­fen. Ihre The­ma­ti­sie­rung des Papiers als Objekt steht ebenso wie Shirana Shah­ba­zis rhyth­mi­sche Über­la­ge­rung far­bi­ger Flä­chen in einer Kon­ti­nui­tät mit den refle­xi­ven Arbei­ten der gene­ra­ti­ven Foto­gra­fie, die in der Aus­stel­lung durch Gott­fried Jäger reprä­sen­tiert ist.

Eine spe­zi­fi­sche Gat­tungs­be­zeich­nung ist erschwert bei dem Por­trät­foto des ame­ri­ka­ni­schen Kon­zept­künst­lers Robert Barry einer Mit­ar­bei­te­rin der DZ BANK, die für die gesamte Beleg­schaft des Unter­neh­mens stehen soll. Es ist mit trans­pa­ren­tem Acryl bis zur Unkennt­lich­keit über­malt, geo­me­tri­sch ange­ord­nete Worte schei­nen das Bild zu durch­schwe­ben. Barry selbst nennt diese Bilder „Gemälde“, obwohl sie aus male­ri­schen, foto­gra­fi­schen sowie text­li­chen Ele­men­ten bestehen.

Prä­sen­ta­tion von Neu­an­käu­fen

Erst­mals in einer Aus­stel­lung der DZ BANK Kunst­samm­lung gezeigt werden neu erwor­bene Werke von Lucinda Devlin, Gott­fried Jäger, Annette Kelm, Chris­tiane Feser und Shirana Shah­bazi.
 

Lucinda Devlin, Lake Huron, 10-18-11, 10-45 pm, 2011

Lucinda Devlin, Lake Huron, 10–18-11, 10–45 pm, 2011. Aus der Serie: Lake Pic­tures

 
Die ame­ri­ka­ni­sche Künst­le­rin Lucinda Devlin (Jg. 1947) ist seit Jahren in DZ BANK Kunst­samm­lung ver­tre­ten. Die nun ange­kaufte dritte Serie zeigt Auf­nah­men des Lake Huron am jeweils selben Ort zu unter­schied­li­chen Jahres- und Uhr­zei­ten.

Neu in der Samm­lung ist der 1937 gebo­rene Gott­fried Jäger aus der Gene­ra­tion Zero-Gruppe. Er ist Foto­graf, Foto­theo­re­ti­ker und blickt auf eine fast drei­ßig­jäh­rige Hoch­schul­tä­tig­keit an der Fach­hoch­schule Bie­le­feld zurück. Als Ver­tre­ter der gene­ra­ti­ven Foto­gra­fie macht er in seinen Arbei­ten das Medium und sein Mate­rial zum Thema.

Von der 1975 gebo­re­nen Annette Kelm wurde eine zweite Serie für die Samm­lung ange­kauft. Das Werk der Künst­le­rin umfasst Still­le­ben, Por­träts, Objekt- und Land­schafts­auf­nah­men, die sich mit dem Fokus auf Form und Struk­tur durch eine klare, redu­zierte und sach­li­che Bild­spra­che aus­zeich­nen.

Chris­tiane Feser (Jg. 1977) hat an der Hoch­schule für Gestal­tung in Offen­bach stu­diert und lebt und arbei­tet in Frank­furt. Die Preis­trä­ge­rin des Kai­ser­rings­ti­pen­di­ums 2012 ver­bin­det in ihrer Werk­se­rie der „Falten“, mit der sie sich auf Gott­fried Jäger bezieht, plas­ti­sche und foto­gra­fi­sche Mittel. Dabei foto­gra­fiert sie weiße zer­knüllte Papiere, foto­gra­fiert sie und ver­knüpft sie am Com­pu­ter zu digi­ta­len Fal­ten­land­schaf­ten.

Von Shirana Shah­bazi hat die DZ BANK Kunst­samm­lung die zweite Serie erwor­ben. Shah­bazi ist 1974 im Iran gebo­ren, mit ihren Eltern 1985 nach Deutsch­land emi­griert und lebt seit 1998 in Zürich. Die Künst­le­rin lässt für ihre Arbei­ten geo­me­tri­schen Figu­ren bauen, die sie dann analog foto­gra­fiert.

DZ BANK Kunst­samm­lung

Im ART FOYER der DZ BANK ver­an­stal­tet die Deut­sche Zen­tral-Genos­sen­schafts­bank in Frank­furt am Main regel­mä­ßig Aus­stel­lun­gen. Die Bank ver­fügt über eine welt­weit aner­kannte Kunst­samm­lung zeit­ge­nös­si­scher Foto­gra­fie und visu­el­ler Medien mit mehr als 6800 Werken von über 700 Künst­lern.

Farbe Form Foto­gra­fie Fläche“

Robert Barry, John Cham­ber­lain, Silvie & Cherif Defraoui, Lucinda Devlin, Chris­tiane Feser, Franco Fon­tana, Gün­ther Förg, Lutz Frit­sch, Andreas Gefel­ler, Mario Gia­comelli, Gott­fried Jäger, Naoya Hata­keyama, Raphael Hefti, Peter Keet­man, Annette Kelm, Marc Lüders, Detlef Orlopp, Jorma Pura­nen, Arnulf Rainer, Geor­ges Rousse, Thomas Ruff, Kats­u­hiro Saiki, Jörg Sasse, Hans- Chris­tian Schink, Shirana Shah­bazi, Hiro­shi Sugi­moto, James Tur­rell u.a.
 
 
Aus­stel­lung:
Farbe Form Foto­gra­fie Fläche
8. Februar bis 20. April 2013

DZ BANK Kunstsammlung – ART FOYER
Platz der Repu­blik
60325 Frankfurt/Main

Öffent­li­cher Zugang: Fried­rich-Ebert-Anlage / City­haus / Öffent­li­ches Park­haus „Wes­tend“
Öff­nungs­zei­ten: 8.2.2013 – 27.4.2013; Di. – Sa. 11 bis 19 Uhr
Öffent­li­che Füh­run­gen: Jeden letz­ten Frei­tag im Monat um 17:30 Uhr. Um Vor­an­mel­dung wird gebe­ten. Tele­fon: +49 69 7447–2386 oder E-Mail: kunst@dzbank.de
 

(thoMas)