Gustave Caillebotte, Trocknende Wäsche, Petit Gennevilliers, 1888Gustave Caille­botte (1848–1894), der Vorreiter eines neues Sehens, war mit seinen modern und fotogra­fisch anmutenden Werken seiner Zeit weit voraus:

 
 
 
 
 

Gustave Caillebotte, Parkettschleifer, 1875

Gustave Caille­botte, Parkett­schleifer, 1875 (Raboteurs de parquet)
Öl auf Leinwand 102 x 145 cm
© Paris, Musée d’Orsay, Geschenk der Erben von Gustave Caille­botte, 1894
Foto: © bpk | RMN | Hervé Lewan­dowski
 
 
Foto Eugène Atget, Asphaltierer, um 1900

Eugène Atget, Asphal­tierer, um 1900 (Bitumiers aus der Serie „Paris, petit métiers“)
Albumin­papier 17 x 21,5 cm
© Biblio­thèque histo­rique de la Ville de Paris

 
Presse­infor­mation der Schirn Kunst­halle Frankfurt:

Die Schirn Kunst­halle zeigt eine umfas­sende Werkschau des franzö­si­schen Impres­sio­nisten Gustave Caille­botte

Gustave Caille­botte
Ein Impres­sionist und die Fotografie

Die Schirn Kunst­halle Frankfurt widmet dem franzö­si­schen Impres­sio­nisten Gustave Caille­botte vom 18. Oktober 2012 bis 20. Januar 2013 eine umfas­sende Werkschau mit rund 50 Gemälden und Zeich­nungen. Die Ausstellung wird durch über 150 überra­gende fotogra­fische Positionen des ausge­henden 19. sowie begin­nenden 20. Jahrhun­derts folge­richtig ergänzt und manifes­tiert so Caille­bottes Vorrei­ter­rolle in der Entstehung eines neuen Sehens. Während in Deutschland die Ausein­an­der­setzung mit Caille­botte gerade erst ihren Anfang nimmt, hat dieser heraus­ra­gende Künstler in Frank­reich, Großbri­tannien und in den Verei­nigten Staaten seinen gebüh­renden Platz an der Seite großer Impres­sio­nisten wie Auguste Renoir, Édouard Manet oder Edgar Degas bereits einge­nommen. Caille­bottes Œuvre eröffnet neue, grund­le­gende und ergän­zende Zugänge zur Malerei des Impres­sio­nismus: Seine radikalen, sehr modern und fotogra­fisch anmutenden Darstel­lungen erschließen auf außer­ge­wöhnlich überzeu­gende Weise den engen Zusam­menhang von Fotografie und Malerei. Viele Werke Caille­bottes nehmen vor allem durch die besondere Perspektive ihrer Bildaus­schnitte, doch auch anhand von Themen wie Bewegung und Abstraktion einen fotogra­fi­schen Blick vorweg, der sich in diesem Medium erst später heraus­bildet.

Gefördert wird die Ausstellung vom Verein der Freunde der Schirn Kunst­halle e. V. Zusätz­liche Unter­stützung erfährt sie durch die Georg und Franziska Speyer’sche Hochschul­stiftung.

Gustave Caille­botte (1848 in Paris –1894 in Genne­vil­liers) war zeitlebens eher als Mäzen, Sammler und Vorkämpfer der Impres­sio­nisten bekannt, obwohl er selbst über 500 Gemälde, Pastelle und Zeich­nungen schuf. Im großbür­ger­lichen Milieu von Paris aufge­wachsen, absol­vierte er zunächst ein Studium der Rechte. Seine darauf folgende Ausbildung an der Pariser Kunst­aka­demie brach der unabhängige Geist 1874 bereits nach gut einem Jahr ab und schloss sich den impres­sio­nis­ti­schen „Parti­sanen“ um Edgar Degas, Auguste Renoir, Claude Monet und Édouard Manet an. Nach dem Tod des Vaters mit einem großen Vermögen ausge­stattet, förderte Caille­botte als „Schirmherr der Impres­sio­nisten“ fortan die Maler der neuen Richtung. Ab der zweiten (1876) von acht in Paris statt­fin­denden Impres­sio­nis­ten­aus­stel­lungen war Caille­botte mit eigenen Werken vertreten. Ab 1881 zog sich der begeis­terte Sportler zunehmend in sein Sommerhaus in Petit-Genne­vil­liers an den Ufern der Seine zurück, wo er neben seiner künst­le­ri­schen Tätigkeit zu einem der besten Segler seiner Zeit avancierte und über 20 eigene Schiffs­mo­delle entwarf. Gustave Caille­botte starb am 21. Februar 1894 im Alter von 46 Jahren an den Folgen eines Gehirn­schlags. Bereits zu Lebzeiten hatte er testa­men­ta­risch verfügt, dass seine bedeu­tende Sammlung impres­sio­nis­ti­scher Werke an den franzö­si­schen Staat gehen solle; heute gehört ihr Gutteil zum wesent­lichen Bestand des Musée d’Orsay.
 

Gustave Caillebotte, Pont de l'Europe, 1876 (Le Pont de l'Europe)

Gustave Caille­botte, Pont de l’Europe, 1876 (Le Pont de l’Europe)
Öl auf Leinwand 125 x 180 cm
© Association des Amis du Petit Palais, Genève
Foto: © Studio Monique Bernaz, Genève

 
Mit zahlreichen Haupt­werken wie „Le Pont de l’Europe“ (Musée du Petit Palais, Genf) und „Parkett­schleifer“ (Musée d’Orsay, Paris), weiteren Leihgaben aus dem Brooklyn Museum of Art, New York, The Art Institute of Chicago und dem Van Gogh Museum in Amsterdam sowie selten zu sehenden Gemälden aus Famili­en­besitz gliedert sich die Ausstellung in der Schirn chrono­lo­gisch in drei für Caille­botte maßgeb­liche thema­tische Werkgruppen: Stadt- und Archi­tek­tur­an­sichten, Porträts und Interieurs sowie Still­leben und Landschaften mit Garten- und Sport­dar­stel­lungen.

Gerade Caille­bottes zwischen 1875 bis 1882 entstandene Stadt­bilder belegen eindrücklich die Ausnah­me­po­sition des franzö­si­schen Künstlers innerhalb der aufstre­benden Gruppe der Impres­sio­nisten, indem sie auf bahnbre­chende Weise die unter dem Begriff der „Hauss­man­ni­sierung“ bekannte funda­mentale Umgestaltung der Stadt Paris veran­schau­lichen. Ab den 1860er-Jahren waren die vormals engen und verwin­kelten Gassen der Stadt durch weiträumige Plätze und große Boule­vards mit neuar­tigem, urbanem Mobiliar ersetzt worden – Paris wurde zur Metropole der Moderne. Obwohl viele der franzö­si­schen Impres­sio­nisten den gewan­delten Stadtraum als Gegen­stand ihrer Kunst entdeckten und die Dynamik des zeitge­nös­si­schen Lebens möglichst wirklich­keitsnah einzu­fangen versuchten, kam Gustave Caille­botte mit seinen wagemu­tigen Blick­winkeln und einem weit über die impres­sio­nis­ti­schen Arbeiten hinaus­ge­henden Realismus dem neuen urbanen Lebens­gefühl am nächsten, wie die in der Ausstellung zu sehenden Werke „Eine Verkehrs­insel, Boulevard Haussmann“ oder „Blick durch ein Balkon­gitter“ eindrucksvoll zeigen.
 

Gustave Caillebotte, Blick durch ein Balkongitter, 1880    Foto Làszló Moholy-Nagy, Marseille, 1928

Gustave Caille­botte, Blick durch ein Balkon­gitter, 1880 (Vue prise à travers un balcon)
Öl auf Leinwand 83,5 x 73 cm
© Van Gogh Museum, Amsterdam

Làszló Moholy-Nagy, Marseille, 1928
Foto: © Rheini­sches Bildarchiv Köln, rba_183432

 
Caille­bottes Angriff auf die Sehge­wohn­heiten spiegelte sich nicht minder deutlich in Szenen des privaten Lebens wider. Seine vorwiegend zwischen 1880 und 1882 gemalten Interieurs der großbür­ger­lichen Pariser Klasse, darunter „Die Klavier­stunde“ und „Interieur, lesende Frau“, vermitteln allesamt den Eindruck von zwischen­mensch­lichen Spannungen und Entfremdung und erweisen sich ebenso wie die zwischen 1875 und 1883 entstanden Porträts einzelner oder mehrerer Personen als Psycho­gramme seiner Zeit. Auch im Bruch mit der tradi­tio­nellen Still­le­ben­ma­lerei wird erneut die ungewöhn­liche Gestal­tungs­weise des Künstlers anschaulich. Die fast 30-teilige, in den Jahren 1881 und 1882 entstandene Serie von Lebens­mittel- und Blumen­ar­ran­ge­ments – in der Schirn vertreten mit Werken wie „Fasane und Schnepfen auf einem Marmor­tisch“ und „Still­leben mit Kalbskopf und Ochsen­zunge“ – weist eine eigen­willige, streng symme­trische Kompo­sition auf und lässt sich mit der zeitge­nös­si­schen Fotografie von Schau­fens­ter­aus­lagen der sich neu formie­renden Konsum­kultur verknüpfen.
 

Gustave Caillebotte, Kanus auf der Yerres, 1877

Gustave Caille­botte, Kanus auf der Yerres, 1877 (Péris­soires sur l’Yerres)
Öl auf Leinwand 103 x 156 cm
© Milwaukee Art Museum, Gift of the Milwaukee Journal Company, in honor of Miss Fay McBeath
Foto: © John R. Glembin

 
Analog zu der in den 1880er-Jahren erwachenden Sehnsucht der Stadt­be­völ­kerung nach reiner Luft, freier Natur und sport­licher Betätigung wählte auch Caille­botte ab 1881 sein Wochen­end­do­mizil im ländlichen Petit-Genne­vil­liers, das als Eldorado der impres­sio­nis­ti­schen Maler wie der Wasser­sportler galt. Hier griff Caille­botte wieder verstärkt Motive von Schwimmern, Kanufahrern, Ruderern und Seglern auf, denen er sich bereits Mitte der 1870er-Jahre auf dem Sommersitz der Familie in Yerres – einem 20 Kilometer von Paris entfernten Dorf am Ufer des gleich­na­migen Flüss­chens – gewidmet hatte. Diese Phase wird in der Schirn-Ausstellung durch die Gemälde „Die Yerres bei Regen“ sowie „Kanus auf der Yerres“ veran­schau­licht. Nach der endgül­tigen Übersiedlung nach Petit-Genne­vil­liers und dem Bau seines Ateliers 1887 entdeckte Caille­botte die Garten­kunst für sich und fand darin ein nächstes funda­men­tales Bildmotiv. Die bis zu seinem Lebensende entstan­denen 60 Gemälde von Landschaften und Gärten bestechen durch die Reduktion der Bildele­mente und weisen durch die Auflösung konven­tio­neller Raumdar­stellung und ihren expres­siven, sich zunehmend von detail­lierter Gegen­ständ­lichkeit lösenden Farbauftrag auf die Abstraktion voraus.

Wie viele seiner impres­sio­nis­ti­schen Freunde, die sich die 1839 einge­führte Fotografie für ihre Bildge­stal­tungen nutzbar machten, kannte auch Gustave Caille­botte dieses neue Medium und dessen vielfältige Möglich­keiten wie Stereo-, Moment- und Bewegungs­auf­nahmen. Mit beispiel­losen Sturz­per­spek­tiven, radikalen Aufsichten, Verzer­rungen, bruch­stück­haften Ausschnitten und Unschärfen muten seine Gemälde tatsächlich wie der kühne Einsatz fotogra­fi­scher Stilmittel an, die so in der zeitge­nös­si­schen Fotografie noch nicht umgesetzt wurden (bzw. noch nicht umgesetzt werden konnten). Caille­botte, der in seinem Werk zentral die Wahrnehmung des modernen Indivi­duums thema­ti­siert, greift damit seiner Zeit weit voraus, denn vergleichbare fotogra­fische Ansätze finden sich in der Fotografie selbst erst zu Beginn des 20. Jahrhun­derts.

Im Dialog mit ausge­wählten Werken zeitge­nös­si­scher Fotografen wie Édouard Baldus, Charles Marville oder Eugène Atget und Beispielen der Neuen Fotografie der 1920er-Jahre von André Kertész, László Moholy-Nagy, Wols oder Alexander Rodtschenko erschließt sich in der Ausstellung auf verblüf­fende Weise der enge Zusam­menhang zwischen dem Schaffen Caille­bottes und der Heraus­bildung eines neuen Sehens. Gustave Caille­botte erweist sich so als revolu­tio­näres Talent unter den Pionieren der ersten histo­ri­schen Avant­garde.
 

Gustave Caillebotte, Trocknende Wäsche, Petit Gennevilliers, 1888

Gustave Caille­botte, Trock­nende Wäsche, Petit Genne­vil­liers, 1888 (Linge séchant, Petit Genne­vil­liers)
Öl auf Leinwand 54 x 65 cm
© Privat­sammlung
 
 
Foto Herbert List, Wäsche im Wind, Finkenwerder, 1934

Herbert List, Wäsche im Wind, Finken­werder, 1934
Gelati­ne­ent­wick­lungs­papier 11,5 ? 10,3 cm
© Münchner Stadt­museum, Sammlung Fotografie

 
KATALOG: Gustave Caille­botte. Ein Impres­sionist und die Fotografie. Heraus­ge­geben von Karin Sagner und Max Hollein in Zusam­men­arbeit mit Ulrich Pohlmann. Vorwort von Max Hollein, Essays von Claude Ghez, Ulrich Pohlmann und Karin Sagner, 20 Kurztexte von Milan Chlumsky, Karin Sagner und Kristin Schrader sowie eine Biografie von Gilles Chardeau. Deutsche und englische Ausgabe, 248 Seiten, 280 farbige Abbil­dungen, Hirmer Verlag, München 2012, ISBN 9783–7774-5411–5 (deutsche Ausgabe), ISBN 978–3-7774–5921-9 (englische Ausgabe), Preis: ca. 29,90 € (Schirn), ca. 39,90 € (Buchhandel).
 
 
Ausstellung:
Gustave Caille­botte. Ein Impres­sionist und die Fotografie
18. Oktober 2012 – 20. Januar 2013

Schirn Kunsthalle Frankfurt
Römerberg
60311 Frankfurt

Öffnungs­zeiten: Di, Fr–So 10–19 Uhr, Mi und Do 10–22 Uhr
 

Gustave Caillebotte, Eine Verkehrsinsel, Boulevard Haussmann, 1880

Gustave Caille­botte, Eine Verkehrs­insel, Boulevard Haussmann, 1880 (Un réfuge, Boulevard Haussmann)
Öl auf Leinwand 81 x 101 cm
© Privat­sammlung

 
(thoMas)