Foto der D800 von NikonAngeblich gibt es kaum Objektive, die dem hochauflösenden 36-Megapixel-Kleinbildsensor der D800 / D800E gerecht werden. Wir haben aber doch ein paar entdeckt. Und das nicht nur unter den neuen und teuren, sondern auch unter alten und preiswerten aus dem Bestand oder vom Gebrauchtmarkt:

Über die Tauglichkeit neuer AF-S-Nikkore haben wir uns bereits ausgelassen: Praxistest: Nikon D800 / D800E – Teil I (siehe die Empfehlungen gegen Ende). Hier nun soll vor allem von den älteren Nikkoren die Rede sein.

Was die verlangte Objektivqualität ganz generell angeht: Die Pixeldichte der D800 ist ja nichts Ungewöhnliches; auch andere stellen ähnliche – und höhere – Anforderungen an die Auflösung. Nikons D7000 und Canons EOS 7D mit 16 / 18 Megapixeln verteilt auf 15×23 mm Sensorfläche haben praktisch identische Dichten. Und die 24 Megapixel des 15×23-mm-APS-C-Sensors von Sony, mittlerweile (vermutlich) auch in der 24-Megapixel-Nikon D3200 und zur photokina möglicherweise in einer vermuteten „D400” zu finden, ergeben hochgerechnet rund 55 Megapixel im Vollformat. Was sind da schon „läppische” 36 Megapixel auf 24×36 mm?

Kann man also die D800 zum Fotografieren benutzen, statt auf Objektive zu sparen bzw. zu warten? Ich habe mal nachgeschaut, was sich so im eigenen Objektivpark fand – auch ohne den Goldring, mit dem Nikon seine aktuellen Premium-Objektive kennzeichnet. Was sich Brauchbares fand, war vor allem ohne AF, und so zahlt sich Nikons „Starrsinn”, am (ur)alten Bajonett von 1959 festzuhalten, gerade bei der D800 besonders aus. Denn an der D800 kann man, wie bei einigen weiteren Nikon-DSLRs, manuell zu fokussierende, alte Nikon-Objektive mit Belichtungsmessung und bei Bedarf mit Zeitautomatik verwenden.

Eine große Hilfe für die Objektivauswahl fand sich in Internet-Objektivtests aus dem französischen Raum. Um den Rahmen hier nicht zu sprengen, kann in dieser PDF-Datei nachgelesen werden, wo ich gesucht und gefunden habe. Nur so viel an dieser Stelle: Bei den Messungen wurde auch eine große Zahl alter manueller Nikkore berücksichtigt. Also: nicht immer über das angeblich zu kleine und uralte Nikon F-Bajonett von 1959 schimpfen …

Dank Uralt-Nikon-Bajonett kann man sich für kleines Geld leicht mit alten, aber ausgesuchten, Festbrennweiten eindecken. Den Einwand, dann auf Autofokus verzichten zu müssen, lasse ich nicht gelten. Auch wenn ich da vielleicht nur für mich spreche: die D800 zwingt „irgendwie” zu mehr Muße, zu bewussterem Fotografieren. Obwohl die D800 wahrlich keine lahme Kamera ist. Wer in entsprechende AF-S- / D-Nikkore investieren kann, oder bereits darüber verfügt, um so besser!

Hier ein Vergleich der Bildqualität zweier Objektive (Einschub von Georg N. Nyman): einmal das neue AF-S 1,4/35 mm ED und dann das gute alte Nikkor Ai-S 2/35 mm. Bei Blende 2,0 aufgenommen, um bei der vollen Öffnung des alten Objektivs zu sehen, wie gut (oder auch nicht) es an einer D800(E) ist. Ich war wirklich positiv überrascht:
 

Foto: Georg N. Nyman

Übersichtsaufnahme zur Orientierung
 
 
Foto: Georg N. Nyman

AF-S 1,4/35 mm ED bei Blende 2,0
 
 
Foto: Georg N. Nyman

Ai-S 2/35 mm bei Blende 2,0

 
Der Fokuspunkt liegt auf dem vertikalen Leuchtenständer rechts von der Mitte. Auch mit dem manuell zu fokussierenden Ai-S 1:2/35 mm habe ich genau auf dessen Glasmanschette fokussiert.

Die vielleicht etwas knackigere Schärfe des manuellen Nikkor – für mich an der Glasmanschette erkennbar –  führe ich darauf zurück, dass ich die Aufnahme mit der höchstmöglichen Lifeview-Vergrößerung scharfgestellt, für die Aufnahme mit dem AF-S-Objektiv jedoch den Autofokus verwendet habe. Da ich hier nur den einen mittleren Ausschnitt im Vergleich zeige, sei dazu gesagt, dass er stellvertretend für das gesamte Bildfeld der beiden Objektive steht, sie schenken sich nichts (das alte Nikkor fällt also nicht etwa zum Rand hin stärker ab als das neue, etc.).

Dieses Ergebnis erstaunt (und erfreut bzw. beruhigt) mich doch etwas, denn ich hatte nicht erwartet, dass die alten Objektive auch digital noch so gut verwendbar sind. Gleiche bzw. ähnlich gute Resultat habe ich auch mit dem Ai-S 1,4/50 mm und anderen alten Ai-S-Objektiven erhalten.

Tipp: Bildkontrolle auf dem Kameramonitor. Wer es noch nicht wusste: statt sich zur Schärfekontrolle des gerade aufgenommenen Fotos auf dem Kameramonitor durch mehrere Stufen zu zoomen, geht der Wechsel von Komplettbilddarstellung auf 100-%-Wiedergabe in der hier zu findenden Anleitung von Stefan Groenveld blitzschnell vonstatten und funktioniert auch bei der D800 (man kann die Funktion sowohl im Liveview- als auch im Wiedergabemodus nutzen).

Ansonsten ist das mit manuelle Scharfstellen meiner Meinung nach, in Kombination mit der Waage und der grünen Diode, gleichfalls gut möglich. Der AF-Indikator ist aber nur so genau, wie es auch der AF ist. Wer viel manuell scharfstellt, dem kann eine spezielle (wohl bald erhältliche) Fremd-Mattscheibe mit Schnittbildindikator oder auch das Vergrößerungsokular DK-17M helfen.

Und nun ein paar Objektiv-Vorschläge für die D800: Oder auch: Das digitale Leben manueller Nikkore 2.0 (siehe auch: Das digitale Leben manueller Nikkore).

Besonders die alten, manuellen Makro-Objektive – bei Nikon grundsätzlich als „Micro“ bezeichnet – schlagen sich in den französischen Messungen bereits bei offener Blende und übers komplette Kleinbildformat auch heute noch hervorragend. Zwar basieren die Messungen nur auf den 12 Megapixeln von D3 / D700 und teilweise den 16 Megapixeln der D7000. Als Ausgangsinformation sind sie aber sehr wertvoll.

Mit der D800 eingesetzt habe ich: das Ai-S 2,8/55 mm Micro (# 381676; 12/1979 – 2005) und das AI 4/105 mm Micro (# 197183; 1977 – 1981). Für etwas mehr Bildwinkel sorgt ein Ai-S 2,8/35 mm (# 573054; 08/1981 – 1989). Die zeigen bei Offenblende in der Bildmitte und nach Abblenden um 2 Stufen – keine Überraschung für ein ordentliches Objektiv – auch in den Ecken eine sehr gute Leistung.
 

Foto: Ralf Jannke

Aufnahme mit Ai-S 2,8/55 mm Micro; 1:1-Ausschnitt, ohne Nachbearbeitung
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Wenn Lichtstärke gebraucht wird, und Bildecken ohnehin im Dunklen verschwinden oder nicht bildentscheidend sind, habe ich nicht die geringsten Hemmungen, das für den kleinen APS-C- / DX-Sensor (15×23 mm) gerechnete Nikkor AF-S 1,8/35 mm DX zu nehmen: im Vollformat! Nicht ohne Grund von französischen Testern an der Nikon D7000 hoch bewertet, schlägt sich das 1,8/35 mm auch an der D800 unglaublich gut. Wie seinerzeit schon auf der D700 mit ihren 12 Megapixeln: Nikkor 1,8/35 mm AF-S DX G an die Nikon D700 (siehe Ende des Artikels) und Steffen Böttcher – Equipment.
 

Foto: Ralf Jannke

Aufnahme mit Nikkor AF-S 1,8/35 mm DX auf FX-Vollformat
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Sollten die schwarzen Bildecken im Vollformat stören, gibt es zwei Möglichkeiten: entweder nicht weiter als bis 5,6 abblenden oder, wenn 42 mm Brennweitenäquivalent reichen, mit dem 1,8/35 mm DX einfach im 1,2er Cropmodus fotografieren! Dann sind auch die bei Blende 8 und 11 die schwarzen Ecke verschwunden (es ist tatsächlich so, dass hier mit dem Abblenden die Vignettierung zunimmt, obwohl der Lehrmeinung nach der Bildkreis eigentlich mit dem Abblenden wachsen sollte).
 

Foto: Ralf Jannke

Aufnahme mit AI 4/105 mm Micro im DX-Modus der D800
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Was extreme Bildwinkel angeht, gibt es noch eine weitere Amateurlinse, die Puristen erschaudern lassen wird: Das ebenfalls bereits mit der D700 erfolgreich im Vollformat eingesetzte DX-Zoom 3,5-4,5/10-24 mm von Tamron ersetzt mir an der D800 glatt die Festbrennweiten im Bereich 15 bis 18 mm. Über 18-20 mm Brennweite geht das Tamron an der D800 in die Knie, aber bei 15/18 mm – sehen Sie selbst:
 

Foto: Ralf Jannke

Aufnahme mit Tamron 3,5-4,5/10-24 mm DX bei 15 mm Brennweite auf FX-Vollformat
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Foto: Ralf Jannke

Aufnahme mit Tamron 3,5-4,5/10-24 mm DX bei 18 mm Brennweite auf FX-Vollformat
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Für den eher gemäßigten, großen Bildwinkel kommt ein AF 2,8/24 mm (# 252680; 10/1986 – 06/1991) zum Einsatz. Das reicht für die „gemütlichere“ Landschafts- oder Architekturfotografie (ohne Rücksicht auf stürzende Linien) vollkommen. Und ich habe das 24er ausgewählt, weil es bei Offenblende 2,8 in der Bildmitte und ab 5,6 auch in den Bildecken gute Leistung bringt. 24er, 35er und 55er Micro, auch DX 1,8/35 mm oder AF FX 1,4/50 mm haben zudem den großen Vorteil, superkompakt und unauffällig zu sein. Was ich von meinem „Trumm”, dem Nikkor 2,8/17-55 mm DX wahrlich nicht sagen kann. Einfach mal mit dem 55er Micro an der D800 und dem 24er in der Fotoweste losziehen. Vielleicht noch das 1,8/85 mm (MF oder AF) oder 2,5/105 mm (MF) in die Tasche …

Was das Nikkor DX 2,8/17-55 mm angeht: bei D700 / D800 habe ich die FX- / DX-Automatik deaktiviert. Denn wenn es schnell gehen muss, wird einfach – trotz Vignettierung – das volle Bildfeld fotografiert. Ab ca. 22 mm Brennweite ragen keine Fassungsteile der DX-Optik mehr ins Bildfeld. Hier ein Beispiel:
 

Foto: Ralf Jannke

Aufnahme mit Nikkor DX 2,8/17-55 mm bei 23 mm Brennweite, im 1,2er Crop-Modus der D800
Unter 25 mm zeigt sich eine leichte, für mich verschmerzbare, Vignettierung
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In der Basketballhalle gab es dann gleich eine Dreifachpremiere: D800, AF-S 1,8/85 mm und AF-D 4/300 mm („Stange”)

Diese Objektivwahl könnte kaum gegensätzlicher sein. Das brandaktuelle 85er AF-S gegen Nikons 4/300 mm Stangen-AF-Tele (# 229479; 06/1987 – 2000). Einigen AF-S Nachfolgern wird nachgesagt, dass sie furchtbar „lahm“ geworden wären. Das mag für den schnellen Fokusgeschwindigkeitstest „unendlich auf Bücherregal“ tatsächlich zutreffen. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass die vermeintlich lahme AF-S-Version ein bewegtes Motiv sauber nachfokussiert, während die schnelle Stangen-AF-Version im Fokus öfter danebenlag: Sind Stangen-Nikkore“ noch zeitgemäß? Da bevorzuge ich, wenn verfüg- und bezahlbar, einen sauber folgenden Autofokus, der auch die entscheidenden Zentimeter nachregelt!

Und das ist beim Einsatz von D800, 85-mm- und 300-mm-Tele in der Basketballhalle rausgekommen:
 

Foto: Ralf Jannke

Nikon D800, ISO 1000, AF-S 1,8/85 mm im DX-Modus, f/1,8-2,2, 1/1000 s
 
 
Foto: Ralf Jannke

Zur Ehrenrettung der alten „Stangen-Nikkore”: Nikon D800, ISO 4000, AF-D 4/300 mm ED bei Offenblende, 1/1000 s

 
Und warum überhaupt 36 Megapixel bzw. eine D800?

Neben der Technikverliebtheit und -begeisterung bietet mir die D800 einfach alles, was ich möchte: Wenn das Objektiv mitspielt, starke Vergrößerungsmöglichkeiten und hohe Ausschnittreserven. Für in den äußersten Formatecken schwächelnde Objektive einen gemäßigten 1,2-fach Crop mit 25 Megapixeln, der auch unterwegs das Mac Book Air (1,86 GHz, 2 GB RAM) von der Datenmenge her nicht völlig in die Knie zwingt. Und eine „Zweitkamera” zur D700 in der Basketballhalle, mit einem für mich perfekten DX-Format mit gut 15 Megapixeln, die mit dem mit 8 Akkus geladenen Batterieteil MB-D 12 immerhin 6 B/s ermöglicht.

Warum allerdings beim Formatwechsel FX auf DX bzw. 1,2-Crop die Maskierung im Sucher durch einen Rahmen, gebildet aus einer dünnen Linie, ersetzt wird, wenn im Menü Individualfunktionen „Autofokus Messfeld LED ON“ gewählt wird, verstehe ich bis heute nicht … Immerhin hat der D800-Sucher hat gegenüber der D700 endlich (fast) 100 %-Bildanzeige, und ich ziehe ihn jedem E-Guckloch einer spiegellosen Systemkamera vor. Ja ich weiß, wie deren Sucher sind, denn die „schicke” Olympus PEN E-P3 samt Sucher VF-2 bleibt weiter im Familienbestand.

Und Video?

Ist einfach nicht mein Ding, denn ich sehe, wie bereits der Minimalaufwand aussieht, den einige Filmer der jeweiligen Basketballteams betreiben, um ihre Mannschaften per DSLR-Video richtig in Szene zu setzen. Ein einfacher Stabilisierungsgriff für knapp 200 Euro, sogenannte „Rigs” von knapp 200 bis weit über 2000 Euro, dazu noch Lichtschächte und, und, und … Wer sehen möchte, was geht, den verweise ich gern auf die beiden Youtubefilme, die ein mit der D800 gedrehtes Musikvideo und das Making-off dazu zeigen:
 


 
 

 
Damit an dieser Stelle kein falscher Eindruck entsteht: das Musikvideo ließe sich per EOS 5D MK II/III sicher genauso gut drehen!

Und sonst?

Um meine Eindrücke von der D800 zusammenzufassen: Wer die Auflösung nutzen will, muss – ganz abgesehen von der Wahl der passenden Objektive –  auch teilweise lernen, neu zu fotografieren. Das war jedenfalls mein Eindruck. Während niedrigere Auflösungen noch relativ viel verzeihen, merkt man bei 36 Megapixeln ganz schnell, dass man besser ISO 400 nimmt, um auch beim 50er weit über 1/Brennweite = 1/60 s zu kommen, sonst wird Qualität durch Verwackeln verschenkt. Wofür dann weder Objektiv noch Kamera etwas können. Von wegen locker die 1/60 s mit dem 50er aus der Hand! Besser 1/250 s! Man könnte natürlich auch ständig ein Stativ mitschleppen …

(Ralf Jannke / Vergleich AF-S 1,4/35 mm + Ai-S 2/35 mm: Georg N. Nyman )
 
 
PS.: Folgende Anregung greife ich gerne auf: „Ich finde subjektive Erfahrungsberichte sehr gut, wobei man den Background des Autors kennen sollte. Ist er Profi, Amateur oder beruflicher Tester?“ – Ich (Ralf Jannke) bin Chemietechniker, also reiner Amateur.
 
 
Unsere Artikelserie zur D800 besteht aus insgesamt drei Teilen:
Praxistest: Nikon D800 & D800E – Teil I (Ausstattung und Leistung)
Praxistest: Nikon D800 & D800E – Teil II (Bildqualität)
Praxistest: Nikon D800 & D800E – Teil III (Objektivwahl; lesen Sie gerade)

Siehe auch:
D800 Technical Guide (PDF-Datei)
Nikon D800 vs. D3s and D7000 comparison by Cary Jordan
„D“ resolution tests
Nikon Lenses