Foto der D800 von NikonNikons D800 und D800E wirbeln die Fotoland­schaft ganz schön auf. Die Klein­bild­ka­meras mit 36 Megapixeln und mit bzw. ohne Antialiasing-Filter gibt es ab rund 2900 Euro – das verheißt Mittel­for­mat­qua­lität zum kleinen Preis:

Schon bevor die D700-Nachfol­ge­kamera offiziell wurde, brodelte es in der Gerüch­te­küche: sie würde sicher mehr Pixel haben als die aktuelle D700, sicher auch eine gute Video­funktion, und noch ein paar weitere Neuerungen. Der Name D800 war recht logisch, für den Sensor wurden zwischen 18 und 24 Megapixeln gehandelt. Aber dann kam die Überra­schung mit dem Flaggschiff D4: „nur“ so wenig Megapixel – und das nach einer D3x mit 24 Megapixeln? Jetzt schien es sonnenklar – die D800 wird auch 16 Megapixel haben, ist doch logisch. Doch weit gefehlt: 36,2 Megapixel wurden es – ein Rekord für eine Kleinbild-Vollfor­mat­kamera!
 

Foto der Rückseite der D800 von Nikon    Foto der D800 von Nikon

D800

 
Sowie ich eine D800 in die Hände bekommen konnte, deren Aufnahmen ich auch zeigen durfte, war ich bereit, sehr viel Zeit und Aufwand zu inves­tieren, um dieses Pixel­monster genau­estens auszu­pro­bieren. Nicht nur aus techni­schem Interesse, sondern auch, weil diese vielen Pixel meiner Liebe zur Landschafts­fo­to­grafie sehr entge­gen­kommen.

Beson­deren Reiz übte auf mich die Ankün­digung der D800E an: noch ein wenig bessere Auflösung in den feinsten Details, weil diese keinen Antialiasing-Filter vor dem Sensor hat – erkauft mit einer, laut Infor­ma­tionen, etwas wahrschein­li­cheren Proble­matik von Moiré-Effekten. Den Preis­auf­schlag von etwa 300 Euro verstehe ich zwar nicht ganz, aber das ist sicher Preis-Politik und auch der Preis für die viel gerin­geren Mengen, die verkauft werden. Das ist auch nicht wirklich tragisch: 300 Euro für die Kamera mehr zu zahlen, wenn sie dafür etwas bieten kann, was andere nicht können. Ob das auch so ist, werden wir später noch sehen … (siehe Praxistest: Nikon D800 & D800E - Teil II – online ab 16.5.2012; 15:15 Uhr))
 

Foto der D800E von Nikon    Foto der Rückseite der D800E von Nikon

D800E

 
Nach etwa 1000 Aufnahmen mit vielen verschie­denen Objek­tiven aus den verschie­densten Nikon-Epochen komme ich zu meinem, wie immer sehr subjek­tiven, Schluss: beide, die D800 und die D800E, sind tolle Kameras, verlangen aber nach sorgsamer Aufnah­me­technik und besten Objek­tiven.

Der Preis, um mit etwas Trivialem anzufangen, der ist einfach ein Hit. Ich denke, auch wenn die Kamera 3500 Euro oder etwas mehr gekostet hätte, wäre sie genauso inter­essant und attraktiv gewesen. Die 2899 Euro, die als empfoh­lener Richt­preis genannt werden, sind absolut berechtigt.

Ich sehe nur das Problem der Positio­nierung einiger anderer Kameras im Markt – darunter auch einige von Nikon. Die Argumen­tation für eine D3x etwa fällt etwas komplexer aus als vorher. Ja, die D3x ist noch profes­sio­neller, noch robuster, für noch mehr Auslö­sungen gedacht, aber die 200.000 Auslö­sungen, die der D800-Verschluss aushalten soll, sind auch mehr als gut. Die Geschwin­digkeit der D800 ist natürlich – bei 36 Megapixeln nicht anders zu erwarten – viel geringer: 3, 4 oder vielleicht 5 B/s. Wer höhere Geschwin­dig­keiten braucht, der wird eben weiterhin zu den „Vollprofi“-Reportagekameras greifen und da ist die neue D4 sicher super: 11 B/s sind sehr schnell!

Und wie sieht es mit der Auflösung gegenüber der D4 aus? Nun, die D4 hat zwar „bescheidene“, aber sehr praxisnahe, 16 Megapixel, dafür aber eine extrem hohe Aufnah­me­ge­schwin­digkeit und eine Ausstattung, die für Repor­tagen ausgelegt ist. Es ist eine Kamera, die viel aushalten und lange halten muss. Und kaum einem Repor­ta­ge­fo­to­grafen wird es einfallen, die riesigen Dateien eines 36-Megapixel-Sensors zu verlangen. Das ist einfach eine andere Anwendung.

Die Dateien der D800(E) sind – logisch – bei 36 Megapixeln schon recht groß, da braucht man unter 8-GB- oder 16-GB-Speicher­karten gar nicht erst anzufangen. Aber der Preis für Speicher ist ja nur mehr ein Bruchteil von dem, was er einmal war.

Im Folgenden der Versuch, anhand eines vergleichs­weise winzigen, zudem web-optimierten JPEGs die Unter­schiede zwischen JPEG (oben) und RAW (unten) deutlich zu machen. Zumindest in Version 1.00 kann die kamerain­terne Software nicht mit einer externen RAW-Entwicklung mithalten. Insbe­sondere in den Mittel­tönen ist die RAW-Entwicklung diffe­ren­zierter und modulierter, was Ton- und Farbwerte angeht. Beachten Sie beispiels­weise, um wie viel plasti­scher die gelben Plastik­eimer wirken. Im Original fallen die diffi­zilen, aber sicht­lichen Unter­schiede natürlich noch viel deutlicher aus:
 

Foto: thoMas

Hier das Motiv, wie es als JPEG in der Kamera gespei­chert wurde. Keinerlei Bearbeitung und Optimierung
 
 
Foto: thoMas

Entwicklung in Capture NX 2 (v2.3.0) mit Grund­ein­stel­lungen; Weißab­gleich „Tages­licht – bewölkt“
 
 
Foto: thoMas

Entwicklung in Lightroom 4 (CameraRAW 7.0) mit Grund­ein­stel­lungen; Weißab­gleich „Bewölkt“
 
 
Foto: thoMas

Hier eine Variante, entwi­ckelt Lightroom 4 (CameraRAW 7.0) nach meinen Vorgaben und Vorlieben: gedreht habe ich am Weißab­gleich, an Schwarz, Weiß, Belichtung, Kontrast …

Anmerkung: Die Vergleichs­auf­nahmen wurden deutlich verkleinert und web-optimiert gespei­chert. Gehen Sie davon aus, dass die Unter­schiede in natura deutlicher ausfallen.

 
Filme

Um es gleich vorweg zu nehmen – ich habe keine der filmi­schen Aspekte der D800 unter­sucht – mich inter­es­siert Filmen überhaupt nicht und ich verstehe auch nichts davon. Für mich ist die D800 eine Foto- und keine Filmkamera. Diesbe­züglich wird es sicher gute andere Berichte geben, die von Leuten kommen, die diese Materie verstehen und die genau diese Dinge inter­es­sieren (beispiels­weise bei slashCAM).

Ausstattung, Haptik & Bedienung

Die D800 (wie auch die D800E, die der D800 äußerlich exakt gleicht) ist etwas größer als die D700, aber sichtbar kleiner als die Kameras der D3-Serie. Für meine Hände ist die D800 sehr angenehm: sie liegt mir gut in der Hand, alle Elemente sind gut bedienbar. Einschalten und loslegen – die Bedienung ist wie gewohnt von Nikon, die Menüpunkte sind dort, wo ich sie von anderen Nikon-Kameras bereits kenne und es gibt nichts, was mir neu platziert scheint. Für mich einfach angenehm zu bedienen und damit zu werken.

Das Gewicht der D800 war eine Überra­schung – sie ist doch glatt etwas leichter als die D700, fühlt sich deswegen aber nicht „plasti­kisch“ an. Das bedeutet, sie ist unter 1 kg schwer, genau sind es 900 g leer für das Gehäuse.

Foto der D800E von Nikon

Was ich sowohl etwas amüsant, als auch nicht unprak­tisch, finde: die D800 hat einen kleinen, ausschwenk­baren Blitz, so wie die D700. Der Blitz ersetzt keinen der System­blitze, aber mit den durchaus gut verwend­baren hohen ISO-Einstel­lungen kann man Situa­tionen meistern, die von einem kleinen Blitz profi­tieren. Außerdem kann er auch als Steuer­blitz fürs drahtlose bzw. entfes­selte Blitzen dienen.

Etwas merkwürdig finde ich den Umstand, dass die D800 keinen 100-%-Sucher hat, zumindest laut Nikons eigenen Angaben nicht („ca. 100 %“). Die Argumen­tation des Marke­tings in den Unter­lagen ist, dass man dadurch das Prismen­system etwas kleiner halten kann als bei voller 100-%-Abdeckung. Auch fällt meiner Meinung nach bei einem nicht exakten 100-%-Sucherbild die Justierung des Sucherbildes, passend zum Displaybild auf der Kamerarück­seite, etwas leichter. Ich habe den Sucherinhalt mit den RAW-Dateien verglichen: der Unter­schied zwischen Sucherbild und aufge­nom­menem Foto ist sehr gering, aber doch feststellbar. Ich schätze den Sucher auf etwa 98–99 % des Aufnah­me­for­mates. Auch das Kamera­display mit Lifeview zeigt nicht exakt und genau 100 % des Aufnah­me­for­mates, auch hier gibt es einen ganz kleinen Beschnitt im Vergleich zur Bilddatei, was aber für praktisch alle Fälle unbedeutend ist.

Da man auch im Live-Modus die Vergrö­ßerung von Details bis auf das 46fache steigern kann, lassen sich sehr präzise Einstel­lungen der Schär­fe­nebene vornehmen. Und das genau ist auch notwendig, um die maximal mögliche Schär­fe­leistung der Kamera zu erhalten. (Tipp: Wenn man die maximale Schärfe ohne Kompro­misse sucht, ist die Verwendung der Lifeview-Nachver­grö­ßerung sowie eines guten Stativs mehr als sinnvoll.)

Ein Punkt, der mich gestört hat: das Display wird im Live-Modus nach einer Aufnahme solange abgeschaltet, bis die Datei auf Speicher­karte geschrieben ist.

Apropos Display: In einigen Berichten findet man den Kritik­punkt, das Display hätte im Vergleich zu den vorhe­rigen Modellen (z.B. D700 oder D3s) einen Grünstich. Das ist richtig, aber nur, wenn man die Weißba­lance des Displays ohne Farbein­stellung verwendet. Man kann die Weißba­lance des hinteren Displays aber genauso einstellen, wie man es für die Aufnahmen kann – auch mit einem eigenen gemes­senen Wert – und schon ist der Grünstich weg.

Serien­auf­nahmen sind natürlich mit der D800(E) möglich, die Geschwin­digkeit ist mit etwa 4 Aufnahmen pro Sekunde im FX-Format in Ordnung. Man darf ja nicht vergessen, da sind eine Menge Daten zu berechnen und zu trans­por­tieren.

Etwas merkwürdig finde ich die Verwendung von zwei verschie­denen Speicher­medien. Eine CF-Karte und eine SD-Karte können einge­schoben werden. Das ist etwas inkon­sistent, denn wenn man beispiels­weise vorher mit einer D2x, einer D700, einer D3, D3s oder D3x gearbeitet hat, dann haben sich im Laufe der Zeit Dutzende CF-Karten angesammelt, die man nur ungern um eine größer werdende Sammlung von SD-Karten erweitert, nur weil man für das zweite Fach ein anderes Speicher­kar­ten­format braucht. Nebenbei: Die ebenfalls gerade erschienene D4 nutzt den neuen Standard XQD fürs zweite Fach. Für XQD ist es sehr früh, denn zur Zeit bietet meines Wissens nur Sony das Speicher­medium an – und warum in aller Welt bei zwei neuen Kameras zwei so unter­schied­liche Zweit­formate?

Was mir aber sehr gefällt, ist, dass man nun ISO 100 als niedrigste Empfind­lichkeit einstellen kann. Das bringt ein wenig zusätz­lichen Dynamik­umfang für die Aufnahmen.

Für meine Zwecke auch angenehm ist die Platzierung eines Bracketing-Knopfes links oben an der Kamera; zur Wahl von ISO, Weißab­gleich und Qualität – das macht Belich­tungs­reihen einfacher und schneller.

Was auch recht positiv ist: die Daten­über­tragung ist schnell geworden. Die D800(E) hat einen USB-3.0-Anschluss. Das ist auch notwendig, denn die RAW-Dateien sind je etwa 50 MB groß!

Ein Detail, das an der D3 sehr angenehm ist, vermisse ich: einen Knopf für die Aufzeichnung von akusti­schen Notizen. Das bleibt offenbar der Oberliga D3 / D4 vorbe­halten, dabei wäre das doch so einfach, hat die D800 doch aufgrund des Filmmodus alle Elektronik für eine Tonauf­nahme eingebaut …

Autofokus

Laut Nikon ist das AF-Modul identisch mit dem der D4; es hat 51 AF-Messfelder und soll sich u.a. durch die Leistung bei wenig Licht auszeichnen. Alle AF-Sensoren funktio­nieren ab Blende 5,6; 11 Sensoren sind ab Blende 8 funkti­ons­fähig; zwischen Blende 5,6 und 8 sind es 15 Sensoren.

Doch subjektiv „packt“ die gute, alte D700 besser zu, wenn es um die Verfolgung schnell bewegter Motive geht. Nicht, dass die D800-Fotos nicht brauchbar wären, aber in der Schär­fe­ver­folgung bleibt die D700 im direkten Vergleich für mich der Sieger. D700- und D3-Autofo­kus­modul sollen sehr ähnlich sein; dass aber die D800 ein der D4 vergleich­bares AF-Modul haben soll, kann ich so nicht bestä­tigen. Für mich reagiert die D800 wie seinerzeit die D7000.

Der Hamburger Hochzeits­fo­tograf Steffen Böttcher hat sich über ein „Fehlver­halten“ der Nikon D800 im Schär­fe­n­ach­führ­be­trieb (AF-C) zunächst sehr drastisch geäußert: Hassliebe D800, fand aber schon einen Tag später mit Hilfe seines Blogger­pu­blikum die Abhilfe. Für manche ist der ameri­ka­nische Nikon-Enthu­siast Ken Rockwell ja ein rotes Tuch, doch in diesem Fall hat er auf seiner Seite genau dieses AF-C-Fehlver­halten beschrieben – und wie man Abhilfe schafft (bitte durch­rollen bis „01 May 2012, Tuesday, D800 Focus“). Ken Rockwell ist der Meinung: „Nikon’s firmware is deviously defective“ (… ist geradezu hinter­hältig defekt).

Nachdem die D800 in Betrieb genommen wurde, hatten sowohl Steffen Böttcher als auch meine Wenigkeit im Kameramenü unter „Indivi­du­al­funk­tionen / a / Autofokus“, wie von der D700 / D3 und anderen Nikons gewohnt, für a1 „Priorität bei AF-C (kont. AF)“, also die Auslö­se­prio­rität, aktiviert. Bei der D800 soll man aber laut Ken Rockwell unbedingt Schär­fe­prio­rität wählen (ausgelöst wird erst, wenn scharf­ge­stellt ist).

Die Irritation ist wohl dadurch zu erklären, dass es Nikonians bislang gewohnt waren, auch im AF-C-Betrieb mit Auslö­se­prio­rität vor allem scharfe Aufnahmen zu bekommen. Während bspw. D3 / D700 auch bei Auslö­se­prio­rität aufgrund des wirklich exzel­lenten Autofokus vorwiegend scharfe Fotos machen, versagt die D800 da. Ich versuche es mal mit Treffer­quote: bei der D700 sind 90–95 von 100 Auslö­sungen im AF-C-Betrieb mit Auslö­se­prio­rität scharf. Bei der D800 bei Einstellung „Auslö­se­prio­rität“” keine 50 von 100. Beim Wechsel zu Schär­fe­prio­rität im AF-C-Betrieb sind dann in der Größen­ordnung 80 von 100 Abbil­dungen scharf (das ist keine Statistik, sondern subjektive, erste Erfahrung mit der D800).

Ich hatte auch das Gefühl, dass der Nachführ-Autofokus mit der Einstellung „Schär­fe­prio­rität“ dann in der Basket­ball­halle besser war. Dennoch, auch wieder „gefühlt“, packt die D700 im AF-C Betrieb immer noch besser zu. 
 

Foto: thoMas

Neben der Eignung für die anspruchs­volle Fine-Art-Fotografie bietet die D800 auch den Vorteil der möglichen Ausschnitt­ver­grö­ßerung. Hier im Beispiel wurde begradigt und beschnitten – doch selbst dieses deutlich beschnittene Bild (siehe Markierung im Bild rechts) ist immer noch für eine Ausga­be­größe von 32x44 cm bei 300 dpi gut.

 
Taugliche Objektive & Stative

Nun zu meiner größten Sorge: welche Objektive bringen die volle Pixelzahl wirklich zur Geltung? Wenn man sich ausrechnet, welche kleinste Öffnung bei der Pixel­größe von effektiv etwa 4 Mikron (brutto 4,9 µ) noch keine merkliche Beugung erzeugt, so kommt man auf etwa Blende 5,6 bis 8 (Nikon rät, keine Blenden jenseits 11 zu benutzen). Das wiederum bedeutet, dass Objektive bei Blende 5,6 oder 8 so gut sein müssen, dass sie das volle Aufnah­me­format bis in die Bildecken korrekt auszeichnen.

AF-S Nikkor 2,8/14-24 mm

Und hier wird nach meiner Einschätzung die Liste recht kurz. Ich lasse einmal alle Fremd­ob­jektive weg, denn da kann ich nichts dazu sagen, denn ich habe sie weder getestet, noch bis heute eines gefunden, das in dieser Liga mitspielen kann. Von den Nikon-eigenen Objek­tiven habe ich bis jetzt nur die folgenden Objektive gefunden, die – mit geringen Einschrän­kungen –  gut verwendbar sind:

  • AF-S 2,8/14–24 mm – ab Blende 5,6 gut verwendbar, vorher am Rand Quali­täts­abfall
  • AF-S 2,8/70–200 mm VR II – ab Blende 4 gut verwendbar, vorher auch brauchbar
  • AF-S Micro 2,8/105 mm G VR –  ist sehr gut bereits bei offener Blende
  • AF-S 1,8/85 mm und AF-S 1,4/35 mm – beide sind sehr gut ab Blende 4, das 85er in der Mitte sehr gut bereits bei Blende 2
  • AF-S 2,8/24–70 mm –  ist erst ab Blende 8 wirklich verwendbar, bei Blende 5,6 ist es am Rand noch nicht wirklich gut

Generell sind, wie ich es sehe, alle neuen Nikkore der 2,8er-Serie besser verwendbar als die älteren Objektive, und die Objektive der 1,4er-Serie auch ab Blende 2,8, wenn man die Anfor­de­rungen an die Ecken­be­reiche nicht zu hoch ansetzt. Will man Perfektion bis in die Ecken, so muss man auf 5,6 abblenden, wie ich finde. Auch in den Werbe­un­ter­lagen von Nikon sind die D800-Aufnahmen mit den von mir hier empfoh­lenen Blenden­werten gemacht worden.

Ich kann mir gut vorstellen, dass man sich dieser hohen Anfor­de­rungen auch bei Nikon bewusst ist und alle neu kommenden Objektive entspre­chend auslegen wird.

Ich habe auch einige ältere bzw. manuell fokus­sie­rende Objektive – Nikkor Ai-S 2/35 mm, Ai-S 1,4/50 mm Ai-S und Samyang 1,4/85 mm – auspro­biert und festge­stellt, dass, wenn man diese auf 5,6 oder 8 abblendet, die Ergeb­nisse durchaus respek­tabel sind – voraus­ge­setzt, man fokus­siert korrekt, sehr genau und mit der Lifeview-Vergrö­ßerung als Fokus­sier­hilfe. Bei offener Blende hingegen erspart man sich ein Weich­zeich­ner­filter – auch nicht schlecht. (Zur Objek­tivwahl insbe­sondere älterer Nikkore siehe auch: Praxistest: Nikon D800 / D800E - Teil III. Online ab 17.5.2012; 15:15 Uhr)

Und man muss ja nicht immer mit der vollen Auflösung von 36 Megapixeln fotogra­fieren, sondern kann auf 5:4 (24x30 mm), 1,2x (19,9x30 mm, Crop 1,2 mit 25 MP) oder aufs DX-Format (15,6x23,4 mm, Crop 1,5 mit 15 MP) umschalten. Das lohnt sich vor allem bei älteren Objek­tiven und gibt wirklich gute Resultate.

Damit bin ich bei einem Punkt, der sicher Wider­spruch erzeugen wird, aber ich finde, die volle Bildqua­lität der D800(E) bekommt man nicht ohne Stativ. Vielleicht bei Verschluss­zeiten ab 1/2000 Sekunde, aber sonst eher nicht, zumindest nicht konsistent. Aufgrund der hohen theore­ti­schen Auflösung, die ein 36-Megapixel-Sensor bei diesem Aufnah­me­format ermög­licht, kann man rechne­risch bei einem Normal­ob­jektiv mit einem angenom­menen Bildwinkel von etwa 45 Grad und bei einer Objek­t­ent­fernung von etwa 50 m horizontal noch etwa 6 mm auflösen – sofern man die Kamera so ruhig halten kann, dass man während der Verschlusszeit keine größere Bewegung als etwa 1/1000 mm macht – und das wird sicher nicht konsistent möglich sein. Dabei wurde still­schweigend voraus­ge­setzt, dass die Optik diese Auflösung ebenfalls erreicht, was sicher auch nicht bei vielen Objek­tiven der Fall sein wird.

Nikon hat eigens den D800 Technical Guide (PDF-Datei) heraus­ge­bracht, der Tipps fürs erfolg­reiche Fotogra­fieren mit der D800 bereithält.
 

Foto: thoMas

In-Kamera-Effekte kann die D800 auch.

 
Ein erstes Fazit

Und genau das ist auch für mich der Knack­punkt bei dieser Kamera: ich müsste mir alle wichtigen Brenn­weiten neu kaufen, um die Qualität der Kamera voll auskosten zu können, denn die logische Abhilfe, die vorhan­denen Objektive abzublenden, das geht doch nur sehr begrenzt, denn wenn man sich die geome­tri­schen Verhält­nisse durch­rechnet, findet man heraus, dass die Beugung der Licht­strahlen bereits bei Blenden kleiner als 5,6 beginnt, die Auflösung des Bildes zu reduzieren. Blende 8 ist noch im Bereich des Brauch­baren, dann aller­dings wird die erzielbare Auflösung nicht mehr erreicht, weil die Beugung diese mehr und mehr reduziert.

Das bedeutet einen Arbeits­blen­den­be­reich von 5,6 bis maximal 8 an dem einen Ende. Und in Richtung Offen­blende ist das, was man akzep­tieren will, von dem abhängig, was man aufnimmt. Bei Portraits ist es sicher kein Problem, wenn man Randunschärfen hat, also kann man die volle Auflösung der D800 ausreizen (so man ein dazu geeig­netes Objektiv hat), aber in vielen anderen Gebieten wird es kritisch. Makro ist mit dem wirklich ausge­zeich­neten AF-S Micro Nikkor 2,8/105 mm VR gut abgedeckt, Weitwinkel mit den beiden 1,4/24 mm und 1,4/35 mm (das noch etwas besser ist als das 24er), sowie dem AF-S 2,8/14–24 mm ab Blende 4 oder 5,6. Portrait dann mit dem neuen 1,8/85 mm (oder dem 1,4/85 mm) und den Telebe­reich mit dem AF-S 2,8/70–200 mm VR II.

Viele der anderen Objektive sind sicher auch verwendbar, aber eben – meiner Meinung nach – mit Vorsicht und mit Einschrän­kungen. Das bedeutet u.U. eine ziemlich umfang­reiche Zusatz­in­ves­tition, um die Fähig­keiten der D800 voll auskosten zu können.

(Georg N. Nyman / Autofokus-Teil: Ralf Jannke)
 
 
Damit genug – aber nur für heute.

Morgen und übermorgen geht es weiter, dann mit folgenden Themen:

Praxistest: Nikon D800 & D800E - Teil II – Bildqua­lität von D800 und D800E im Vergleich (online ab 16.5.2012; 15:15 Uhr)
Praxistest: Nikon D800 & D800E - Teil III – welche (alten) Objektive sind tauglich? (online ab 17.5.2012; 15:15 Uhr)
 

Foto: thoMas

 
Produkt­fotos: Nikon
Beispiel­fotos: thoMas
 

Nachtrag (16.5.2012): Nachdem meine Rot- und insbe­sondere Magen­tatöne in dem einen RAW-Beispiel oben (die „rote“ Holzhütte) nicht auf einhellige Zustimmung gestoßen sind (durchaus zu Recht), habe ich einen neuen Schwung Vergleichs­fotos samt Bildun­ter­schriften oben eingefügt (aus zwei wurden jetzt vier Abbil­dungen). So nebenbei ist das nun also auch ein klitze­kleiner RAW-Konverter-Vergleich geworden.

(thoMas)