FotoWenn einer eine alte Kodak Brow­nie in einem Trö­del­la­den ersteht, und darin einen ver­ges­se­nen Film ent­deckt, dann weckt das seine Neu­gier und er geht auf Spu­ren­su­che – rund ein halbes Jahr­hun­dert, nach­dem die Auf­nah­men ent­stan­den sind. Begin­nend mit der bangen Frage: Kann da noch was ent­wi­ckelt werden?

Aktu­ell beschäf­tige ich mit mit allen Arten der nicht so exak­ten Foto­gra­fie: Ein­fachst­ka­me­ras und –objek­tive, Foto-Ver­frem­dun­gen … Da konnte ich im Urlaub dem Ange­bot eines schwe­di­schen Trö­del­la­dens nicht wider­ste­hen und habe eine Kodak Brownie aus den 1930ern erstan­den. Bei umge­rech­net 5 Euro gab es auch nicht viel zu über­le­gen. Dass die Kamera ein klei­nes Geheim­nis barg, sollte sich erst hin­ter­her her­aus­stel­len.
 

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Aus reiner Neu­gier wurde die Kamera geöff­net (Picture Taking with the Brownie Camera; PDF-Datei) – sie barg einen an die 50 Jahre alten, belich­te­ten Roll­film. Damit war der Detek­tiv geweckt und der Film wurde kur­zer­hand zum Ent­wi­ckeln gege­ben. Bei einer ersten, flüch­ti­gen Durch­sicht der Nega­tive war ich zunächst ent­täuscht: alles schwarz, nichts drauf. Doch beim Durch-Blick unter einer stär­ke­ren Lampe zeig­ten sich extrem dichte Nega­tive, die aber doch Motive erken­nen ließen.

Also ab in den Scan­ner damit. Dass es sich bei dem Film aus der Kodak Brow­nie gar nicht um gewöhn­li­chen Mit­tel­for­mat­film han­delte, son­dern um 70 mm brei­tes Mate­rial, wurde mir erst beim Scan­nen klar, als die Filme nicht in den Halter des CanoS­can 9950 pass­ten. Immer­hin gelang es, mit der Durch­licht­ein­heit des Flach­bett­s­can­ners die Motive sicht- und ver­wert­bar zu digi­ta­li­sie­ren. Nach kurzer Rück­frage im Ver­wand­ten- und Bekann­ten­kreis, beson­ders zu Haar­schnitt und Klei­dung der Jungs, war klar: die Auf­nah­men ent­stan­den wohl in der ersten Hälfte der 1950er Jahre.

Nun wollte ich aber auch gerne wissen, wer da foto­gra­fiert worden war. Kur­zer­hand wurde die Lokal­re­dak­tion der schwe­di­schen BLT (Ble­kinge Läns Tid­ning) ange­schrie­ben, ob sie bei der Suche nach den abge­bil­de­ten Per­so­nen helfen wolle. Und sie wollte! Gedruckt, und auch online: „Ägarna till halvt sekel gamla bilder sökes” (Besit­zer der ein halbes Jahr­hun­dert alten Bilder gesucht).
 

Screenshot BLT

Auf der Suche nach den Abge­bil­de­ten …
 
 
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… kurz darauf hat sich der (damals) kleine Lars-Erik auf den Schwarz­weiß­fo­tos wie­der­er­kannt.

 
Nach kurzer Zeit mel­dete sich einer der Jungs – „Lars-Erik erkannte sich wieder“ – und damit schloss sich der Kreis. Im Okto­ber steht eine Kurz­reise in den Norden an, wo dann die Bilder an die Foto­gra­fier­ten ver­schenkt werden können.

Das war 2011 für mich mehr Her­aus­for­de­rung und Span­nung als jede neue Kamera, jedes neue Objek­tiv, jede ISO 102.400: Eine pri­mi­tive Roll­film­ka­mera mit einem 50 Jahre alten, belich­te­ten Film, der die ultra­l­ange Lage­rung über­lebt hat.

(Ralf Jannke)