Foto: Stefanie SchneiderSeit eini­gen Jahren gilt Ste­fa­nie Schnei­der als Shoo­ting-Star der Foto­kunst. Bewusst arbei­tet die 1968 gebo­rene Ber­li­ne­rin mit Haupt­wohn­sitz in Los Ange­les mit der Uralt-Tech­nik „Pola­roid“. Und das mit Filmen, deren che­mi­sche Sub­stan­zen ihr Ver­falls­da­tum bereits lange über­schrit­ten haben. Die Künst­le­rin sprach mit pho­tos­cala über ihre Arbeit, die Ästhe­tik des Pola­ro­ids und neue Pro­jekte:

pho­tos­cala: Liebe Ste­fa­nie Schnei­der, seit vielen Jahren arbei­ten Sie mit Pola­roid-Mate­rial. Was macht für Sie den visu­el­len Reiz des Pola­ro­ids aus?

Foto: Stefanie Schneider

Ste­fa­nie Schnei­der: Das Pola­roid-Mate­rial ist im über­la­ger­ten Zustand von Ver­gäng­lich­keit und Ent­rückt­heit gekenn­zeich­net. Wich­tig ist hier­bei auch die Pola­roid-Tech­nik. Dass man sofort und aus dem Bauch heraus arbei­ten kann. Zwi­schen Foto­graf und foto­gra­fier­tem Objekt ist die Dis­tanz beim Pola­roid unglaub­lich gering. Man kann das Bild direkt sehen, man kann gemein­sam beob­ach­ten, wie sich das Bild ent­wi­ckelt, dadurch ent­steht eine ganz per­sön­li­che Ver­bin­dung zwi­schen Foto­graf und Foto­gra­fier­tem. Der Pro­zess ist viel enger und gemein­sa­mer als bei ande­ren Ana­log­bil­dern. Mit dem Pro­zess der Bild­ent­ste­hung wird in gewis­ser Weise die Zeit ange­hal­ten. Es ent­steht eine ganz andere emo­tio­nale Ebene, weil der Moment, den man gemein­sam ent­ste­hen sieht, ja bereits ver­gan­gen ist. Für mich hat das Pola­roid auch eine inner­li­che Ästhe­tik – die meiner Erin­ne­run­gen und Träume, den langen Som­mern der Kind­heit. Aber auch die unter­grün­dige Angst und das Unheil, dass doch alles so nah am Abgrund balan­ciert.

pho­tos­cala: Mögen Sie noch mehr über Ihre Kind­heit erzäh­len?

Ste­fa­nie Schnei­der: In den letz­ten Jahren ist mir klar gewor­den, dass das Mate­rial, die Sets und Kos­tüme und die Geschich­ten auch etwas mit der Frei­heit meiner frühen Kind­heit zu tun haben. Ich frage mich, warum heute alles so anders ist. Die Ästhe­tik des täg­li­chen Lebens hat sich so extrem geän­dert, obwohl doch nie­mand diese Ästhe­tik schön finden kann.

pho­tos­cala: Gibt es nicht auch heute noch Schö­nes?

Foto: Stefanie Schneider

Ste­fa­nie Schnei­der: Natür­lich gibt es auch heute schö­nes Design, aber eher nicht bei der All­ge­mein­heit. Es ist egal, wo man hin­schaut. Ob es sich um ganz nor­male Gebrauchs­ge­gen­stände, Autos oder Archi­tek­tur han­delt, das all­ge­meine Leben um uns herum ist ziem­lich häss­lich gewor­den – und ich bin der Über­zeu­gung, dass ein Aspekt der Ver­ro­hung der Gesell­schaft unter ande­rem auch der Ver­lust der Ästhe­tik ist. In meiner klei­nen Welt ver­su­che ich mir, diese zu erhal­ten.

pho­tos­cala: Die Far­big­keit Ihrer Arbei­ten dif­fun­diert zwi­schen grell, sur­real, sug­ges­tiv und unheim­lich. In der Unein­deu­tig­keit liegt die Stärke. Es geht Ihnen darum, der Wirk­lich­keit etwas ent­ge­gen­zu­set­zen, oder?

Ste­fa­nie Schnei­der: Die Wirk­lich­keit ist für jeden etwas ande­res. Ich habe mich in meine Wirk­lich­keit zurück­ge­zo­gen – und damit auch von der Gesell­schaft. Natür­lich kann man nie ohne diese exis­tie­ren, aber ohne Fern­se­hen und Radio, umge­ben von weni­gen Men­schen in der Wüste Kali­for­ni­ens ver­liert man all­mäh­lich den Bezug. Und die Werte der Gesell­schaft werden einem frem­der und frem­der.

pho­tos­cala: Ihre Por­träts und Land­schafts­auf­nah­men ent­ste­hen stets in Kali­for­nien. Warum?

Foto: Stefanie Schneider

Ste­fa­nie Schnei­der: Tat­säch­lich arbeite ich meis­tens in der Wüste. Das hat damit zu tun, dass ich mit den Geschich­ten 1996, als ich nach Los Ange­les zog, begon­nen habe und diese Geschich­ten ein Teil meines Lebens sind. Ich habe die meis­ten Prot­ago­nis­ten in einer Zeit ken­nen­ge­lernt, in der alle von uns mit einem Traum nach Los Ange­les kamen. Der Kampf um diesen Traum spie­gelt sich in vielen Aspek­ten meiner Fotos wieder. Eben­falls die zer­bro­che­nen Träume. Und auch heute noch ist Kali­for­nien der Mit­tel­punkt meines Lebens­traums.

pho­tos­cala: Ist ihre Kunst ame­ri­ka­ni­sch? Ihre Bilder sehen aus wie Stand­bil­der aus einem Road­mo­vie, zeigen Palmen, Rekla­me­schil­der oder ein­same Tank­stel­len, Tele­gra­fen-Masten, stau­bige Pisten, dazwi­schen ent­rückt wir­kende Figu­ren, manche mit grel­len Perü­cken oder Revol­vern – sur­reale, flir­rende Hol­ly­wood-Träume des ame­ri­ka­ni­schen Mythos.

Ste­fa­nie Schnei­der: Ich glaube eigent­lich, dass meine Bilder eher die euro­päi­sche Sicht des ame­ri­ka­ni­schen Traums sind. Ame­ri­ka­ner sehen sich selber gar nicht so und auch ihre Umge­bung nicht.

pho­tos­cala: Oft sind Sie selbst Teil der Insze­nie­rung. In wie weit deckt sich hier reales Leben und Fik­tion?

Foto: Stefanie Schneider

Ste­fa­nie Schnei­der: Von Anfang an waren die Arbei­ten, in denen ich selber auf­tau­che, Selbst­por­traits. Also real. Das „29 Palms Pro­jekt” begann mit „Side­win­der”, die Bear­bei­tung einer gerade geschei­ter­ten Lie­bes­ge­schichte und meines gebro­che­nen Her­zens. Es war eine Kathar­sis, in der ich im Schnell­durch­lauf noch einmal die glei­chen Emp­fin­dun­gen durch­lebte wie in der eigent­li­chen Geschichte. Auch in der Fik­tion ver­liebte ich mich wieder.

pho­tos­cala: „Stef­fis Enden sind offen, sie laufen über, sind undicht“, hat Regis­seur Marc Foster einmal über ihre Bilder geschrie­ben. Gerade das scheint mir das Beson­dere Ihrer Sequen­zen zu sein: man weiß nie, was als nächs­tes pas­sie­ren wird …

Ste­fa­nie Schnei­der: Für mich ist es auch wie das Leben.

pho­tos­cala: Welche Rolle spielt der Zufall in Ihrer Kunst? „Ich lasse den Zufall gesche­hen“, haben Sie einmal gesagt. In wel­chem Maß können Sie die Farb­ver­schie­bun­gen, Unschär­fen und Schlie­ren, die Fehl­stel­len und Blei­chun­gen Ihrer Bilder beein­flus­sen?

Ste­fa­nie Schnei­der: Ich kann sie nur inso­weit beein­flus­sen, als dass ich mich auf meine Dreh­orte genau vor­be­reite. Ich teste vorher die Filme und staple sie nach Datum bei den Drehs auf­ein­an­der, damit ich in etwa ein­schät­zen kann, was mich erwar­tet. Ansons­ten arbeite ich aber mit dem Mate­rial, wie es ist. Aber es ist irgend­wie immer rich­tig.

pho­tos­cala: Ihr bei Hatje Cantz erschie­ne­nes Foto­buch haben Sie „Stran­ger Than Para­dise“ genannt. Was bedeu­tet der Titel für Sie?

Foto: Stefanie Schneider

Ste­fa­nie Schnei­der: Der Titel hat nichts dem dem gleich­na­mi­gen Film von Jim Jar­mu­sch zu tun, denn den habe ich erst später gese­hen. Der Title des Filmes gefiel mir aber immer, da mir das Leben selbst ebenso vor­kommt. Wenn zu träu­men und das Para­dies auf Erden zu suchen quasi das­selbe sind und man in seinem Traum lebt, aber doch alles Illu­sion ist und das Leben wie­derum zum Traum wird und man die Rea­li­tät ver­liert – dann endet man ver­mut­lich genau bei diesem Titel. Wenn man das Ganze dann umsetzt in einem künst­le­ri­sch-foto­gra­fi­schen Werk, das mit den Kon­ven­tio­nen der Foto­gra­fie bricht, dann ent­sprä­che das meiner Arbeit.

pho­tos­cala: Ihr Weg­gang von der Editionsgalerie Lumas wurde ziem­lich aus­führ­lich in der Presse dis­ku­tiert. Heute arbei­ten Sie wieder aus­schließ­lich mit klas­si­schen Gale­rien – wie der Galerie Walter Keller in Zürich. Wie würden Sie die Zusam­men­ar­beit mit Lumas im Rück­blick ein­schät­zen? War sie Ihrer Kar­riere för­der­lich?

Ste­fa­nie Schnei­der: Man kann schlecht „was wäre wenn” spie­len. Was wäre pas­siert, hätte ich nie mit Lumas gear­bei­tet? Wäre ich inzwi­schen viel weiter in der Kunst­szene? Lumas ist ein zwei­schnei­di­ges Schwert und ich kann das, was pas­sierte, vor allem aus ver­kaufs­tech­ni­scher Sicht ver­ste­hen. Hätten meine Gale­rien damals schon genug für mich tun können, hätte ich mit Lumas auch keinen Ver­trag abge­schlos­sen. Da ich bei Lumas lange der Best­sel­ler war, hat mir Lumas eine große Popu­la­ri­tät ein­ge­bracht und durch die regel­mä­ßi­gen Ein­künfte Hand­lungs­spiel­räume gege­ben, an meinen Pro­jek­ten zu arbei­ten. Teil­weise schos­sen mit der Popu­la­ri­tät auch die Ver­käufe in meinen ande­ren Gale­rien in die Höhe.

pho­tos­cala: Aber anfangs war es sicher schwer für Ihre Gale­rien, oder?

Foto: Stefanie Schneider

Ste­fa­nie Schnei­der: Die klas­si­schen Gale­rien hatten zuerst schwer mit der Lumas-Belas­tung zu kämp­fen. Gleich­zei­tig kam ja auch noch die Finanz­krise hinzu. Lang­sam erholte sich aber alles. Nun ver­kau­fen meine klas­si­schen Gale­rien wieder gut. Lumas hat ein fal­sches Bild meiner Arbeit geschaf­fen, es ging dort vor allem um bunte Bilder und gute Ver­kaufs­zah­len, egal wie und um wel­chen Preis. In Gale­rien hängen meine Arbei­ten ganz anders und ver­mit­teln eine andere Band­breite und Tiefe. Inzwi­schen haben die Samm­ler der Gale­rien es begrif­fen und die Ver­mitt­lung ist weit­ge­hend erfolg­reich – dank meiner Gale­ris­ten. Im Großen und Ganzen habe ich es ver­mut­lich meiner Bild­spra­che zu ver­dan­ken, dass ich Lumas über­lebt habe. Ich würde Lumas keinem jungen Künst­ler emp­feh­len. Ich kann mir vor­stel­len, dass ein Ver­trag mit Lumas in den meis­ten Fällen künst­le­ri­scher Selbst­mord ist.

pho­tos­cala: Gehen wir ein paar Jahre zurück – zu Ihrer Aus­bil­dung. Sie haben an der Esse­ner Folk­wang-Schule stu­diert. Wie emp­fan­den Sie die Lehre dort?

Ste­fa­nie Schnei­der: Vor allem habe ich dort in den Dun­kel­kam­mern gear­bei­tet und viel gelernt. Für mich war es eher ein Stu­dium des Selbst­er­ler­nens, da ich bei keinem Pro­fes­sor stu­diert habe. Das wirk­lich Posi­tive an dem Stu­dium dort ist die Frei­heit, die man dort hat, auch ohne Pro­fes­sor seine eige­nen Themen bear­bei­ten zu können und ohne Kurse das Stu­dium abzu­schlie­ßen. Und sich ein­fach in der eige­nen Arbeit zu ver­gra­ben. Ich habe mich in den letz­ten Jahren nur noch mit Film und Film­schnitt befasst.

pho­tos­cala: Im Jahr 2009 haben Sie Ihren ersten Film rea­li­siert, „Till death do us part“, der Pola­roid-Bilder mit Super 8-Auf­nah­men mischt. Werden Sie wei­tere Filme machen?

Ste­fa­nie Schnei­der: „Till death do us part” ist Teil des Pro­jek­tes „29 Palms, CA”. In diesem Kunst­pro­jekt gibt es viele Hand­lungs­stränge, die als kurze oder län­gere Filme ent­ste­hen und ent­ste­hen werden. Gerade arbei­ten wir an einem dieser Filme, „The Girl Behind the White Picket Fence”, in dem ich wieder mit Udo Kier zusam­men­ar­beite.

Das Inter­view führte Marc Peschke.
 
 
Abbil­dun­gen mit freund­li­cher Geneh­mi­gung der Galerie Walter Keller.
 
 

Foto: Stefanie Schneider

Aus­stel­lun­gen:

Ein­zel­aus­stel­lun­gen Ste­fa­nie Schnei­der
15.05.2011 – 28.05.2011; Pola­ro­ids @ 30works, 30works Galerie; Köln
28.05.2011 – 20.08.2011; Mirror of Broken Dreams, Galerie Robert Drees; Han­no­ver
6.7.2011 – 2.9.2011; ROLLO Contemporary, London, GB
Juni 2013; Galerie Hug, Paris, Frank­reich

Road Atlas – Stra­ßen­fo­to­gra­fie aus der DZ BANK Kunst­samm­lung
August 2011, Opelvillen, Rüs­sels­heim
Februar 2012, Kunstmuseum, Cott­bus
Herbst 2012, c/o Berlin, Berlin
Winter 2013, Art Foyer DZ Bank, Frankfurt/Main
 

Nach­trag (16.5.2011): Auf Wunsch der Künst­le­rin wurden die bis­lang auf­ge­lau­fe­nen Kom­men­tare gelöscht, die Kom­men­tar­funk­tion deak­ti­viert.